Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1842 - Ida Pfeiffer
Caesarea und Jaffa (Tel Aviv)

27. Mai 1842. In der Nacht kamen wir nach Caesarea. Mit wahrer demosthenischer Beredsamkeit suchte uns der Schiffspatron von dem Vorsatz, hier zu landen, abzubringen; er stellte uns die Gefahren vor, denen wir ausgesetzt wären, und was wir alles von den Beduinen und den Schlangen zu befürchten hätten; erstere pflegen hordenweise sich in den Ruinen aufzuhalten, um die Reisenden von ihren Effekten und ihrer Barschaft zu befreien, sie wissen aus Erfahrung, daß solche Orte nur von neugierigen, wohlhabenden Franken besucht werden, darum sind sie hier beständig auf der Lauer, gleich den einstmaligen gemütlichen Raubrittern des guten alten Deutschen Reiches. - Ein ebenso gefährlicher Feind sind die vielen Schlangen, die in dem alten Gemäuer und auf dem wild bewachsenen Boden den darüber Schreitenden bei jedem Tritt lebensgefährlich werden können. Wir wußten dies alles sehr genau, teils aus Reisebeschreibungen, teils aus mündlichen Überlieferungen, allein es tat unserer Neugierde keinen Einhalt.
   Dem Kapitän selbst war es weniger um unsere Gefahr als um den Zeitverlust zu tun, darum suchte er uns von dieser Exkursion abzuhalten; doch es half ihm alles nichts - er mußte Anker werfen, den Tag erwarten und uns dann auf dem Boot ans Land setzen.
   Unsere Waffen bestanden aus Sonnenschirmen und Stöcken (letztere trugen wir, um das Gesträuch zu sondieren); unsere Begleitung aus dem Kapitän, dem Diener und zwei Matrosen.
Wir trafen richtig zwischen den Ruinen einige verdächtige Gestalten, herumstreifende Beduinen. Zum Fliehen war es zu spät; wir gingen ihnen daher herzhaft entgegen, sahen sie furchtlos und freundlich an, sie uns desgleichen, und damit war alles abgetan. Wir stiegen von einer Ruine zur andern und hielten uns gewiß über zwei Stunden auf, ohne von diesen Leuten und noch weniger von Schlangen beunruhigt zu werden. Von den letzteren sahen wir nicht einmal eine einzige.
Ruinen sind da im Überfluß vorhanden. Ganze Seitenwände und Mauern, die wohl Privathäusern, aber keinen Tempeln oder Prachtgebäuden angehört haben mögen, stehen noch beinahe
unversehrt da. Stücke von Säulen liegen in Menge zerstreut herum, aber ohne Fries, Kapitäle und Fußgestelle.
   Ein ganz eigenes, nie gekanntes Gefühl erweckte es in mir, auch da zu gehen, wo Christus ging. Jeden Fleck, jedes Gebäude betrachtete ich mit doppeltem Interesse. Vielleicht, dachte ich, betrete ich dieselbe Stelle, dasselbe Haus, das einst von Jesus besucht wurde. Glücklich und selig kehrte ich auf unsere Barke zurück.
   Um drei Uhr nachmittags befanden wir uns hart unter Jaffas Mauern. Das Einlaufen in den Hafen, der sehr versandet ist, wird als gefährlich geschildert. Man sagte uns, wir würden manche Trümmer gestrandeter Schiffe und Barken sehen; doch so sehr ich meine Augen anstrengte - ich gewahrte nicht das geringste. Wir liefen glücklich ein, und somit war diese kleine Reise beendet, auf der ich viel Interessantes und Neues an Gegenständen gesehen und auch das Leben der Matrosen kennengelernt hatte. Oft, wenn Windstille eintrat, lagerten sich unsere Araber auf den Boden, bildeten einen Kreis, sangen Lieder, die aber so eintönig und harmonielos klangen, als man es sich nur denken kann; dazu klatschten sie in die Hände und erhoben zeitweise ein hölzernes Gelächter dazu. Ich fand nicht nur nichts Anziehendes an dieser Unterhaltung - im Gegenteil, es machte auf mich einen melancholischen Eindruck zu sehen, wie weit diese guten Menschen noch in allem zurück sind.
