Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1842 - Ida Pfeiffer
Baalbek

6. Juli 1842. Um die Mittagsstunde erreichten wir den letzten Hügel und Heliopolis (Baalbek), die Sonnenstadt, lag vor uns.
   Wir traten in ein Tal, welches von den höchsten schneebedeckten Bergen des Libanon und Antilibanon eingefaßt wird, es ist bis über drei Stunden breit und sechs bis acht Stunden lang und gehört zu Cölesyrien. Viele Reisende rühmen es als eines der schönsten in Syrien.
   Den Namen des "merkwürdigsten" Tales verdiente es mit Recht, denn solche erhabene Reste des Altertums wie hier sind nur noch in Palmyra und Theben zu finden, die Bezeichnung des "schönsten" kommt ihm jedoch meiner Meinung nach nicht zu. Die Gebirge ringsumher sind kahl und öde. Die unermeßliche Ebene ist spärlich bebaut und noch spärlicher bevölkert. Außer der auf den alten Trümmern neu erstandenen Stadt Baalbek sieht man weder Dörfer noch Hütten. Das Getreide, welches wir noch stückweise auf dem Feld sahen, stand schütter und niedrig. Die Flußbette waren ausgetrocknet, das Gras verdorrt. Nur der Anblick der großartigen Ruinen, deren man sogleich ansichtig wird, wenn man die Spitze des letzten Berges erstiegen hat, entschädigte uns, aber auch nur zum Teil, weil wir nicht halb so viel sahen, wie wir vermuteten.
   Steinige Pfade führten uns an mehreren Steinbrüchen vorüber den Ruinen zu. Wir stiegen schon bei den Steinbrüchen von den Pferden, um jene in der Nähe zu betrachten. In den rechtsseitigen liegt ein Felsenkoloß, von allen Seiten gehörig behauen und bearbeitet, der sechzig Schuh in der Länge, achtzehn in der Breite und dreizehn im Durchmesser hat. Vermutlich war er für die Zyklopenmauer bestimmt, welche die Sonnentempel umgibt, denn wir sahen später in derselben einige solche Felsenkolosse von gleicher Größe und Breite. Ein anderer Steinbruch, auf der linken Seite des Weges, zeichnete sich durch mehrere Grotten und ziemlich hübsch gruppierte Felsentrümmer aus.
   Wir hatten unsere Pferde nach dem Kloster geschickt und schritten eilig den Ruinen der Tempel zu. Am Fuße einer kleinen Anhöhe zog sich eine Mauer hoch und riesig, zusammengefügt aus den kolossalsten Felsenmassen, die durch ihre Schwere aufeinanderlasten und nicht mit Mörtel verbunden zu sein scheinen. Drei Steine darunter waren genauso groß wie jener, den wir im Steinbruch sahen. Viele mochten an dreißig, auch vierzig Schuh lang und verhältnismäßig breit und hoch sein. Dies ist die Zyklopenmauer, die den Hügel umschließt, auf welchem die Sonnentempel stehen, Ein beschwerlicher Weg über aufgehäufte Marmorstücke, Felsentrümmer und Schutt dient als natürliches Bollwerk gegen den Zugang von Pferden und Kamelen, sonst wären auch diese Göttersitze der Heiden in schmutzige Ställe umgewandelt worden.
   Dies Bollwerk überstiegen, und Überraschung, Entzücken und Bewunderung hemmten unsere Schritte. Immer riefen wir uns zu: "Haben Sie dies betrachtet? Jenes nicht übersehen? Hier müssen wir weilen! Nein, dort, dorthin! Ach sehen Sie nicht die Schätze, die sich uns dort entfalten?" Im ersten Moment flogen unsere Blicke unstet umher, wir konnten sie nirgends festhalten, zu viel des Schönen lag vor uns: die erhabenste Bauart, der kühnste Schwung in den Wölbungen, welche sich auf die höchsten Säulen stützen; die strengste Richtigkeit in allem, verbunden mit der elegantesten Pracht, mit dem zauberhaftesten Geschmack.
