Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1824 - Reginald Heber
Im alten Delhi und am Hofe des Moguls

Der Morgen war heiter und angenehm, und Luft und Boden vom Regen erquickt. Ich langte gegen acht Uhr am Ufer des Yamuna an und erblickte auf dem entgegengesetzten die Hauptstadt Delhi, die mir über Erwarten groß und schön erschien. Ihr bewohnter Teil, denn die Ruinen nehmen einen so großen Flächenraum wie London ein, hat etwa 7 Meilen [11 km] im Umfang, liegt auf einer felsigen Hügelkette, und ist von einer Mauer mit Schießscharten umgeben, die von den Engländern ausgebessert worden ist und gegenwärtig mit Bastionen, einem Wallgraben und einem regelmäßigen Glacis versehen wird. Von den Häusern sind viele groß und hoch. Man findet eine Anzahl Moscheen mit hohen Minaretts und vergoldeten Kuppeln, und vor allem zeichnet sich der Palast, ein sehr hohes und weitläufiges Aggregat von gotischen Türmen und Befestigungswerken, und die Jama Masjid aus, die der größte und schönste mohammedanische Tempel in Ostindien ist. Diese schönen Gebäude bestehen fast durchgehend aus rotem Granit, dessen Farbe einen ebenso angenehmen wie ehrwürdigen Eindruck macht und der an mehreren verzierenden Teilen mit weißem Marmor ausgelegt ist.
   Der Yamuna überschwemmt wie die übrigen großen Flüsse dieses Landes während der Regenzeit große Distrikte; allein er befruchtet das Land nicht wie der Ganges. In diesem Teil seines Laufes ist er so stark mit Salz, von dem es in der ganzen Nachbarschaft große Lager gibt, versetzt, dass dessen Wasser die Vegetation zerstört, statt sie zu befördern, und der ganze Raum, der sich bei dem jetzigen niederen Wasserstand zwischen dem hohen Ufer und dem Fluss befindet, ist mit lockerem, unfruchtbarem Sand bedeckt, der dem am Meeresgestade gleicht.
   Ich fand die Fähre in Bereitschaft und wurde am anderen Ufer von Herrn Elliott [dem britischen Gesandten] empfangen, der mir mit einem Elefanten und einem zahlreichen Gefolge von Speerträgern und Musketieren mit Luntenflinten entgegengekommen war. Wir zogen nun zusammen auf die Stadt zu, über eine ähnliche Strecke dürren Sandes wie auf der anderen Seite des Wassers, gingen dann hart unter der Stadtmauer durch einen kleinen Arm des Yamuna und begaben uns hierauf, den Palast zur Linken lassend, durch eine ziemlich breite Straße zum Gesandtschaftshotel, einem einigermaßen weitläufigen Gebäude, das ehemals der Palast eines Mohammedaners war, und dem Sir David Ochterlony, während er Gesandter war, einige Gesellschaftszimmer angebaut hat.
   Bald nach meiner Ankunft zu Delhi regnete es wieder mit noch größerer Heftigkeit, und die Güsse dauerten zur großen Freude der Einwohner während des ganzen Tages und der Nacht fort. Mehrere äußerten gegen Madame Elliott, die Ankunft des Lord Sahib [Heber selbst] sei für Delhi ein großes Glück, denn es werde nun keine Hungersnot entstehen. Meine Bedienten hatten nicht vergessen, dass auch unmittelbar vor meiner Ankunft zu Cawnpore [Kanpur] Regen gefallen war, und angelegentlich die Meinung verbreitet, dass ich ein Mubarak (Glück bringender Mann) sei, wovon sie selbst gewiss fest überzeugt waren.
