Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1585 - Walter Bigges
Francis Drake auf den Kapverden

Am Morgen des 16. November sichteten wir die Insel Sankt Jago [Santiago] und gingen abends mit der Flotte bei der Stadt Playa oder Praya vor Anker, wo wir 1.000 oder mehr Mann unter dem Kommando von Generalleutnant Christopher Carleil an Land setzten, der diesen Auftrag als kluger Kommandeur ausführte. Die Stelle, an der wir zu marschieren anfingen, war nicht gut, denn die Gegend war bergig und voller Täler und damit unser Weg steinig und mühsam. Aber er war so eifrig, dass wir nicht rasteten, bis wir auf eine schöne Ebene kamen, wo wir anhielten, um die Truppe in Ordnung zu bringen. Als wir alle auf dieser Ebene versammelt waren, etwa zwei Meilen vor der Stadt, hielt es der Generalleutnant für gut, nicht vor Tagesanbruch anzugreifen, denn es gab niemanden, der als Führer diesen konnte oder etwas über die Stadt wusste.
   Nach guter Rast befahl er eine halbe Stunde vor Tagesanbruch, die Truppe nach seinen Befehlen in drei Gruppen aufzuteilen. Nachdem wir vorher in mehreren Abteilungen marschiert waren, wozu uns die Schwierigkeiten des Geländes zwangen, waren wir jetzt ordentlich aufgestellt und der Tag begann zu grauen. Wir marschierten los und trafen auf keinen Feind; dann befahl der Generalleutnant den Kapitänen Sampson und Barton, mit je 30 Schützen in die Stadt vorzurücken; die war unten im Tal von der Stelle, wo die Truppe jetzt lagerte, ganz einsehbar. Dann wurde ihnen unsere große Flagge hinterhergeschickt, auf der nichts als das einfache englische Kreuz zu sehen war, um sie gegen See zu aufzustellen, damit unsere Flotte sah, das das Kreuz des Heiligen Sankt Georg in des Feindes Fort flatterte. Es wurde Befehl gegeben, alle Geschütze in der Stadt und auf allen Befestigungen, davon gab es etwa sechzig, die schon geladen waren, zu Ehren des Krönungstages Ihrer Majestät, nämlich des 17. November, abzufeuern. So war es Sitte nach der fürstlichen Sitte, und die Geschütze aller Schiffe der Flotte, die nun näher gekommen war, antworteten. Es war denkwürdig, den donnernden Lärm so lange zu hören. Der Generalleutnant hielt seine Truppen noch auf dem Hügel, bis in der Stadt Quartier für die ganze Armee bestimmt war. Dann bezog jeder Kapitän sein Quartier, und es wurden ausreichend Wachen in jedem Stadtteil aufgestellt, sodass wir den Feind nicht fürchten mussten.
   So blieben wir vierzehn Tage in der Stadt und nahmen uns die guten Dinge, die die Insel bot. Das waren hauptsächlich Wein, Öl, Mehl, auch solche Sachen wie Essig, Oliven und anderes, was dort als Ware für den Handel mit dem Osten gilt. Aber Schätze oder andere Werte gab es sonst keine.
   Die Lage von Sankt Jago ist merkwürdig, die Stadt ist wie ein Dreieck geformt. Im Osten und Westen hängen darüber steile und schroffe Berge, auf deren Gipfeln Befestigungen gebaut sind, die die Stadt vor jedem Schaden bewahren sollen. Im Süden liegt die See, und im Norden ist das schon erwähnte Tal zwischen den Bergen. Stadt und Tal sind sehr eng, und der Abstand zwischen den zwei Abhängen ist nicht mehr als 200 bis 240 Meter.
   In der Mitte des Tales fließt ein Bach oder Fluss mit Süßwasser, der nahe am Meeresufer einen Teich bildet. Dort fassten wir sehr einfach und mit Vergnügen Wasser für unsere Schiffe. Nördlich der Stadt ist das Tal etwas weiter als in der Stadt selbst; dort besteht es ganz aus Gärten und Obsthainen, wohl angebaut mit den verschiedensten Früchten, Kräutern und Bäumen wie Zitronen, Orangen, Zuckerrohr, Kokosnüssen, Kochbananen, Kartoffeln, Gurken, kleinen runden Zwiebeln, Knoblauch und anderen Pflanzen, die ich vergessen habe. Die Kokosnüsse und die Kochbananen sind sehr angenehme Früchte. Die Kokosnuss hat eine harte Schale und darum grüne Fasern wie unsere Walnuss, aber sie ist viel größer, größer als jeden Mannes beide Fäuste. Aus der harten Schale macht man in England Trinkgefäße, in Silber gefasst; die habe ich selbst gesehen.
   Innen an der harten Schale befindet sich eine weiße Rinde, die dem Weißen eines gekochten Eis sehr ähnlich ist. Und innen unter der Rinde ist ein weißliches und sehr klares Wasser, etwa ein Viertelliter; beides hat einen kühlen und frischen Geschmack und ist so angenehm wie nur möglich und, wie ich gehört habe, der Wiederherstellung der Gesundheit dienlich.
   Die Kochbanane wächst in Schoten, etwa wie die Bohne, aber sie ist größer und wächst zu mehreren am Stamm. Wenn sie reif ist, wird das Fleisch in der Schote gelb und ist sehr süß und wohlschmeckend.