   Anfangs durchflogen wir alles höchst eilfertig, es drängte uns immer fort und fort, wir wollten das Ganze mit einem Blick umfassen. - Dann gingen wir erst den zweiten und bedächtigeren Cours an.
   Man kommt in einen großen Hof, Marmorstücke, Säulenfragmente, deren einige noch auf schön gearbeiteten Epistylen ruhen, bieten sich dem Auge dar. Fast alles ist hier zerfallen, voll Schutt und Trümmer, aber großartig und erhaben. Nun geht es in einen zweiten, größeren Hof, der über zweihundert Schritte lang und über hundert Schritte breit sein mag. Ringsum laufen Nischen, in Marmor gehauen, mit den niedlichsten Arabesken geziert, in welchen vermutlich die Statuen der zahlreichen Götter standen. Hinter den Nischen befanden sich kleine Zellen, die Aufenthaltsorte der Priester. Im Vordergrund oben stehen die sechs korinthischen Säulen, die einzigen Überreste des großen Sonnentempels. Diese sechs Säulen, die allen Stürmen der Zeit, Verwüstungen und Erderschütterungen trotzten, sollen die schönsten und größten der Welt sein. Bei siebzig Fuß hoch, jede Säule ein Felsenkoloß, gearbeitet in dem höchsten Ebenmaß, ein Meisterstück alter Architektur, ruhen sie auf Postamenten von siebenundzwanzig Fuß Höhe, überragen die Zyklopenmauer und blicken ernst und kühn in die weite Ferne, gigantische Zeugen des grauen Altertums.
   Wie groß dieser Tempel gewesen sein muß, zeigen die noch übrigen Postamente, deren Säulen zusammengestürzt und verwittert in Trümmern umherliegen. Ich zählte zwanzig in der Länge, zehn in der Breite.
   Der kleinere Tempel, von welchem der große durch eine Mauer abgesondert ist, liegt tiefer, war dadurch mehr vor Wind und Wetter geschützt und ist auch besser erhalten. Eine gedeckte Halle, ruhend auf Säulen von fünfzig Fuß Höhe, führt um ihn herum. Bildnisse von Göttern oder Helden, kunstreich in Marmor ausgehauen und von Arabesken umgeben, zieren die mächtigen Wölbungen dieses Korridors. Die Säulen sind aus drei Stücken zusammengefügt, die mit einer so unglaublichen Festigkeit ineinanderhalten, daß, als bei dem letzten Erdbeben eine derselben von dem hohen Piedestal herabstürzte, sie nicht auseinanderbrach, sondern sich mit der Spitze in die Erde senkte und unbeschädigt in ihrer ganzen Größe an den Hügel lehnt.
   Aus dieser Halle tritt man durch das großartigste Portal in das Innere des kleinen Heiligtums. Ein Adler mit ausgebreiteten Schwingen überschattet den oberen Teil der zwanzig Fuß weiten und dreißig Fuß hohen Pforte. Die beiden Seiten sind mit kleinen niedlichen Figürchen geschmeckt, um welche sich Blumen, Früchte, Kornähren und Arabesken in geschmackvollster Zeichnung schlängeln. Dieses Portal ist sehr gut erhalten, bis auf den Mittelstein, der, stark aus seiner Lage gesunken, drohend über dem Eingang schwebt und den Eintretenden mit Angst und Grauen erfüllt. Doch unversehrt kamen wir hinein und zurück, und noch gar viele werden nach uns kommen und gleich uns unbeschädigt unter diesem hängenden Stein durchwandern, Verwesung wird unser Los sein, während jener schwebende Stein noch manche Generation an sich vorüberziehen sehen wird.
