Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1910 - A. Miethe
Die Basis von Andree und Wellman
Virgo Bay

Wir lagen mit unsern Schiffen direkt zwischen der Däneninsel und dem Amsterdam-Eiland, in unmittelbarem Schutz der Steilküste dieser beiden Inseln, angesichts des Virgohafens in der Smerenbergbai. Im Süden erblickt man den Gletscherkranz der Hauptinsel, darunter den mächtigen Smerenberggletscher, den Nansen- und Sverdrupgletscher und eine große Anzahl anderer Eisströme zwischen steilem Hochgebirge. Nach Norden zu schweift der Blick über die eigentümlichen, vorgelagerten Inseln Klovenkliff und Vogelsang auf das weite Eismeer hinaus, wo fern der Eisblink lauert. Ein steifer Südwest bläst durch den Sund vom Virgohafen her und treibt fortdauernd schwere Wolkenballen über Land und Meer, die nur die Gletscher freilassen, über denen wie immer schwefelgelbe, blendende Lohe leuchtet.
   Eine kurze Fahrt mit "Onkel Bernhard" bringt uns, während der größte Teil der anderen Passagiere nach den Strapazen der letzten Nacht ausschläft, in den benachbarten Virgohafen, ein enges, durch vorgelagerte Felsblöcke geschütztes Becken, welches Andree und Wellman als Ausgangspunkt ihrer Operationen benutzten. Ein steiniges, kleines, von Schneerunsen rings durchfurchtes Tal, umgeben von schroffen, wilden, öden Felsen, bildet den Schauplatz dieser denkwürdigen Ereignisse. Auf der Höhe oben halb im Nebel ein paar Steinmänner und ein Grabkreuz, unten aber in der vom Schnee noch teilweise erfüllten Talsohle das weißliche Gerippe der riesigen Ballonhalle Wellmans, ein kleiner Komplex niedriger Gebäude, die seine Wasserstofffabrik und seine Werkstätten beherbergten, das Wohnhaus Wellmans und das Andreehaus zwischen kantigem, grauen Steingeröll, unheimlich und verlassen. Am Landungssteg, der noch notdürftig erhalten, ein mächtiger Vorrat eiserner Benzintonnen, und über das Gestein rings mannigfaltige Gegenstände ausgestreut, die Wellmann zurückgelassen. Die Halle ist noch vollkommen erhalten und selbst ihr Fußboden unbeschädigt. Wir machen einen Rundgang durch die verödeten Gebäude. Alles sieht so aus, als wenn eben erst der letzte Mensch diese Stätte verlassen hätte. In der Werkstatt Hobelbänke und Werkzeug unordentlich durcheinander geworfen, Vorratskisten und Konserven, Teile vom Ballon und seinem Ventil, an der Decke mehrere Boote aufgeheißt, ein Faltboot und ein Ruderboot, Riemen und Segel, Rudergabeln, Steuerblätter und Holzvorräte, große Kisten voller Nägel und Schrauben, Messingteile und Arbeitsgerät aller Art. Neben der Hobelbank noch Späne und Holzscheite und in der Schmiede nebenan alles, wie wenn die Arbeit erst gestern aufgehört hätte. Vor der Wasserstoffabrik stehen Tonnen voll Eisendrehspänen und Schwefelsäureballons, Kühler, Waschapparate und Rohrleitungen betriebsfähig.
   Am wunderlichsten aber sieht es im Wellmanhause selbst aus. Das Gebäude besteht aus einem ringsum laufenden Korridor, welcher einen großen Innenraum allseitig umschließt. Daneben das Badezimmer mit der Wanne und zahlreichen Garderobestücken, Stiefeln und Toilettegegenständen. In der Küche der Herd und die Petroleumkocher, Schüsseln, Teller, in vielen Kästen und Schubläden Vorräte aller Art, Graupen, Grütze, Streichhölzer, Zahnstocher, Kisten voller Konservenbüchsen; in der Suppenschüssel, neben der der neusilberne Vorlegelöffel liegt, noch ein Rest eingetrockneter Suppe, und die Petroleumkanne steht noch neben dem Kocher, als wenn dieser eben aus ihr aufgefüllt wäre. In dem photographischen Laboratorium Flaschen und Mensuren, Schalen und Kodakspulen, Chemikalien aller Art, alles vollkommen eingerichtet bis auf die rote Dunkelkammerlampe und die Wässerungskästen aus Zink; an der Erde die bekannten Gebrauchsanweisungen der Kodakgesellschaft verstreut, und auf dem Bücherregal eine kleine Bibliothek- teils technischer Werke, teils auch jener Literatur, wie sie die Seeleute für billiges Geld in jedem Hafen kaufen. Die Bettstätten sind noch mit ihren Bettstücken versehen, das eine Bett ist aufgeschlagen und unordentlich, als wäre es vor einer Stunde noch besetzt gewesen.
   Was den Abenteurer Wellman seinerzeit bewogen hat, alles dies hier zurückzulassen und nicht einmal Ordnung zu schaffen, ist schwer zu sagen. Von den Ballonteilen ist von dem benachbarten Landungsplatz auf dem von hier sichtbaren Gletscher der Hauptinsel einiges wieder zurückgeschleppt worden. So liegen die Gondel und einige Schlitten, Ballonproviant und Teile der Maschinen direkt im Freien auf dem Platz vor der Ballonhalle.
   Ganz anders sieht es drüben im benachbarten Andreehaus aus. Auch hier sind noch zahlreiche Ausrüstungsgegenstände Zeugen einstiger Tätigkeit. Rings die einfachen, kojenartigen Betten und an den Wänden, die mit grauem Papier überzogen sind, zahlreiche Inschriften und Berichte, die teils Andrees Begleiter, teils spätere Expeditionen, die wohl gelegentlich hier überwinterten, zurückgelassen haben.
   Der ganze Platz bietet ein Bild überaus trauriger Öde und Verlassenheit. Auch wenn man nicht an das Schicksal denkt, welches den jugendlichen Enthusiasten in einen vorzeitigen, furchtbaren Tod geführt hat, auch wenn man sich nicht erinnert, wie hier dicht nebeneinander der idealistische Forscher und der amerikanische Reklameheld ihre Pläne, jeder in seiner Weise, verwirklicht haben, macht die ganze Umgebung einen unheimlichen und traurigen Eindruck. Schwer ist es auch zu begreifen, warum man gerade diesen Platz für die beiden Unternehmungen gewählt und sicher, daß spätere Vorstöße in gleicher Richtung von hier aus nicht ausgehen werden. Nicht nur die ernsten Erinnerungen an die beiden mißglückten Unternehmungen werden spätere Ballonfahrten polwärts von diesem Punkt ausschließen, sondern die ganze Lage des Virgohafens, der beschränkte Raum und die Offenheit des Terrains gegen Nord- und Nordwestwinde lassen den Platz als besonders ungeeignet erscheinen.

Mit Zeppelin nach Spitzbergen
Bilder von der Studienreise der deutschen arktischen Zeppelin-Expedition
Hrg von A. Miethe und H. Hergesell
Berlin, Leipzig, Wien, Stuttgart 1911

Reiseliteratur weltweit - Geschichten rund um den Globus. Erlebtes und Überliefertes aus allen Teilen der Welt. Entdecker – Forscher – Abenteurer. Augenzeugenberichte aus drei Jahrtausenden. Die Sammlung wird laufend erweitert – Lesen Sie mal wieder rein!