Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1865 - Max Eyth
Beirut und sein Wasser

Die Lage Beiruts ist herrlich. Auf einem mit Gärten und Maulbeerpflanzungen bedeckten Doppelhügel, der, abgetrennt durch das Tal des Nahr el Berut , sich ins Meer vorschiebt, liegt die Stadt mit etlichen mittelalterlichen Türmen und Festungswerken in malerischer Confusion. Den Hintergrund bilden die wuchtigen Hänge des Libanon, die, nach unten mit spärlichem Grün bedeckt, oben ihre goldgelben Felsenkämme 8-9.000 Fuß über den tiefgrünen Meeresspiegel erheben.
   Wie wir vernahmen, hatte sowohl eine englische als auch eine französische Gesellschaft sich bemüht, schon vor uns das Projekt einer Wasserleitung auszuführen. Beide hatten sogar zum voraus mit Hilfe der Regierung Geld eingetrieben, verschwanden dann aber samt dem Gelde, ohne irgend etwas zu machen.
   Unsere erste Entdeckungsreise ging zur Quelle des Nahr el Kelb (das Lykus der Alten), der sich etwa 2 1/2 Stunden nördlich von Beirut ins Meer ergießt. Man macht diese Touren zu Pferde. Bis an die Mündung geht es am Fuß des Gebirges am Meer entlang, ein heißer, wenn auch überaus lieblicher Ritt. Ein felsiges, wildromantisches Vorgebirge verdeckt die Mündung. An den Felsen dieses Berges haben die verschiedenen Eroberer Syriens von Ramses bis Napoleon III. ihre Gedenktafeln hinterlassen. Dann geht es zwischen zwei Felsbergen hindurch, die kaum dem Flüßchen Raum lassen, sich hindurchzudrängen, in das Innere des Gebirges.
   Das Tal ist tief und kühl. Eine üppig wilde Vegetation von Binsen, wilden Reben, Lorbeer und Buchsbaum bedeckt den Fuß der Berge, während noch weiter unten jedes Fleckchen mit Maulbeerbäumen bepflanzt ist. In regelmäßigen Distanzen findet man Mühlen, in denen das Wasser zum Dach hereinkommt und eine primitive Turbine treibt, an deren Schaft der Mühlstein steckt. Die Kanäle für diese Mühlen schmiegen sich lange Strecken weit an die Wände des Tals an und die Mauerzinne dieser Kanäle, die oft dreißig und mehr Fuß über der Talsohle verläuft, ist meistens der einzig gangbare, schwindelnde Weg. Gegen das Ende, zwei Stunden von der Mündung, werden die Schwierigkeiten in der Tat groß und auf Händen und Füßen erreichten wir endlich eine Felsgrotte, woraus kühl und gewaltig die Quelle des Flusses hervorbricht. Ein wildes Bild! Hinter uns türmten sich Felsen über Felsen; vor uns, mit Pinien bewachsen, schossen die Berge in die Höhe; hoch oben, kaum erkennbar, ein Kloster oder ein kleines Maronitendörfchen.
   Den Heimweg machten wir über das Gebirge. Nichts ist erstaunlicher als die ziegenhafte Gewandtheit dieser syrischen Pferde. Auf- und absteigen ist freilich das Geschäft des Tages und häufig kriecht man, den Zügel um den Arm geschlungen, dem treuen Tier auf allen Vieren voran, während es sozusagen auf den Hinterbeinen hinterdrein kommt und dieses Bildchen die umgekehrte Welt recht hübsch vorstellt. Auch kommt es vor, daß man sich, wenn man geschickt genug ist, plötzlich auf dem Bauch des Pferdes sitzend findet anstatt auf dem Rücken, und einmal fiel uns eines der Tiere in einen kleinen Abgrund hinunter, aus dem wir es nur durch Zusammenbinden sämtlicher Sattelgurte und Zügel mit dem Beistand etlicher Hirten herausziehen konnten. Worauf es sich schüttelte, das Loch betrachtete und ruhig seinen Weg fortsetzte.
   Die nächsten Tage vergingen mit ähnlichen Expeditionen zu anderen Flußquellen (Nahr el Antelias, Nahr el Berut, Ain Hamanah), und dann begann die eigentliche Arbeit des Nivellierens und Vermessens.
