Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1818 - William Edward Parry
Über die Eskimos
Nordwestgrönland

9. Juni. Nachdem wir uns durch das lose Eis so weit wie möglich durchgearbeitet hatten, näherten wir uns endlich dem Land und machten an einem Eisberg fest. Wir waren nicht lange hier, als eine Anzahl Eskimos in ihren Kähnen zu uns kamen. Manche hatten wildes Geflügel, Eier und Robbenfelle zu verhandeln, die anderen schienen bloß aus Neugierde gekommen zu sein. Sie schienen hauptsächlich Kleidungsstücke, Eisen, Tabak und Branntwein erstehen zu wollen, aber ich glaube, sie mochten alles gern. Sie hatten aber so wenig zu verkaufen, dass ihnen nur wenig von dem, was sie verlangten, mitgegeben werden konnte, es sei denn, man hätte es ihnen geschenkt. Sie erzählten uns mittels der Dolmetscherdienste ihres Landsmannes Sackhouse [der war zwei Jahre vorher von einem Fischerboot mit nach Schottland genommen worden und hatte Englisch, ein wenig Lesen, Schreiben und Zeichnen gelernt], dass bis jetzt kein Walfänger wegen des Eises weiter nach Norden gekommen sei; wir bezweifelten jedoch diese Erzählung, die sie wahrscheinlich erfunden haben, um uns hier aufzuhalten und sich einen guten Markt zu verschaffen.
   Ich werde kurz unsere Gäste und ihre Kajaks oder Kanus beschreiben. Die Eskimos waren noch unter Mittelgröße, aber gut gebaut und stark. Ihr Gesicht war bei vielen, aber nicht bei allen, breit, denn einige hatten sehr starke Wangenknochen und ein langes Gesicht. Die mit breiten Gesichtern hatten eine platte Nase und dicke Lippen. Sie hatten kleine, tief liegende Augen und eine in das schmutzige olivfarbene Haut. Einige hatten lange Bärte, andere sahen kahl im Gesicht aus, wie wenn ihnen der Bart ausgerupft wäre. Ihr Haar war schlicht, grob und pechschwarz. Ihr Anzug war größtenteils aus Robbenfellen gemacht und bestand aus einer Art Kittel und Beinkleidern, an denen der haarige Teil nach außen gekehrt war. Auf dem Kopf hatten sie eine Art Perücke. Diejenigen, die ich außerhalb ihres Kanus sah, hatten Stiefel an, die ebenfalls aus Robbenfellen gemacht waren, doch war die haarige Seite hier immer innen. Ihre Hände und Füße schienen mir im Verhältnis zum Körperbau klein, doch will ich nicht zu sehr auf Kleinigkeiten eingehen, da wir wohl noch mehr Gelegenheit haben werden, Eingeborene in einem ursprünglichen Zustand zu sehen, denn unsere Gäste schienen mir eine aus Dänen und Eingeborenen gemischte Rasse zu sein.
   Ihre Kanus bestanden aus Robbenfellen, die auf einem hölzernen Rahmen dicht zusammengenäht waren. Im Durchschnitt waren sie 4,8 bis 5,5 Meter lang, aber sehr eng, denn sie waren fast nie über 60 Zentimeter breit. Ihre Form war die eines Weberschiffchens, beide Enden sind aber ein wenig aufwärts gedreht, das hintere ein wenig mehr als das vordere. In der Mitte ist ein kreisförmiges Loch, in dem der Grönländer sitzt und sich so wenig fürchtet umzuschlagen, als säße er in der schönsten Barkasse. Rund um den Rand dieses Loches befestigen sie den Zipfel oder das untere Ende ihres Robbenfell-Kittels, und dadurch ist das Kanu selbst bei stürmischtem Meer wasserdicht. Wenn sie sich ausruhen wollen, lehnen sie sich auf eine Seite und stützen sich auf das Ende ihres Paddels. Ich habe auch gesehen, dass Einige ohne diesen Kunstgriff, der vielleicht nur bei stürmischem Wetter nötig ist, sich im Gleichgewicht halten.
