Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1909 - Frederick Cook
Der Erste am Nordpol?
Rückkehr nach Annoatok

Wie Grönland so vor unsern Blicken lag, erschien es uns ein Eden. Dort waren meine Eingeborenen-Begleiter zu Hause und dies bedeutete den ersten Schritt zu meiner eigenen, fernen Heimat; es war ein Land, das dem kämpfenden Manne die Aussicht der Existenz bot.
   In Wirklichkeit waren wir jetzt, trotz aller voraufgegangenen schweren Bedrängnisse, mehr denn je, einer verzweiflungsvollen Hungersnot preisgegeben. Grönland war nur dreißig Meilen entfernt, aber wir waren von ihm durch unpassierbares, offenes Wasser - eine hoffnungslose sturmdurchwühlte Tiefe - getrennt. Ich wußte in diesem Augenblicke nicht, warum wir uns nicht niedersetzten und verhungerten und erfroren. Wir hatten nicht die leiseste Aussicht, hinüberzugelangen und doch hielt Hoffnung, "das Etwas, das die Träume schafft", unsere Augen offen.
   Wir brachen auf. - Wir waren so abgemagert, wie Menschen es nur sein können. Die wenigen Fetzen Fleisch, Eingeweide und Haut des vor Jahresfrist vergrabenen Seehunds, waren alles, was wir noch an Nahrungsmitteln besaßen. Wir zogen die ersten beiden Tage nordwärts über wild zerklüftete Eishügel und tiefen Schnee und taumelten und strauchelten, wie todwunde Tiere, über Eisklippen. Dann erreichten wir gutes, weiches Eis, aber offenes Wasser zwang uns nordwärts und immer weiter nach Norden, fort von den geliebten Klippen, hinter denen die grönländische Heimat mit ihren reichen Jagdgründen lag. Es war uns nicht mehr möglich, unsere Füße zu setzen, aber auf dem guten, jungen Eise brauchten wir nur auf unsern eisstarrenden Stiefeln zu rutschen, das war eine Erleichterung für unsere müden Beine und wir kamen doch rasch vorwärts. Die Tagemärsche wurden länger, die verkommene Seehundnahrung ging zur Neige und Wasser gab es kaum. Das Leben schien nicht länger des Lebens wert. Wir hatten die Fleischfetzen und den gefrorenen Seehundproviant sparsam vertilgt; wir hatten andere Sachen gegessen, - als letzte Rettung unsere Stiefel und die Lederriemen.
   So entkräftet, daß wir nur noch auf Händen und Füßen kriechen konnten, erreichten wir die Spitze eines Eisbergs, von der aus wir Annoatok gewahrten. Eingeborene, die uns lange tot glaubten, kamen uns entgegen, um uns zu begrüßen. Hier traf ich Harry Whitney. Als ich seine Hand in der meinen hielt, kam all das Traute einer lang vergessenen Welt über mich. Mit ihm ging ich zu meinem Hause, um nur zu erfahren, daß es während meiner Abwesenheit beschlagnahmt worden sei. Eine heftige Erbitterung stieg in mir auf, die ich schwer zu verbergen
vermochte, doch eine warme Mahlzeit verscheuchte sie für eine Weile.
   Bei passender Gelegenheit sagte ich zu Whitney: "Ich habe den Pol erreicht."
   Als ich dies zum ersten Male englisch aussprach, kam es über mich, als sagte ich etwas Ungewöhnliches. Doch Whitney zeigte keine große Überraschung und bestätigte durch seinen ruhigen Glückwunsch nur, was auch meine Ansicht war, daß ich weder etwas Außerordentliches, noch etwas Unglaubliches geleistet hätte, denn die Erreichung des Nordpols war, im Vergleich zu unseren späteren Erlebnissen, weniger bedeutungsvoll.

Cook, Frederick A.
Meine Eroberung des Nordpols
Hamburg/Berlin 1912

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