Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1857 - Ferdinand von Hochstetter
Transportmittel auf Madeira

So viele Punkte an der Küste von Madeira auch den Namen „Porto“, d. i. Hafen, führen, so ist doch nirgends auf Madeira ein eigentlicher Hafen. Schroff und steil steigt die Küste in die Höhe und ein weisser Kranz schäumender Wogen umgürtet das grüne Eiland. Auch die Bai von Funchal ist nichts anderes, als eine offene Reede, dem Wogenandrang des Ozeans, zumal bei Südwinden, völlig preisgegeben. So ist das Landen hier auch immer mehr oder weniger ein Kampf mit den Wellen und der Brandung. Selbst wenn auf offener See die Oberfläche des Meeres ruhig erscheint, — bei Windstille oft spiegelglatt, wie mit Oel übergossen — so hört doch nie ein langsames Auf- und Abwogen auf in unendlich langen und breiten flachen Wellenbergen. Es ist dies wie ein Atemholen des Ozeans, das am Lande jene regelmässigen Brandungswogen verursacht, die auf dem Gerölle des Ufers zu langen Wellenmauern sich aufrichtend und überbrechend, mit weissem Schaumkranz heranrollen von Moment zu Moment, ein Schauspiel, das man, wenn man es zum ersten Male beobachtet, nicht lange genug betrachten kann, das zu den Hauptreizen von Madeira gehört. Man kann stundenlang Abends in der Dämmerung unter Platanen und Tamarinden träumerisch diesem dumpfen Rauschen der Wogen lauschen, wenn sie das schwarze Basaltgerölle vor sich herwälzen, und an den Felsen hoch aufspritzend sich brechen.
    Aber beim Landen macht diese Brandung selbst an dem flacheren Strande von Funchal einige Schwierigkeiten. Die Art, wie man an Land gesetzt wird, ist daher eine eigentümliche, und als ich später auf der Insel St. Paul im südindischen Ozean beobachten konnte, wie eine gewisse Art von Seevögeln, welche nicht fliegen können, die Pinguine, durch die furchtbarste Brandung unbeschädigt an Land schwimmen, da musste ich mich immer lebhaft an die Art und Weise erinnern, wie uns die Maderenser unter Lärmen und Schreien bei Funchal an Land gesetzt. Die Pinguine auf St. Paul' machen es genau so wie die Maderenser, als ob es die einen von den andern gelernt hätten. Kommen sie nämlich in die Nähe des Ufers, so machen sie da, wo eben die Brandung beginnt, Halt. Man sieht sie hier oft zu Hunderten herumschwimmen und ihre langen Hälse aus dem Wasser hervorstrecken. Sie warten eine grosse Welle ab. Jeder Küstenbewohner weiss es ja, und jeder Seemann stellt es als eine untrügliche Erfahrung hin, dass nach einer gewissen Pause auf viele kleine Wellen drei grosse kommen, die das Ufer weiter überfluten, als die kleinen. Das wissen die Pinguine so gut wie die Menschen, und darum warten sie wie diese die grossen Wellen ab, auf welchen sie sicher über das grobe Blockwerk des Ufers so weit auf den sandigen Strand kommen können, dass sie, wenn die Pause mit den kleinen Wellen kommt, von diesen nicht mehr erreicht und unter die Steine zurückgeschleudert werden. Während sie nun aber die grosse Welle abwarten, schauen sie nicht dem Ufer zu, sondern hinaus in's Meer, und kommt eine Wellenmauer, die nicht gross genug erscheint, um sie weit genug ans Ufer zu bringen, so sieht man sie plötzlich untertauchen, unter der Wellenmauer hindurchschwimmen, und bald darauf wieder jenseits auftauchen. Kommt aber die rechte Welle, so geht das nun auf der Welle mit Blitzesschnelle in langen Sätzen dem Ufer zu, und da steht der Vogel, stösst einen lauten Freudenschrei aus über seine glückliche Landung, schüttelt sich und hüpft dann während der Pause der kleinen Wellen ungeniert weiter, bis er ganz aufs Trockene kommt.
    Ebenso macht es der Maderenser. Wer es von dem andern gelernt hat, weiss ich nicht, wahrscheinlich sind aber beide unabhängig von einander auf dasselbe System gekommen, denn beide sind erfahrene Seeleute, und beide haben einen gewissen Grad von Beobachtungsgabe und Verstand. Das Verfahren der Maderenser ist nämlich folgendes. Man rudert im Boote dem Ufer zu und macht Halt, ehe man in die Brandung kommt. Nun wird das Boot gedreht, so dass sein scharfes vorderes Ende in die See hinaussteht und die vorübergehenden Wellen schneidet, ohne dass das Boot Gefahr läuft, von der Welle gehoben und umgeworfen zu werden. Kommt aber eine grosse Welle und ist sie eben am Boot vorübergegangen, so wird nun mit aller Macht auf der Welle und mit derselben unter vielem Schreien und Lärmen dem Ufer zugerudert, wo schon andere Leute bereit stehen, die abermals schreiend und lärmend, nachdem das Boot auf den Strand aufgefahren, dasselbe fassen und so schnell wie möglich samt Insassen, ehe eine zweite Brandung kommt, aufs Trockene ziehen.