   Die Tracht dieser Leute war höchst einfach: ein Hemd deckte notdürftig ihre Blöße, und ein Tuch, um den Kopf geschlagen, schützte sie vor dem Sonnenstich. Der Kapitän zeichnete sich nur durch den Turban aus, der gar komisch zur übrigen halbnackten Gestalt paßte. Ihre Kost bestand aus einem einzigen warmen Gericht, das sie abends aßen, entweder Pilaw oder Hülsenfrüchte. Während des Tages begnügten sie sich mit Brot und manchmal einer Gurke dazu. Ihr Getränk war Wasser.
   Die Stadt Jaffa hat ein ganz eigentümliches Ansehen. Sie erstreckt sich vom Strand des Meeres bis an die Spitze eines ziemlich bedeutenden, ganz einzeln stehenden Hügels. Die untere Straße, von einer Mauer umgeben, scheint breit zu sein, die übrigen laufen auf den Höhen und scheinen auf den unter ihnen liegenden Häusern zu ruhen. Von der Barke aus gesehen hätte man behaupten mögen, daß die Menschen auf den platten Dächern herumwandelten.
   Da in Jaffa weder ein Gasthof noch ein Kloster, das Reisende beherbergt, ist, so ging ich zum k. k. österreichischen Konsul, Herrn Da., der mich recht herzlich aufnahm und bei seiner Familie einführte, die nebst der Frau aus drei Töchtern und ebenso vielen Söhnen besteht. Ihre Tracht war türkisch. Die Töchter, worunter zwei ausgezeichnet schön waren, trugen weite Beinkleider, eine Binde um die Mitte und einen Kaftan darüber. Auf dem Kopf hatten sie einen kleinen Fes, die Haare waren in fünfzehn bis zwanzig kleine Flechten geteilt und mit kleinen Goldmünzen durchzogen. Am Ende jedes Zöpfchens war eine etwas größere befestigt. Den Hals schmeckte ein Collier von Goldmünzen. Ebenso war auch der Anzug der Mutter. Wenn ältere Frauen wenig oder keine Haare haben, so ersetzen sie durch künstliche Seidenzöpfchen, was die Natur nicht mehr gewährt.
   Das Anheften der Münzen ist in Syrien so gebräuchlich, daß das ärmste Weib, Mädchen oder Kind so viel als möglich davon an sich trägt. Wenn es keine Goldmünzen sein können, so begnügen sie sich mit Silbergeld, und wenn sogar dieses mangelt, mit Kupfer- oder sonstigen kleinen Scheidemünzen.
   Der Konsul und seine Söhne waren ebenfalls türkisch gekleidet, nur hatte der Vater statt des Turbans einen alten dreieckigen Hut auf dem Kopf, was über alle Beschreibung lächerlich aussah. Eine Tochter und ein Sohn dieses guten, halb türkisch und halb europäisch gekleideten Mannes waren einäugig, ein Gebrechen, welches in Syrien ziemlich häufig vorkommt. Man schreibt es der trockenen Hitze, dem feinen Sandstaub und dem grellen Licht der nackten Kalkgebirge zu.
   Da ich in Jaffa zeitig ankam, so ging ich in Begleitung eines Sohnes des Herrn Konsuls in der Stadt und deren Umgebung umher. Die Stadt gleicht an Schmutz, Unebenheiten und dergleichen allen bisher gesehenen. Nur die untere Straße am Meer ist breit und belebt und wird immer von vielen beladenen und unbeladenen Kamelen durchzogen. Der Bazar besteht aus jämmerlichen hölzernen Buden, deren Inhalt gemeine Lebensmittel und ganz gewöhnliche Waren sind.