   Ihre Paddel sind fünf bis sechs Fuß lang, in der Mitte, wo sie sie halten, schmal, und an beiden Enden breit. Dadurch, dass sie abwechselnd an jeder Seite schlagen, gleiten sie mit einer Schnelligkeit durchs Wasser, die der des geschwindesten Ruderbootes gleich kommt, wenn sie sie nicht sogar übertrifft. Wegen der Geschicklichkeit, mit der sie ihre Kanus regieren, glaube ich, dass sie völlig sicher darin sind, obgleich jemand, der daran nicht gewöhnt ist, in Gefahr wäre, umzuschlagen.
   Was an diesen Booten in anderen Gegenden als Fehler betrachtet werden würde, ist in diesem Land eine wesentliche Eigenschaft: ihre Leichtigkeit, denn wenn sie in Gefahr sind, vom Eis eingeschlossen zu werden, steigen sie auf das Eis hinauf und können ihr Kanu leicht auf der Schulter oder selbst unter dem Arm tragen. Dass sie so flach auf dem Wasser liegen, ist wieder ein Vorteil, denn sie können dicht an Robben und Vögel kommen, ohne bemerkt zu werden. Ihre Gerätschaften für Fisch- und Vogelfang, Speere, Harpunen, Leinen und Lanzen, liegen vor ihnen, ein aufgeblasenes Seehundsfell aber hinten. Diese Geräte sind, obgleich einfach, sehr gut für ihren Zweck eingerichtet. An der Harpune, mit der sie Robben töten, ist das aufgeblasene Fell mit einem langen Riemen befestigt. Diese Boje dient einem doppelten Zweck, sie zeigt erstens die Richtung an, die die Tiere nehmen, sodass sie leichter verfolgt werden können, und zweitens erschöpft sie deren Kräfte, weil sie, wenn sie verwundet sind, immer untertauchen und durch das Arbeiten gegen den Auftrieb des Fells in kurzer Zeit ihren Verfolgern in die Hände fallen.
   1. Juli. Es besuchten uns vier Eskimo-Frauen und ein junges Mädchen. Sie waren aus der Gegend, aus der die Männer gekommen waren, und kamen in einem großen Boot, dass gewöhnlich ein Frauenboot ist und in ihrer Sprache Umiak heißt. Es bestand aus dem gleichen Material wie die kleinen Kanus, Seehundsfellen über einen Rahmen gespannt, hatte aber eine andere Form, denn es war fast wie unsere Boote gebaut und oben offen. Das, mit dem die Frauen kamen, war groß genug, dass zwölf Personen sicher darin hätten fahren können, es waren diesmal acht Personen, ebenso viele Hunde und ein Schlitten darin.
   Die Männer waren nur wenig unterschiedlich zu denen, die vorher an Bord gekommen waren, sodass wenig Neues über sie gesagt werden kann. Über die Frauen werden einige Bemerkungen wohl nicht unangenehm sein. Ihr Anzug war nicht sehr anders als der der Männer, nur der Schnitt der Jacken war unterschiedlich. Die Frauen hatten eine Klappe vorne und hinten, während die der Männer rundherum gerade waren. Diese Klappen waren wie der ganze untere Rand mit einer Reihe Perlen verziert, die Ränder und die Brust waren auch mit einem schmalen streifen roten Leders eingefasst, die Männer trugen hingegen keine Verzierungen. Beinkleider und Stiefel trugen beide Geschlechter auf dieselbe Weise.
   Die Frauen hatten keinen Kopfputz; ihr Haar war sehr nett in einen Knoten auf dem Scheitel gebunden. Die Männer hatten Kappen aus Hundefellen, die anderen Teile ihres Anzuges waren wie bei den Frauen aus Robbenfellen. Zwei Frauen sahen Däninnen ähnlich, und eine würde in europäischer Tracht für hübsch gehalten werden. Sie war bedeutend größer als die anderen zwei, die alle Züge der Grönländer hatten, nämlich ein breites, viereckiges, flaches Gesicht, eine Mopsnase, kleine, tief liegende Augen und schwarzes, dickes, glattes Haar.
