Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1854 - Elisha Kent Kane
Am Humboldtgletscher
Nordgrönland

Von Kap Alexander aus beinahe nördlich laufend, biegt die Küste nunmehr fast im rechten Winkel um nach Osten bis über den 65. Längengrad. Zwischen dem Zufluchts- und dem Rensselaerhafen gibt es keine tiefen Einbuchtungen und keine Gletscher; vom letzten Punkt aus aber, wo sich die Küste wieder mehr nördlich wendet, beginnen die tiefen Landeinschnitte und eisigen Fjorde wieder, wie sie sich schon im Smith-Sund zeigen. Der geologische Charakter wird ebenfalls ein anderer und die Klippen der Küste bilden eine Folgereihe höchst mannigfaltiger und malerischer Gebilde, bei denen die Einbildung nur wenig zu tun hat, um in ihnen Ruinen menschlicher Riesenbauwerke zu sehen. Sie treten kühn an die Wasserlinie heran, manchmal über 300 Meter sich erhebend, und die Schuttkegel an ihrer Basis mischen sich mit dem Eisfuß. Die Küste behält diesen Charakter bis zum großen Humboldtgletscher hin. Sie hat vier große Buchten, die alle im Hintergrund in tiefe Schluchten übergehen, durch die Wasserströme von inneren Gletschern herabfließen. Das Tafelland selbst, wie es an den Humboldtgletscher herantritt, kann durchschnittlich an die 270 Meter Höhe haben.
   Die malerischsten Partien finden sich zwischen Kap Russell und der Dallasbucht. Hier kontrastiert der rote Sandstein sehr vorteilhaft mit der blendenden Weiße und bringt in die kalten Töne der melancholischen Polarlandschaft etwas von südlicher Wärme. Die Witterungseinflüsse haben auf die verschiedenen Schichten der Klippen so gewirkt, dass sie wie Mauerwerk aussehen, und ein schmaler Streifen Grünstein zuoberst bildet recht gut die Zinnen nach. Eines dieser interessanten Naturspiele nannten wir die Dreibrüdertürme. Die Schuttböschung am Fuß der mauersteilen Küste führte wie eine künstlich angelegte Rampe hinauf in die Schlucht, die von der Mittagssonne hell beleuchtet war, während alle übrigen Felsen im schwärzesten Schatten standen. Gerade am Rande dieser sonnenhellen Öffnung erhob sich das fantastische Bild einer von drei Türmen flankierten Burg, völlig frei stehend, in scharfen Umrissen. Dies waren die Dreibrüdertürme. Ein Stück weiter zeigte sich ein noch überraschenderes Naturgebilde. Eine einzelne Grünsteinklippe, noch mit den Zeichen ihrer ehemaligen Einhüllung durch Kalkschiefer, erhebt sich aus Sandsteintrümmern wie der glatt behauene Steinwall einer alten Festung. Auf ihrem nördlichen Ende, am Rand einer tiefen Schlucht, die sich in den Trümmern verliert, steht eine einsame Säule oder ein Spitzturm so fix und fertig, als ob sie für die Place Vendôme bestimmt sei. Die Höhe des Schaftes allein ist 150 Meter, und sie erhebt sich auf einem Unterbau, der wieder 85 Meter misst. Unvergesslich ist mir die Bewegung meiner Begleiter beim ersten Anblick dieses Naturgebildes. Wir nannten es Tennysons Denkmal. Hinter diesem Punkt liegt die Gesellschaft kleiner Inseln, deren jede nunmehr den Namen eines derjenigen trägt, die die Wechselfälle dieser Expedition geteilt haben, und östlich von hier streckt sich der große Humboldtgletscher hin.
