Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1907 - Auler Pascha
Unterwegs mit der Hedschas-Bahn
Von Medain Salih nach El Ula
Hedschas, Saudi Arabien

Die Station von Medain Salih bestand bei unsrer Ankunft aus einer größeren Zahl von Zelten und Lehmhütten, in denen sich ein stärkeres Truppenkommando wohnlich eingerichtet hatte. Auf den vorherigen kleineren Stationen bzw. Kreuzungen hatte ich gewöhnlich nur einen On Baschi oder Tschausch (Unteroffizier oder Sergeant) als Stationsvorsteher, einen Telegraphisten - beide auch manchmal in einer Person vereinigt - und je nach der Länge der Strecke einen kleineren oder größeren Trupp Bahnerhaltungsarbeiter, im ganzen 18 bis 24 Mann, unter Zelten bemerkt. Die Zelte lagen dicht zusammen und waren aus eigener Initiative der Soldaten in einfachster Weise durch Anlage von Schützengräben gegen Überfälle gesichert. Es erscheint mir zweifellos, daß Medain Salih später eine Hauptstation der Hedschas-Bahn werden wird. Das dort vorhandene Wasser und die zu größeren Bahnhofsanlagen geeignete breite Ebene laden dazu ein.
   Während der Zug auf der schattenlosen Station Medain Salih hielt, wurde bei einer Temperatur von 55° C das Mittagessen eingenommen. Metalle wie Eisenbahnschienen und Beschläge an den Eisenbahnwagen waren so heiß, daß man sie kaum anfassen konnte, der Sand war glühend, und einige Offiziere machten sich den Scherz, Eier in demselben zu sieden. Die auf dem Tische im Eßraum des Zuges aufgestellten Äpfel und Birnen waren wie gebraten, und Schokolade zerfloß. Während wir bei Tisch saßen, gingen mehrere Windhosen (Soba'a) in der Nähe des Zuges über das Wadi hinweg. Dieser heiße Wind brachte aber keine Erfrischung, sondern überschüttete unseren Zug nur mit einem Sandregen. Diese Windhosen treten in den Wadis südlich Sat el-Hadsch häufig auf, nehmen aber in dem breiten Wadi von Medain Salih besonders großen Umfang an, weil sie auf ihrem Wege, besonders an dem Fuß der Felsen, viel leichtes Sandmaterial aufgespeichert finden.
   Nach einem Aufenthalt von mehreren Stunden ging es am Nachmittag dem Endziel unsrer Reise zu. Der Boden nimmt wieder mehr und mehr einen sandigen Charakter an, stark verwitterte groteske Felsen treten näher an die Bahn heran, und letztere fällt allmählich aus dem Wadi Medain Salih in das enge Wadi El-Ula bis zur gleichnamigen Station (681 m) hinab. Beim Eintritt in dieses Wadi bietet sich dem Auge ein ganz anderes Bild, als man es beim Durchfahren der früheren Wadis gewohnt war. Die grotesken Felskegel zu beiden Seiten der Bahn treten mehr und mehr zusammen und bilden schließlich ein engpaßartiges Tal, aus dem die Sandsteinwände zu beiden Seiten in geschlossener Form faßt senkrecht bis zu einer Höhe von 200-300 m emporsteigen.
   Sandstein hat hier eine besonders kräftige rotbraune Färbung. Plötzlich erblickt man vor sich das untrügliche Zeichen vorhandenen Wassers, einen dichten, langgestreckten Palmenwald, der einen großen Teil des Tales einnimmt. Am Ostrande dieses Palmenwaldes, in dem das Dorf El-Ula liegt und der von einer 2 bis 2,5 m hohen, dünnen Mauer aus luftgetrockneten Lehmziegeln umgeben ist, ging der Zug entlang und suchte uns durch möglichst langsame Fahrt das fesselnde Bild eindringlich vor Augen zu führen.