   Dieser kleine Tempel würde, wenn er nicht neben dem großen stände, schwerlich klein erscheinen. Auf der einen Seite stehen jetzt noch neun, auf der andern sechs vollkommen gut erhaltene Säulen, außerdem noch viele Postamente, von welchen die Säulen herabgestürzt sind. Wände und Nischen, kurz alles, was man sieht, ist von Marmor und mit Skulpturarbeiten aller Art reich verziert. Das Heiligtum der Sonne ist durch eine Reihe von Säulen, von welchen aber nur wenige mehr stehen, vom Schiff des Tempels getrennt.
   Soviel man nach den Ruinen beider Tempel beurteilen kann, müssen sie mit verschwenderischer Pracht ausgestattet gewesen sein. Die kostbarsten Statuen und Bilder, gemeißelt in den marmorartigen Stein, müssen die Nischen und Räume gefüllt haben, denn die Überreste der geschmackvollen Verzierungen und Arabesken deuten auf den üppigsten Luxus. Der einzige Fehler an ihnen mag Überladung gewesen sein.
   Unter diesen Tempel führt ein zweihundertfünfzig Schritt langer, dreißig Fuß breiter und im Verhältnis hoch gewölbter Gang durch. In der Mitte desselben, an der Decke, ist ein kolossaler Kopf in den Felsen gehauen, wahrscheinlich das Denkmal eines Helden der Vorzeit. jetzt wird dieser Ort als Stall für Pferde oder Kamele benutzt! Die ganze Anhöhe, worauf diese Ruinen stehen, umfließt das kleine Bächelchen Litani.
   Man hatte uns schon in Damaskus gewarnt, in diesen Ruinen allein herumzustreifen; allein unsere Wißbegierde war so groß, daß wir auf Warnung, Furcht und alles vergaßen und ohne den geringsten Schutz hineineilten. Wir hielten uns mehrere Stunden daselbst auf, durchkrochen jeden Winkel und stießen auf niemanden, außer einigen Neugierigen, die uns Franken in Augenschein nehmen wollten. Herr S. ging sogar gegen Abend ganz allein in den Ruinen herum, und ihm begegnete ebenfalls kein Abenteuer.
   Ich möchte beinahe glauben, daß manche Reisende Raubanfälle und gefahrvolle Begebenheiten, die sie nicht erlebt haben, bloß deshalb beschreiben, um ihren Erzählungen mehr Interesse zu verleihen. Ich machte eine große Reise, mitunter durch sehr unsichere Gegenden, oft ganz allein mit einem arabischen Diener, und nirgends stieß mir ein ernstliches Abenteuer auf.
   Heliopolis ist so verfallen, daß man weder die ehemalige Größe noch die Schönheit dieser berühmten Stadt aus ihren Ruinen beurteilen kann. Außer den beiden großen Sonnentempeln und einem ganz kleinen, der unweit davon steht, in runder Form gebaut und mit Arabesken und Skulpturen überladen ist, und außer einigen zersplitterten Säulen, fanden wir nichts mehr.
   Die jetzige Stadt Baalbek ist zum Teil auf demselben Ort gebaut, wo ihre Vorgängerin stand, sie liegt rechts von den Tempeln und besteht aus einem Haufen kleiner, elender Hütten und Häuser. Die größten Gebäude darunter sind das Kloster und die Kaserne, letztere von dem lächerlichsten Ansehen, indem man Trümmer von Säulen, Statuen, Friesen von allen Seiten herbeigeschleppt und nach türkischem Gutdünken zu dem neuen Bau verwendet hat.

Pfeiffer, Ida
Reise in das Heilige Land
Wien 1995; Originalausgabe Wien 1844

Reiseliteratur weltweit - Geschichten rund um den Globus. Erlebtes und Überliefertes aus allen Teilen der Welt. Entdecker – Forscher – Abenteurer. Augenzeugenberichte aus drei Jahrtausenden. Die Sammlung wird laufend erweitert – Lesen Sie mal wieder rein!