Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1932 - Ernst Udet
Sorge wird gerettet
Rink-Gletscher

   Sechzig Kilometer sind's über die Wasser des Fjords bis hinauf nach Nugaitsiak. Dort oben ist das Lager der Expedition, dort sind Fanck und die andern Teilnehmer der Expedition. Der Film "SOS! Eisberg" wird gedreht.
   Drei Leuchtkugeln steigen auf aus dem Lager von Nugaitsiak. Das heißt, ich soll landen. Es ist nicht leicht am hohen Steinstrand. Zwei Mann helfen mir dabei, dann laufe ich hinauf zu den Zelten. Dort sind alle in Aufregung. Dr. Sorge ist verschwunden, der wissenschaftliche Begleiter der Expedition. Vor acht Tagen ist er abgefahren im Faltboot nach Norden hinauf zum Rink-Gletscher.
   "Sieben Tage kannst du ohne Sorge sein", hatte er lachend zu seiner Frau gesagt, als er abfuhr, "aber wenn ich am achten nicht zurückkomme, benachrichtige Frank und die anderen."
   Dann ist er abgefahren mit seinem kleinen Klepperboot, in den schmalen Wasserrinnen zwischen dem Packeis verschwunden. Er ist ganz allein gefahren. Die Eskimos, die ihn begleiten wollten, hat er zurückgewiesen. Heute ist der achte Tag. Und heute morgen ist ein Jäger ins Lager gekommen, der im Kangerdluk-Fjord auf Seehunde aus war. Er hat dicht hinter den großen Wasserfällen die Trümmer eines Faltbootes auf dem Packeis gefunden. Den Steven hat er mitgebracht. Kein Zweifel, es ist ein Stück von Sorges Boot.
   Wir starten sofort, Schneeberger und ich. Wir fliegen den Kangerdluk hinauf, über dem Packeis zwischen den schwarzen, fast tausend Meter hohen Felsen entlang, die das gewaltige Becken des Inlandeises säumen.
   Am Wasserfall, der wie eine weiße Marmorsäule im dunklen Basalt steht, kreisen wir auf und nieder.
   Aus den Rissen im Eise dampft die Kälte des Meeres zu uns herauf. Manchmal sehen wir schwarze Schatten auf der blauschimmernden Fläche. Aber wenn wir hinabstoßen, dann ist's nur eine Scholle, die der erdige Grund des Festlandes schwarz gefärbt hat.
   Unser Benzin wird knapp, wir müssen zurück. Als wir landen, läuft uns das ganze Lager entgegen.
   Ich gehe hinauf in Sorges Zelt. Dort wartet seine Frau. Sie sitzt auf dem schmalen Feldbett. Sie sitzt stumm da, mit starrem Gesicht, ringt die Hände, daß die Knöchel weiß hervortreten. Diese verzweifelten Frauenhände sind schlimmer als Tränen.
   Ich lasse tanken zum zweiten Start, diesmal allein. Aber Schneeberger klettert schon in die Kiste: "Vier Augen sehen mehr als zwei!" erklärt er.
   Wir fliegen.
   Jetzt will ich weiter nach Norden hinauf. Es ist ein Gedanke von mir: vielleicht ist Sorge viel weiter nördlich verunglückt, und das Packeis hat die Bootstrümmer mit nach Süden geführt.
   Wir fliegen in halber Höhe der Felsen. Manchmal müssen wir den ragenden Zacken hoher Eisberge ausweichen, der Fjord wird immer enger, immer düsterer.
   Der Rink-Gletscher - Sorges Ziel: ein Dom aus schimmerndem Eis. Hundertzwölf Meter hoch und fünfzehnhundert Meter breit ragt die glasgrüne Mauer aus dem Meer auf. Hier schiebt sich das Inlandeis in seiner ganzen Mächtigkeit in die Wellen.
   Wir jagen an der Gletscherwand entlang ... keine Spur von Sorge.
   Ein Blick nach oben. Da - vom dunklen Gestein am Südrande des Gletschers steigt pfeilgerade eine dünne Rauchsäule in den Himmel.
   Wir kurven, fliegen darauf zu. Schneeberger deutet mit ausgestreckter Hand nach unten. Ein paar überlebensgroße Männer stehen wie Schildwachen auf dem Felsen. Ich halte auf sie zu. Es sind Felssteine, denen Sorge Kleider von sich übergezogen hat. Seinen bunten Sweater, seine Mütze. Sie sollen uns auf den Weg zu ihm führen.
   Dann sehen wir ihn selbst. Der dürre, vollbärtige Mann hopst um das Feuer herum wie ein Baalspriester, wirft seine Arme zum Himmel.
   Wir umkreisen ihn, winken. Den Knüppel zwischen den Knien, kritzle ich schnell ein paar Zeilen: "In zwei Stunden ist Boot bei Ihnen", schiebe das Papier in eine leere Patronenhülse, werfe sie ab. Wir sehen noch, wie er es aufhebt. Dann fliegen wir zurück.
   Unterwegs treffen wir unser Motorboot. Langsa schiebt es sich durch das Packeis nach Norden. Wieder werfen wir einen Zettel ab mit der Positionseldung von Sorges Standort. Winken ...Tücherschwenken ...
   Im Lager freudige Aufregung. Aus allen verfügbaren Gefäßen wird das letzte Benzin zusammengekratzt für den dritten Flug. Denn es ist nicht sicher, daß das Motorboot Sorge heute noch erreicht.
   Diesmal kann Schneeberger nicht mit. Auf dem Beobachtersitz steht, mit einem Strick zusammengebunden, ein großer Sack mit Lebensmitteln, Brennstoff, Decken.
   Sorge hat mich schon von weitem gehört. Er steht auf einer Felszinne und winkt mir. Dicht über ihm ziehe ich meine Kreise. Ich packe den Sack, hebe ihn aus dem Beobachtersitz. Da spüre ich einen scharfen Ruck am Hals, mein Kopf wird nach hinten gerissen, schlägt gegen die Rückwand des Sitzes. Der Strick des Proviantsacks hat sich um meinen Hals geschlungen, würgt mich.
   Das Flugzeug flattert dicht über dem Felsgrund. Mein Griffmesser - ein rascher Schnitt - ich bin frei! Ich fasse den Knüppel wieder, sehe nach unten.
   Der Sack ist Sorge gerade vor die Füße geplumpst. Er hat nichts von allem bemerkt, winkt und schüttelt die gefalteten Hände zu mir herauf.
   Sechs Tage später ist Sorge wieder in Nugaitsiak. Er hat das gewaltigste Schauspiel erlebt, das je ein Mensch gesehen hat. Eine Kalbung des Rink-Gletschers. Eismassen, so groß wie alle Häuser Berlins zusammen, sind ins Meer gestürzt, dreihundert Meter hoch spritzten die Wasserfontänen. Und eine Flutwelle hat sein Boot, das vier Meter über dem Strand an dem Felsen lag, zertrümmert und die Reste nach Süden entführt.

Udet, Ernst
Ein Fliegerleben
Stuttgart 1981

Reiseliteratur weltweit - Geschichten rund um den Globus. Erlebtes und Überliefertes aus allen Teilen der Welt. Entdecker – Forscher – Abenteurer. Augenzeugenberichte aus drei Jahrtausenden. Die Sammlung wird laufend erweitert – Lesen Sie mal wieder rein!