   Vor Eintritt in den Palmenwald passierten wir die sog. »Chreibe«, das heißt Ruinen, und sahen dann die ersten Bewohner des Dorfes El-Ula. Auf den Mauerkronen, in den Zweigen der Palmen saßen die Frauen und Kinder und sahen sich das ungewohnte Schauspiel an. Das Dorf selbst liegt tief im Palmenwald versteckt und ist von der Bahn aus nicht sichtbar.
   Die Station El-Ula, auf der wir vor Sonnenuntergang eintrafen, liegt am südlichen Ende des Palmenwaldes, an einer Erweiterung des Tales, das sich gleich hinter der Station aber wieder enger zusammenschließt. Sie macht, umrahmt von den senkrecht aus der Ebene aufsteigenden rotbraunen Felswänden von oft wunderbarer Form, einen ungemein malerischen Eindruck. Dicht bei der Station tritt zum ersten Mal in Gestalt eines etwa 15 m hohen Hügels, der sich wie ein Flankierungswall in die Ebene vorschiebt, der den Grundstock des westlichen Randgebirges bildende Syenitgranit in Erscheinung.
   Ein außerordentlich reges Leben herrschte bei der Ankunft des Zuges auf der Station. Die in Parade aufgestellten Truppen, die Eisenbahnkompanie (4. Kompanie des Eisenbahnbataillons Nr. II) und zwei Kamelreiterkompanien, erwiesen die Ehrenbezeugung. Die Mission schritt unter Führung des Marschall Kiasim Pascha und unter den Klängen des Hamidiémarsches die Front ab, darauf erfolgte die Begrüßung der Mission durch die Abordnung von Medina und die Scheichs der Beduinenstämme der Umgegend, der Bili, Wuld Ali und Fukara. Auch ein Ulema aus Tunis hatte sich zur Feier in EI-Ula eingefunden. Schließlich vereinigte sich die Mission mit diesen Abordnungen unter dem Festzelt zum Kaffee mit obligater Zigarette. Die zahlreichen Beduinen, welche das Gefolge der Scheichs bildeten, kauerten sieh mit untergeschlagenen Beinen im Kreise herum, indem sie mit einer oder beiden Händen die auf den Boden gestützte, scharf geladene Waffe hielten. Es waren mehr als 100 Personen, vom Kopf bis zu den Zehen bewaffnet. Sie sprachen nichts, ihre unruhigen Augen gingen aber prüfend an uns allen im Kreise umher, als ob sie dem Frieden noch nicht recht trauten und erst sehen wollten, ob wir uns als Freunde oder Feinde entpuppten.
   Mit den verschiedenen Scheichs, welche die Ehrenplätze mit uns teilten, sprach eigentlich nur Abdurrahman Pascha, der sie der Mission auch vorgestellt hatte. Er kannte sie persönlich von 17 Pilgerfahrten her, auf denen er an der Spitze der heiligen Karawane ihr Gebiet durchwandert hatte. Am meisten wird der Scheich der Bili-Beduinen, Suleyman Rifat, geehrt. In Ansehung seiner einflußreichen Stellung hat ihm der Sultan den Paschatitel und die entsprechende mit Gold bestickte Ziviluniform verliehen. Da dem Beduinen aber das Tragen von Beinkleidern unsympathisch ist, so zieht Suleyman Pascha den goldgestickten Rock über den schwarzen Beduinenmantel an, so daß er von einigen zuerst für einen Imam in Paschauniform gehalten wurde. Auch hat er sich von der charakteristischen Kopfbedeckung des Beduinen nicht trennen können. Im übrigen machte dieser Scheich in seiner würdigen vornehmen Haltung einen guten Eindruck, ebenso seine drei noch jugendlichen Söhne. Es mag nicht unerwähnt bleiben, daß es Leute seines Stammes waren, unter deren Schutz Euting von El-Ula nach Westen reiste, um sich in ihrem Gebiet nach Ruinen und Felsinschriften umzusehen. Nachdem er dann von Dschuheina-Beduinen überfallen worden war und zwei von ihnen erschossen hatte, floh er nach der Küste und erreichte, von zwei Bili begleitet, glücklich EI-Wedsch.