   Meine Erinnerungen an diesen Gletscher sind noch sehr lebhaft. Es war ein schöner klarer Tag, als ich ihn zum ersten Mal erblickte, und ich besitze noch eine Anzahl Skizzen, die ich aufnahm, während wir uns an ihm entlang bewegten. Sie genügen mir freilich nicht, da sie zu viel von der weißen Oberfläche und den verschwimmenden Entfernungen geben und die Großartigkeit der wenigen von der Natur gezeichneten kühnen und einfachen Linien fast ganz verloren geht. Ich will nicht versuchen, durch eine poetische Schilderung etwas Besseres zu geben. Über den Niagara und den Ozean schreibt man immer nur Rhapsodien. Meine Aufzeichnungen sprechen einfach von der langen, ewig strahlenden Eisklippe, die sich durch die Perspektive in einen scharf gespitzten Keil verjüngt, von der glänzenden Eiswand, die sich in langer Bogenlinie aus dem niedrigen Inneren erhebt, die Vorderseite grell von der Sonne beleuchtet. Aber diese Eisklippe stieg wie eine massive Glaswand 150 Meter über die Wasserfläche empor und verlor sich nach unten in eine unbekannte, unergründliche Tiefe, und ihr gekrümmter Lauf, von dem einen zum anderen Kap 100 Kilometer lang, verschwand im unerforschten Raum, eine einzige Eisenbahntagesreise vom Nordpol. Das Binnenland, mit dem der Gletscher zusammenhing und aus welchem er hervorging, war ein unermessliches Eismeer, dass dem Auge nirgends eine Grenze bot. Sie war in voller Sicht, die mächtige Kristallbrücke, die die beiden Kontinente Amerika und Grönland verbindet. Ich sage Kontinente, denn Grönland, möge es sich schließlich auch als eine Insel erweisen, bildet eine ganz kontinentale Landmasse. Seine Achse, vom Kap Farvel bis zur Linie dieses Gletschers gemessen, hat gering genommen eine Länge von 2.000 Kilometer, kaum weniger als der längste Durchmesser von Australien. Man denke sich nur das Innere eines solchen Kontinents fast in seiner ganzen Ausdehnung von einem tiefen, ununterbrochenen Eismeer bedeckt, das durch die Wassergüsse von ungeheuren, mit Schnee beladenen Bergen und durch die sonstigen atmosphärischen Niederschläge einen alljährlichen Zuwachs erhält. Man denke sich dieses vorwärts rollend wie ein großer Eisstrom, in jedem Tal und Fjord Auswege suchend und eisige Katarakte in das atlantische und grönländische Meer wälzend, bis es sich, nachdem es die Grenze seines Geburtslandes erreicht hat, als ein mächtiger gefrorener Strom in den unbekannten arktischen Raum hineinstürzt. So, und nur so, kann man sich einen Begriff von einem Phänomen wie diesem Gletscher bilden. Ich hatte mich in Gedanken auf eine solche Erscheinung gefasst gemacht, wenn ich je das Glück haben sollte, Grönland zu sehen. Aber da sie nun vor mir lag, konnte ich kaum an die Wirklichkeit glauben. Zu Hause, im ruhigen Studierzimmer, hatte ich mir die von [den englischen bzw. Schweizer Gelehrten] Fordes und Studer so schön durchgeführte Analogie zwischen einem Wasserstrom und einem Gletscher vergegenwärtigt, aber diese vollständige Substitution von Eis für Wasser konnte ich anfangs doch nicht begreifen. Nur langsam dämmerte in mir die Überzeugung auf, dass ich das Gegenbild des großen Stromsystems des arktischen Asiens und Amerikas vor mir hätte. Aber hier gab es keine Wasserzuflüsse aus Süden; jedes Atom von Feuchtigkeit hatte seinen Ursprung im Polarkreis und war in Eis verwandelt worden. Hier waren keine ungeheuren Anschwemmungen, keine Spuren von Wald- oder Tierleben, wie sie auf jenen flüssigen Strömen herabgetragen werden. Hier war eine plastische, bewegliche, halbfeste Masse, alles Leben begrabend und Fels und Eilande verschlingend, und mit unwiderstehlicher Gewalt sich durch die Kruste des umgürtenden Meeres ihren Weg bahnend.
