Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1895 - Fridtjof Nansen
Umkehr auf 86° Nord

Ich komme mehr und mehr zu der Ansicht, daß wir vor der ursprünglich festgesetzten Zeit (beim Verlassen des Schiffes hatte ich mir vorgenommen, 30 Tagen nach Norden zu marschieren, und daher nur für diesen Zeitraum Futter für die Hunde mitgenommen) umkehren müssen. Es sind vermutlich ungefähr 280 Seemeilen (410 Kilometer) bis Petermann-Land (in Wirklichkeit waren es über 360 Seemeilen (670 Kilometer) bis Kap Fligely), jedoch wird es uns wahrscheinlich die größte Mühe kosten, diese Entfernung zurückzulegen. Die Frage ist nur: sollen wir nicht versuchen, auf jeden Fall 87° nördlicher Breite zu erreichen? Ich bezweifle jedoch, ob es uns gelingen wird, wenn das Eis sich nicht bessert.
   Sonnabend, 6. April. 2 Uhr morgens -24,2 °C. Das Eis wurde immer schlimmer. Gestern brachte es mich fast zur Verzweiflung, und als wir heute Morgen halt machten, war ich beinahe entschlossen, wieder umzukehren. Ich will jedoch noch einen Tag weitergehen, um zu sehen, ob das Eis nach Norden hin wirklich so schlecht ist, wie es von dem 10 Meter hohen Eisrücken aus, hinter dem wir lagen, aussieht. Gestern haben wir kaum einige Kilometer zurückgelegt. Rinnen, Ketten und rauhes Eis; es sieht aus wie eine endlose Moräne von Eisblöcken; und dabei das unaufhörliche Heben der Schlitten über jede Unebenheit hinweg; es genügte, Riesen zu ermüden. Seltsam ist dieses aufgebrochene Eis, zum größten Teil ist es nicht sehr massiv, sondern sieht aus, als ob es in neuerer Zeit in die Höhe gedrängt worden sei, da es nur teilweise mit dünnem losen Schnee bedeckt ist, in dem man plötzlich bis zum Leibe einsinkt. Und so dehnt sich das Eis meilenweit nach Norden aus. Hin und wieder bemerkt man alte Schollen mit Hügeln, die durch die Einwirkung der Sonne oben abgerundet sind und oft aus sehr dickem Eise bestehen.
   Es wird immer deutlicher, daß unser Hierbleiben nicht ratsam ist. Wir werden nicht Im Stande sein, weiter nach Norden zu kommen, und eine langwierige Arbeit wird es nach Franz-Joseph-Land auch werden. Andererseits werden wir dort unsere Zeit viel besser ausnutzen können, wenn uns überhaupt welche bleibt. 8 1/2 Uhr abends -34 °C.
   Montag, 8. April. Nein, das Eis wird immer schlimmer, und wir kommen nicht weiter; eine Kette folgt der anderen, und es gab nichts als Eisblöcke, über die wir fahren mußten. Wir brachen heute Morgen gegen 2 Uhr auf und setzten den Weg, solange wir konnten, fort, wobei wir die Schlitten während der ganzen Zeit fast tragen mußten; schließlich wurde es aber zu arg. Ich war auf Schneeschuhen eine gute Strecke vorausgeeilt, fand aber keine Aussichten für das Vorwärtskommen und erblickte selbst von den höchsten Hügeln überall nur dasselbe Eis, das sich bis an den Horizont ausdehnt. Es war gerade, als ob man über eine endlose Steingeröllfläche schaute. Noch länger dies zu ertragen, hat wenig Sinn, und wir erreichen wenig. Sollte noch viel solches Eis zwischen hier und Franz-Joseph-Land kommen, so werden wir die Zeit wahrlich dafür brauchen. Ich beschloß daher, umzukehren und unsern Kurs auf Kap Fligely zu richten.
   Auf diesem nördlichen Lagerplatze leisteten wir uns ein großes Festmahl, bestehend aus Labskaus, Brot und Butter, trockener Chocolade, gedämpften Preiselbeeren, nebst heißem Molkentrank. Übersatt krochen wir in unseren Lieben Sack, unsern besten Freund. Ich nahm heue eine Meridianhöhe, aus welcher ich ersehe, daß wir ungefähr auf 86° 10‘ nördlicher Breite sein mußten. (Diese Breite erhielt ich durch rohe Schätzung. Bei genauerer Berechnung stellt sie sich als 86° 13,6‘ heraus, während die Länge ungefähr 95° Ost war. Die Breite war höher, als wir nach Beobachtungen der letzten Tage vermuten konnten; offenbar trieb das Eis nach Norden, wofür wir einige Tage später einen klaren Beweis erhielten.)

Nansen, Fridtjof
In Nacht und Eis
Band II, revidierte Ausgabe, Leipzig 1898

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