   Während des Begrüßungskaffees unter dem Festzelt überreichte der Führer der Deputation aus Medina dem Marschall Kiasim Pascha in feierlicher Weise einen Brief im Auftrag dieser Stadt. Vor dem Festzelt entwickelte sich unterdessen ein buntes Treiben. Die dunklen Uniformen der Soldaten, unter denen viele Reservisten waren, die am andern Tage entlassen werden sollten, mischten sich mit den weißen Trachten der Bewohner von El-Ula, die wohl ohne Ausnahme auf dem Festplatz erschienen waren und deren dunkle Gesichtsfarbe von dem Weiß ihrer Kleidung eigentümlich abstach. Auffallend war es, daß, nachdem die Begrüßungssitzung mit den Beduinenstämmen im Festzelt ihr Ende erreicht hatte, die Beduinen sich nicht unter diese bunte Menge mischten, sondern jeder Scheich mit seinen Leuten sich sofort nach seinen schwarzen Zelten begab, die am Talrand und an getrennten Punkten aufgeschlagen waren und sich neben den weißen Soldatenzelten höchst malerisch ausnahmen.
   Am Abend nahmen die Scheichs der Beduinenstämme an unserem Essen im Eisenbahnzug teil. Ich hatte als Nachbarn zur Rechten den Scheich Suleyman Pascha, mir gegenüber den Scheich der Fukara-Beduinen und den Führer der Deputation aus Medina, der seinen großen Einfluß, den er in dieser Stadt genießt, dem Umstand zuschreibt, daß seine Frau dem mächtigen Stamm der Harb-Beduinen angehört. Leider beschränkte sich meine Unterhaltung mit den arabischen Tischgenossen nur auf wenige allgemeine Höflichkeitsphrasen, die ich mit dem türkisch sprechenden Notabeln aus Medina wechselte. Ich hatte aber die Genugtuung, daß auch meine türkischen Herren Kollegen nicht in der Lage waren, mit den arabischen Gästen eine Unterhaltung zu führen. Da es beim Essen in türkischer Gesellschaft immer ruhig und würdig zugeht und fast gar nichts gesprochen wird, so fiel die erzwungene Schweigsamkeit nicht weiter auf.
   Gegen Abend hatten wir starkes Wetterleuchten, ähnlich wie am Tage vorher in EI-Muteli; auch die Gewitterschwüle stellte sich wieder ein, und ein heißer Wind fegte durch das Tal, der den Sand aufwirbelte und den Aufenthalt außerhalb des Zuges wenig begehrenswert machte. Die Augen schmerzten und das Atmen war erschwert. Es war wohl der Anfang eines Samum, jenes heißen Wüstenwindes, der in jenen Gegenden nicht selten ist und der, wie mir Abdurrahman Pascha erzählte, von der Pilgerkarawane sehr gefürchtet wird, weil er verderbenbringend ist. Einmal wurde Abdurrahman Pascha mit der heiligen Karawane (5.000 bis 6.000 Pilger) von einem solchen Samum zwischen Medina und El-Ula überrascht, und in wenig Augenblicken sind ihm durch den heißen Wind 70 Pilger getötet worden.
   Die Nacht wir unerträglich heiß, das Thermometer zeigte 40° C in den Abteilen der Eisenbahnwagen, und der Regen, der in der Luft lag, machte letztere noch schwüler und drückender. Liegt ein klarer unbewölkter Himmel über jenen eng eingeschlossenen Tälern der Wüste, dann steigt die Tageshitze leichter empor, und die Temperatur kühlt sich ab. Hängen aber Wolken am Himmel, wie in der Nacht zum 1. September in El-Ula, so wird die Verdunstung behindert, und es ist auf keine Abkühlung zu rechnen.