   Am 30. Dezember ritten Herr Lushington und ich nach dem sechs Meilen [knapp 10 km] südwestlich der Stadt liegenden Grabmal des Kaisers Humayun. Auf unserem Wege zum Agra-Tor kamen wir durch eine sehr breite, aber unregelmäßige Straße, durch deren Mitte ein mit Steinen eingefasster Kanal führt. Dies ist Teil der berühmten Wasserleitung, die ursprünglich von Ali Merdan Khan, einem im Dienst des Kaisers Schah Jehan stehenden persischen Edelmann, angelegt, dann aber während der Unruhen in Indien und des Verfalls der Herrschaft der Moguls vernachlässigt und in den letzten Jahren auf Kosten der englischen Regierung wieder in Stand gesetzt wurde. Sie beginnt am Yamuna, hart an der Stelle, wo er aus dem Gebirge tritt, und wo dessen Wasser noch rein und gesund ist, und hat eine Länge von etwa 120 Meilen. Sie ist eine großartige Unternehmung. Es werden durch sie große Landstriche fruchtbar gemacht; in den Gärten von Delhi müsste ohne sie alle Vegetation ersterben, und die Einwohner beziehen aus ihr fast durchgehend ihr Trinkwasser. Als sie im Jahr 1820 von Sir Charles Metcalfe wieder eröffnet wurde, ging die ganze Bevölkerung der Stadt jubelnd dem ankommenden Strom entgegen, warf Blumen und Ghee ins Wasser und rief alle Segnungen des Himmels auf die britische Regierung herab, die durch diese Maßregel manche ihrer unpolitischen Handlungen wieder gutmachte.
   Zu den in diesem Jahr vorgekommenen Landplagen war leider auch die hinzugekommen, dass der Yamuna seinen Lauf verändert hatte und der Kanal dadurch trocken geworden war. Der Oberingenieur lag gerade samt seinem Sergeanten am Dschungelfieber danieder, und es war daher kein Sachverständiger vorhanden, der dem Übel an den Bergen hätte abhelfen können. Die Einwohner gerieten dadurch in eine höchst jämmerliche Lage. Seit der Wiederherstellung des Kanals hatten sie sich nicht mehr um die Brunnen gekümmert, aus denen sie früher ihr notdürftiges Wasser bezogen. Das Trinkwasser musste daher aus einiger Entfernung herbeigeschafft und teuer bezahlt werden, und die Gärten wurden gänzlich ruiniert. In dem des Gesandtschaftshotels war bei meiner Ankunft auch nicht ein grünes Hälmchen zu sehen. Erst gegen Mitte November ließ sich der Kanal wieder mit Wasser versorgen, und der Jubel des Volkes war bei dieser Gelegenheit wie früher unbeschreiblich.
   In der Mitte der Länge der oben beschriebenen Straße, beinahe der Stelle gegenüber, wo eine andere rechtwinklig abgeht, steht der von Schah Jehan erbaute kaiserliche Palast, der nach dieser Seite von einer etwa 60 Fuß [18 m] hohen, mit Schießscharten versehenen Mauer umgeben ist, auf der sich kleine runde Türme erheben, und die zwei prächtige Torwege besitzt, von denen jeder durch eine nicht ganz so hohe Schanze verteidigt wird. Die Mauern bestehen durchgehend aus rotem Granit und sind mit einem breiten Graben umgeben; übrigens ist das Schloss nicht sehr fest und gewährt bloß gegen Pfeile und Musketenfeuer Schutz; es ist jedoch eine der prächtigsten Königsburgen, die ich je gesehen. Vor dem Kreml hat es bei weitem den Vorzug. Jedoch möchte ich ihm vor Windsor Castle nur in Ansehung der Dauerhaftigkeit der Baumaterialien den Vorrang zugestehen.
   Schildwachen in roten Röcken (Sepoys des regelmäßigen Linienmilitärs der Ostindischen Gesellschaft) waren um die Burg aufgestellt, der Dienst im Innern, so wie überhaupt die Polizei von Delhi, wird jedoch von zwei im Namen des Kaisers geworbenen Provinzial-Bataillons gehandhabt. Diese sind ziemlich nach europäischer Manier exerziert, haben aber Luntenflinten und orientalische Tracht, und ihr Befehlshaber, Hauptmann Grant, ein Offizier der Gesellschaft, lebt in der Burg und gilt als Diener des Kaisers.
