Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

Um 405 - Faxian
Auf Buddhas Spuren
Nordindien

Nach der Überquerung des Flusses [des Indus oder einer seiner Nebenflüsse] befanden sich die Pilger in einem Land names Bhida [im Punjab], wo der Glauben sowohl nach dem Großen wie dem Kleinen Fahrzeug blüht. Als die Bewohner des Landes merkten, dass buddhistische Priester aus China zu ihnen gekommen waren, waren sie sehr gerührt und sagten: »Wie kann es sein, dass Ausländer wissen, dass der Verzicht auf Familienbindungen den Kern unserer Religion ausmacht, und wie kann es sein, dass sie so weit reisen auf der Suche nach dem wahren Glauben?« Dann gaben sie den Pilgern, was immer sie benötigten, und behandelten sie ihrer Religion gemäß.
   Die Pilger reisten etwas weniger als 80 Tagesreisen nach Südosten und kamen an vielen Klöstern vorbei, in denen zusammen fast 10.000 Priester lebten. Nachdem sie die Klöster passiert hatten, kamen sie in das Land mit Namen Mattra oder Mandor, und zogen den Fluss Yamuna entlang. Auf beiden Seiten des Flusses gibt es 20 Klöster mit 3.000 Priestern oder mehr.
   Der Glaube ist hier zunehmend verbreitet, und alle Könige der Länder Nordindiens westlich der Wüste sind sehr gläubig. Wenn sie vor den Priestern opfern, nehmen sie ihre königlichen Kopfdeckungen ab und bedienen mit ihren Familien und Hofbediensteten persönlich die Priester bei Tisch. Am Ende einer Mahlzeit breiten sie Teppiche auf dem Boden aus und setzen sich mit dem Gesicht zum obersten, denn sie wagen es nicht, sich in Gegenwart von Priestern auf Polster zu setzen. Die Einzelheiten dieser Glaubenszeremonien sind bis auf den heutigen Tag noch aus der Zeit, als Buddha in der Welt war, überliefert.
   Das Land im Süden nennt man das Mittlere Königreich (der Brahmanen). Es hat ein ausgeglichenes Klima ohne Frost oder Schnee. Und die Bevölkerung lebt wohlhabend und zufrieden, ohne sich registrieren lassen zu müssen und ohne staatliche Einschränkungen. Nur die, die königliche Ländereien bebauen, müssen von dem Gewinn abgeben. Wer reisen will, reist; wer bleiben will, bleibt. Der König wendet bei der Ausführung seiner Herrschaft keine körperlichen Strafen an; Verbrecher werden nach der Schwere ihres Vergehens verurteilt. Selbst für einen zweiten Versuch zu rebellieren ist die Strafe lediglich der Verlust der rechten Hand. Die Männer der königlichen Leibwache beziehen festgelegte Zahlungen. Nirgends im Land tötet jemand ein Lebewesen, niemand trinkt Wein, niemand isst Zwiebeln oder Knoblauch.
   Aber die Chandalas sind eine abgesonderte Gruppe. Chandala ist der Name für niedrige Leute. Sie leben von den anderen getrennt, und wenn sie in eine Stadt oder auf einen Markt kommen, schlagen sie auf ein Stück Holz, um sich bemerkbar zu machen. Dann wissen die Leute, wer kommt, und können eine Begegnung mit ihnen vermeiden.
   In diesem Land werden keine Schweine und kein Geflügel gehalten, es gibt keinen Viehhandel, keine Metzgereien oder Destillen. Als Tauschmittel benutzt man Kaurimuscheln. Nur die Chandalas gehen auf die Jagd und handeln mit Fleisch.
   Seit Buddhas Entfernung aus dieser Welt haben die Könige, die Ältesten und die Vornehmen Schreine gebaut, um den Priestern Opfer zu bringen; die Priester erhielten Land, Häuser und Gärten mit Arbeitern und Ochsen für die Arbeit. Bindende Eigentumsdokumente wurden erstellt, und die nachfolgenden Könige haben sie von Generation zu Generation weitergegeben, keiner hat gewagt sie anzutasten, und sie bestehen in ungebrochener Tradition bis heute fort.
   Räume mit Betten und Matratzen, Lebensmittel und Kleidung werden immer für alle ansässigen und reisenden Mönche bereitgestellt, so ist es in allen Orten. Die Priester beschäftigen sich mit mildtätigen Diensten und singen geistliche Lieder oder sie meditieren. Wenn reisende Priester eintreffen, kommen die alten einheimischen Priester, um sie zu empfangen und ihnen ihre Kleider und die Almosenschale zu tragen, geben ihnen Wasser zum Waschen und Öl für das Salben der Füße, und auch flüssige Nahrung, die außerhalb der Mahlzeiten erlaubt ist. Wenn dann die Reisenden sich erholt haben, fragen die Priester die Ankömmlinge, wie lange sie denn schon Priester seien und was ihr Stand sei; und dann bekommt jeder Reisende ein Zimmer und Bettzeug nach den Regeln des Glaubens.

Giles, H. A.
The Travels of Fa-hsien
Cambridge 1923
Übersetzung: U. Keller

Abgedruckt in:
Keller, Ulrike (Hg.)
Reisende in Indien seit 326 v. Chr.
Wien 2007

Reiseliteratur weltweit - Geschichten rund um den Globus. Erlebtes und Überliefertes aus allen Teilen der Welt. Entdecker – Forscher – Abenteurer. Augenzeugenberichte aus drei Jahrtausenden. Die Sammlung wird laufend erweitert – Lesen Sie mal wieder rein!