Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

Um 1585 - Ralph Fitch
Auf dem Ganges nach Benares
Varanasi

Ich kam nach Prayaga [heute Allahabad], wo der Fluß Yamuna in den großen Ganges-Strom mündet und seinen Namen verliert. Der Ganges kommt vom Nordwesten und fließt nach Osten in den Golf von Bengalen. In diesen Gegenden gibt es viele Tiger, Rebhühner, Turteltauben und viel anderes Wildgeflügel. In diesen Landstrichen gibt es auch viele Bettler, die nackt gehen, und die Leute halten sie sehr in Ehren. Sie werden »Schesche« (Jünger) genannt. Ich sah einen, der ein wahres Ungeheuer war. Er hatte keinen Faden am Leib; sein Bart war sehr lang, und mit seinem Haupthaar bedeckte er seine Scham. An manchen Fingern waren die Nägel fünf Zentimeter lang, denn er beschnitt nichts an seinem Körper. Wenn jemand ihn ansprach, legte er die Hand auf die Brust und verbeugte sich, sagte aber nichts. Nicht einmal mal zum König würde er sprechen.
   Wir fuhren von Prayaga den Ganges hinunter, der hier sehr breit ist. Es gibt verschiedene Arten von Fisch und Wildgeflügel, wie Schwäne, Gänse, Kraniche, und viele andere Dinge. Das Land ist sehr fruchtbar und dicht bevölkert. Die meisten Männer rasieren ihren Bart, haben aber lange Haare, bis auf die, die sich bis auf eine Art Krone die Haare abrasieren. Manche sehen aus, als ob sie sich eine Schüssel auf den Kopf gesetzt und darum herum rasiert hätten, bis auf eben diese Krone.
   Im Ganges gibt es viele Inseln. Sein Wasser ist süß und angenehm und das Land am Ufer sehr ertragreich. Wir fuhren bis nach Benares, einer großen Stadt, in der viel Baumwollstoffe und Turbantücher hergestellt werden. Alle hier sind Heiden und die größten Götzenanbeter, die ich je sah. Hierher kommen die Heiden aus fernen Ländern gepilgert. Am Ufer sieht man schöne Häuser, und in allen oder doch den meisten stehen Bildwerke, die sie verehren. Sie sind aus Stein oder Holz, manche ähneln Löwen, Leoparden oder Affen, manche Männern, Frauen oder Pfauen, und manche dem Teufel mit vier Armen und vier Händen. Sie sitzen im Schneidersitz, manche halten etwas in den Händen.
   Bei Tagesanbruch oder noch früher kommen Männer und Frauen aus der Stadt und waschen sich im Ganges. Und es gibt verschiedentlich alte Männer, die auf hergerichteten Plätzen sitzen und beten und den Leuten drei oder vier Strohhalme geben, die sie in den Fingern halten, wenn sie sich waschen. Und manche dieser Männer zeichnen den Leuten die Stirn, die Leute bringen in einem Tuch ein bisschen Reis, Getreide oder Geld und geben das den alten betenden Männern, wenn sie sich gewaschen haben. Dann gehen sie zu den verschiedenen Standbildern und opfern ihnen. Die alten Männer sagen bestimmte Gebete auf, und all das ist heilig.
   An manchen Stellen steht eine Art von Bild, das »Ada« genannt wird; und es gibt große behauene Steine, auf die sie Wasser gießen und auf die sie Reis, Weizen oder Gerste und andere Dinge streuen. So ein Ada hat vier Hände mit Klauen. Dann gibt es auch einen großen Platz, wie ein Brunnen aus Stein gemacht, mit Treppenstufen, die hinunter führen. Darin steht das Wasser faul und stinkend, denn Blumen, die sie dauernd in großer Anzahl hineinwerfen, verursachen den Gestank. Es sind immer viele Leute in diesem Brunnen, denn sie sagen, wenn sie sich darin waschen, werden ihnen ihre Sünden vergeben, denn Gott selbst habe sich dort gereinigt. Sie sammeln den Sand vom Grunde und behaupten, er sei heilig. Sie beten nur im Wasser und waschen sich und schöpfen Wasser mit beiden Händen und drehen sich herum und trinken drei Mal ein bisschen Wasser und gehen dann zu ihren Göttern, die in den Häusern stehen. Manche reinigen ein Stück Boden so groß wie sie lang sind, und beten auf dem Boden, Arme und Beine ausgestreckt, und legen sich nieder und stehen wieder auf, küssen den Boden zwanzig oder dreißig Mal, bewegen aber nicht den rechten Fuß. Und manche benutzen zu ihren Zeremonien 15 oder 16 kleine und große Töpfe und läuten eine kleine Glocke zehn oder zwölf Mal, wenn sie ihre Mischungen zubereiten. Und sie ziehen einen Kreis aus Wasser um ihre Töpfe und beten, und bei ihnen sitzen welche, und einer reicht ihnen die Töpfe. Über den Töpfen sprechen sie viele Male bestimmte Dinge, und wenn sie damit fertig sind, verteilen sie ihre Opferspenden, die sie für sehr heilig halten, und viele bekommen einen Punkt auf die Stirn, was sie für eine große Gabe