   Ihrem Benehmen nach waren sowohl Männer wie Frauen ernsthaft, bescheiden und ohne Anmaßung. Das rechtfertigt einigermaßen das Lob, das sie sich selbst beilegen, wenn sie das Betragen eines Fremden billigen. Bei solchen Gelegenheiten sagen sie: »Er ist so bescheiden wie ein Grönländer.« Kapitän Ross gab ihnen zwei Büchsen und mehrere Kleinigkeiten für die Hunde, den Schlitten und einige der Frauenanzüge.
   Die Hunde sind ungefähr so groß wie Schäferhunde und haben kurze, aufstehende Ohren wie ein Wolf. Sie sind von verschiedenen Farben, einige schwarz, andere grau. Ihr Geschirr besteht aus kleinen Riemen, von denen einer um den Hals und einer um den Leib, ein wenig hinter den Vorderfüßen, geht. An diesem sind die Zügel, die aus demselben Material bestehen, befestigt, und mit diesen wird der Schlitten gezogen. Dieser besteht aus Tannenholz, das sehr plump zusammengesetzt ist. Er hat zwei Seitenkufen, deren hinteres Ende nach außen gebogen ist, dazwischen liegen kleine, schmale Bretter in einiger Entfernung voneinander, und zwischen aufrecht stehenden Stöcken hinten sind einige Riemen befestigt, die Rücklehnen für die im Schlitten Sitzenden bilden. Ich habe ihn nicht gemessen, glaube aber, dass er 1,2 bis 1,5 Meter lang und 90 Zentimeter breit ist.
   Am folgenden Morgen sahen wir vier Schlitten, von Hunden gezogen, auf die Schiffe zu kommen. Um die Personen darin zu bewegen, sich uns zu nähern, wurde Sackhouse ihnen mit Geschenken entgegengeschickt. Als er ihnen ziemlich nahegekommen war, standen beide Teile still, und Sackhouse hielt die Sachen in die Höhe, um sie von seiner Friedfertigkeit zu überzeugen. Endlich fassten sie auf beiden Seiten Mut und kamen zusammen. Ehe die Eingeborenen Sackhouse näher kommen ließen, warnten sie ihn, dass sie im Stande wären, ihn zu töten, und schwangen dabei ihre Messer, um ihm zu zeigen, wie furchtbar sie wären. Nach einiger Unterredung gelang es ihm, sie zu überzeugen, dass wir nichts Böses im Sinn hätten, und versicherte ihnen, dass sie in vollkommener Sicherheit an Bord kommen könnten, worin sie nach einigem Zögern einwilligten.
   Als sie an Bord der Isabella kamen, schienen sie einige Zeit außer sich vor Erstaunen über den neuen Anblick, sodass jeder Gegenstand ihre Aufmerksamkeit auf sich zog. Besonders die Höhe der Masten schien ihre Verwunderung zu erregen, und als sie einen Matrosen hinaufsteigen sahen, war ihr Erstaunen ganz außerordentlich. Sie starrten ihn eine Zeit stillschweigend an und erhoben dann ein unmäßiges Gelächter; damit schienen sie ihr Erstaunen zu äußern, denn wenn etwas ihre Aufmerksamkeit besonders auf sich zog, brache sie immer in ein lautes Lachen oder vielmehr in Ausrufe des Erstaunens wie »Heya! Heya!« aus.
   Nachdem ihre Verwunderung etwas gemäßigter geworden war, zeigten sie ihre Vorliebe für einige Dinge; Holz und Eisen schienen den größten Wert für sie zu haben, denn einer nahm einen großen Hammer und sprang, nachdem er ihn auf das Eis geworfen hatte, augenblicklich nach und nahm ihn auf; als er sich verfolgt sah, warf er ihn weg und kehrte nicht wieder zurück – ein hinreichender Beweis, dass er das Unrecht seiner Handlung einsah.