   Ich versuchte trotzdem auf meinem bequemen Lager Ruhe und Schlaf zu finden. Die dumpfe Schwüle lag aber bleischwer auf meinen Atmungsorganen, so daß ich, obgleich beide gegenüberliegende Fenster meines Abteils geöffnet waren, das Gefühl hatte ersticken zu müssen. Wie ein nach Luft schnappender Fisch, so lehnte ich mich von Zeit zu Zeit zum Fenster hinaus und suchte den zum Leben nötigen Sauerstoff in langen Zügen einzuziehen, aber ohne Erfolg. Schließlich stand ich auf und ging in dem Seitengang des Wagens auf und ab, wobei ich bemerkte, daß meine Reisegefährten unter ähnlichen Erscheinungen zu leiden hatten. Einer von ihnen schrie im Schlafe auf einmal laut auf und erzählte auf Befragen, er hätte sich in einem Tunnel geglaubt und meinte, in demselben ersticken zu müssen. Ein ruhiger Schlaf war jedenfalls in jener Nacht nicht zu finden, und ich begrüßte die Morgendämmerung als eine Erlösung.
   Marschall Kiasim Pascha hatte, der Kraft der südlichen Sonne Rechnung tragend und veranlaßt durch die Erfahrungen, welche man vor drei Jahren bei der Bahneröffnung in Maan gemacht hatte, den Beginn der Feier zur Einweihung der Bahn am 1. September, dem Thronbesteigungstag des Sultans, bereits auf eine Stunde vor Sonnenaufgang festgesetzt. Die Feier selbst vollzog sich in ähnlicher Weise, nur mit dem Unterschied, daß weniger lange Reden gehalten wurden und die Feier daher einen wesentlich rascheren Verlauf nahm. Auch litten die Teilnehmer dank der frühen Tageszeit nicht unter dem Sonnenbrand wie damals. Als später der Feuerball der Sonne hinter den Bergen hervorkam und sofort eine solche Kraft entfaltete, daß das Gesicht glühte und die Augen schmerzten, wurde der Rest der Feier, die Verteilung der Pässe und Medaillen an die Reservisten, unter die Zelte verlegt. Die Festreden wurden durch ein Gebet für den Sultan eingeleitet, welches der durch seine hohe und ehrwürdige Gestalt hervortretende Mufti von Damaskus sprach, dann verlas Dschevad Pascha das kaiserliche Irade [Erlaß des Sultans], durch welches die Bahn eröffnet wurde und Seine Majestät den Erbauern der Bahn seinen kaiserlichen Dank aussprach. Darauf folgten die Festreden der Deputationen und Gäste, die alle die hohe Bedeutung der Bahn hervorhoben und in ein besonderes Dankgebet für den Sultan ausklangen.
