Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1684 - Louis-Armand Lahontan
Wie die Männer zu Frauen kommen
Quebec

In diesem Land wohnen zweierlei Sorten Leute. Einige sind aus Frankreich herübergesegelt, sich mit ihrem wenigen Geld hier niederzulassen, die andere hingegen Offiziere und gemeine Soldaten vom Regiment Carignan. Denn da man sie vor 30 oder 40 Jahren entlassen hatte, kamen sie hierher und verwandelten ihre Schwerter in Pflugscharen; und trieben statt des gelernten Handwerks, Menschen umzubringen, nun ein anderes, dem menschlichen Leben höchst nützliches, nämlich den Feldbau, Diese neuen Ankömmlinge mußten um Grund und Boden sich gar nicht sorgen, da man ihnen gern so viel Waldung anwies, wie sie nur bearbeiten konnten. Die Generalgouverneure ließen ihnen alles nach Belieben zukommen; und die Offiziere verheuerten ihren Soldaten das Tagwerk Acker für einen bloßen halben Taler.
   Nach diesen Einwohnern kam ein Volk, das diesem Lande zu großem Nutzen, Frankreich aber zur ziemlichen Erleichterung diente. Dies war eine kleine Flotte Amazonen im Bette oder ein Trupp Frauenzimmer. Diese Nonnen von Paphos oder Kythere brachten den Segen. Ihre Ankunft wurde mir so beschrieben: es wurde nämlich die keusche Herde durch verständige Hirten zur ehelichen Weide geführt. Sobald man in die Wohnungen gekommen war, ließen diese seltsamen Kommandanten ihre Soldaten die Musterung passieren und teilten sie in 3 Klassen, davon jeder Teil in ein besonderes Gemach ging. Der Platz war klein, und eben darum mußte man sie so gedrängt einquartieren. Also stunden hier drei wohlversehene Liebesbuden. Der Kaufmann Cupido hatte beide Hände voll zu tun. Weiße, Braune, Rötliche, Schwarze, Feiste und Magere, Große und Kleine, wie's einer gerne haben wollte. Sobald die Zeitung dieser neu angekommenen Ware erschollen, lief alles zum Einkauf herzu. Man ließ keine allzu genaue Besichtigung zu, sondern verkaufte dem Sprichwort nach, die Katze im Sack, Der Verkauf ging trefflich vonstatten. Ein jeder fand was für sich und innerhalb von 14 Tagen war alles fort. Möchte man denken, wie denn die Häßliche auch so bald Liebhaber gefunden? Allein wer weiß nicht, daß einem Hungrigen auch Bohnen wohlschmeckend. Bekam einer eine nicht gar Schöne, hatte er den Vorteil, daß ihm keiner so leicht ins Gehege gehen würde.
   Hatte ein anderer eine Dicke, so hoffte er, sie würde, weil ihr das Gehen sauer geschähe, desto fleißiger zu Hause bleiben. Da schlägt man bei der Rechnung auch manchmal fehl; zumal auch in Kanada sich weist, was sonst in Europa das Sprichwort gibt: daß nämlich niemand eine Frau, die untreu sein will, genug hüten könne. Es mußten aber, um nun wieder auf meine Erzählung zu kommen, die, so eine haben wollten, sich bei der Hofmeisterin anmelden, und ihr Vermögen und Stand anzeigen, ehe sie ins Frauen-Zimmer, eine zu erwählen, gelassen wurden. Sobald der Handel richtig, beschrieb ein Notar den gemachten Kauf. Der Priester verrichtete die Kopulation und sodann ging erst das eheliche Leben an. Folgenden Tags ließ ihnen der Generalgouverneur genügend Lebensmittel austeilen, damit sie auf diesem ungestümen Weltmeer getrost fortzuwallen, Herze genug bekämen. Sie fingen ihre Haushaltung fast wie Noah an, da er in die Arche ging: Mit einem Stier, einer Kuh, Sau und Eber, Hahn und Henne, 2 Fäßlein gesalzen Fleisch und etwas Geld. Die Offiziere, ehrenhaftere als ihre Soldaten, erkiesten ihre Frauen aus altadligen Stämmen ihres Landes oder auch dessen reichsten Einwohnern. Zumal es bereits 100 Jahre sind, daß die Franzosen auf der Insel Kanada sind. Jedermann ist daselbst wohl logiert und versehen. Die meisten Häuser sind von Holz und zwei Stock hoch; die Schornsteine aber von ungemeiner Größe, dergestalt, daß man sehr große Feuer macht, daß man's fein spüren kann, indem zwischen dem Dezember und April die Kälte durchdringend ist.
   
Lahontan, Louis-Arnaud
Neueste Reisen nach Nord-Indien oder dem mitternächtlichen Amerika …
Hamburg/Leipzig 1809; Neuausgabe Berlin 1962

Reiseliteratur weltweit - Geschichten rund um den Globus. Erlebtes und Überliefertes aus allen Teilen der Welt. Entdecker – Forscher – Abenteurer. Augenzeugenberichte aus drei Jahrtausenden. Die Sammlung wird laufend erweitert – Lesen Sie mal wieder rein!