   Sie waren ganz klein; einer, der gemessen wurde, war nur 1,68 Meter groß. Ihr Gesicht war derber als das der Eingeborenen in der Jacobi-Bucht [Diskobucht] und der südlichen Gegenden. Sie trugen alle lange, sehr dünne Bärte, in allen anderen Punkten glichen sie den schon beschriebenen Eskimos. Ihre Kleider waren aus dem gleichen Material, aus Seehundsfellen. Doch hatten ihre Jacken einen anderen Schnitt als die der südlichen Einwohner, sie hatten nämlich eine Klappe vorn und hinten, sodass sie den Frauen in der Jacobi-Bucht ähnlich sahen. Ihre Beinkleider, wenn man dies Kleidungsstück so nennen will, waren auch anders gemacht, denn sie gingen nicht höher als bis an den oberen Teil der Schenkel, sodass das Übrige nur durch die Klappe der Jacke bedeckt war, und wenn sie sich bückten, um etwas aufzuheben, ihr Hinterteil entblößt wurde.
   Sie schienen sämtlich in einem Naturzustand zu sein, und ausgenommen über den Teil, den sie bewohnen, so unwissend über alles, was die Erde betrifft, dass sie die südlichen Gegenden für unbewohnbarer halten als ihre eigenen, weil dort so unübersteigbare Massen Schnee und Eis waren, die sie immer in dieser Richtung sahen. Sie erzählten, dass ihr Land noch viel nördlicher läge, wo nur wenig Schnee und Eis, und, wie Sackhouse es verdolmetschte, viel freies Wasser, das heißt die See, sei. Sie sagten, sie kämen nur im Sommer her, um zu jagen, und bald wollten sie in ihr Land zurückkehren, von dem sie sagten, dass es von einem König, der Tolowak heiße, regiert werde, und sein Wohnort hieße Pitowack. Wie weit das richtig war, kann ich nicht bestimmen, wir konnten aber keinen Beweggrund finden, warum sie uns etwas Falsches berichten sollten, und deshalb verdienen die Aussagen meiner Meinung nach einigen Glauben, obgleich sie in Hinsicht darauf, dass das Land nördlicher weniger Eis und Schnee haben soll, gegen unsere Erwartung sind. Man muss auch Sackhouses Dolmetschen berücksichtigen; da er nur mit einiger Schwierigkeit verstand, was sie sagten, und seine Kenntnis der englischen Sprache auch mangelhaft war, so enthält die Erzählung, so wie er sie wiedergab, wahrscheinlich einige Irrtümer. Diese Leute hatten, so weit wir herausbringen konnten, von einem höchsten Wesen sehr unvollkommene Begriffe und vielleicht gar keine.
   Es fällt auf, dass sie aus einer anderen Gegend waren, dass sie nie vorher ein Schiff, nicht einmal ein Kanu gesehen hatten. Es geht daraus auch hervor, dass sie keine Gemeinschaft mit ihren südlicher wohnenden Landsleuten gehabt haben. Es ist allerdings merkwürdig, dass Bewohner einer Seeküste, die einen Teil ihrer Hauptbedürfnisse aus dem Meer ziehen, wie sich aus Seehundsfellbekleidung und ihren Speeren aus Narwalzähnen ergibt, keine Kanus haben. Dass dies der Fall ist, ergibt sich nicht nur aus ihren Aussagen, sondern auch daraus, dass wir ihr Erstaunen sahen, als ein Boot vom Eis ins Wasser gelassen wurde, und als man ihnen Sackhouses Kanu zeigte, schienen sie dessen Nutzen gar nicht einzusehen. Das ist ein deutlicher Beweis, dass sie die Schifffahrt selbst in ihrem rohesten Zustand nicht kennen; denn hätten sie sich aufs Wasser gewagt, hätten ihre Boote aus Fell bestehen müssen, da sie kein Holz haben. Noch ein Beweis, dass sie noch nie Europäer gesehen haben, ist, dass sie so sehr über unsere Kleidung staunten. Nachdem sie sie gefühlt und eine Zeit lang bestrichen hatten, fragten sie Sackhouse, von welchem Tier diese Felle wären; sie zweifelten also nicht daran, dass sie wie die ihrige aus Tierhäuten gemacht sei. Ich könnte noch mehrere andere Geschichten erzählen, die ihre gänzliche Unwissenheit über alles, was Zivilisation betrifft, beweisen. Einer, dem ein Weinglas gegeben wurde, schien sehr erstaunt darüber, dass es in seiner Hand nicht schmolz, weil er natürlich meinte, es sei aus Eis gemacht. Spiegel schienen sie ebenso sehr in Verwunderung zu setzen, wenn sie ihr Bild darin sahen.
