Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1910 - Graf von Zedlitz und Trützschler
Die Tundra der Adventbai
Spitzbergen

Polarsommer! Am lichtblauen Himmel kreist über uns die Sonne tagaus tagein, ohne je hinter den Horizont hinabzusinken. Milde Wärme bringt sie mit und Leben, Leben, das um so reger pulsiert, als ihm nur wenige Wochen zur Entfaltung vergönnt sind, bis wieder Nebel und Nacht, Sturm und Eis die Herrschaft an sich reißen. Rasch fegen warme Lüfte den Schnee aus den Tälern am Gestade der Fjorde und von manchem Hange. In Tausenden von Bächen und Rinnsalen rieselt das Tauwasser hinab und durchtränkt die Tundra, die sich drunten wie eine erstarrte wellige See ausdehnt, mit belebendem Naß. Kosend streicht der Sonnenstrahl über die weichen, von Tropfen glitzernden Polster, und wo er sie mit seinem Zauberstabe aus flirrendem Golde berührte, da schießen sie hervor die bunten Kinder Floras, weiß, rot, violett, ein Blumenteppich, dazwischen bunte Moose und die drallen sattgrünen Blätterchen der Polarweide, zum gegenseitigem Schutze eng zusammengerückt und doch wieder zäh und hoffnungsfreudig, fröhliche Kinder der ernsten Arktis. Jetzt ist der Augenblick, wo der Naturfreund die Tundra besuchen soll, um sich zu überzeugen, wie auch hier die Natur für einen Ausgleich gesorgt hat in ihrer ewigen Gerechtigkeit. Die Bilder, welche uns zumeist die Arktis im ewigen Eise und ragenden Fels, im düsterblauen Fjord, zackigen Gletscher und unabsehbaren Inlandeis bietet, sind so gewaltig und ernst, daß sie das Gemüt bedrücken müßten, wenn nicht auch andere Eindrücke mehr bescheiden-lieblicher als streng-grandioser Art unsere Nervenspannung wieder lösten. Das aber bietet uns die sommerliche blühende Tundra, wenn wir sie mit offenen Augen durchwandern, da ist Lebensfreude; freilich sind die Blümchen nur winzig, die Weiden und Moose ranken sich dicht am Boden hin, die charakteristischen Vertreter der Vogelwelt sind meist zierlich, aber gerade diese Miniaturwelt, die so freundlich auf uns wirkt, winkt und lockt: "Steh still und schau uns zu!" Was huscht da dicht neben uns über das Moospolster, sind es Ratten? Nein, wir sehen genauer hin und erkennen Vögelchen mit langem Schnabel, eingezogenem Hals und etwas aufgeplustertem Gefieder, so daß das Ganze einem braunen Federball auf zierlichen gelben Beinchen nicht unähnlich sieht. Als sie auffliegen mit melodischem Pfiff "Tüt Tüt", wird gleich das Gesamtbild bunter, jetzt kommen die hellen Teile der Unterseite, die rostrote Zeichnung am Rücken und die tiefschwarze Mitte des Bürzels erst zur Geltung. Es sind Seestrandläufer (Tringa maritima L.) recht eigentlich Charaktervögel des hochnordischen Moores. Was ist denn das, da scheint ja einer nicht fliegen zu können? In schräger Haltung flattert er halb laufend über den Boden und stößt klagende Angstrufe aus. Wir merken uns genau die Stelle, von welcher er abstrich und finden dort leicht des Rätsels Lösung: Vier dunkel olivgrüne Eier mit grober brauner Fleckung in einer einfach mit wenig trockenen Halmen ausgepolsterten Mulde. Auf Schritt und Tritt begegnen wir immer neuen Vögelchen der Art, viele umkreisen uns laut lockend, keins zeigt sich scheu. Da sind a auch schon junge! Fliegen können die winzigen Daunenklümpchen noch nicht, aber kaum ist die Eierschale vom Rücken gefallen, da geht es auch schon hinaus in die Tundra, wo die niedlichen Gnomen unter Anleitung der sorgsamen Eltern die ersten bescheidenen Geographiekenntnisse und außerordentlich viel Nahrung in sich aufnehmen, so daß sie schon nach etwa vier Wochen so gut wie erwachsen sind. Die Tage haben ja hier vierundzwanzig Stunden, an denen der Tisch gedeckt ist und die Sonne wärmt; da wächst das kleine Volk doppelt schnell heran, steht ihm doch schon so zeitig im Herbst die erste große Reise über fremde Länder und Meere bevor!
