Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1910 - H. Hergesell
Virgobai: Der Startplatz von Andree und Wellman
Spitzbergen

Wir wandten uns westwärts, um in den Dänensund einzudringen, denn hier liegt an der nördlichen Küste der Däneninsel eine klassische Stätte für Luftschiffahrt, die Virgobai. Hier sind noch die Spuren der Luftschiff-Expeditionen von Andree und Wellman in mannigfachen Resten erhalten. Wir gingen in der engen Bucht, die zwischen der Totenmannsinsel und dem Festlande sich erstreckt, vor Anker und fuhren sofort mit zwei Beibooten an das Land. Ein noch gut erhaltener Landungssteg, von Wellman angelegt, erleichtert die Landung bedeutend. Auf dem Festlande stehen noch fast sämtliche Häuser, die Wellman errichtet hat, wohlerhalten da. Das Wohnhaus der Expedition ist in beinahe intaktem Zustande. Auch das Gerüst der großen Ballonhalle erhebt sich ohne jede Beschädigung, durch starke Spanndrähte vor Einstürzen geschützt, in die Lüfte. Die Werkstätten, in nebenanliegenden kleinen Häusern untergebracht, sind noch in völliger Ordnung. Überall liegen Gebrauchsgegenstände umher, das Ganze macht den Eindruck, als wenn diese Arbeitsstätte erst vor ganz kurzer Zeit verlassen worden ist, und doch zeigen die umherliegenden Trümmer des eigentlichen Luftschiffes, daß hier ein großes Unternehmen mit einer Katastrophe abgeschlossen hat. Auf dem freien Platze zwischen der Ballonhalle und dem Wohnhaus liegen die Trümmer der Gondel, liegen verbogene Propeller, Gasolinbehälter, Reste der Ballonhülle regellos und wüst umher, ein Beweis, wie schnell die Expedition nach eingetretener Katastrophe den Platz verlassen hat. Wellman hatte bekanntlich den PIan gefaßt, mit einem wesentlich von französischen Ingenieuren konstruierten Luftschiff von der Virgobai loszufahren und den Pol zu erreichen. Das Luftschiff, welches er benutzen wollte, hatte weder vorher Probefahrten gemacht, noch waren von Wellman Versuche angestellt worden, ob die Fahrtdauer des Luftschiffes, die Lenkbarkeit usw. genügend sei, um große Entfernungen zurückzulegen. Alles sollte, nach Wellmans Auffassung, erst an Ort und Stelle studiert werden. Unter diesen Umständen war es kein Wunder, daß Sachverständige der ganzen Expedition kein gutes Ende voraussagten. Und so ist auch das ganze Unternehmen seiner Vorbereitung entsprechend ausgegangen.
   Wellmans, nach meiner Ansicht grundfalsche, Idee, mit dem Luftschiff am Schlepptau fahren zu wollen, war in erster Linie die Ursache des Mißerfolgs. Jeder, der die Verhältnisse, unter welchen ein lenkbares Luftschiff fährt, einigermaßen kennt, wird zugeben, daß dieser Gedanke, der wohl bei den Fahrten in einem Freiballon zur Ausführung gebracht werden kann, dem Wesen eines Luftschiffes direkt widerspricht. Ein Luftschiff, welches noch mit der Erde irgendwie in Verbindung steht, kann nicht fahren und ist sicher nicht lenkbar. Der Aufstieg Wellmans hat dies durchaus bestätigt. Das Luftschiff ging an das Schlepptau herab, sobald es das Polareis erreicht hatte, und nach kurzer Zeit war bereits eingetreten, was vorauszusehen war: eines von den schweren Schlepptauen war abgerissen, das andere noch übrige hielt das Schiff im Polareise fest, nachdem es kaum einige Kilometer in dasselbe eingedrungen war.Das in der Nähe befindliche Expeditionsschiff des Rittmeisters Isachsen bemerkte die gefährliche Lage des Luftfahrzeugs und es gelang dem Norweger, das Luftschiff vom Polareise frei zu bekommen und in Schlepp seines Dampfers zu nehmen. Durch diesen, nicht etwa durch eigene Kräfte wurde das Luftschiff an seinen Ausgangspunkt, die Virgobai, zurückgebracht, wobei es verschiedene Beschädigungen erlitt. Als es in der Virgobai auf festem Lande entleert werden sollte, erfolgte eine Gasentzündung und eine Explosion des Luftschiffkörpers. Wellman, der wohl eingesehen hatte, daß er mit einem solchen Luftschiffe wohl niemals erfolgreiche Fahrten ausfahren könnte, verließ so schnell wie möglich die Virgobai, alles, wie oben geschildert, an seinem Platze lassend. Der Versuch, in seinem Vaterlande weitere Gelder für ein neues, besseres Schiff zu erhalten, scheiterte; er gab deshalb bekanntlich den Nordpolplan auf, um an die Durchführung einer ebensowenig ausführbaren Idee zu gehen, nämlich mit einem Luftschiff von Amerika nach Europa zu fahren.Es ist bekannt, daß Wellman hier nach denselben falschen Grundsätzen handelte: ein nicht ausprobiertes Schiff sollte so riesiges leisten, wie es von Kennern erst nach einer gewaltigen Entwicklung der Luftschiffahrt als ausführbar erachtet wird. Als Wrack mußte das Luftschiff verlassen werden, ein Dampfer brachte Wellman und seine Besatzung wieder nach Amerika zurück.