   Ihre Schlitten waren ganz aus Knochen, wie es schien, aus Fischbein gemacht. Jeder von ihnen hatte eine Art Messer, das aus Eisenplättchen gemacht war, die dicht aneinander in eine Ritze in einem Narwalzahn gesetzt waren. Das Plättchen am Ende war fest genietet, die anderen aber wurden nur durch Einklemmen in der Kerbe gehalten. Es wurden Erkundigungen darüber eingezogen, wo sie das Eisen fänden, mit dem sie die Messer machten; wir konnten aber nichts weiter herausbringen, als dass sie es nah am Ufer in einiger Entfernung von hier fänden. Wir vermuteten, dass es gediegenes Eisen sei, und dass sie uns nicht viel darüber mitteilen wollten, weil sie fürchteten, wir würden es wegnehmen. Sie versprachen indes, morgen wieder zu kommen und etwas von dem Eisen mitzubringen.
   11. Juli. Da das Eis einige Öffnungen bekommen hatte, segelten wir am nächsten Morgen etwas nach Westen längs des Landes. Ich fürchtete, wir würden unsere gestrigen Gäste nicht wieder sehen, wir waren aber nicht weit gekommen, als wir wieder durch Eis aufgehalten wurden. Wir werden also wahrscheinlich noch einen Besuch von ihnen haben, ehe wir diesen Ort verlassen. Denn bei der Art, wie sie behandelt wurden und bei den Geschenken, dies sie bekamen, werden sie gewiss ebenso begierig sein, wieder zu kommen, wie wir sie gern sehen wollen. Die Geschenke bestanden in einigen Nägeln, einem Hammer, einigen Stücken Holz und anderen Kleinigkeiten, doch konnte das kaum als Geschenk angesehen werden, da sie uns einige ihrer Speere dafür gaben, die aus Narwalzähnen gemacht waren. Wahrscheinlich wären sie heute an Bord gekommen, hätten sie nicht die Schiffe absegeln sehen.
   Am nächsten Tag wehte es fast den ganzen Tag ziemlich stark und schneite fast unaufhörlich, da der Wind aber hauptsächlich südlich war, so trieb der das Eis in die Richtung, in die wir wollten, nur wenig weg. Wir lagen den ganzen Tag am Rand des Landeises fest, vor dem Wind von einem Eisberg geschützt. Von diesem fiel gestern Nachmittag ein großes Stück ab, zerquetschte ein bedeutendes Stück Eis in Tausende von Splittern und bewegte rundherum das Wasser so stark, dass wir es deutlich auf dem Schiff merken konnten, obgleich wir meiner Schätzung nach 800 Meter davon entfernt waren. Hätten wir nicht vorher schon gewusst, wie gefährlich es ist, der senkrechten Seite der Eisberge zu nahe zu kommen, so hätte dies eine gute Lehre für uns ein können, wir haben aber kürzlich einige ähnliche Fälle gesehen, sodass wir uns ihnen nur mit Vorsicht nähern.
   Am nächsten Tag gingen wir wieder unter Segel und kamen einige Meilen weiter nach Westen, bis wir wieder durch Eis aufgehalten wurden, an dem wir wie gewöhnlich festmachten. Da es keine Aussicht gab, dass wir bald segeln könnten, so wurde eine Stange mit einer weißen Flagge in einer beträchtlichen Entfernung vom Schiff ins Eis gesteckt. Sei es, dass die Schiffe, sei es, dass die Stange die Eingeborenen aufmerksam gemacht hatte, es kamen zwei in hundebespannten Schlitten darauf zu. Als wir sie bemerkten, wurde Sackhouse ihnen entgegengeschickt und beide Parteien kamen diesmal schneller aufeinander zu als das letzte Mal, oder vielmehr ging Sackhouse mit weniger Zögern auf sie zu, denn sie hatten die Flaggenstange schon erreicht und warteten dort, bis er kam.