   Vom Agra-Tor bis zu Humayuns Grabmal führt der Weg durch eine gräuliche Szene der Verwüstung. Ruinen, Grabmäler, Backsteine, Feldsteine, Granit und Marmor bedecken den von Natur felsigen und dürren und nur an wenigen Stellen angebauten, vollkommen baumlosen Boden. Man denke sich London oder eine noch prächtigere Stadt in Trümmern, deren Ende der Blick nirgends erreicht; dies ist der Ort des alten Delhi, das die Patan-Könige auf den Ruinen der noch größeren Hindu-Stadt Indraput gründeten, die sich jedoch mehr nach Westen zog. Als die allerdings vorteilhafter gelegene jetzige Stadt vom Kaiser Schah Jehan angelegt wurde, zwang er viele Einwohner, dorthin zu ziehen; die meisten folgten, um der Hofhaltung und den Hauptmärkten näher zu sein, und da man während der Herrschaft der Mahratten nur innerhalb einer Stadtmauer sein Haupt ruhig niederlegen konnte, so war Alt-Delhi bald ganz verödet. Der offizielle Name des jetzigen Delhi ist Schahjehanpur (Stadt des Königs der Welt), aber gesprächsweise und in allen Schriften, die nicht unmittelbar dem Kaiser vorgelegt werden, bedient man sich durchgehend des Namens Delhi.
   Unter der Masse von Ruinen zeichneten sich die Trümmer der alten Patanburg aus, die eine starke, in einfachem Baustil aufgeführte Festung war und sich zwischen Bäumen und von Efeu umrankt malerisch ausgenommen hätte, während sie so hässlich und traurig aussah. Sie zeichnet sich vor allem durch eine hohe schwarze Säule aus gegossenem Metall aus, die den Namen »Firozes Spazierstock« führt. Dieses ursprünglich hinduistische Werk stand in einem wahrscheinlich dem Shiwa geweihten Tempel, und es ging eine ähnliche Sage wie um den Krönungsstein der Schotten, dass nämlich, so lange sie stände, die Kinder des Brahma in Indraput herrschen würden. Bei der Eroberung des Landes durch die Muselmanen zeigte sich die Falschheit der Prophezeiung, und Firoze ließ sie in seinem Schlosshof als ein Denkmal des Sieges des Islam über das Heidentum stehen. Sie ist mit meist persischen und arabischen Inschriften bedeckt, worunter die älteste, die wahrscheinlich die Prophezeiung enthält, in jetzt vollkommen unbekannten obwohl scheinbar dem Nagree [Devanagari, die heute verwendete Hindi-Schrift] verwandten Schriftzügen ausgeführt ist.
   Etwa 1 1/2 Meilen [2,4 km] weiter, aber immer noch mitten unter Ruinen, steht Humayuns Grabmal, ein aus rotem Granit erbautes und mit Marmor ausgelegtes, in einem äußerst reinen und einfachen gotischen Stil aufgeführtes Gebäude. Es ist von einem großen Garten mit Terrassen und Springbrunnen umgeben, die jetzt sämtlich bis auf einen eingegangen sind, der den in den Nebengebäuden des Grabmals wohnenden armen Leuten ein wenig Weizenanbau gestattet. Der Garten selbst ist von einer mit Zinnen, Türmen und Torwegen versehenen Mauer umgeben, an deren innerer Seite sich ringsherum ein Kreuzgang zieht. Mitten im Viereck befindet sich eine etwa 20 Fuß hohe und etwa 200 Fuß [6 x 60 m] ins Geviert haltende Plattform, unter der sich ebenfalls Kreuzgänge befinden, und zu der man auf vier großen Granittreppen hinaufsteigt. Darüber erhebt sich das ebenfalls viereckige eigentliche Grabmal, in dessen Mitte, sich eine große Kuppel von weißem Marmor erhebt. Die inneren Zimmer bestehen aus einem runden Gemach, in dessen Mitte unter einer kleinen erhöhten Steinplatte der unglückliche Fürst ruht, zu dessen Andenken diese schöne Gebäude aufgeführt wurde, und aus kleinen Eckzimmern, wo andere Personen derselben Familie beigesetzt sind. Von der Kuppel des Gebäudes aus sah ich zu meinem Erstaunen noch in alle Richtungen nur Ruinen, und besonders erstreckte sich gegen Westen hin, wo das alte Indraput stand, die Szene der Verwüstung sehr weit, und zwar, wie es schien, bis an eine sieben bis acht Meilen [11-13 km] entfernte Bergkette.