   Die Umgebung ist schön und äußerst fruchtbar. Große und viele Gärten mit Obstbäumen von allen Gattungen südlicher Früchte und mit der undurchdringlichen Hecke des indianischen Feigenbaumes umpflanzt, bilden eine Halbkreis um den unteren Teil der Stadt.
   Der indianische Feigenbaum, den ich hier zum erstenmal erblickte, sieht sonderbar aus. Aus dem Stamm, welcher sehr niedrig ist, sprossen ein Schuh lange, einen halben Schuh breite und einen halben Zoll dicke Blätter hervor. Selten bildet der Baum Äste, sondern ein Blatt entsproßt dem andern, und auf den äußeren Blättern setzt sich die Frucht an, die zwei bis drei Zoll lang sein mag. Oft setzen sich zehn bis zwanzig solcher Feigen an ein Blatt an.
   Ich konnte nicht begreifen, wie alle Bäume in diesen heißen Ländern ohne erquickenden Regen so frisch und schön aussehen können. Hier fand ich die Erklärung in den vielen Kanälen, welche die Gärten durchschneiden und künstlich bewässern. Auch der starke Tau und die kühlen Nächte erfrischen die bei Tag hinwelkende Natur. Aber eine Hauptzierde unserer Gärten fehlt jenen ganz, nämlich ein schöner Rasen mit Feldblumen. Hier wächst der Baum und das Gemüse aus rein sandigem oder steinigem Boden hervor, was der Schönheit der Ansicht wohl von ferne nicht schadet, aber in der Nähe eine etwas unangenehme Überraschung bietet. Von Blumen sah ich gar nichts.
   Um Jaffa ist alles dergestalt mit tiefem Stand umgeben, daß man bei jedem Schritt bis über die Knöchel hineinsinkt.
   Herr Konsul Da. versieht zwei Konsulate, das österreichische und das französische, hat aber von beiden nichts als die Ehre. Für manche ist dies viel, für die meisten aber ein wirkliches Nichts. Doch diese Familie scheint viel auf Ehre zu halten, denn stets vererbte sich diese Stelle vom Vater auf den Sohn. Auch der jetzige aspiriert schon auf dies Amt.
   Abends wohnte ich bei meinen freundlichen Wirten einem echt orientalischen Gastmahle bei.
   Auf der Terrasse des Hauses wurden Matten, Teppiche und Polster ausgebreitet und in die Mitte ein ganz niedriges Tischchen gestellt. Um dieses lagerte oder setzte sich die Familie mit untergeschlagenen Beinen herum. Mir gab man einen Stuhl, der aber höher war als das Tischchen. Auch legte man für mich und den Herrn Konsul alte Eßbestecke, aus irgendeiner Rumpelkammer hervorgesucht, neben die Teller; die übrigen hatten Messer und Gabel an der Hand, nämlich die Finger.
   Die Gerichte sagten mir gar nicht zu. Ich war noch zu sehr Europäerin und zu wenig bei Eßlust, um nur erträglich zu finden, was diesen guten Leuten ein Hochgenuß schien.
   Das erste Gericht bestand aus einem leckeren Pilaw, zusammengesetzt aus Schöpsenfleisch, Gurken und viel Gewürz, wodurch es für meinen Gaumen viel unschmackhafter war als der gewöhnliche Pilaw. Dann folgten aufgeschnittene Gurken mit etwas Salz, jedoch Essig und Öl, die Hauptsache, erwartete ich vergebens, ich mußte sie so hinabschlucken. Hierauf kam Reis in Milch gekocht und mit einer solchen Portion Rosenöl gewürzt, daß mich schon der Geruch allein übersättigte. Endlich erschien der Nachtisch, bestehend aus kleinen ungeschälten Gurken - die meine Tischgenossen mit Haut und Haar gar säuberlich verspeisten -, einem alten Schafkäse und gebrannten Haselnußkernen. Das Brot ist flach wie Pfannkuchen und wird nicht in Öfen, sondern auf Platten oder heiße Steine gelegt, und wenn es unten gebacken ist, auf die andere Seite gewendet. Übrigens schmeckt es dennoch besser, als man vermutet.