   Sieh da, im Gewimmel der zierlichen Langschnäbel eine neue Erscheinung, ähnlich im Fluge, aber bedeutend größer, kurz der Schnabel, die Beine leuchtend rot, das Gefieder auffallend bunt scliwarz-weiß-rotbraun, das ist der Steinwälzer (Interpres strepsilas L.). Einige Paare brüten hier in friedlicher Gemeinschaft mit den Tringen an besonders feuchten, sumpfigen Stellen. Hier sinken wir bei jedem Schritte bis fast an die Knie ein, aber man arbeitet sich doch langsam vorwärts. Es belohnt sich: Zwei Vögelchen, kaum größer als die Strandläufer, aber mit leuchtend rostroter Unterseite, umkreisen uns. Ersichtlich sehnen sie sich nach dem Berliner Museum für Naturkunde; der Gefallen kann ihnen ja getan werden. Als wir sie in der Hand halten, fallen sofort die schwimmhautartigen Lappen an den Zehen und die glatt gedruckten Schnäbel auf, es sind Crymophilus fulicarius L., glattschnäblige Wassertreter, eine für Spitzbergen immerhin nicht alltägliche Erscheinung.
   Nun haben wir aber genug des Watens im Moraste, der Schweiß perlt von der Stirn, die Lunge arbeitet, und das Moorbad der unteren Extremitäten ist ausgiebig, also vorwärts dorthin, wo eine höher gelegene Bodenwelle mit schwacher Vegetation und viel Steingeröll festen Untergrund verheißt. Heute haben wir aber wirklich Glück, kaum auf festem Boden angelangt, sehen wir mit geschäftiger Eile einen kleinen Burschen vor uns her rennen, der entschieden kein Strandläufer ist, wenn er auch annähernd die gleiche Größe hat. Er zeigt aber eine fahlere, weniger bunte Oberseite, die Haltung ist viel aufrechter, der Hals nicht eingezogen, das ganze Kerlchen macht den Eindruck: "Klein aber oho!" Endlich sehen wir ihn auch im Profil, der Schnabel kurz, die Stirn hoch, auf der weißen Unterseite hebt sich deutlich ein breites schwarzes Kropfband ab, also haben wir den besonderen Vorzug, daß sich uns der große Halsband-Regenpfeifer (Charadrius hiaticula L.) vorstellt, der erst in jüngster Zeit einigemal auf Spitzbergen gesammelt wurde. Seine Verbreitung ist eine recht ausgedehnte, denn er bewohnt als Brutvogel die ganze Region von Nordafrika bis zur Arktis; ich habe nun das Glück, ihn an beiden extremsten Punkten selbst gesehen und erbeutet zu haben.
   Was ist denn das für ein infernalisches Geschrei? Da streicht eine Schmarotzer-Raubmöwe (Stercorarius parasiticus L.) über das Moor, und wie auf Kommando stürzen sich mehrere der dort brütenden Strandläufer auf den verhaßten Eierdieb, bis er vor der Belästigung der schneidigen kleinen Gesellen schleunigst das Weite sucht.
   Während wir bei einer Pfeife uns etwas ausruhen, flattert ein sperlinggroßes, weißschwarzes Vögelchen heran, nimmt auf einem großen Steine Platz, und trägt mit Eifer sein bescheidenes Liedchen, eine kurze, zwitschernde Strophe, vor. Gleich gesellt sich auch das matter gefärbte Weibchen zu ihm. Wir sitzen ganz still, da beginnt es zwischen dem Geröll sich zu regen, die jungen, graue Wollklümpchen, noch fast ohne Weiß, hüpfen da herum, um sich schnell wieder zu verkriechen, wenn Gefahr droht. Wir haben hier Gelegenheit, das Familienleben des kleinsten Vertreters der Vogelwelt auf Spitzbergen zu studieren, des Schneeammers (Passerina nivalis nivalis L.). Es ist der einzige Vertreter der großen Finkenfamilie, zu der auch unsere Sperlinge gehören, welcher sich bis hoch hinauf in die Arktis vorwagt und dort offenbar sogar recht wohl fühlt, wie sein zahlreiches Vorkommen beweist.
   Wir wandern weiter am Rande der Tundra entlang, wo das Fortkommen leidlich ist. Häufig ragen aus dem Moose Abwurfstangen des Wildrens hervor, das hier im Anfang des Frühjahrs mit Vorliebe steht, um an den ersten schneefreien Stellen sich nach den Entbehrungen des langen Winters zu entschädigen. Beim Übergange über ein Flüßchen finden wir zwischen Steinen auf einer kleinen Insel die beiden Jungen der Schmarotzer-Raubmöwe, in ihrem fahlbraunen Daunenkleid kaum vom umgebenden Gestein zu unterscheiden.