   Nachdem wir wieder hinabgestiegen waren, geleitete uns der Führer zu einem etwa eine Meile [1,6 km] westlich gelegenen Begräbnisplatz oder einer Sammlung von Grabmälern und kleinen Moscheen, von denen manche sehr schön waren. Die merkwürdigste davon war eine dem berühmten mohammedanischen Heiligen Nizam-du-deen zu Ehren errichtete kleine Kapelle. Um sein Heiligtum liegen die meisten Mitglieder der jetzigen kaiserlichen Familie, jedes in einem kleinen, mit einem durchbrochenen Geländer von weißem Marmor umgebenen Gehege begraben. Es wurde gerade an der Vollendung des Grabmals des Prinzen Jehangir, des dritten und geliebtesten Sohnes des regierenden Kaisers, gearbeitet, der unlängst zu Allahabad, wohin er wegen seiner wilden Gemütsart und seiner strafbaren Anschläge gegen seinen ältesten Bruder von der englischen Regierung verbannt wurde, gestorben war. Der Vater soll sich endlich selbst von der Notwendigkeit dieser Maßregel überzeugt haben, aber die alte Kaiserin kann sie nie vergeben, und ist noch jetzt überzeugt, dass ihr liebes Kind, das an den Folgen des Trunkes und aller möglichen anderen Laster starb, von den Engländern vergiftet worden sei. Das Haus Timur erschöpft seine letzten Hilfsquellen, um diese Leiche zu ehren, und das Grabmal wird zwar nicht groß, aber doch sehr elegant ausfallen. Die aus Marmor gehauenen Blumen sind so zart und geschmackvoll, wie sie von irgendeinem der gewöhnlichen italienischen Bildhauer geliefert werden. Ein anderes, mir sehr interessantes Grabmal ist das der Jehanara, einer Tochter des Schah Jehan, es zeichnet sich zwar weder durch seine Größe noch durch seine Schönheit aus, aber Jehanara war eine der wenigen liebenswürdigen Personen, die das Haus Timur aufzuweisen hat. In der Blüte der Jugend und Schönheit, als ihr Vater von seinem gottlosen Sohn Aurangzeb entthront, eingekerkert und, soviel ich mich erinnere, geblendet wurde, bat sie um Erlaubnis, seine Gefangenschaft teilen zu dürfen, und blieb bis zu seinem Tod seine treue Pflegerin. Später war sie die gütige Versorgerin der Armen und Gottesfürchtigen, und sie hat den Ruf einer Heiligen besser verdient als viele, denen er wie ihr zuteilgeworden.
   Unter diesen Ruinen findet man einen sehr tiefen Teich, der von Gebäuden umgeben ist, die sich 30 bis 70 Fuß [9-21 m] über die Oberfläche des Wassers erheben. Mehrere Knaben und junge Männer sprangen von oben herab ins Wasser, schwammen dann an den Treppenstein und zeigten sich für eine kleine Gabe sehr dankbar.
   Wir begaben uns nach der Jama Masjid und der Kala Masjid; die erstere Moschee liegt sehr hübsch auf einer felsigen Anhöhe, die wenigstens ebenso hoch ist wie die benachbarten Häuser. Vor ihr befindet sich ein mit Kreuzgängen umgebener und nach beiden Seiten offener Hof, von dem aus man die ganze Stadt übersehen kann, und in den man durch drei Tore gelangt, an deren jedem sich eine sehr schöne Treppe befindet. In der Mitte ist ein großes marmornes Wasserbecken mit einigen kleinen Springbrunnen, die durch Druckwerke vom Kanal aus versorgt werden. Der ganze Hof ist mit Granit gepflastert und mit Marmor ausgelegt. Auf der Westseite befindet sich die Moschee, zu der man auf einer Treppe hinansteigt, und in die man durch drei prächtige gotische Torwege gelangen kann, über denen sich eben so viele Kuppeln aus weißem Marmor befinden. An jedem der beiden Enden befindet sich ein sehr hohes Minarett. Das Bauwerk ist durchaus wohl erhalten, da die britische Regierung Gelder für Reparaturen angewiesen hat, was dem Volke von Delhi sehr wohl gefallen hat.