   Nach einer kurzen Unterredung ließen sie sich bereden, an Bord zu kommen. Es bedurfte wenigen Zuredens, das sie gehört hatten, wie freundlich wir unsere vorigen Gäste aufgenommen hatten, die erzählt hatten, dass wir recht gute Leute wären. Die heutigen Besucher schienen nicht so erstaunt über das, was sie sahen, auch nicht so schüchtern oder vielmehr argwöhnisch wie die vorigen, wahrscheinlich, weil sie wegen ihrer persönlichen Sicherheit beruhigter waren. Sie waren ebenso begierig nach Holz und Eisen und bekamen, um ihre Wünsche zu befriedigen, von beiden einige Stücke. Sie bekamen auch einige andere nützliche Sachen: Nadeln, Scheren usw., wofür sie Narwalzähne, einen Schlitten und einen Hund gaben. Sie hatten welche von den schon beschriebenen Messern, und es ergab sich aus dem, was Sackhouse aus ihnen herausbringen konnte, dass sie das Eisen, aus dem sie gemacht sind, von einer Masse gediegenen Eisens nehmen, die ungefähr eine Tagesreise östlich von hier liegt. Sie erzählten ihm auch, dass der einzige Zweck, weshalb sie so weit her aus ihrem Land, das nach Norden liegt, kämen, der sei, etwas von diesem Eisen zu holen, dass sie mit großer Mühe mit Hilfe von Steinen abbrechen und es dann zu den kleinen Platten schlagen, aus denen die Messer gemacht sind. Ihre Beschreibung stimmt so gut mit der Beschaffenheit dieser unvollkommenen Werkzeuge überein, dass ich an die Wahrheit ihrer Erzählung glaube.
   Als sie später genauer über dieses Eisen ausgeforscht wurden, sagten sie, es gäbe zwei einzelne Massen, die größte sei so groß wie das Fenster über der Kajüte des Kapitäns, das ungefähr 1,2 Meter Seitenlänge hatte. Die andere sei bedeutend kleiner. Die Stelle, wo diese Massen liegen, nennen sie Suwilik, von Suwi, Eisen, in ihrer Sprache.
   Sie hatten eine sonderbare Vorstellung von dem Ort, wo wir herkommen: Sie glaubten, wir seien vom Mond. Als Grund für diese sonderbare Vorstellung gaben sie an, dass wir so viel Holz hätten, das, wie sie glauben, dort wächst.
   Sie hatten andere merkwürdige Begriffe von unseren Schiffen. Als sie uns das erste Mal sahen, glaubten sie, jeder Mast sei ein großer Mann, der gekommen wäre, um sie zu vernichten. Der Gedanke, dass die Schiffe lebendig wären, hatte sie so ergriffen, dass eine der ersten Fragen, die sie an Sackhouse richteten, war, ob sie so gut flögen, wie sie schwimmen könnten?