   Unser Tischgespräch war höchst interessant. Einige der Familie sprachen ein wenig Italienisch, und selbst dies Wenige mit so viel griechischem Dialekt, daß ich mehr erraten mußte, was man sagen wollte. Gewiß ging es ihnen ebenso mit mir. Der Herr Konsul behauptete zwar, sehr gut Französisch zu können, allein für diesen Abend schien es seinem Gedächtnis so ziemlich entfallen zu sein. Gesprochen wurde viel, verstanden wenig. Eine Sache, die sich oft in gelehrten Zirkeln ereignen soll, wie man sagt; desto weniger hatte es also bei uns zu bedeuten.
   Gurken hat man in Syrien eine Menge Sorten, sie sind eine Lieblingsspeise der Armen und Reichen. Ich fand jedoch keine Gattung schmackhafter als unsere heimische Gurke. Die zweite Lieblingsfrucht ist die Wassermelone, hier Bastek genannt, die ich auch nicht größer und schmackhafter als jene im südlichen Ungarn fand.
   Das Haus des Konsuls sieht sehr groß aus, die Bauart desselben ist so regellos, daß man in dem großen Raum sehr wenig Bequemlichkeit und nur wenige Gemächer findet. Die Zimmer sind groß und hoch, äußerst notdürftig eingerichtet und etwas unordentlich gehalten.
   Ich schlief in dem Zimmer der verheirateten Tochter, wären aber nicht Betten darin gestanden, ich würde dieses Gemach eher für ein altes Magazin als für ein Schlafzimmer angesehen haben.

28. Mai 1842. Um fünf Uhr früh holte mich der Diener des Mister B. zur Fortsetzung unserer Reise ab. Ich kam zum englischen Konsul und traf dort weder ein Pferd noch irgend etwas zum Aufbruch vorbereitet. Auf solche Unordnungen muß man im Orient immer gefaßt sein. Man kann sehr froh sein, wenn Pferde und Muker (eine Benennung für Pferde- und Eseltreiber) nur um einige Stunden später kommen, als sie bestellt sind. So kamen auch unsere Pferde statt um vier Uhr erst um halb sechs Uhr. Unser Gepäck war bald aufgeladen, denn wir ließen das meiste in Jaffa und nahmen nur das höchst Nötige mit.
   Schlag sechs Uhr ritten wir aus Jaffas Toren und kamen gleich außerhalb der Stadt an einem großen Brunnen vorüber, dessen Bassin von Marmor ist. An solchen Plätzen herrscht beständig die größte Lebhaftigkeit, und nirgends anders kann man so viele Weiber und Mädchen sehen wie da.
   Der Anzug des weiblichen Geschlechtes von der ärmeren Klasse besteht aus einem blauen Hemd, das sich ganz oben anschließt und bis hinab über die Fußknöchel geht. Den Kopf und das Gesicht verhallen sie ganz, oft lassen sie nicht einmal Öffnungen für die Augen. Dagegen sieht man auch wieder welche, die das Gesicht unverhüllt haben, dies ist aber die bedeutend kleinere Zahl.
   Sie tragen die Wasserkrüge auf dem Kopfe oder auf der Achsel, gerade so wie vor mehreren tausend Jahren, so wie man sie auf den ältesten Bildern gezeichnet findet. Aber von Grazie im Gange, von Anmut in ihren Bewegungen und von Schönheit des Körpers oder Gesichtes, wie manche Schriftsteller behaupten, sah ich leider nichts - dagegen Schmutz und Armut, und zwar mehr, als ich erwartete.

Pfeiffer, Ida
Reise in das Heilige Land
Wien 1995; Originalausgabe Wien 1844

Reiseliteratur weltweit - Geschichten rund um den Globus. Erlebtes und Überliefertes aus allen Teilen der Welt. Entdecker – Forscher – Abenteurer. Augenzeugenberichte aus drei Jahrtausenden. Die Sammlung wird laufend erweitert – Lesen Sie mal wieder rein!