Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1822 - James Weddell
Auf Bonavista
Kapverden

Die Mehrzahl der Bewohner dieser Insel zeichnet sich durch eine grenzenlose Trägheit aus, weshalb sie auch ein erbärmliches Leben führen. Sie haben viele Sklaven, die mit der Peitsche zu harter Arbeit angetrieben werden und sich hier nicht, wie an den meisten anderen Orten, auch nur eines Schattens der Freiheit erfreuen. Ihre Hauptbeschäftigung ist die Zubereitung des Salzes und ein unbedeutender Handel mit den benachbarten Inseln und den anlandenden Schiffen. Die Stadt Bonavista hat 40 bis 50 Häuser, die, ein halbes Dutzend etwa ausgenommen, meist nach Neger-Art aus Holz und Lehm aufgeführt sind. Die Farbe der Einwohner geht vom Weiß bis zum Mohrenschwarz durch alle Schattierungen, und alle sind, die Sklaven ausgenommen, durch Heiraten so untereinander verwandt, dass man sie als eine große Familie betrachten kann.
    Drei Meilen östlich von Bonavista liegt Nova Cidade oder die Neustadt, wo der Gouverneur gewöhnlich residiert, sie hat eine hübsche Kirche und über hundert Wohnungen, von denen die meisten Hütten sind. Der Gouverneur sprach gut Englisch und erzeigte sich sehr artig und mitteilend, er war ein Europäer, Oberst in der portugiesischen Armee, etwa 65 Jahre alt und seit 42 Jahren Gouverneur von Bonavista. Nach seiner Angabe lebten 3.000 Menschen auf Bonavista, unter denen beinahe 300 Mann reguläre Truppen wären. Der Boden sei sehr fruchtbar, wenn der Regen zur gehörigen Jahreszeit einfiele; oft aber fehle es sogar an gutem Trinkwasser, und folglich kann hier kein Schiff mit Sicherheit auf Wasser rechnen. Die Lage des Ankerplatzes war nach meinem Chronometern 22 ° 0’ 59’’.
    Man kann hier Schweine, Ziegen, Schafe, und Geflügel einkaufen, aber alle diese Tiere sind mager und von geringerer Art als zu St. Jago, wo man zwar teurer, aber doch mit mehr Vorteil einkauft. Als ich auf meiner letzten Reise dort einlief, besuchte ich den Gouverneur, der sich an Bord eines in der Bai vor Anker liegenden Kriegsschoners befand: er sah gut aus und trug eine Generalsuniform. Da ich ihm erzählte, mein Aufenthalt habe den Zweck, mir Proviant zu verschaffen, ohne daß ich vor Anker gehen wollte, so erteilte er mir augenblicklich Erlaubnis, an Land zu gehen, und empfahl mir zugleich den Hühnerhof seiner Gemahlin, die mich seiner Versicherung nach sehr gut versehen werde. Ich war nicht wenig überrascht, daß sich die Gemahlin des Gouverneurs zu solch einem Handel herabließe, doch ging ich gleich zu ihrem Palast, an dessen Tor ein Soldat stand, der mir den Zutritt verweigert, bis ich ihm den Zweck meines Besuches erklärte, worauf ich diese Schildwache undn och zwei andere passieren durfte.
    Ich fand die gnädige Frau in einer Inspektion ihres Hühnerhofes begriffen, der von allerlei Geflügel wimmelte. Nach Kaufmannsweise lobte sie ihre Ware, sprach von dem wohlfeilen Preis, und ich wählte eine Zahl welscher Hühner und anderer aus. Der Handel wurde bei einem Glas Wein im Hause abgeschlossen, und sie bat ihren vierzehnjährigen Sohn, mir etwas auf der Gitarre vorzuspielen, was er mit besonderer Geschicklichkeit tat; nachdem ich ihm eine Weile zugehört hatte, empfahl ich mich und ging an Bord.

Weddell, James
Reise in das südliche Polarmeer in den Jahren 1822 bis 1824
Weimar 1827

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