   Am nächsten Tag hatten wir abermals einen Besuch von Eingeborenen, die in größerer Zahl als bisher kamen, nämlich ihrer Neun. Sie kamen wie gewöhnlich in Schlitten, die sie mit den Hunden ungefähr eine Meile weit vor den Schiffen auf dem Eis ließen. Obgleich diese armen Tiere ohne Bewachung blieben, so gingen sie doch nicht vom Fleck, ein großer Beweis, wenn es denn eines solchen bedürfte, dafür, wie klug diese treuen Gefährten oder vielmehr nützlichen Knechte des Menschen in diesem entlegenen Teil der Welt sind. Ihre Zahl pro Schlitten ist unterschiedlich, da sie wahrscheinlich von der Wohlhabenheit der Eigentümer herrührt. Meistens beträgt sie zwischen fünf und sieben. Sie sind meistens paarweise angespannt, mit einem einzelnen Leithund an der Spitze. Sie werden durch Zügel geleitet, die, der Dicke nach zu urteilen, aus Walrosshaut gemacht sind. Auf jedem Schlitten lag eine aufgeblasene Seehundshaut, deren Nutzen wohl darin besteht, dass sie sich und den Schlitten damit in der Höhe halten, wenn sie über Wasser setzen. Sie bedürfen dieser Haut durchaus, da sie keine Kanus haben, denn es ist oft der Fall, dass mit Drehen des Windes das Eis an mehreren Stellen auseinandergeht. Wie sehr sie solche Öffnungen fürchten, zeigte sich heute auf eine auffallende Weise. Nachdem man ihnen einige Stücke Holz und Eisen und einige andere Dinge gegeben hatte und alle Nachrichten von ihnen bekommen hatte, die sie geben konnten, wurden sie auf das Eis gesetzt. Statt aber wegzugehen, sammelten sie sich abwechselnd dem Schiff gegenüber, streckten ihre Hände zu uns aus und baten um mehr Holz und Eisen. Zuletzt wurden sie so lästig, dass wir auf ein Mittel sinnen mussten, sie los zu werden. Ein Matrose auf der Isabella schrie ein paar Mal laut durch das Sprachrohr, während sie vor dem Schiff standen; sie starrten ihn erstaunt an, als ihnen aber Sackhouse sagte, dass dies ein Angekok sei, der recht schnell alles Eis zwischen ihnen und dem Land wegblasen würde, wenn sie nicht schnell abführen, ging ihr Erstaunen in Furcht über. Dies hatte den gewünschten Erfolg, da sie sich sogleich nach den Schlitten aufmachten. Das zeigt, wie abergläubisch sie sind und wie sehr sie das Auseinandergehen des Eises fürchten.
   Ich muss wohl das Wort Angekok kurz erläutern, da es wohl nicht allgemein verständlich ist. Es bedeutet Hexenmeister oder Wahrsager, der vorgibt, Wunder zu tun, zu prophezeien und sich mit Geistern zu unterhalten. Diese Leute, die wegen der Macht und des Wissens, die man bei ihnen vermutet, die Weisen der Grönländer sind, sind so gefürchtet wie geachtet. Sie werden bei jedem wichtigen Anlass um Rat gefragt, und behaupten unter anderem, dass sie alle Krankheiten durch Amulette und Zauberformeln heilen.
   Zu denen, die heute an Bord gekommen waren, gehörte einer, der, wie Sackhouse sagte, wie ein Angekok sprechen könnte, obgleich er zu dieser Innung nicht gehören wollte. Unser Dolmetscher schien großes Vergnügen darin zu finden, ihn mit dem Teufel sprechen zu hören, wie er es nannte; dies bestand in einem leisen Murmeln, während die Grönländer gewöhnlich sehr laut sprechen, als wendeten sie sich an eine entfernte Person. Dieser Eskimo zeigte uns auch, auf welche Weise die Robben auf dem Eis gefangen werden. Die Jäger legen sich nämlich nieder und grunzen wie diese Tiere, indem sie zugleich auf den Ellenbogen springen und deren Bewegungen so gut nachahmen, dass es kein Wunder ist, dass diese dummen Tiere dadurch getäuscht werden. Er sang uns auch ein Lied vor, das, mag es auch noch so gut gedichtet sein, wenig Melodie hatte. Am Ende jedes Verses oder wenigstens von Zeit zu Zeit stimmten seine Gefährten im Chor ein; während er sang, war sein Körper in steter Bewegung, die nach unseren Begriffen nicht zu den anständigsten gehörte, die diese Grönländer aber für sehr anmutsvoll halten.
   Unter diesen Grönländern waren einige, die uns das erste Mal besucht hatten. Der, der den Hammer hatte stehlen wollen, war auch dabei. Ein anderer wollte sich heute mit einem Fernglas und einem Paar Rasiermesser des Kapitäns Ross davonmachen; sie haben also offenbar eine Neigung zum Diebstahl. Was ihre Personen betrifft, so kann ich wenig zu dem schon Gesagten hinzufügen.

Parry, William Edward
Entdeckungsreise nach den nördlichen Polargegenden im Jahr 1818 …
Wien 1825

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