   Nach der Feier ging ich mit Meißner Pascha und einigen andern Ingenieuren auf Entdeckungsreisen aus, hauptsächlich in der Absicht, der alten Stadt EI-Ula, der nördlichsten Grenzfaktorei der »Königin von Saba«, einen Besuch abzustatten. Mit einer Dräsine, die von zwei Bahnarbeitern unter der eifrigen Mithilfe von einigen Negerjungen aus EI-Ula geschoben wurde, fuhren wir zunächst nach einer nördlich der Station gelegenen Quelle dicht beim Palmenwald, deren Ergiebigkeit Meißner Pascha prüfen wollte. Dann überstiegen wir unter Führung eines Jungen von El-Ula die Abschlußmauer des Palmenwalds unter Benutzung einer von den Bewohnern wohl selbst hergestellten Bresche. Als die 2 bis 3 m hohe Mauer, die trotz der aufgesetzten zinnenartigen Krönung durchaus keinen festungsähnlichen, unübersteigbaren Eindruck machte, glücklich passiert war, traten wir in den dichten, üppigen Palmenwald von El-Ula ein. Ein schmaler Fußweg, dessen zahlreiche Krümmungen und Verzweigungen die Orientierung ungemein erschwerten und den Eindruck erweckten, daß man sich in einem Labyrinth befände, führte durch den Palmenwald nach der Stadt. Rechts und links des die Sohle der Oase meist dammartig überhöhenden Weges wechselten Riesenexemplare von Dattelpalmen mit niedrigem, weitverzweigten Bäumen dieser Gattung. Alle waren mit reifen Früchten schwer behangen. Auch Zitronenbäume, deren Blätter durch ein besonders frisches, lebhaftes Grün ausgezeichnet waren, trafen wir auf unserem Wege, der streckenweise von der schon früher erwähnten fließenden Quelle begleitet wurde. Aber nur selten sahen wir ein menschliches Wesen. Selbst die Bewohner von EI Ula scheinen sich den Sonnenstrahlen, die um die Zeit unseres Ausflugs - zwischen 9 und 10 Uhr vormittags - wie Feuer auf unserem Kopfe brannten, nicht gern auszusetzen. Trotz der Hitze verfehlten die tropischen Landschaftsbilder, die sich unterwegs unseren Blicken darboten, ihren Eindruck nicht. Zuweilen stieg der schmale Weg, auf dem nur einer hinter dem andern sich bewegen konnte, eine reizvolle Terrasse hinan, dann wieder in ein kleines idyllisches Tal hinab, in welchem eine Quelle rieselte. Eine vermummte Frauengestalt schöpfte Wasser und drehte uns scheu den Rücken, als wir Fremdlinge nahten. Dann kam wieder eine kleine Lichtung im Walde, in der die umgebenden Dattelbäume mit ihren Riesenpalmenzweigen ganz besonders schön zur Geltung kamen. Über allen diesen Bildern wölbte sich der reine blaue Himmel in südlicher Pracht, und durch das Blätterdach der Palmen stahlen sich die neugierigen Sonnenstrahlen und warfen wunderbare Streiflichter in den schattigen Wald.
   Nach etwa 20 Minuten flotten Fußmarsches hatten wir die versteckt zwischen Palmen liegende und um einen steilen, mit Ruinen eines Kastells bedeckten Felsen der westlichen Bergwand gruppierte Stadt erreicht. Wir traten in die etwa 2 m breite Hauptstraße ein, die zum Schutz gegen die Sonnenstrahlen mit querliegenden Palmenstämmen und Zweigen überdeckt war. Letztere hatten ihr Auflager auf der Plattform der Häuser zu beiden Seiten der Straße. In dieser Decke waren nur einige Lücken gelassen, durch die das Sonnenlicht eindrang und die ganze Straße mit einem Dämmerlicht erfüllte. Die kühle Temperatur in dieser Straße war wohltuend. Im Schatten der Straße saßen einige ärmlich aussehende ältere Männer, welche ihren »Kjef« (Nichtstun) machten und sich in ihrer stumpfsinnigen Beschäftigung durch uns nicht stören ließen. Auch die andern Gassen der Stadt sind eng und oft in ähnlicher Weise überbaut.
   Die Häuser zeichnen sich durch ihre massive Bauart in Sandstein vorteilhaft von den Lehmziegelhütten aus, welche ich in Tebuk und andern arabischen Dörfern gesehen hatte. Sie sind meist zweistöckig, und über dem zweiten Stock bildet noch das Dach einen von den Bewohnern geschätzten Aufenthaltsort nach Untergang der Sonne. Da die Dächer zusammenhängend sind, so können sie sogar als Promenadenweg benutzt werden, erleichtern aber dadurch auch den Dieben ihr Handwerk. Von diesen Dächern aus hatte ich den besten Überblick über die Stadt, von deren Lage und Ausdehnung man sich von den Straßen oder dem umliegenden Palmenwald aus keine Vorstellung machen kann. Durch die Anlehnung an die westliche Felswand der »Harra« ist die Stadt den wohltuenden Westwinden vom Roten Meer her verschlossen und leidet daher besonders unter der Sonnenglut. Dem Palmenwald dagegen kommt diese geschützte Lage sehr zustatten.