halten. Fünfzig und manchmal hundert kommen zusammen, um sich in dem Brunnen zu waschen und den Götzen zu opfern. In manchen Häusern stehen Götzenbilder, bei denen im warmen Wetter jemand sitzt, um ihnen Wind zuzufächeln. Wenn sie jemanden kommen sehen, läuten sie mit einer kleinen Glocke, die sie umhängen haben, und viele geben Almosen, insbesondere die, die von auswärts kommen. Viele Götzenbilder sind schwarz und haben Klauen aus Messing mit langen Nägeln, manche Götter reiten auf Pfauen und anderen Vögeln, die böse aussehen, mit langen Habichtschnäbeln, die einen so, die anderen so, und keiner mit einem guten Gesicht. Einer wird besonders in Ehren gehalten, denn sie sagen, von ihm käme alle Ernährung und Kleidung, und immer sitzt jemand mit einem Fächer bei ihm, um ihm Wind zu machen.
   Hier werden manche zu Asche verbrannt, manche im Feuer geröstet [unvollständig verbrannt] und in das Wasser geworfen, und Hunde und Füchse fressen sie auf. Die Ehefrauen werden mit ihren verstorbenen Männern verbrannt; wenn nicht, werden ihre Köpfe geschoren und von ihnen wird nie wieder Notiz genommen. Die Leute gehen alle nackt, haben nur ein kleines Stück Stoff um die Mitte gebunden. Die Frauen bedecken Hals, Arme und Ohren mit Ringen aus Silber, Kupfer, Zinn und mit runden Reifen aus Elfenbein, die mit Bernstein und vielen Achaten verziert sind. Auf der Stirn tragen sie einen großen roten Fleck und einen Streifen Rot bis zur Haarkrone. In ihrem Winter, das ist in unserem Mai, tragen die Männer gefütterte Baumwollgewänder, die unseren Matratzen ähneln, und gefütterte Kappen, geformt wie ein großer Mörser in unseren Kaufläden, mit einem Sehschlitz zum Rausgucken, und unter den Ohren gebunden.
   Wenn ein Mann oder eine Frau krank ist und im Sterben liegt, legen sie ihn oder sie über Nacht vor die Götzenbilder, das soll helfen oder ein Ende machen. Wenn über Nacht keine Besserung eintritt, werden die Freunde kommen, ein bisschen verweilen und weinen, und dann den Kranken zum Fluss tragen und ihn auf ein kleines Floß aus Schilf setzen und den Fluss hinunter treiben lassen.
   Wenn sie heiraten, kommen der Mann und die Frau ans Ufer, und da ist ein alter Mann, den sie Brahmane (das bedeutet Priester) nennen, und eine Kuh, ein Kalb, oder eine Kuh mit Kalb. Dann gehen Mann, Frau, Kuh, Kalb und der alte Mann zusammen ins Wasser; der alte Mann bekommt ein Stück weißes Tuch, gut einen Meter lang, und einen zusammengebundenen Korb mit verschiedenen Dingen darin. Das Tuch legt der alte Mann auf den Rücken der Kuh, dann nimmt er die Schwanzspitze der Kuh in die Hand und sagte bestimmte Worte, und die Frau hat einen Topf aus Kupfer oder Messing voll mit Wasser, und der Mann hält die Hand des alten Mannes, und die Frau die des Mannes, und alle halten die Kuh am Schwanz und gießen Wasser aus dem Topf auf den Kuhschwanz; das Wasser rinnt über ihre Hände und sie fangen es mit ihren Händen auf, und dann bindet der Alte Mann und Frau mit ihren Kleidern zusammen. Wenn das getan ist, umrunden sie Kuh und Kalb, dann geben sie etwas den Armen, die immer dabei sind, und dem Brahmanen geben sie Kuh und Kalb und begeben sich zu verschiedenen Göttern und opfern Geld, legen sich flach auf den Boden, küssen ihn mehrere Male, und gehen dann ihrer Wege. Die wichtigen Götzenbilder sind schwarz und böse aussehend, ihre Münder riesig, die Ohren vergoldet und voller Juwelen, Zähne und Augen aus Gold, Silber und Glas, manche haben das eine oder andere in der Hand. Man darf die Häuser, in denen sie stehen, nicht mit Schuhen betreten. Vor ihnen brennen ewige Lampen.
   Von Benares fuhr ich den Ganges hinunter nach Patna; unterwegs passierten wir viele schöne Städte und fruchtbares Land, und viele große Ströme fließen in den Ganges, manche so groß wie der Ganges selbst. So wird er sehr breit, so breit, dass man bei Regen nicht von einer Seite auf die andere sehen kann. Die Inder, die nicht vollständig verbrannt in das Wasser geworfen werden, schwimmen mit dem Kopf nach unten, wenn es ein Mann ist, und mit dem Kopf nach oben, wenn es eine Frau ist. Ich nahm an, dass irgendetwas an sie gebunden wird, damit das so wird, aber man sagte mir, das sei nicht der Fall.

William Foster (Hg.)
Early Travels in India 1583 – 1619
London 1921
Übersetzung: U. Keller

Abgedruckt in:
Keller, Ulrike (Hg.)
Reisende in Indien seit 326 v. Chr.
Wien 2007

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