   Die Kala Moschee ist klein und empfiehlt sich bloß durch Einfachheit, Dauerhaftigkeit und hohes Alter. Sie ist das Werk der ersten patanschen Eroberer und gehört den Zeiten an, als der Mohammedanismus noch seine ganze ursprüngliche Einfachheit besaß. Sie ist auch ganz nach dem Plan der alten arabischen Moscheen erbaut und besitzt einen viereckigen, von Kreuzgängen umgebenen und mit vielen kleinen, höchst einfach und dauerhaft gebauten Kuppeln, die den rohesten Kuppeln der alten normannischen Architektur gleichen, besetzten Hof. Ein Minarett ist nicht vorhanden. Der Ausrufer, der die Stunde des Gebets ansagt, steht auf dem Dach.
   Der heutige Tag, der 31, Dezember, war zu meiner Audienz beim Kaiser bestimmt, dem ich in Gesellschaft von Herrn Lushington und Hauptmann Wade um 8 1/2 Uhr vorgestellt werden sollte. Um 8 Uhr begab ich mich ungefähr unter denselben Förmlichkeiten wie zu Lucknow zum Hofe. Diesmal saßen wir aber auf Elefanten statt in Palankins, und der Zug war etwas weniger glänzend; auch waren die Bettler weniger zahlreich und weit weniger laut und lästig. Bei unserer Ankunft präsentierte das innerhalb der Schanze aufgestellte Militär das Gewehr, und wir ritten auf unseren Elefanten durch das prächtige Tor und einen grandiosen Vorhof. Das Tor bestand nicht nur aus einem großartigen gotischen Bogen in der Mitte eines gewaltigen Turms, sondern setzte sich in einem langen Schiff wie das einer gotischen Domkirche fort, in dessen Mitte sich ein kleiner, achteckiger, ganz aus Granit gebauter und mit schön ausgehauenen Blumen sowie Inschriften aus dem Koran verzierter, nach oben offener Hof befand. Dieser schloss sich an einen halb verfallenen und ungewöhnlich unreinlichen Wirtschaftshof an, wo wir im Namen des Moguls von Hauptmann Grant und einer Anzahl ältlicher Männer mit großen, goldgeknöpften Rohrstäben, dem Abzeichen der kaiserlichen Beamten, empfangen wurden. Einen solchen Stab trug auch Herr Elliott. Man hieß uns nun absteigen und zu Fuß weiter gehen, was in Betracht des letzten Regenwetters und der dünnen Schuhe mit einigen Unbequemlichkeiten verbunden war. Hier wurden wir wieder von einem Schwarm von Bettlern, den Frauen und Kindern der Stallknechte, angefallen. Alsdann kamen wir wieder durch einen reich mit Bildhauerarbeit geschmückten, aber verfallenen und schmutzigen Torweg, wo unsere Führer einen leinenen Vorhang zurückschlugen und mit gellender Stimme ausriefen: »Seht die Zierde der Welt! Seht die Zufluchtsstätte der Nationen! Den König der Könige! Den Gerechten, den Glücklichen, den Siegreichen!« Vor uns tat sich ein sehr schöner und mit niedrigen, aber reich geschmückten Gebäuden umgebener Hof auf. Uns gegenüber stand ein offener Pavillon von weißem Marmor, der schön mit Bildhauerarbeit geschmückt war und zu dessen beiden Seiten sich Rosenbüsche und Springbrunnen befanden. Er war mit girlandenartig geordneten Tapeten und gestreiften Vorhängen umhangen, und in ihm befand sich ein Haufen Leute, in deren Mitte der arme alte Nachkomme Tamerlans saß. Hier bückte sich Herr Elliott dreimal tief, und wir folgten seinem Beispiel. Diese Zeremonie wurde, als wir die Stufen des Pavillons hinaufstiegen, zweimal wiederholt, und die Herolde priesen jedes Mal in denselben Ausdrücken die Größe ihres Herrn. Sie stellten uns nun rechter Hand vom Thron in eine Reihe; er besteht aus einer reich vergoldeten Art von Bettstelle aus Marmor, zu der einige Stufen hinaufführen. Herr Elliott trat nun vor, faltete