   In den Mauern und Gärten von El-Ula sieht man viele Steine mit alten Ornamenten und Inschriften. Euting äußert sich über die Bedeutung der letzteren folgendermaßen: »Alle Inschriften, welche in El-Ula gefunden worden sind, befanden sich samt und sonders nicht mehr an ihrer ursprünglichen Stelle, sondern sind in späterer Zeit als vorgefundenes Baumaterial in die Häuser und Gartenmauern eingefügt worden. Überhaupt so ziemlich alle schönen Steine stammen aus früheren sabäischen Häusern, Türmen, Tempeln und sind wohl größtenteils aus den Ruinen (EI-Chreibe) an die spätere, den Quellen näher gelegene Stadt verbracht worden.«
   Ein Mitglied unserer Ausflugsgesellschaft litt derartig unter der Hitze, daß es sich auf den ersten besten Wassertümpel stürzte und das warme Naß mit gierigen Zügen einsog. Uns andern, die wir uns dagegen sträubten, klebte vor Durst die Zunge am Gaumen, das Gespräch verstummte, und, von der Sonnenglut wie betäubt, zogen wir, mechanisch die Füße voreinandersetzend, im Gänsemarsch hintereinander her, bis wir endlich mit einem Seufzer der Erleichterung das Bahngeleise und unsere Dräsine wieder erreichten.
   An dem Festessen, das am Mittag stattfand, nahmen nicht allein wieder die Beduinenscheichs und die Abordnung aus Medina, sondern auch noch sämtliche Offiziere der in EI-Ula befindlichen Truppen teil.
   Gegen Abend führte uns Marschall Kiasim Pascha die Eisenbahnbaukompanie beim Verlegen eines Seitenstrangs der Bahn vor. Es war eine Freude, die sehnigen, sonnengebräunten Gestalten bei der Arbeit zu sehen. Ein Trupp legte die Schwellen, ein zweiter die Schienen, ein dritter befestigte letztere provisorisch auf den Schwellen, und ein vierter Trupp besorgte das Richten und Unterstopfen. Ihrem lebhaften südländischen Wesen entsprechend (es sind fast ausschließlich syrische Araber, weil diese das Klima am besten vertragen), feuerten sie sich gegenseitig durch Zurufe an und suchten sich in ihren Leistungen zu überbieten, obwohl die Temperatur 45 °C betrug und die Luft von feinem Sandstaub, der bei dem Hinwerfen der Schwellen und Schienen aufwirbelte, so geschwängert war, daß die Augen schmerzten. Zuerst trugen sechs Mann eine 9 m lange Schiene (198 kg schwer), dann vier Mann und schließlich drei, selbst zwei Mann. Obwohl die Leute ihre Schultern tüchtig aufgepolstert hatten, waren ihre Leistungen doch bewundernswert. Es ist natürlich, daß diese Eisenbahnbaukompanie, die durch jahrelange Übung eine außergewöhnliche Gewandtheit und Sicherheit im Verlegen des Geleises sich erworben hat, auch Außerordentliches leistet. Wenn die Bettung vorbereitet ist, kann sie bis 3 km Eisenbahngeleise am Tage verlegen.
