Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1842 - Ida Pfeiffer
Jerusalem 2

Schon am ersten Tag meiner Ankunft zu Jerusalem, als ich die Kirche der Franziskaner besuchte, machte ich mehrere Bemerkungen über das Benehmen meiner Glaubensgenossen, die mich wirklich recht traurig stimmten. Diese Stimmung stieg, je öfter ich die Kirche besuchte, so zwar, daß ich Pater Paul erklärte, lieber zu Hause in meinem Kämmerchen beten zu wollen als unter Menschen, denen alles wichtiger und interessanter zu sein scheint als die Andacht. - Ich ward diesen Leuten durch meine fränkische Tracht ein solcher Dorn im Auge, daß ein Geistlicher zu mir kam, um mich zu ersuchen, meine Tracht zu ändern oder wenigstens den Strohhut gegen ein Tuch zu vertauschen und Kopf und Gesicht einzuhüllen. Ich versprach zwar, den Hut abzulegen und auf dem Weg zur Kirche ein Tuch um den Kopf zu nehmen, allein das Gesicht wurde ich nicht verhüllen; - der geistliche Herr möchte meinen Glaubensgenossen sagen, daß es bisher noch niemandem eingefallen sei, ein solches Begehren an eine Fränkin zu stellen und daß sie besser täten, auf die Messe und ihre Gebete zu achten als auf mich; vor Gott gelte mein Anzug gerade so viel wie der ihrige. Dessenungeachtet blieb ihr Benehmen dasselbe, ich ging also äußerst selten in die Kirche.
   An großen Festtagen ist der Altar dieser Kirche äußerst reich, man könnte sagen gar zu sehr geschmückt, er glänzt und flimmert von allen Seiten. Eine große Zahl von Lichtern spiegelt sich in Gold und Gestein. Eine ungeheure Monstranz, ein Geschenk des Königs von Neapel, sowie die beiden prachtvollen Armleuchter, vom Hause Österreich gespendet, sind das Vorzüglichste darunter.
   Eines Tages kam ich an einem Haus vorüber, aus welchem ein gellender Lärm erscholl. Ich fragte meinen Begleiter, was da vorginge. Er sagte mir, in diesem Hause sei gestern jemand gestorben, der Lärm rühre von den Klageweibern her. Ich ersuchte ihn, mich in das Zimmer des Verstorbenen zu führen. Wenn ich nicht einige Heiligenbilder, ein Kruzifix usw. gesehen hätte, würde ich schwerlich geglaubt haben, daß dieser Tote zum lateinischen Ritus gehöre. Mehrere Klageweiber saßen in der Nähe des Verstorbenen und stießen plötzlich solche schrecklichen Töne aus, daß man sie weit und breit hören konnte. Gleich darauf trat eine große Stille ein, während welcher sie sich ganz gemütlich mit einem Schälchen schwarzen Kaffee labten, um nach einiger Zeit ihr gräßliches Geheul zu wiederholen. Ich hatte genug gesehen, um mich zu ärgern, und empfahl mich.
   Ein soeben getrautes Ehepaar hatte ich auch das Glück besuchen zu können. Die Braut war herrlich geschmückt, ihr Anzug bestand aus einem seidenen Hemd, einer pfirsichblütenfarbigen weiten Atlashose, einem Kaftan von demselben Stoff und einem schönen Shawl um die Mitte; gelbe Stiefeletten von Saffian umschlossen die Füße, die Pantoffel standen an der Tür. Der Kopf war mit frischen Blumen und einem reich mit Gold bestickten Stoff geziert, die Haare hingen in lauter dünnen Flechten mit Goldstücken durchzogen über die Schultern; den Hals zierten mehrere Reihen von Dukaten und noch größeren Goldmünzen.
   Dergleichen Anzüge sieht man aber nur im Innern der Familie bei feierlichen Gelegenheiten. Nie oder höchst selten ist da fremden Männern der Zutritt gestattet. Darum irrt man sehr, wenn man glaubt, im Orient an öffentlichen Orten Frauen in schönen Trachten zu sehen.
   Nach der Trauung, welche immer des Vormittags statthat, muß die junge Frau den ganzen übrigen Teil des Tages in einem Winkelchen des Zimmers sitzen, oft noch mit dem Gesicht gegen die Wand gekehrt, und darf weder dem Bräutigam noch den Eltern oder sonst jemandem eine Antwort geben, viel weniger selbst ein Gespräch anfangen. Dies drückt den Schmerz aus, daß sie ihren Stand nun verändern muß.
   Der Bräutigam saß in der Nähe seiner Braut und suchte vergebens den Lippen seiner Geliebten einige Worte zu entreißen. Als ich mich entfernte, machte sie mir zwar eine Verbeugung, aber mit niedergeschlagenen Augen.