   Hierzu wurden zwei große Zelte, unsere arabischen Johanns und fünf Mann der türkischen Armee requiriert. Ein sechster Soldat hatte jeden Tag einmal in die Stadt zu reiten, um uns die nötige Fourage zuzuführen. Instrumente hatte ich mitgebracht. Mein arabischer Effendi erwies sich im höchsten Grade verwendbar. Er ist überhaupt ein guter Kamerad und gebildeter Mensch, der mir viel über die Vor- und Nachteile seiner zwei Frauen zu erzählen weiß, die er sehr vermißt. Im Übrigen läßt er sich gern in theologische und soziale Streitfragen ein, bei denen der trockene, nüchterne Nationalismus des Islam einem gläubigen Christen nicht wenig zu schaffen macht.
   Nun ist aber Nivellieren im August in Syrien kein Spaß. Schlucht auf und ab an den kahlen, glühenden Bergwänden des Libanon hin, durch die dumpfigbrütenden, naßheißen Talgründe, mittags unter Bäumen und Felsen einen Schatten suchen. Abends stundenlang zu den Zelten den Weg zurückklettern, die Instrumente an Punkten aufstellen, auf denen man kaum selbst Platz zum Stehen hat, stundenlang in Flußbetten von Stein zu Stein springen und jede halbe Stunde doch wenigstens einmal bis an die Knie ins Wasser fallen - es hat mich buchstäblich alle zwei Tage ein neues Paar Stiefel gekostet, von der eigenen Haut gar nicht zu sprechen!
   Übrigens wurde am zweiten Tag bereits mein Ali fieberkrank und blieb im Zelt liegen. Am vierten, gegen Mittag, nachdem ich schon den Abend zuvor ein kurioses Gefühl gehabt, blieb ich vor einer gewaltigen Schlucht ebenfalls stehen. Den Berg hinunter ging es noch; dort aber hatte die Sache ein Ende und ein nach einiger Zeit vorüberziehender, mitleidiger Esel bracht mich vollends ins Zelt. Ein Bote ging ab, um Pferde zu holen, die nach ein paar Stunden, welche ich vom Kopfweh halb betäubt und vom Fieber geschüttelt im Zelt zubrachte, ankamen. Sadik Effendi, dem es angst wurde, trieb zur Rückkehr und ich setzte mich, so gut es ging, auf den Gaul. Den Ritt, am glühenden Meeresufer entlang, will ich sobald nicht vergessen. Ich war kaum im Stande, mich auf dem Sattel zu halten, und Pferd und Meer, Sand und Sonne drehten sich mit mir im Kreis herum. Doch nahm auch das ein Ende und nach dritthalb Stunden lag ich im Bett und ein junger preußischer Doktor mit der obligaten silbernen Brille beguckte mich und sagte mir, was ich bereits wußte: daß ich das Fieber habe!
   Dies ist nach vierundzwanzig Stunden gewöhnlich vorbei. Fünf Tage brauchte ich jedoch, um wieder ganz marschfähig  zu sein und an der Schlucht weiterzumachen, an der ich stehen geblieben war. Seit der Zeit ging Alles aufs Beste. Ich zerreiße mein Paar Stiefel in ein paar Tagen, erfreue mich der herrlichen Natur mit ihren Felsen, Palmen und Lorbeeren, der einsamen Mondnächte in den wilden Schluchten mit dem Geheul eines Wolfs an dem Berghang gegenüber oder der fernen Brandung des Meeres in meinen Ohren, je nachdem, wo wir lagern, ein wahres, wirkliches Zigeunerleben, in dem, wie im bezaubernden Kindermärchen, auch der obligate mittelalterliche Mönch nicht fehlt, der uns den verlorenen Weg zeigt oder einen Trunk Wasser anbietet.

Eyth, Max
Wanderbuch eines Ingenieurs
Band 1, Heidelberg 1864

Reiseliteratur weltweit - Geschichten rund um den Globus. Erlebtes und Überliefertes aus allen Teilen der Welt. Entdecker – Forscher – Abenteurer. Augenzeugenberichte aus drei Jahrtausenden. Die Sammlung wird laufend erweitert – Lesen Sie mal wieder rein!