   Nach der Besichtigung der Eisenbahnbaukompanie wohnte ich dem Festessen der Bili-Beduinen bei, das Marschall Kiasim Pascha zu Ehren des Tages für sie veranstaltet hatte. Mitten auf dem Festplatz waren von den mit dem Herrichten des Beduinenmahls beauftragten Soldaten etwa 15 mit Pilaw (Reis mit Fleischstücken) gefüllte große Kochkessel in einer Reihe mit 3 m Abstand aufgestellt worden. Bald darauf nahte sich gravitätisch der aus dem Beduinenlager anmarschierende Zug der Bili-Beduinen, etwa 120 an der Zahl, dem Platze. An der Spitze ging der Scheich Suleyman Pascha, ihm folgten seine drei jugendlichen Söhne mit ihrem Oheim, der eine Art Mentorstelle bei ihnen einzunehmen schien. Der Scheich trug über dem langen Beduinenhemd einen hellbraunen weiten Mantel und eine gleichfarbige Keffije, in der Hand den silberverzierten Säbel. Die Söhne steckten in ganz neuem weißem Leinenzeug, das noch seine vollständige Appretur hatte. Sämtliche Beduinen waren bewaffnet, ein kleinerer Teil, darunter die Söhne des Scheich, mit Henry-Martini-Gewehren, der größere jedoch mit Steinschloß- und Luntenflinten, einige sogar nur mit Lanzen. Alle Gewehre waren nach Beduinenbrauch scharf geladen. Der Zug bewegte sich zunächst an den Kochkesseln entlang und machte, als die Spitze in Höhe des letzten Kochkessels angekommen war, halt. Dann gruppierten sie sich mit fabelhafter Schnelligkeit und Gewandtheit um die Kochkessel und ließen sich mit untergeschlagenen Beinen nieder. Die Waffen wurden ängstlich gehütet. Ohne weitere Zeremonie griff jeder mit der Hand in den Reis, ballte ihn mit großem Geschick zu einem länglichen Kloß zusammen und steckte diesen auf einmal in den Mund. Dem ersten Kloß folgte der zweite mit solcher Schnelligkeit, daß das Essen wohl weniger gekaut als verschlungen wurde.
   Noch während dieses Hinunterschlingens des Reisgerichts brachten die Soldaten in Töpfen die zu jedem türkischen Festessen gehörige süße Speise heran, bestehend aus Halva – einer aus geröstetem Mehl und Zucker zusammengesetzten Teigmasse – und warfen sie stückweise in die Kessel mit Reis hinein. Ohne auch nur aufzusehen und sich im geringsten stören zu lassen, vertilgten die Beduinen in derselben Weise die Halva, wie sie den Reis gegessen hatten, mischten auch Reis und Halva zusammen. Die Tätigkeit der Eßwerkzeuge wurde nicht durch ein einziges Wort unterbrochen. Wasser wurde nicht verabreicht. Nach etwa 8 Minuten waren sämtliche Kessel bis auf den Boden geleert. Nur der Scheich hatte an diesem Essen nicht teilgenommen, er hatte sich beim Beginn desselben mit Marschall Kiasim Pascha nach dem Festzelt begeben. Auch die Söhne hatten nur einige Anstandsbissen genossen und waren dann mit dem Mentor ihrem Vater gefolgt.
   Als die Beduinen gegessen und die Finger an den Kleidern abgewischt hatten, ging ein Teil von ihnen nach den Zelten zurück. Der größere Teil aber wohnte der nun folgenden Kamelschlachtung bei. Der Scheich der Bili-Beduinen hatte nämlich zur Feier des Tages der Bevölkerung von El-Ula die Schlachtung eines Kamels versprochen. Infolgedessen waren die männlichen Bewohner mit Körben und andern Gefäßen in Scharen herbeigeeilt, um ein Stück von dem seltenen Braten zu erhalten.
