Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1828 - Elizabeth Grant
Der Monsun
Mumbai / Bombay

Der Beginn des Monsuns ist eine der größten Erscheinungen der Natur. Etwa eine bis zwei Wochen, bevor er ausbrach, sammelten sich Wolken an einem bis dahin immer gleichen Himmel. Tag für Tag nahm die Düsternis zu; und endlich entlud sich der Sturm. Wir waren dabei, zum Mittagessen Platz zu nehmen, als uns ein Gefühl von Atemnot, ein entferntes Grollen, eine plötzliche Dunkelheit fühlen ließ, dass da etwas Ungewöhnliches und Neues käme. Die Diener eilten zu den Jalousien und schlossen in größter Eile die Seite des Raumes, aus der der Sturm kommen würde. Aber das konnte uns nicht ganz schützen. Vor dem Wind schon, einem Wind, der plötzlich aufkam und mit solcher Gewalt über die Ebene daher gestürmt kam, dass er jedes Hindernis überwand, das ihm im Wege stand, und während er andauerte, konnten wir nichts anderes mehr hören, keine Schritte, keine Stimmen oder sonst ein Geräusch. In unseren gut gesicherten Räumen richtete er keinen Schaden an. Aber er brachte einen Schauer oder eher Wolken von Sand mit, der so fein und fast unmerkbar war, dass er einfach wie Luft durch jede Ritze hereinkam und mit einem roten Staub den Boden bedeckte, die Stühle, die Tische, und uns fast erstickte. Dann folgte eine kurze Windstille, so still, dass es Angst machte, und dann rollte der erste Donner. Er schien aus weiter Entfernung zu daher zu kommen, wurde dann lauter und explodierte plötzlich direkt über dem Haus mit überwältigender Gewalt. Ein Blitz folgte dem anderen, es war mehr, viel mehr als nur das übliche Aufleuchten. Und dann kam der Regen, wie man ihn nur in den Tropen kennt. Es goss in Strömen mit dem Getöse eines Wasserfalls. Und nun der Donner; wieder und wieder brachte er das Haus zum Erbeben, rollte herum in seiner Furcht erregenden Gewalt, als ob er die schreckliche Absicht hätte, die Welt untergehen zu lassen.
   Mutter und ich waren bleich wie Gespenster. Niemals in meinem Leben, nie vorher und nie nachher, habe ich mich so geängstigt. Es dauerte ungefähr zwei Stunden, dann setzte ein heftiger Regen ein, der träge und gleichmäßig Stunde um Stunde bis zur Mittagszeit des folgenden Tages anhielt. Dann kam ein zweites Gewitter, jedoch weniger schrecklich als das erste, aber das kam uns vielleicht auch nur so vor nach der Erfahrung von gestern. Danach regnete es noch zwei Tage unaufhörlich weiter, mit solch einem Lärm, dass wir ganz taub wurden und nichts anderes mehr hören konnten; Dunkelheit und die feuchte Kühle, die der Regen mitbrachte, bedrückten uns gleichermaßen. Aus Straßen wurden Flüsse, aus der Ebene ein See, die Wasserteiche liefen über. Kein Europäer zeigte sich im Freien. Eine Gesellschaft, die bei Bekannten zum Tiffin [Mittagessen] eingeladen war, blieb bei den Gastgebern während dieser ersten drei wilden Tage. Nur die Einheimischen wagten sich aus dem Schutz ihrer Häuser, die es ihrer Geschäfte wegen nicht vermeiden konnten, und sie zogen gegen diese Sintflut Ölzeug an, das den ganzen Körper bedeckte, auch das Gesicht, und aus diesem Ölzeug guckten sie durch zwei Glasaugen an entsprechender Stelle - eine abscheuliche Maskerade, aber absolut unverzichtbar.
   Nach der ersten schrecklichen Woche regnete es nicht mehr ununterbrochen und auch weniger heftig. Manchmal fuhren wir sogar aus, wenn das Wetter hin und wieder für eine Stunde oder sogar länger besser wurde. Aber während der gesamten Monsunzeit, die fast vier Monate dauerte, war das Wetter in Bombay ausgesprochen unangenehm, heiß, kalt, stickig, ermüdend, und alles, was man anfasste, war feucht. In den Räumen mussten häufig Feuerbecken unterhalten werden. All unsere Kleidungsstücke mussten auf Rohrgestellen getrocknet werden, die wie Kisten oder große Koffer aussahen und in denen gleichfalls Feuer brannten, und doch hing uns die Feuchtigkeit an; eine ungesunde Jahreszeit ist es nicht.
   Im Inland regnete es weniger, in Poona [Pune] und jenseits davon war es fast wie Schauerwetter daheim. Die Leute freuten sich außerordentlich über die frische Luft, während wir an der Küste dampften wie Fabrikschlote. Die letzte Woche des Monsuns war fast so wie die erste, er ging, wie er gekommen war, mit Gewitterstürmen.
   Ich freute mich, wieder einen wolkenlosen Himmel zu sehen. Der Oktober war aber ein trübsinnig stimmender Monat. Pfützen mit abgestandenem Wasser, verrottende Vegetation, unerfreuliche Gerüche und viele, viele Krankheitsfälle. Jetzt war die Zeit, da die kleinen weißen Zelte den ganzen Raum auf der Esplanade einnahmen. Die ulkigen kleinen Bungalows, die beim ersten Anzeichen der Regenzeit schleunigst abgebaut worden waren, wurden nun in aller Ruhe wieder aufgestellt, und zwischen ihnen und um sie herum lagerten die Kranken aus den Stationen im Inland, die auf der Suche nach Behandlung oder wegen einer Klimaveränderung gekommen waren oder um ihren Heimaturlaub in England anzutreten.

Grant, Elizabeth
Memoirs of a Highland Lady
London 1898
Übersetzung: U. Keller

Abgedruckt in:
Keller, Ulrike (Hg.)
Reisende in Indien seit 326 v. Chr.
Wien 2007

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