Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1803 - Adam Johann von Krusenstern
Santa Cruz, Teneriffa

Santa-Cruz ist zwar kein schön gebauter, aber doch nicht unangenehmer Ort. Die Häuser sind groß und von innen sehr geräumig, die Strassen zwar eng, aber gut gepflastert. Am Ufer hat der gewesene Gouverneur, Marquis de Branciforte, auf Kosten der Einwohner einen Garten mit einigen Reihen von Bäumen zum öffentlichen Spaziergang angelegt, der den Namen Almeyda führt. Da aber dessen Länge kaum hundert Faden beträgt, so entspricht er seinem Zweck nicht sehr; auch steht eine Schildwache vor der Pforte, von der man nicht selten abgewiesen werden soll, wenn man diesen öffentlichen Spaziergang genießen will, obgleich er auf allgemeine Kosten angelegt worden ist und auch auf diese Arte unterhalten wird. Der Kaufmann Barry, obwohl er in Orotava wohnt, muss jährlich hundert Piaster dazu beitragen, wie mir Herr Armstrong versichert hat.
  Auf dem öffentlichen Platze steht eine sehr gut gearbeitete marmorne Säule, die zu Ehren der Jungfrau Maria de la Candelaria errichtet ist. Die Säule ist mit emblematischen Figuren verziert.
  Die Guanchen, wie man mir erzählte, sollen zur Zeit der Eroberung der Insel die Jungfrau Candelaria mit einem Crucifixe in der Hand in einer Höhle (deren es sehr viele in den Gebirgen dieser Insel gibt) gefunden haben. Dieses Wunder, welches vielleicht den Eroberern notwendig schien, um die armen Guanchen zum Christentum zu bewegen, verdiente freilich am Ende des philosophischen Jahrhunderts mit aller Pracht und Kunst verewigt zu werden! Der Säule gegenüber steht die Festung St. Christoval, welche dem Lord Nelson im vorigen Kriege, da dieser zu rasche Seeheld Santa Cruz erobern wollte, seinen rechten Arm, und dem Kapitän Bowen sein Leben kostete. Es wäre, glaube ich, passender gewesen, das Andenken jenes siegreichen Tages, an welchem es den braven Einwohnern dieser Insel gelang, den kühnen Nelson zum Rückzuge zu zwingen, durch einen Obelisk zu verewigen, als einer absurden Fabel durch Errichtung eines Monuments den Stempel der Wahrheit aufdrücken zu wollen.
  Allgemeines Elend des Volks, Sittenlosigkeit des andern Geschlechts im höchsten Grade, und Scharen von feisten Mönchen, die in den Straßen, so bald es dunkel wird, herum ziehen, um ihren Sinnen zu frönen: dies sind die charakteristischen Merkmale von Santa Cruz, welche den Fremden, der eines solchen Anblicks nicht gewohnt ist, mit Mitleiden und Ekel erfüllen. Nirgend in der Welt vielleicht sieht man mehr zurückschreckende Gegenstände. In Lumpen gekleidete Bettler beiderlei Geschlechts und jedes Alters, dabei mit allen Arten ekelhafter Krankheiten behaftet, füllen die Straßen nicht weniger an als unzüchtige Mädchen, betrunkene Matrosen, und hagere missgestaltete Diebe. Ich muss fast glauben, dass es unter den Einwohnern dieses Orts von der untern Klasse in Hinsicht auf das Stehlen nur wenig Ausnahmen gibt. Man glaubt nach einer Insel des Südmeers versetzt zu sein; denn man wird trotz der größten Vorsicht bestohlen. Wenn ein Boot zu unserm Schiffe kam, so ward auch fast jedes Mal ein Diebstahl in Gegenwart aller Matrosen des Schiffs begangen, und ich war zuletzt gezwungen, niemanden an Bord des Schiffs kommen zu lassen.
  Die Inquisition ist hier wie in allen Besitzungen der Spanier eingeführt und wird, wie man mir versichert hat, mit voller Strenge ausgeübt, sie hat ihren Hauptsitz auf der Insel Canaria. Für einen frei denkenden Mann muss es entsetzlich sein, an einem Ort zu wohnen, wo er der Willkür der Inquisition und des Gouverneurs, welcher unumschränkte Gewalt über Leben und Tod eines jeden Bürgers ausgesetzt ist.
  Bis jetzt hatten die Gouverneure von Teneriffa, die auch zugleich Vizekönige aller Kanarischen Inseln sind, diese unumschränkte Macht nicht. Durch das Paquetboot, welches zugleich mit uns hier ankam, soll aber, wie mir Herr Armstrong erzählte, dem Gouverneur dieser neue Zuwachs an Macht überbracht worden sein. Was die Regierung dazu bewogen hat, konnte ich nicht erfahren. Zwar kann eine so unumschränkte Gewalt in den Händen eines aufgeklärten und wohldenkenden Mannes wie der Marquis de Cahigal sein soll, nicht schädlich sein; wer bürgt aber dafür, dass ein despotisch denkender, zügelloser Mensch nicht einst diese Stelle bekleiden wird! Wie sehr hier die Freiheit eines Bürgers eingeschränkt ist sieht man schon daraus, dass niemand ohne Erlaubnis des Gouverneurs auf die Reede, nicht einmal zu Besuch, fahren darf.
  Die Jahreszeit war schon ziemlich weit vorgerückt, wir fanden aber dennoch einen Überfluss an Weintrauben, Pfirsichen, Zitronen, Apfelsinen, Melonen, Zwiebeln und Kartoffeln. Alles war indes verhältnismäßig teuer. Auch ist er Preis des Weines in einigen Jahren sehr gestiegen, denn ich bezahlte 90 Piaster für die Pipe, welche sonst nur 60 zu kosten pflegte. Doch ist er gut und verbessert sich durch eine lange Seereise sehr, wenn er auch dem Madeira-Wein nicht gleichkommt. Da die schlechtere Gattung des hiesigen Weins nur 15 Piaster wohlfeiler war als die besser, kaufte ich zum Gebrauch der Mannschaft nur von der guten. Der Branntwein, der hier gemacht wird, ist schlecht und wird nur im spanischen Amerika konsumiert. In Europa würde er nicht getrunken werden.

Krusenstern, Adam Johann von
Reise um die Welt in den Jahren 1803, 1804, 1805 und 1806
1. Band, St. Petersburg 1810

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