    Doch ich habe mich vielleicht zu lange bei dieser Landungsszene aufgehalten, aber wir sind nun an Land, und zwar in Funchal, der Hauptstadt von Madeira, mit 29.000 Einwohnern, dem Sitz eines Bischofs und eines portugiesischen Gouverneurs.
    Man sieht in Funchal, und ich glaube, man darf sagen, auf ganz Madeira, keinen Wagen mit Rädern. Obgleich Jahr aus Jahr ein nie Schnee fällt, so fährt man doch Jahr aus Jahr ein im Schlitten. Die Equipage, in der die vornehmen Damen von Funchal zur Kirche oder auf den Ball fahren, ist ein Ochsenschlitten (caro). Auf einem Schlittengestell ruht ein nach unseren Begriffen altmodischer viersitziger Kutschkasten, und statt der Pferde sind Ochsen vorgespannt. - So rutschen die Funchaler Damen schleifend and kratzend über Steine und Sand durch die Straßen der Stadt, der Kutscher aber, ein Maderenser Bauer, die blaue Carapuça auf dem Kopfe und einen langen Stock mit einer eisernen Spitze statt der Peitsche in der Hand, treibt laut schreiend das träge Vieh an. Ebenso schleppt der Bauer die Erzeugnisse seines Bodens oder seine Weinfässer, wenn er noch so glücklich ist, solche voll zu bekommen, auf Schlitten über die Berge zur Stadt. Und auf zweisitzigen Schlitten, wie sie immer in grosser Anzahl bei der Muttergotteskirche Nostra Senhora del Monte bereit stehen, fährt man mit rasender Geschwindigkeit, gelenkt von zwei Männern, auf den mit glattem kleinem Basaltgerölle gepflasterten Wegen bergab nach Funchal. All dieses Schlittenfahren hat seinen Grund einfach darin, dass man Wagen mit Rädern auf Madeira nicht brauchen kann, weil alle Wege so steil bergauf und bergab gehen, und überdies durch das Basaltpflaster so glatt sind, dass Räder lebensgefährlich wären, wahrend es mit dem Schlitten fast ebenso gut geht wie bei uns im Winter auf dem Schnee,
    Erst in den letzten Jahren, ohne Zweifel auf Veranlassung der Engländer, welchen Spazierenreiten und Fahren ein Lebensbedürfnis ist, wurde die erste ebene Straße, die sog. New Road (d. h. neue Strasse) gebaut. die von Funchal in westlicher Richtung etwa 2 Stunden weit nach Camera dos Lobos führt, dem Meeresufer entlang. Diese Straße dürfte seither zur Einführung von Räderfuhrwerk Veranlassung gegeben haben, und jetzt die regelmässige Spazierfahrt der Funchaler sein.
    Will man weitere Excursionen auf Madeira machen, so hat man zwei Mittel zur Fortbewegung. Entweder man reitet oder man lässt sich tragen. Das zu Fuss  gehen ist ganz ausser Mode. Für 2 Dollar den Tag bekommt man die besten Reitpferde, meist von spanischer oder englischer Race und von ausserordentlicher Ausdauer und Sicherheit. Man kann sich ihnen auf den steilsten und schmälsten Pfaden, bergauf und bergab, an den tiefsten Abgründen vorbei, ganz sicher anvertrauen und hat immer einen „Arieiro" mit, der in der einen Hand einen Fliegenwedel, in der andern den Schweif des Pferdes hält, und so, wenn es in gestrecktem Galopp bergauf geht, sich hinten nachschleppen lässt. Nur in einer Luft und in einem Klima, wo Menschen und Tiere vor Lungenkrankheiten förmlich assekuriert sind, kann man so bergauf und bergab jagen wie auf Madeira.
    Ein anderes Mittel, das man namentlich da anwendet, wo die Wege derart sind, dass man Pferde wohl nicht mehr benützen kann, ist die Hängematte. An einer 2 Klafter langen, etwas elastischen Stange, welche zwei starke Männer auf den Schultern tragen, ist eine Hängematte angebunden, in der der Reisende ganz bequem liegt und sich so über Berg und Tal tragen lässt.