   In Jerusalem gehen die Weiber und Mädchen fast alle verschleiert. Nur in der Kirche und im Innern der Häuser ward mir das Glück zuteil, diese Sylphengestalten näher betrachten zu können. Unter den Mädchen fand ich manchen interessanten Kopf. Allein die Weiber von sechsundzwanzig bis achtundzwanzig Jahren sind schon sehr verblüht und häßlich, so daß man in den tropischen Ländern immer eine sehr große Zahl garstiger Gesichter und nur hin und wieder, gleich einem Meteor, etwas Hübsches hervorschimmern sieht. Die Magerkeit ist auch in Syrien eine seltene Erscheinung, selbst junge Mädchen sind schon ziemlich beleibt.
   In der Nähe des Bazars ist eine große Halle, in welcher die Türken ihre Sitzungen halten, Streitigkeiten schlichten oder Urteile über die Angeklagten fällen. Im Innern dieser Halle stehen an der Seite mehrere ordinäre Diwane, in einer Ecke befindet sich ein hölzerner Verschlag, ungefähr zehn Fuß in der Länge, sechs in der Breite und acht in der Höhe, welcher mit einer kleinen Tür und einem vergitterten Loch versehen ist; darin muß der Delinquent seine Strafzeit zubringen.
   Während der dreizehn Tage, die ich in Jerusalem zubrachte, fand ich die Hitze sehr erträglich. Im Schatten stand das Thermometer zwischen zwanzig bis zweiundzwanzig Grad und in der Sonne achtundzwanzig, höchst selten dreißig Grad Reaumur.
   Von Obst sah ich nichts außer einer Gattung Aprikosen, Mischmisch genannt, zwar nur von der Größe einer welschen Nuß, aber von einer außerordentlichen Schmackhaftigkeit. Schade, daß die Bewohner dieser Länder gar nichts zur Kultur und Verbesserung der Naturgaben beitragen, wie gut und herrlich könnte dann manches gedeihen. Ja, sie wissen nicht einmal das gehörig zu behandeln, was ihnen die Natur oft im Überfluß und von guter Sorte bietet, wie dies zum Beispiel mit den Oliven der Fall ist. Man kann nicht leicht wo ein schlechteres Öl bekommen als in Syrien. Öl und Oliven sind für uns Europäer beinahe ungenießbar. Ersteres sieht ganz grün aus, ist ziemlich dicklich und hat einen unangenehmen Geruch und Geschmack. Die Oliven sind gewöhnlich schwarz, eine Folge der schlechten Bereitung. So geht es ebenfalls mit dem Wein. Sie könnten sehr gute Sorten haben, wenn sie den Weinstock zu pflegen und den Wein zu behandeln wüßten. Letzteren versetzen sie mit einer Gattung Harz, welches dem Wein einen äußerst scharfen, widerlichen Geschmack mitteilt.
   Im ganzen ist die Umgebung von Jerusalem höchst traurig, öde und unfruchtbar. Die Stadt fand ich nicht mehr und nicht minder belebt als jede andere in Syrien, und somit müßte ich lügen, wenn ich sagen wollte, es sei mir vorgekommen, als liege ein besonderer Fluch Gottes auf dieser Stadt. Das Gebiet von ganz Judäa ist eine Steinregion, und in dieser Steinregion liegen auch andere Orte als Jerusalem, deren Umgebung ebenso öde und traurig ist.
   Vögel, Schmetterlinge usw. sind in dieser Jahreszeit nicht nur hier, sondern in ganz Syrien eine seltene Erscheinung. Wo sollte ein Schmetterling, eine Biene oder sonst ein Insekt Nahrung hernehmen, wenn keine Blume, kein Grashalm dem steinigen Boden entsprießt? Auf welche Art sollte der Vogel sein Leben fristen, wenn Insekten und Samenkörner fehlen? Ziehen sie deshalb nicht fort über Meer und Tal in kühlere, nahrungsreichere Weltgegenden? Die lieblichen Sänger der Lüfte gingen mir überall ab, nicht bloß hier allein. Nur der Sperling findet überall Nahrung, weil er mit den Menschen in Stadt und Dorf lebt. Auch hier weckte mich jeden Morgen eine Schar dieser gefiederten Tierchen auf.
   Von Ungeziefer litt ich bisher viel weniger, als ich befürchtete. Außer jenen kleinen Fliegen auf der Ebene von Saron und den kleinen, schwarzen Springinsfelden, die man wohl in der ganzen Welt findet, hatte ich mich über keine andern zu beklagen.
   Unsere gewöhnliche Hausfliege fand ich überall heimisch, aber nicht lästiger und zahlreicher als bei uns.

Pfeiffer, Ida
Reise in das Heilige Land
Wien 1844; Neuausgabe Wien 1995

Reiseliteratur weltweit - Geschichten rund um den Globus. Erlebtes und Überliefertes aus allen Teilen der Welt. Entdecker – Forscher – Abenteurer. Augenzeugenberichte aus drei Jahrtausenden. Die Sammlung wird laufend erweitert – Lesen Sie mal wieder rein!