Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1665 - Jean Thevenot
Von Perlen- und Wasserfängern
Bahrain

Die Insel [Bahrain] ist sehr berühmt wegen des Perlenfangs, der dort im Juni, Juli, August und September vor sich geht. Er muß bedeutend sein, wenn man nach der Zahl der Barken urteilt, von denen bis zu 2.000 oder 3.000 in Gebrauch sind. Auf der Insel Bahrain liegt eine Stadt und gut anderthalb Meilen davon eine Festung, und obgleich es in dieser Stadt gutes Wasser gibt, so fahren doch die Fischer aus, um sich mit süßem Wasser zu versorgen. Sie finden Gelegenheit zum Schöpfen des Wassers aus der Tiefe des Meeres bei drei lebendigen Quellen guten Wassers, jedoch sind diese nicht an einem Orte, sondern hie und da, und alle drei sind über zwei Meilen von der Insel gelegen.
    Herr Manuel Mendez Henriquez, Agent des Königs von Portugal zu Congon [an der iranischen Küste des Golfes] hat mir zu unterschiedlichen Malen erzählt, auf welche Art sie dieses Wasser schöpfen, und dies geschieht so: Die Barken fahren zu dem Ort, wo die erwähnten Quellen sind, was sie an der Situation des Untergrundes erkennen. Wenn die Flut hoch ist, steht bei diesen Orten 2 Klafter Wasser [1 Klafter entspricht knapp 2 m], und wenn sie niedrig ist, nicht mehr als 1/2 Klafter; bisweilen sind sie auch trocken, denn Bahrain wird von Sandbänken umschlossen, die sich sehr weit erstrecken und so wenig Grund haben, daß die Barken nicht fahren können. Aber es gibt zwischen ihnen Ströme von guter Tiefe, und da hindurch laufen die Schiffe und Barken; und wenn irgendein Ungestüm auf dem Meer entsteht, so empfinden die darin befindlichen Schiffe keine Bewegung. Wenn nun diese Barken bei besagten Quellen angekommen sind, wartet man, bis die Flut abnimmt, und steckt auf jeder Seite der Quelle, an der man Wasser laden will, zwei Ruder in den Sand und bindet dann unten an die Ruder unter Wasser ein locker gespanntes Seil. Man muß wissen, daß die Araber allezeit die Hälfte eines großen Kruges, nämlich das Oberteil mit der Öffnung, auf einer jeder dieser Quellen stehen haben und das weiteste Ende [das Unterteil] an die Öffnung des Oberteils vier Daumen über den Sand setzen, auch noch ringsherum Kalk und Pech legen, damit das Salzwasser nicht hereinkommen möge, und bei Abnutzung und Zerbrechen solcher geteilter Krüge Sorge tragen, andere an ihre Stelle zu setzen.
    Nachdem hernach die Fischer die Ruder aufgerichtet und das Seil daran gebunden haben, steigt ein Mensch mit einem zugemachten Schlauch ins Meer, taucht den Kopf hinunter und legt sich unter das ausgespannte Seil, damit ihn die mit großem Ungestüm aus dem Kruge hervorsprudelnde Gewalt des süßen Wassers nicht zurück in die Höhe treibe. Hierauf hält er den Mund seines Schlauches an den engen Hals des Kruges, öffnet ihn, der alsbald mit diesem süßen Wasser angefüllt wird, macht ihn, wenn er voll, wieder zu, kommt alsdann zur Barke und schüttet es aus. Kehrt danach wieder zur Quelle zurück, um Wasser zu holen, und treibt das so lange, bis die Barke genug hat. Der erwähnte portugiesische Edelmann sagte mir, daß sich dieses sehr leicht tun ließe and daß er selbst aus Curiosität einen Schlauch gefüllt hätte.
    Ich will hier erzählen, auf welche Weise man die Perlen fängt, wie davon ebenfalls Manuel Mendez Henriquez, der dabei zugegen gewesen, Nachricht gegeben hat. Dieser Fang geht gegen das Ende des Juni an und währt bis zum Ausgang des Septembers. Um diese Zeit fänden sich um Bahrain herum über 2.000 oder 3.000 Barken mit lauter arabischen Fischern, die jeder für sich dem Fürsten, dem sie untertan sind, für die Gestattung des Fangs eine Steuer zahlen; und überdies entrichtet jede Barke dem Sultan oder Gouverneur zu Bahrain jährlich 15 Abbassis. Der König in Persien bekommt nichts von dieser Einnahme, denn sie gehört den Moscheen. Nur die Perlen insgesamt, die ein halbes Medicat [etwas mehr als 2 g] oder mehr wiegen, stehen ihm zu, jedoch verhindert solches nicht, daß er dem Fischer, der ihm dergleichen bringt, aus Freigebigkeit ein anständiges Geschenk gibt. Wenn es aber geschieht, daß einer das nicht tut, und solche Perlen außerhalb seines Reiches, und wäre es am Ende der Welt, zu verkaufen sucht, so erfährt es der König bald und läßt, um sich deswegen zu rächen, die Familie und sämtliche Anverwandten des Fischers bis auf das siebte Geschlecht, sowohl Weiber wie Männer, umbringen.