   Die Virgobai birgt noch andere Spuren eines früheren Luftschiffunternehmens. Östlich von den vorhin beschriebenen Häusern Wellmans liegt ein kleines Holzhaus, das schon in den neunziger Jahren von einem jagdliebenden Engländer, namens Pike, errichtet wurde; dasselbe diente im Jahre 1896 und 1897 dem schwedischen Ingenieur Andree und Genossen zur Wohnung. Um dieses Haus, allerdings kaum noch erkennbar, finden wir die Spuren der Andreeschen Unternehmung zerstreut. Die Gerüste für die Wasserstofferzeuger sind noch deutlich sichtbar. Dagegen ist so gut wie nichts mehr erhalten von der eigentlichen Ballonhalle, die den Kugelballon "Adler" seinerzeit barg. Nur eine wüste Trümmerstätte von Holzresten zeigt den Ort an, wo sie gestanden hat. Andree wollte bekanntlich die Luftströmungen benutzen, um mit einem Kugelballon den Nordpol zu erreichen. Auch er wollte große Strecken am Schlepptau fahren, da er einerseits dem Ballon auf diese Weise eine gewisse Lenkbarkeit verleihen wollte, andererseits die Fahrtdauer des Kugelballons bedeutend zu verlängern hoffte. Was bei Wellman direkt gegen die Fahrtprinzipien verstößt, war hier eine weise und gebotene Regel. Trotzdem trug das Unternehmen Andrees, wenn es auch im gewissen Sinne wohldurchdacht war, den Keim des Nichterfolges in sich. Andree hatte zwar eine Reihe von Ballonaufstiegen vorher versucht, um das Fahren am Schlepptau einzuüben, aber es mußte ihm wohl bekannt sein, daß zur damaligen Zeit wenigstens lange Dauerfahrten mit Luftschiffen nicht ausgeführt werden konnten; nur wenige Stunden, zehn bis zwölf etwa, war es den Kugelballons damals vergönnt gewesen, in der Luft zu bleiben. Trotz aller dieser Übelstände war Andree fest entschlossen, den Versuch auszuführen, da er, wie gesagt, der Überzeugung war, daß sein Ballon, den er nach den damaligen Erfahrungen besonders sorgfältig hatte konstruieren lassen, alles Nötige leisten werde. Er war so fest von dem Gelingen seines Planes durchdrungen, daß er mir als Präsidenten der Internationalen Kommission für wissenschaftliche Luftschiffahrt im Frühjahr 1897 einen Brief schrieb, ich möchte die in diesem Jahr stattfindende Versammlung der Kommission auf das nächste Jahr verschieben, weil er zurzeit, wie ich wüßte, mit seiner Nordpol-Expedition beschäftigt und im Sommer und Herbst unterwegs sei; er könne deswegen nicht teilnehmen; im nächsten Jahre wäre er sicher zurück. Dann würde er mit Vergnügen unsere Versammlung besuchen. Diese feste Überzeugung Andrees wurde leider nicht durch die Tatsachen gerechtfertigt. Es ist bekannt, daß der Ballon nach seinem Aufstieg verschollen ist. Andrees und seiner Gefährten Reste liegen höchstwahrscheinlich in den Tiefen des arktischen Meeres von den Schollen des ewigen Eises überflutet. Seine schwedischen Landsleute haben ihm ein einfaches Denkmal neben dem Hause, wo er gewohnt hat, errichtet. Ein kleiner Obelisk trägt auf einer einfachen Platte die Inschrift:

   Här upstego
18 11/7 97
Med Svenska Ballonen
Örnen
För at söka Nordpolen.
A. Andree
N. Strindberg
R. Fraenkel

Wir standen lange stumm vor diesem Monument und gedachten der wackeren Männer, die auf dieser Fahrt, vielleicht zu wagehalsig, den weißen Tod gefunden hatten.
   Nachdem wir noch einige Andenken an die Wellmansche Expedition aus dem herrenlosen Gut, welches verstreut auf den Stätten früherer Tätigkeit umherlag, mitgenommen hatten, setzten wir auf die andere Seite des Dänensundes über, welcher dort von der Südküste der Amsterdaminsel begrenzt wird.

Miethe, A.; Hergesell, H. (Hg.)
Mit Zeppelin nach Spitzbergen
Bilder von der Studienreise der deutschen arktischen Zeppelin-Expedition
Berlin, Leipzig, Wien, Stuttgart 1911

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