   Eines Tage kam ein Portugiese mit einer Parlamentärsflagge zu uns im westlichen Fort. Die Kapitäne Sampson und Goring wurden ihm entgegen geschickt; er fragte sie als erstes, welcher Nationalität sie wären, und auf die Antwort, sie wären Engländer, wollte er wissen, ob Krieg zwischen England und Spanien; sie antworteten, sie wüssten es nicht, aber wenn er den General [Drake] träfe, könne der ihm Genaueres sagen. Sie sagten ihm sicheres Geleit zu, aber er lehnte ab, denn er war nicht von seinem Gouverneur beauftragt. Dann erklärten ihm die Kapitäne, wenn der Gouverneur, was zum Besten seines Volkes und Landes sei, sich unserem edlen und großmütigen Befehlshaber Sir Francis Drake präsentierte, würde er auf gute Behandlung für sich und die Bewohner rechnen können, anderenfalls würden wir nach drei Tagen durch das Land marschieren, alle bewohnten Orte in Brand setzen und dem Schwert jede arme Seele überantworten, auf die wir treffen würden. Mit dieser Antwort verließ er uns und versprach, am nächsten Tag wiederzukommen, aber wir haben nichts mehr von ihm gehört.
   Am 24. November rückten der General und der Generalleutnant mit 600 Mann zu einem Dorf ab, das ungefähr 12 Meilen landeinwärts lag und Santo Domingo heißt; dort waren der Gouverneur und der Bischof mit den besser gestellten Leuten untergebracht. Gegen acht Uhr kamen wir an und fanden den Ort verlassen, die Bewohner waren in die Berge geflüchtet. Wir machten Halt, um zu rasten und zu sehen, ob jemand zu uns kommen und mit uns sprechen würde.
   Nachdem wir ausgiebig gerastet hatten, befahl der General den Rückmarsch; dabei zeigte sich der Feind sowohl zu Fuß wie zu Pferde, aber nicht in solcher Stärke, dass er es mit uns hätte aufnehmen können. Wir brachten einige Zeit mit ihnen zu, und so wurde es spät und Nacht, bevor wir nach Sankt Jago zurückkamen.
   Am Montag, dem 26. November, hat der General mit allen Pinassen und kleineren Booten die Truppen möglichst schnell auf ihre jeweiligen Schiffe bringen lassen. Der Generalleutnant befahl Kapitän Goring und Leutnant Tucker, mit 100 Schützen auf dem Marktplatz Stellung zu beziehen, bis die Einschiffung beendet war. Der Vizeadmiral ließ seine Pinasse und andere Boote im Hafen, um diese letzte Gruppe auf die Schiffe überzusetzen. Der General befahl auch, ein großes Boot und zwei Pinassen mit den Kapitänen Barton und Bigs und deren Leuten unter Befehl von Kapitän Sampson nach Praya oder Playa zu schicken, um nach vergrabenen Kanonen zu suchen; die hatte uns ein Mann verraten, den wir am Tag zuvor gefangen genommen hatten.
   Die Kapitäne kamen also an Land, booteten ihre Leute aus und stellten sie auf. Kapitän Sampson nahm sich den Gefangenen vor, damit er uns das Versprochene zeige; aber der konnte oder wollte nicht. Bei der Suche an allen verdächtigen Stellen fanden sich zwei Geschütze, eins aus Eisen, eins aus Bronze. Am Nachmittag ankerte der General mit dem Rest der Flotte vor der Stadt; er kam selbst an Land und befahl uns, die Stadt niederzubrennen und dann eiligst an Bord zu kommen. Ersteres war gegen sechs Uhr getan, und wir kehrten am selben Abend auf die Schiffe zurück und segelten davon in Richtung Südsüdwest.
   Während der ganzen Zeit unseres Aufenthaltes kamen weder der Gouverneur des Königs von Spanien (der ein Portugiese ist) noch der Bischof, dessen Autorität groß ist, noch die Bewohner der Stadt oder der Umgebung zu uns, was wir von ihnen erwartet hatten, um uns zu bitten, dass wir ihnen die benötigten Lebensmittel ließen oder zumindest, dass wir bei unserer Abfahrt die Stadt in Trümmer legten. Der Grund für dieses unangebrachte Misstrauen war, so glaube ich, die Erinnerung an die Schandtaten, die sie an William Hawkins aus Plymouth während dessen Reise vier oder fünf Jahre zuvor verübt hatten, als sie ihre Zusagen gebrochen und viele seiner Männer ermordet hatten, was ich als bekannt voraussetzte und deshalb hier nicht wiederhole. Das sie nun keinen Kontakt aufnahmen, hinterließen wir schriftlich an verschiedenen Stellen und auch im Spital, das wir als einziges Haus verschonten, unsere Unzufriedenheit und unseren Zorn über ihr Nichterscheinen, ebenso wie über ihre grausame Art, mit dem Leichnam eines unserer Jungen umzugehen, den sie allein angetroffen hatten, dem sie Kopf und Herz genommen hatten und die Eingeweide auf brutale und tierische Weise verstreut hatten. Um das zu rächen, setzten wir alle Häuser in Brand, sowohl in der Umgebung wie in der Stadt.

Bigges, Walter
The voyages of the ever renowned Sir Francis Drake into the West Indies
London 1683
Übersetzung: U. Keller

Reiseliteratur weltweit - Geschichten rund um den Globus. Erlebtes und Überliefertes aus allen Teilen der Welt. Entdecker – Forscher – Abenteurer. Augenzeugenberichte aus drei Jahrtausenden. Die Sammlung wird laufend erweitert – Lesen Sie mal wieder rein!