   Eine jede Barke hat ihre Leute zum Hinabfahren ins Meer, die Muscheln oder Perlmutter aufzulesen, und die anderen ziehen sie heraus, denn es sind nicht alle Taucher. Die Barken gehen auf 10,15 oder 30 Meilen weit von Bahrain längs am Ufer hin, und wenn sie an einen Ort kommen, wo sie meinen, einen guten Fang zu tun, werfen sie Anker auf 5 Klafter tief, und hernach machen sich zwei Wassertreter fertig, einer auf jeder Seite, die Perlmutter aufzusammeln. Alle ihre Zurüstung besteht in Auskleiden und Anlegen eines sonderlichen Stückes Horn, welches auf die Art, wie es mir dieser Edelmann wies, wie ein Zänglein gespalten ist und von solchen Leuten allzeit an einer Schnur um den Hals getragen wird. Ehe sie ins Wasser gehen, setzen sie es wie eine Brille auf die Nase, und dasselbe drückt die Nasenlöcher so fest zusammen, daß Wasser nicht hineinkommen kann und sie auch nicht vermögen, durch die Nase Atem zu schöpfen.
    Nebst dieser Zubereitung versieht sich noch ein jeder Taucher mit einem ziemlich großen Stein, den er an einen armlangen Strick bindet, und einem Korb, den er gleichfalls an einem anderen Strick anmacht, und indem der Strick mit dem Stein zwischen den Zehen seines Fußes durchgeht und er den Korb in die Hand nimmt, läßt er die Enden von beiden Stricken in der Barke und taucht ins Meer. Der Stein bringt ihn alsbald zu Boden, wo er nach Ankunft den Strick, woran der Stein gebunden ist, von seinem Fuß losmacht, den die in der Barke wieder hinaufziehen, und ohne Verlust der Zeit alle Perlmutter, die er sieht, geschwind aufliest, in den Korb legt und, wenn derselbe voll ist, wieder in die Höhe kommt. Die anderen ziehen den Korb herauf, während er etliche Male Atem schöpft und ein wenig Tabak schmaucht; hierauf fährt er auf die gleiche Art wieder hinab, und mit solchem Hin- und Herfahren kontinuiert er von früh acht Uhr bis um elf, ißt danach mit seinen Gesellen Pilao [ein Reisgericht] und Datteln, welche ihre gewöhnlichen Speisen sind, kehrt gegen Mittag wiederum in die Tiefe und geht noch bis gegen drei Uhr nachmittags auf und nieder; dann begibt er sich nicht weiter ins Wasser, weil er es allzu kalt empfindet.
   Wenn sie in der Barke eine gute Quantität Perlmutter haben, fahren sie zur Abladung derselben damit zu einer Sandbank und machen sie dort auf; dazu hat jeder ein besonderes Eisen. Der Herr des Fangs wendet die Augen niemals von ihnen weg aus Sorge, sie möchten einige Perlen entführen, denn wenn sie nicht genau beobachtet werden, werfen sie selbige hurtig in ihren Mund, nachdem sie sie aus der Muschel herausgezogen haben. Wenn der Herr sie auf der Barke aufmachen ließe, wäre es noch ärger, denn wenn einer von ihnen einige schöne Perlen fände, schmisse er solche samt der Schale geschwind auf den Schiffsboden, ohne daß man es merkt, und wenn er die Barke auskehrte, sollte er nicht ermangeln, dieses Amt zu verrichten, und indem er nebst dem anderen Unflat alle Muscheln ins Meer wirft (sintemal sie nichts daraus zu machen wissen), würde er die hinuntergeworfenen Perlen verbergen, solche in der Stadt um ein Geringes verkaufen und, was das Ärgste wäre, nichts mehr tun wollen, weil diese Leute, wenn sie etwas Geld gewonnen haben, so lange, wie es währt, durch kein Mittel wieder zum Perlenfang zu bringen sind.

Thevenot, Jean
Des Herrn Thevenot Reysen in Europa, Asien und Africa
Frankfurt/Main 1693

Abgedruckt in:
Keller, Ulrike
Reisende in Arabien, 25 v. Chr. bis 2000 n. Chr.
Wien 2002

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