   Da ertönt seitwärts von einer Geröllhalde am Eingange zu einem Seitentale der laute, gackernde Lockruf des Schneehuhns (Lagopus hyperboreus Sund.). Diese nur im arktischen Gebiet vorkommende Art läßt das Herz jedes ornithologischen Sammlers höher schlagen, also hin! Bald entdeckt das scharfe Auge unseres Doktors, der sich aus Mangel an menschlichen Opfern zu den bereits vorhandenen Eigenschaften eines guten Waidmanns noch die Qualifikation als zünftiger Polarornithologe hinzuzuerwerben im Begriff steht, die kleine Familie. Der Hahn sitzt wachthaltend etwas abseits, die Henne wird umdrängt von ihren sieben halbflüggen Jungen. Sie lassen uns auf wenige Schritte heran, auch dann noch führt die Mutter ihre Kleinen laufend fort, ohne selbst abzustreichen, so daß es mir gelingt, auf fünf und drei Meter photographische Aufnahmen von ihnen zu machen. Kurz darauf finden wir noch ein anderes Volk mit der stattlichen Zahl von einundzwanzig Jungen, das ist eine Ausnahme. Über einer flachen Bodenwelle sehen wir schon von weitem eine Wolke weißer Vögel nach Schwalbenart kreisen und sich jagen. Wir nähern uns und betreten auf festem kiesigen Untergrund, der teils kahl, teils mit trockenem Moose bewachsen ist, eine Brutkolonie der Küsten-Seeschwalbe (Sterna macroura Naum.). Empört über die Störung stürzen sich die Alten mit metallisch klingendem Kampfruf sausenden Flügelschlages auf die Ruhestörer und stoßen uns fast die Hüte von den Köpfen. Es ist nicht ratsam, dabei in die Höhe zu blicken, da die Vögel ihrem Unmut oft in einer sehr drastischen, ätzenden Form Ausdruck geben, die den Augen schaden würde, während sie im Genick nach Aussage meines Präparators nur für einige Zeit recht erwärmend wirkt. Einfache Mulden ohne jede Auspolsterung bilden die Niststätten, in denen noch häufig das Gelege von zwei Eiern mit dunkelbrauner Fleckenzeichnung auf hellgrünlichem, bisweilen mehr bläulich-weißen Grunde zu finden ist. Sind die Jungen ausgekrochen, so begeben sie sich sehr bald auf Erkundungsreisen in ihrer nächsten Umgebung, dabei auf ihren kurzen roten Beinchen als weißliche, schwarzgefleckte Daunenbälle höchst komisch herumwatschelnd. Bietet sich Gelegenheit, so gehen sie ohne weiteres zu Wasser und schwimmen ganz nett. Ihr Appetit ist unersättlich, schon nach drei Wochen können sie einigermaßen fliegen, entwickeln sich also sehr rasch.
   Am Schluß unserer Exkursion, als wir uns zur Heimfahrt mit der braven alten Pinasse "Tante Laura" rüsten, entdecken wir auf dem breiten Spiegel des Fjords noch zwei Familien, deren Kinderstube ebenfalls in der Tundra stand, aber gleich nach dem Ausschlüpfen der Jungen verlassen wurde, es ist die Ringelgans (Branta bernicla L.) und die Pracht-Eiderente (Somateria spectabilis L.). Letztere ist auf Spitzbergen recht selten. Nach beendetem Brutgeschäft ziehen Gänse und Enten mit ihrer kleinen Gesellschaft von zwei bis vier Kindern sofort hinaus auf die großen Wasserflächen, wo sich dann oft mehrere Familien zu einträchtigem Leben zusammentun, bis die Jugend herangewachsen ist und dann allgemach alles dem Zug nach Süden folgt. Die Herren Ehemänner kümmern sich hier gar nicht um die Nachkommenschaft, sondern gründen Herrenklubs weit draußen in See. Wir wollen ihnen baldigst einen Besuch abstatten.

Miethe, A.; Hergesell, H. (Hg.)
Mit Zeppelin nach Spitzbergen
Bilder von der Studienreise der deutschen arktischen Zeppelin-Expedition
Berlin, Leipzig, Wien, Stuttgart 1911

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