   Solche Schlachtungen werden nur an wilden Kamelen vollzogen, d. h. solchen, die sich der Dressur dauernd widersetzen und daher als Transporttiere unbrauchbar sind. Unter Anführung eines zahmen Kamels wurde das Opfer herangebracht. Die Beduinen versetzten ihm zunächst Schläge in die Kniekehlen und zogen es gleichzeitig am Halse, bis es sich niederlegte. Acht Beduinen hielten es in dieser Lage fest, indem sie den Rücken mit ihrem Körpergewicht beschwerten, zwei andere Beduinen zogen den Kopf mit einem Strick nach vorwärts, um dem Hals eine gestreckte Lage zu geben und dadurch die Operation zu erleichtern. Dann nahm ein Beduine ein großes Taschenmesser und fing an, an dem Halse herumzusäbeln, eine scheußliche Prozedur, bei der das Tier stöhnte und röchelte. Es dauerte lange Zeit, bis der Kopf ganz abgesäbelt war. Dann wurde das Kamel zerlegt und an die gierig ihren Anteil an der Beute erwartenden El-Ula-Leute verteilt. Das andere Kamel hatte während dieser Schlachtung dabeigestanden, ohne sich auch nur zu rühren. Auffallend und gegen jeden mohammedanischen Brauch war es, daß die Schlachtung ohne jede Zeremonie vor sich gegangen war; statt einen feierlichen Eindruck zu machen, wirkte sie abstoßend.
   Am Abend wurde zu Ehren des Tages auf dem Festplatz ein Feuerwerk abgebrannt, welches in dem von hohen Felsen eingeschlossenen engen Tal besonders glänzende Bilder hervorbrachte und seinen Eindruck auf die Beduinen und El-Ula-Leute nicht verfehlte. Dazu ließ die Militärmusik ihre Weisen ertönen.
   Die Furcht der El-Ula-Leute vor den Beduinen, von der Euting erzählt, und die damals so weit ging, daß erstere die schützenden Mauern ihrer Palmenoase nicht zu verlassen wagten, scheint seit dem Bahnbau stark abgenommen zu haben, denn sie bewegten sich bis spät in die Nicht hinein in Gesellschaft der Soldaten auf dem etwa eine halbe Stunde von dem Palmenwald entfernten Festplatz. Mit diesem Verhalten der El-Ula-Leute verglichen, machten die Beduinen eher einen scheuen, zurückhaltenden Eindruck, besonders wenn ich der Huwaitat-Beduinen gedachte, die vor drei Jahren der Einweihungsfeier bei Maan beiwohnten. Diese mischten sich unter die Soldaten und die Bevölkerung, während jene sich abschlossen und ihre Zelte kaum verließen. Der Grund mag darin liegen, daß die beiden Stämme der Bili und Fukara, deren Vertreter sich in El-Ula zusammengefunden hatten, in Fehde lagen. Dies kam auch dadurch öffentlich zum Ausdruck, daß der Scheich der Fukara denjenigen der Bili bei Mitgliedern der Mission herabzusetzen versuchte, indem er ihm nachsagte, er stehe im englischen Solde und besitze sogar eine englische Medaille.
   Auch am zweiten Abend unseres Aufenthalts auf Station EI-Ula war wieder starkes Wetterleuchten, das sogar in seiner Helligkeit mit dem Festfeuer in einen Wettkampf eintrat. Leider blieben aber auch an diesem Abend die ersehnten Regentropfen aus, nach denen jeder lechzte. In der Nacht schlief ich aber doch besser als in der vorhergehenden; ob es weniger heiß war oder ob ich mich an die Backofentemperatur schon etwas gewöhnt hatte oder ob endlich der Gedanke, daß diese Nacht die letzte im Wadi von El-Ula sei, mich in eine größere Ruhe wiegte, läßt sich schwer entscheiden. So romantisch auch die Lage der Palmenoase ist, die andauernde große Hitze ließ mich nicht zum rechten Genuß der landschaftlichen Reize kommen.
   Am nächsten Vormittag (2. September) traten wir bei wundervollem klaren Himmel die Rückfahrt an.

Auler Pascha
Die Hedschasbahn
in: Petermanns Geographische Mitteilungen, Ergänzungsheft 161, 1908

Abgedruckt in:
Keller, Ulrike (Hg.)
Reisende in Arabien, 25 v. Chr. bis 2000 n. Chr.
Wien 2002

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