Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1594 - Gerrit de Veer
Mit Willem Barents unterwegs: Über Walrösser und das Elfenbein des Nordens
Oranierinseln vor Nowaja Semlja

Sie kamen zu den Oranierinseln. Dort kreuzten sie bei schönem und stillem Wetter zwischen Land und Packeis und landeten am 31. Juli auf einer Insel. Dort fanden sie um die 200 Walrösser oder Seepferde, die am Strand lagen und sich sonnten. Diese Seepferde sind großartige Meeresungeheuer, viel größer als Ochsen. Sie leben im Meer und haben eine Haut wie ein Seekalb oder Seehund mit sehr kurzem Haar, und ein Maul wie ein Löwe; sie liegen häufig auf dem Eis. Sie sind kaum umzubringen, es sei denn, man trifft sie genau auf die Stirn. Sie haben vier Füße, aber keine Ohren, und gewöhnlich ein oder auch zwei Junge. Und wenn die Jäger sie mit ihren Jungen auf einer Eisscholle antreffen, treiben die Mütter die Jungen vor sich her ins Wasser, nehmen sie in die Arme und tauchen so auf und ab. Wenn eine Mutter ein Boot aus Rache angreifen oder sich verteidigen will, lässt sie das Junge frei und geht mit aller Kraft auf das Boot los. So kamen unsere Leute in großer Gefahr, denn ein Seepferd hatte fast schon die Zähne in das Heck eines Bootes geschlagen, um es umzuwerfen, aber weil die Leute laut schrien, bekam das Tier es mit der Angst zu tun, schwamm davon und nahm das Junge wieder in die Arme.
   Aus dem Maul stehen seitwärts zwei Zähne hervor, jeder etwa eine halbe Elle lang; diese werden besonders in Russland, Sibirien und benachbarten Gegenden hoch geschätzt, weil sie genauso weiß, hart und glatt sind wie Elfenbein.
   Unsere Leute nahmen an, dass sich die Seepferde, die sich an Land sonnten, außerhalb des Wassers nicht gut verteidigen konnten, griffen sie an und kämpften mit ihnen, um an die wertvollen Zähne zu kommen. Aber alle ihre Äxte, Messer und Spieße zerbrachen, und sie konnten auch nicht eines töten, brachen aber manchen die Zähne heraus und nahmen sie mit. Und da sie im Nahkampf nichts erreichen konnten, kamen sie überein, an Bord zu gehen und sie mit ihren Schusswaffen zu erlegen. Aber der Wind wurde so stark, dass die Eisschollen zerbrachen, und deshalb wurde nichts daraus.
   Dann fanden sie einen großen weißen Bären schlafend; dem schossen sie in den Körper, aber er rannte davon; die Leute folgten ihn im Boot, töteten ihn, zogen ihn aufs Eis, banden ihn an einem Spieß fest , den sie senkrecht ins Eis steckten, und wollten ihn holen, nachdem sie auf die Seerösser geschossen hatten. Aber der Wind wurde immer stärker, das Eis brach weiter auf, und sie so konnten nichts erreichen.

Veer, Gerrit de
The true and perfect description of three voyages
London 1876; Nachdruck 1993
Übersetzung: U. Keller

Abgedruckt in:
Keller, Ulrike (Hg.)
Reisende im Nordmeer seit dem Jahr 530
Wien 2009

Reiseliteratur weltweit - Geschichten rund um den Globus. Erlebtes und Überliefertes aus allen Teilen der Welt. Entdecker – Forscher – Abenteurer. Augenzeugenberichte aus drei Jahrtausenden. Die Sammlung wird laufend erweitert – Lesen Sie mal wieder rein!