   So unlieb mir eine Verzögerung [wegen einer Jagd auf Bären zur Verproviantierung] war, so brachte sie mir doch den Genuss, den großen Gletscher, dieses staunenswertes Eismonument, endlich einmal in Ruhe betrachten zu können. Schon seit einigen Stunden hatte ich ihn über dem Eis wie eine weiße Nebelwolke hängen sehen, aber jetzt stieg er in klaren Umrissen und fast senkrecht vor mir in die Höhe. Der ganze Horizont, vorher so undeutlich und verschwommen, war von langen Reihen von Eisbergen unterbrochen, und wenn die Hunde, von dem Geschrei ihrer wilden Treiber gehetzt, dahin jagten und sich tiefer und tiefer in dem Eislabyrinth verloren, so schien es, als wollten die Schranken einer Eiswelt uns enger und enger einschließen. Endlich hielten meine Gefährten, und während sie ruhten und abfütterten, hatte ich Zeit, einen der höchsten Eisberge zu erklimmen. Die Atmosphäre war günstig: die blauen Kuppen von Washington's Land waren in voller Sicht, und das schöne Kap John Barrow verlor sich in einer dunklen Wasserwolke.
   Später bogen wir zu einer kleinen Gruppe felsiger Inselchen ab, die dicht am Fuß des Gletschers liegen. Von einer solchen Insel, der nächsten am Gletscher, die noch mit einiger Sicherheit betreten werden konnte, sah ich in noch größerer Nähe eine andere, größere Insel, die von der hereinhängenden Gletschermasse bereits halb begraben war, und noch immer lösten sich große Eismassen ab und stürzten zersplitternd herunter. Ruhe war nicht der Charakter dieser anscheinend soliden Masse, sondern alles zeigte Leben, Energie und Bewegung.
   Die Oberfläche des Gletschers schien sich nach der Formation des Landes zu gestalten, über das er sich hinschob. Er war gegen den Horizont wellenförmig, aber in seinem Herabsteigen nach der See bildete er eine gebrochene Ebene mit einer allgemeinen Neigung von etwa 9 °, die nach dem Vordergrund zu noch geringer wurde. Mit herablaufenden Längsspalten kreuzten sich horizontale Bruchlinien, die aus der Ferne kaum zu bemerken waren und bis zum Wasser herab eine ungeheure Riesentreppe bildeten. Es schien, als hätte das Eis unten seine Stütze verloren und die obere Masse senkte sich nun absatzweise herab. Eine solche Wirkung muss in der Tat stattfinden, hervorgehend aus der Bodenwärme, dem mächtigen Auftauen an der Oberfläche und dem beständigen Nagen des Seewassers am Fuß. Die Wirksamkeit einer großen vorwärts treibenden Kraft schien gerade beginnen zu wollen, als ich ankam. Die Eisstufen waren durch Druck von hinten offenbar in Bewegung, die Spalten wurden immer weiter, es schien, als sei der Antrieb stärker, je näher die Masse dem Boden kam, und zuletzt schwamm sie in Gestalt von Eisbergen davon. Man konnte lange Reihen dieser losgerissenen Massen langsam in der Ferne ziehen sehen. Die Loslösung geht verhältnismäßig ruhig und regelmäßig vonstatten; die Berge stürzen nicht kopfüber in die See, sondern steigen vielmehr aus der See auf, sobald sie so weit vorgeschoben sind, dass die Hebekraft des Wassers sie von der Hauptmasse ablösen kann.
   Die Wirkung des Tauwassers auf der Oberfläche des Gletschers war sehr deutlich. Die zahlreichen Wasserrisse, in denen sie in einer Einsattelung in der Gletscherfläche zusammenliefen, gaben das treffende Abbild von Flusssystemen. Diese eisgeborenen Flüsse verloren sich in der Regel in den mittleren Partien des Gletschers unter der Oberfläche, um zuweilen aus einem tiefer liegenden Tunnel wieder zu Tage zu treten. Natürlich lag jetzt alles in den Banden des Eises, aber die Wirkungen dieser Wasserströme waren zu augenscheinlich, und [die Expeditionsmitglieder] Bonsall und Morton hatten im Jahr vorher diese Wasserwerke zahlreich und im schönsten Gange gesehen.

Kane, Elisha Kent
Kane, der Nordpolforscher. Arktische Fahrten und Entdeckungen in den Jahren 1853, 1854 und 1855
Leipzig 1858

Abgedruckt in:
Keller, Ulrike (Hg.)
Reisende im Nordmeer seit dem Jahr 530
Wien 2009

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