nach orientalischer Sitte die Hände, und kündigte mit leiser Stimme dem Kaiser an, wer ich sei. Hierauf trat ich vor, verbeugte mich wieder dreimal und brachte ein Nuzzur [Gastgeschenk oder Tribut] von 51 Gold-Mohurs in einem auf meinem Schnupftuch liegenden gestickten Beutel dar, wie es die Baboos [die anglophilen Bengalis] zu Calcutta tun. Dieses wurde angenommen und beiseitegelegt, und ich blieb ein paar Minuten stehen, während der die gewöhnlichen Hoffragen über meine Gesundheit, meine Reisen, die Zeit, zu der ich Calcutta verlassen etc. an mich gerichtet wurden. Ich hatte auf diese Art Gelegenheit, mir den alten Herrn näher zu betrachten. Er hatte ein blasses, mageres, aber hübsches Gesicht mit einer Adlernase und einem langen weißen Bart. Seine Gesichtsfarbe ist wenig oder nicht dunkler als die eines Europäers. Seine Hände sind sehr weiß und zart und mit einigen anscheinend kostbaren Ringen geziert. Außer dem Gesicht und den Händen war nichts von ihm sichtbar; denn wegen der Morgenkühle hatte er sich so in Schals eingepackt, dass mir bei ihm der Druidenkopf auf einem halben Penny auf Wales einfiel. Ich kehrte nun zu meinem ersten Standplatz zurück und holte noch fünf Gold-Mohurs für den Thronerben, der seinem Vater zur Linken stand, während der Gesandte den Platz rechter Hand einnahm. Zunächst wurden meine beiden Begleiter ziemlich mit denselben Förmlichkeiten vorgestellt; allein deren Gaben waren geringer, und der Kaiser sprach nicht mit ihnen.
   Der Kaiser winkte mir nun, näher zu treten, und Herr Elliott sagte mir, ich möge meinen Hut abtun, den ich bisher aufbehalten hatte, und hierauf band mir der Kaiser einen wertlosen Turban von Brokat eigenhändig um den Kopf, wofür ich jedoch noch vier Gold-Mohurs erlegen musste. Man hieß uns nun abtreten, um die Khelats (Ehrenkleider) in Empfang zu nehmen, die die Zuflucht der Welt uns in Gnaden verabfolgen ließ. Man führte mich demzufolge in ein kleines, an das Zenana stoßendes Zimmer, wo ich einen hübschen, blumigen, mit Pelz eingefassten Kaftan und ein Paar Schals von gewöhnlichem Ansehen fand, womit mich meine Bedienten statt des Chorrocks bekleideten. Meinen Cassock wechselte ich nicht. In diesem sonderbaren Anzug musste ich zurückwandern. Meine beiden Begleiter hatten ebenfalls Kaftans erhalten, mit denen sie jedoch nicht in einem besondern Zimmer, sondern im Torweg des Hofes bekleidet worden waren. Sie nahmen sich, glaube ich, noch sonderbarer als ich, denn ihre Hüte waren mit Binden von blumiger Gaze umwunden, und auf den Schultern über ihren Kleidern trugen sie ein possierliches Mäntelchen von Gaze, Flittergold und verschossenen Bändern. Jetzt trat ich wieder vor und bot dem Kaiser mein drittes Geschenk an, das in einer arabischen Bibel und einem hindustanischen allgemeinen Gebetbuch, schön in blauen Samt mit goldenen Tressen gebunden und in Brokat gewickelt, bestand. Der Kaiser winkte mir nun, mich zu bücken, hängte mir eine Perlenschnur um den Hals und steckte mir zwei glänzende, doch nicht wertvolle Schmucke vorn an den Turban, wofür ich noch fünf Gold-Mohurs erlegte. Endlich wurde mir angekündigt, dass ein Pferd als Geschenk des Kaisers meiner harrte, und als die Herolde diesen neuen Beweis der kaiserlichen Freigiebigkeit verkündeten, musste ich abermals sechs Mohurs zahlen. Zuletzt nahm ich mit dreimal drei Salaams Abschied, sodass ich deren zusammen ungefähr ein Schock nötig gehabt, und nun zog ich mich mit Herrn Elliott in mein Ankleidezimmer