Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1905 - Ludwig Burchardt
Abu Dhabi

Die Gegend bis nach Ras El Cheme hinauf verdiente bis vor etwa 50 Jahren noch ihren Namen „Piraten-Küste“. Seeräuberei war die Hauptbeschäftigung der Bewohner, die ihres Fanatismus und Blutdurstes halber verrufen waren. Das gehört natürlich der Vergangenheit an; die Britisch-Indische Regierung hat ihr das Handwerk gelegt, und heute läßt die Sicherheit nichts zu wünschen übrig. Mit den Schechs hat die Indische Regierung Verträge abgeschlossen bzw. ihnen solche aufgezwungen; sie dürfen mit anderen Mächten nicht in Verkehr treten, miteinander nicht Krieg führen und nicht mehr als 5 Prozent des Wertes Zoll erheben.
   Die Orte an dieser Küste haben sich infolge geordneterer Zustände zu ganz bedeutenden Handelsplätzen entwickelt. Indische Kaufleute (Banian) bewohnen in ihnen abgesonderte Bazare, durch ihre Hände geht der ganze Großhandel. In Tschardscha befindet sich ein Konsular-Agent der Britisch-Indischen Regierung, der bei Streitigkeiten zwischen Banian und Arabern diese zusammen mit dem betreffenden Schech zu schlichten hat. Es liegt auch in der Absicht der B. I. St. N. Comp. die Orte der Piraten-Küste und der Batine-Küste regelmäßig durch Lokaldampfer berühren zu lassen.
   Mich führte man nach einer außerhalb der Stadt gelegenen Geride (Hütte aus Palmenzweigen), vor welcher ein großer Teppich ausgebreitet war; denn hier sollte der Schech Ahmed Ibn Mohamad heute Meglio abhalten.
   Der Schech, ein stattlicher, würdevoll aussehender alter Herr, erschien mit großem Gefolge. Ich übergab ein Empfehlungsschreiben aus El Gittr und wurde in üblicher Weise ausgefragt. Einige Parteien trugen ihre Angelegenheiten vor; es herrschte ein gewisses Zeremoniell. Jeder begrüßte zuerst den Schech, dann die Beisitzenden nach dem Range, auch der Ärmste benahm sich würdevoll ohne die geringste Unterwürfigkeit. Nach ungefähr zwei Stunden wurde der Meglio aufgehoben und eine gute Mahlzeit gebracht; dann wies man mir die Hütte zur Wohnung an. Sechs Tage blieb ich hier als Gast des Schech und wurde gut beköstigt.
   Morgens gab es den hier und an der Batine-Küste üblichen Fukk Er Rik (Lösen des Speichels), einen sehr wohlschmeckenden, ganz dünnen Eierkuchen aus Reismehl und Zucker, mittags und abends Reis mit Fisch oder Fleisch, dazu Datteln und weißes, ganz dünnes Brot, Kaffee natürlich mehrmals am Tage. Das Essen kam aus dem Hause der jüngsten Frau des Schech; sie erkundigte sich sogar, falls ich ihrer Ansicht nach nicht genug gegessen, nach dem Grunde. Als einzige Belohnung erbat sie sich später ein Handtuch und ein Stück Seife.
   Um Trinkwasser zu gewinnen, gräbt man hier eine etwa 1 m tiefe Grube, schöpft das zusammenlaufende Wasser aus oder tränkt die Tiere direkt daraus. Nach einiger Zeit versiegt jedoch das Wasser, und es muss eine neue Grube in einiger Entfernung ausgeworfen werden.
   Beim Herumgehen und Photographieren wurde ich nur am ersten Tage durch Schreien und höhnische Rufe belästigt. Es war Freitag, und ich geriet in eine große Menschenmenge, die aus der Moschee strömte; aber ein Befehl des Schech genügte, diesem Unwesen zu steuern.
   Auch hier lebt alles von Rauwas (Perlenfischerei). Es schien ein gewisser Wohlstand zu herrschen und man hält viele Negersklaven; doch herrscht nur eine sehr milde Haussklaverei, einen öffentlichen Sklavenmarkt gab es nicht. Mißstände schien das Halten von Sklaven aber doch im Gefolge zu haben. Zu mir kam ein Mann von der persischen Makran-Küste; er beklagte sich, seine Frau und zwei Kinder seien ihm weggeschleppt worden. Er habe sichere Nachricht, daß sie sich hier in einem Hause befänden. Der Schech, meinte er, würde ihm nicht helfen wollen und von seiner Regierung sei erst recht kein Beistand zu erwarten.
   Vor einiger Zeit hatte man einige sehr hellfarbige, wahrscheinlich ebenfalls geraubte Kinder dem Schech zum Kaufe angeboten, dieser aber unter Hinweis auf die lichte Farbe der Kinder den Kauf abgelehnt: es wären ja Achrar (Freie). Während meines Aufenthaltes in Abu Thubby kam ein Segelschiff mit zwei zum Verkauf bestimmten abessinischen Sklavinnen an; der Schech verbot jedoch die Landung derselben. Wie mir später der politische Agent in Bahrein mitteilte, hatte er den Schech kurz vorher wegen einer solchen Angelegenheit zu 3.000 Rupies Geldstrafe verurteilt. Die Britische Regierung tritt sehr streng gegen den Sklavenhandel auf. Seine völlige Ausmerzung wird ihr dadurch mit erschwert, daß viele der Segler mit Recht und Unrecht die französische Flagge führen.
   Das Regiment hier wie bei den übrigen unabhängigen Schachs ist patriarchalisch, und Leben wie Eigentum der Untertanen sind ungleich sicherer als z. B. in Persien. In Bahrein und Abu Thubby fand ich Hunderte von persischen Familien, die sich kümmerlich nährten. Fragte man, weshalb sie hergekommen seien, dann lautete die Antwort immer, sie seien vor der Willkür geflohen.

Burchardt, Ludwig
Ost-Arabien von Basra bis Maskat auf Grund eigener Reisen
In: Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde, Berlin 1906

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