    Ich gestehe, als ich zum ersten Male diese Hängematten sah — auch Palankins sind in Gebrauch, doch nie für weitere Strecken — da dachte ich, es seien nur Lungenkranke, welche sich so tragen lassen. Ja, ich erinnere mich noch lebhaft meines Erstaunens, als eines schönen Morgens ein bekannter Botaniker von Funchal, mit welchem ich eine mehrtägige Tour über die Insel beschlossen hatte, an dem verabredeten Tage in der Hängematte liegend vor dem Hotel erschien, um mich abzuholen. Ich glaubte zuerst, mein Freund sei krank geworden, und als er mir die Sache erklärte und in mich drang, ich solle mir in jedem Falle auch eine Hängematte mieten, da konnte ich mich eines gewissen Unwillens nicht erwehren. Es schien mir eines Naturforschers, der seine Füsse stark und seine Lungen gesund fühlt, gänzlich unwürdig, sich wie ein Kranker in einem Bett herumtragen zu lassen, und so ging ich zu Fuss neben meinem bequemen Reisegefährten. Aber schon am zweiten Tage lag auch ich in der Hängematte. Ich hatte mich überzeugt, dass man mehr als gesunde Lungen haben muss, um dieses ewige Bergauf und Bergab auf Madeira in warmer Sommertemperatur zu ertragen, ohne schon nach kurzem Marsch so zu ermatten, dass man gänzlich unfähig wird zu beobachten und die herrliche Natur zu geniessen. Überdies hatten mir die Maderenser keine Ruhe gelassen. Sie konnten nicht begreifen, wie ein Fremder ohne Hängematte reisen könne, und waren mir oft stundenlang mit diesem Apparate nachgegangen, bis ich mich endlich entschloss, davon Gebrauch zu machen. Und ich gestehe nun gerne, dass ich diese Art zu reisen, bei der dem Reisenden das zu Fusse gehen, wenn er Lust dazu fühlt, ja nicht benommen ist, sehr zweckmässig fand. Man kann auf diese Weise in einem Tage leicht fast die doppelte Distanz eines gewöhnlichen Tagemarsches zurücklegen, und macht sich überdies noch die Landbewohner zu Freunden, die auf den kleinen Verdienst, welchen ihnen das Tragen bringt, bei einem Reisenden auf Madeira rechnen. Die Starke und Ausdauer solcher Träger ist oft bewundernswürdig. Bergauf und bergab, trällernd und in einem halb singenden, halb kläglich jammernden Tone unverständliche Strophen immer wiederholend, schreiten sie auch auf den schlechtesten Steigen mit ihrer Last vorwärts in einem Tempo, dass man mit gewöhnlichem Schritt ihnen nur schwer folgt. Während des Gehens wird die Tragstange von einer Schulter auf die andere gewechselt. Soll aber kurz ausgeruht werden, so unterstützt der Träger einfach seine Tragstange mittelst eines langen Stockes, ohne dass der Reisende auszusteigen genöthigt ist.
    Was die Schulter eines Maderensers zu tragen im Stande ist, davon kann ich noch einen andern Zug erzählen.
    Ich hatte in St. Vincente an der Nordseite der Insel, wo ich einer interessanten versteinerungsführenden Localität halber mich mehrere Tage aufgehalten hatte, eine ziemliche Quantität Steine und Petrefacten gesammelt, deren Gewicht ich zu mehr als einem Zentner schätzte. Ich wollte daher, um diese Last nach der Südseite der Insel, nach Funchal, zu bringen, ein Maultier mieten, mein Träger aber versicherte mich, was ein Maultier trage, das könne er auch auf seinen Schultern nach Funchal schleppen. Auch meinen Antrag, einen zweiten Mann zu nehmen und die Last zu teilen, liess er nicht gelten, sondern legte sich die Steine in einen geflochtenen Korb, den er mit seinem Stock unterstützend auf einer Achsel von St. Vincente bis nach Funchal trug, eine Strecke Wegs von zehn guten Stunden von einem Meeresspiegel zum andern über 5000' hohe Berge hinweg. Wasser und Brod waren seine einzige Nahrung. Ich sah unterwegs, dass er sich die Schulter ganz wund getragen und steckte Steine, die ich sammelte, in meine Seitentasche. Als der Mann dies bemerkte, blieb er stehen und war nicht eher weiter zu bringen, als bis ich ihm alle Steine in seinen Korb gegeben. So kamen wir spät Abends nach Funchal. Da war der ganze Lohn, den er verlangte, 5 Schillinge, und als ich ihm diese gab, da wollte er mir noch die Knie umfassen vor Dank und Freude.

Hochstetter, Ferdinand von
Madeira – Ein Vortrag
Wien 1861

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