zurück, von wo aus ich Ihrer Majestät der Königin, wie sie gewöhnlich genannt wird, obwohl Kaiserin der alte und eigentliche Titel ist, ein Geschenk von abermaligen fünf Gold-Mohurs schickte. Die kaiserlichen Chobdars [Träger des Amtsstabes] erkundigten sich angelegentlichst, wann sie mir aufwarten dürften, um ihr Bakschisch in Empfang zu nehmen. Man glaube jedoch nicht, dass dieser Tauschhandel mit Geschenken dem Kaiser oder mir große Kosten verursacht habe. Sämtliche Geschenke, die er mir machte, mit Einschluss des sehr hübschen Pferdes, kosteten nicht viel über 300 Siccarupien [in Bombay geprägte Münzen], so dass er diesen Morgen mit seiner Familie über 800 Rupien verdiente, die Geschenke meiner Begleiter ungerechnet, die reiner Gewinn waren, da deren Khelats wahrscheinlich aus abgelegten Hofkleidern der Königin gemacht waren. Auf der anderen Seite hat die Ostindische Gesellschaft die weise Einrichtung getroffen, dass alle bei dergleichen Gelegenheiten von eingeborenen Fürsten an Europäer gemachten Geschenke ihr zufallen, wogegen sie deren Bestreitung auf sich nimmt. Demnach ging keines der Geschenke, die ich machte, mit Ausnahme der beiden Bücher, die, wie ich hörte, dem Kaiser viel Vergnügen machten, weil sie ihm unerwartet kamen, auf meine Rechnung. Allerdings hatte ich später seinen Dienern noch mehrere Geschenke zu machen.
   Das kleine Zimmer, wo ich mich meines Pfauenschmuckes entledigte, fiel mir wegen seiner schönen Verzierungen auf, es war ganz mit weißem Marmor ausgelegt, in dem Blumen und Blätter aus grünem Serpentin, Lapislazuli und blauem und rotem Porphyr angebracht waren. Die Blumen waren im besten italienischen Geschmack und offenbar von einem italienischen Künstler gearbeitet, alles zeugte jedoch von Schmutz und Vernachlässigung. Wohl die Hälfte der Blumen und Blätter waren herausgenommen oder herausgefallen und Türen und Fenster halb verfallen, in der einen Ecke war eine Quantität alter Gerätschaften aufgehäuft, und vor einem zu den inneren Zimmern führenden Torweg war eine zerrissener Vorhang angebracht.
   So, sagte Herr Elliott, sei ungefähr der Zustand des ganzen Palastes, woran nicht geradezu Armut, sondern vielmehr Vernachlässigung schuld sei, da diese Leute nie daran dächten, etwas auszubessern. Ich dachte an den bekannten persischen Vers: »Die Spinne webt im Palast der Kaiser«, und fühlte mich von Traurigkeit bewegt, als ich den gegenwärtigen Zustand jener armen Familie mit dem verglich, in dem sie sich vor 200 Jahren befand.
   Nachdem ich meine gewöhnliche Kleidung wieder angezogen, warteten wir, bis uns gemeldet wurde, dass der König der Könige (Shah in Shah) sich nach seinem Zenana begeben habe. Alsdann besichtigte ich den Audienzsaal, den ich wegen der vielen darin befindlichen Leute und des von mir zu beobachtenden Zeremoniells vorher nicht gehörig hatte in Augenschein nehmen können. Es ist ein sehr schöner Pavillon von weißem Marmor, der auf der einen Seite zum Schlosshof und auf der anderen zu einem großen Garten offen ist. Die Pfeiler und Bogen sind mit ausgezeichnet schöner Bildhauerarbeit, vergoldeten eingelegten Blumen und Inschriften von ungemein sorgfältiger Arbeit, mit persischen Schriftzeichen versehen. um den Fries her liest man das Motto:
   »Gibt es ein Elysium auf Erden, so ist hier, ist es hier!«
   Der marmorne Fußboden ist überall, wo ihn keine Teppiche bedecken, auf dieselbe schöne Weise ausgelegt wie das kleine Ankleidezimmer, das ich soeben verlassen hatte.
