Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1907 - Otto Julius Bierbaum
In Baalbek
Libanon

Im Tor des Hotels de Palmyre begrüßte uns ein überlebensgroßer Grieche mit einer gestickten Kappe, der auf den Namen Perikles Mimikaki hörte und sehr oft sagte: J'ai l'honneur. Wir hätten ihn gern genauer in Augenschein genommen, aber unser Stundenplan erlaubte uns nur, den Schwamm gerade einmal über das bestaubte Antlitz zu führen. Dann mußten wir uns wieder an der Pferdeschinderei beteiligen. Diesmal ging es so toll zu, daß wir uns weigerten und lieber auf gut Glück zu Fuß gingen. Da Baalbek nur aus ein paar elenden Hütten besteht, über denen die Ruinen der Tempel (denn es sind mehrere) emporragen wie Heiligtümer aus einer anderen Welt (und das sind sie ja auch), so hätten wir den Weg auch ohne die Kohorte von Männern, Weibern und Kindern gefunden, die uns begleiteten.
   Und so ungeheuer ist die Erhabenheit dieser Reste einer riesenhaften Vergangenheit, daß sie mit einemmal allen Dreck und Quark großer und kleiner Kümmernisse vergessen macht, unter denen wir Toren leiden.
   Hier war es, wo ich den stärksten Eindruck auf unserer Reise erhalten habe.
   Möge Herr Brockhaus meine Leser darüber belehren, was Baalbek archäologisch bedeutet. Ich könnte mir leicht einen Anstrich von Lehrsamkeit verleihen, indem ich Auszüge aus dem sehr guten Führer machte, den der eingeborene Kustos dieser heiligen Trümmer, ein sehr gebildeter und gescheiter Herr, geschrieben hat. Aber das gäbe ein falsches Bild meiner Stimmung, die mit der Wonne des Archäologen wenig gemein hatte. Mir war pathetisch zumute. Nur hier habe ich das Yankeedoodlegewimmel völlig vergessen, ganz übersehen. Nirgendwo konnte man sich freilich so von ihm fernhalten wie in diesen riesigen Dimensionen, in denen die Passagiermenge eines modernen Ozeanriesen völlig verschwindet.
   Vermutlich haben diese Bauten, als sie noch standen, nie so ungeheuer gewirkt, wie jetzt als Trümmer. Denn jetzt wirkt der Himmel hinein, jetzt ist das Licht Herr über den Lichttempel. Man kann sich, hat man es nicht genossen, keinen Begriff von der Klarheit dieser Luft machen, und es ist unmöglich, mit Worten dem Eindruck nahezukommen, den diese riesigen Steinmassen, ob sie nun noch gestaltet stehen oder zerrissen umherliegen, dem Auge bereiten in diesem Licht, das zugleich jede Einzelheit voneinander scheidet und doch das Ganze zu einer Gesamtwirkung von dramatischer Wucht zusammenhält. Es ist eine unsagbare Wollust des Sehens: Pathos des Auges, leidenschaftlicher Genuß. Hier fallen Binden vom Auge. Wer dies sah, weiß, was groß und was gernegroß ist. Baalbek sehen heißt echtes Pathos erleben, heißt unfähig werden, sich jemals wieder an Aufgeplustertes hinzugeben. Man fühlt, was hier in Resten steht, in Trümmern liegt, ist das Werk inspirierter Konstruktion großer Seelen, in denen rechnen und dichten eins war.
   Was war, auf eine Formel gebracht, das architektonische Problem? Mit Libanon und Antilibanon zu konkurrieren, zwischen zwei kolossalen Naturwerken ein kleineres Menschenwerk zu errichten, das doch nicht gedrückt erschien, sondern gehoben: Kern und Inhalt dieser Natur, die zu seinem Rahmen herabgebändigt wurde. Welch eine Tat! Nicht einmal die Pyramiden von Giseh reichen daran. Denn an ihr hat mehr als eine Kolossalkultur gearbeitet. Wie ein Wunder, nicht wie ein glücklicher Zufall, erscheint es, daß eine der anderen gewachsen war: daß der griechisch-römische Geist, wie in einem letzten Zusammenfassen seiner Kräfte, die Macht besaß, auf den Substruktionen einer gigantischen Vorzeit in denselben Riesenmaßen weiterzubauen.

Bierbaum, Otto Julius
Die Yankeedoodle-Fahrt
Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Heinz Weise
Leipzig 1984
Nach der Originalausgabe München 1910, 2. Auflage

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