   Die Gärten, die wir zuletzt besichtigten, sind nicht groß, müssen aber in ihrer Art ungemein schön gewesen sein. Es stehen darin sehr viel alte Orangen- und andere Obstbäume, man findet Terrassen und Beete mit vielen Rosenbüschen, und es blühten damals auf ihnen einige Jonquillen [Narzissen]. Ein Wasserkanal von weißem Marmor mit kleinen, in Gestalt von Rosen ausgehauenen Nebenröhren, verzweigt sich zwischen den Beeten, und am Ende der Hauptterrasse steht ein schöner achteckiger Pavillon aus Marmor, der mit Mosaikblumen ausgelegt ist und in der Mitte eine marmorne Fontäne hat, auf der Seite aber, in einer Nische, ein schönes Bade enthält. Aus den Fenstern dieses Pavillons, der dieselbe Höhe wie die Stadtmauer hat, genießt man einen schönen Ausblick auf Delhi und dessen Nachbarschaft; doch zeugte damals alles von Unreinlichkeit und Vernachlässigung. Das Bad und die Fontäne standen trocken. Der ausgelegte Fußboden war mit alten Gerätschaften und Kehricht aus den Gartenwegen bedeckt, und an den Wänden klebten die Exkremente von Vögeln und Fledermäusen.
   Man führte uns nun in die Privatmoschee des Palastes, ein kleines, ebenfalls marmornes Gebäude mit trefflicher Bildhauerarbeit, das aber gleichfalls vernachlässigt war, und seinem Verfall mit starken Schritten entgegen ging. Peepulbäume wuchsen ungestört aus den Mauern; von der Kuppel war die äußere Vergoldung zum Teil abgerissen, und mehrere Türen waren roh mit unberappten Backsteinen zugemauert.
   Zuletzt begaben wir uns nach dem Dewan-i-am oder dem öffentlichen Audienzsaal, der sich im äußeren Hof befindet, und wo bei gewissen Gelegenheiten der Großmogul sich seinen Untertanen im vollen Glanz zeigte, um deren Huldigungen und Bitten entgegenzunehmen. Auch dieser prächtige Pavillon ist von Marmor und hat mit dem anderen Audienzsaal in der Gestalt Ähnlichkeit, ist aber beträchtlich größer und nur auf drei Seiten offen, auf der vierten befindet sich eine schwarze Mauer, die mit demselben Mosaik von Blumen und Blättern bedeckt ist wie die Wände des kleinen Ankleidezimmers, und in der Mitte ein etwa 10 Fuß [3 m] über den Boden erhabener Thron, vor dem sich vorn eine kleine marmorne Plattform befindet, wo der Wesir zu stehen pflegte, um seinem Herrn die Bittschriften zu überreichen. Hinter dem Thron befindet sich Mosaikmalerei, die Vögel, vierfüßige Tiere und Blumen darstellt, und in der Mitte sieht man den Orpheus, dessen Spiel Tiere zuhören, woraus ich offenbar ergibt, dass die Arbeit von einem italienischen oder wenigstens europäischen Künstler herrührt. Dieser Saal war damals eine wahre Rumpelkammer, in der zerbrochene Palankins und leere Kisten umherlagen, und der Thron so mit Taubenmist bedeckt, dass die Zierrate kaum zu unterscheiden waren. Wie wenig mag wohl Schah Jehan, der Erbauer dieser schönen Werke, das Schicksal seiner Nachkommen oder auch nur sein eigenes vorhergesehen haben. »O Eitelkeit der Eitelkeiten!« steht wohl nirgends in deutlicheren Schriften zu lesen als auf den verfallenen Bauwerken von Delhi.

Heber, Reginald
Reise durch die oberen Provinzen von Vorderindien von Kalkutta bis Bombay in den Jahren 1824 und 1825
Band 2, Berlin 1832

Abgedruckt in:
Keller, Ulrike (Hg.)
Reisende in Indien seit 326 v. Chr.
Wien 2007

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