Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1908-09 - Frederick Cook
Der Erste am Nordpol?
Die Rückkehr - Überwinterung bei Kap Sparbo

In zwei Monaten, vom 1. September bis Ende Oktober, wo wir eine Periode von Hunger, Durst und gräßlichem Elend durchmachten, kamen wir nun zu einem Überfluß an Wild. Aber die Zeit der Untätigkeit war noch nicht gekommen. Bisher waren wir nur allzu fleißig bei der ernsten Arbeit für die Notdurft des Lebens gewesen, um daran zu denken, daß wir tatsächlich ein neues Wunderland der Natur entdeckt hatten. Das Glück Robinson Crusoes war nicht günstiger als das unserige, obgleich er nicht die grimmige Kälte, die endlos lange Nacht und die Plage der Bären in seinen Abenteuern verzeichnen konnte. Auf den verschiedenen Jagdzügen hatten sich allmählich unsere Blicke auf eine neue Welt des Lebens gerichtet.
   Bei dem Durchstöbern jedes Winkels und jeder Erdspalte des Landes waren wir auf neue Arten des Lebens gestoßen und es eröffnete sich ein neuer Einblick in die Wunder der Natur. Wir schliefen bei Sturm in Höhlen, bei scharfem Winde im Schutze von Eisbergen oder auf den Mooskissen kleiner Bodenvertiefungen. Dabei lernten wir das primitivste Tier- und Pflanzenleben kennen und beobachten.
   In der Arktik versucht die Natur ihre Nacktheit überall da, wo der grausame Wind nicht alles vernichtet, zu bedecken. Dieses Bestreben ist interessant, nicht nur wegen der Lieblichkeit des grünen Kleides, sondern wegen der Ersichtlichkeit eines mütterlichen Schutzes für alle die kleinen Lebenskeime, die gegen eine schreckliche Übermacht ankämpfen, um das grüne Gewand zu weben, wo nur immer ein kleiner Fleck Erde von der Südsonne bestrahlt wird. In diesen Bodensenkungen, geschützt vor dem wütenden Hauche der Stürme, breitet eine gütige Hand einen herrlichen, farbenreichen Mantel von Gras, Moos, Flechten und Blumen aus.
   Hier unter der weichen Decke gräbt der Lemming sein Nest, wo er sich von Wurzeln nährt und gegen die fürchterliche Kälte geschützt ist. Hier im warmen Schoß der Mutter Erde, die bedeckt mit dem schützenden weißen Gewande des Winters, schläft er im Frieden des Todes, während draußen die rasenden Elemente gewaltig toben.
   Dort spielen während des arktischen Sommers die Kaninchen, und wenn der Winter kommt, ist die junge Nachkommenschaft ausgewachsen und mit seidenweichem, weißem Pelze angetan. Unter dem Schnee haben sie ihren Bau, zu dem sie lange Röhren graben, wo sie nagen und schlafen auf erstarrten Pflanzen, tief unter dem Schneegewand der Mutter Erde, solange droben die lebenvernichtenden Stürme ihre winterliche Herrschaft führen.
   Da kratzt das Schneehuhn nach Futter. Moschusochse und Karibu weiden, während die Raben, mit einem freundlichen Krächzen für alle, Futter für ihren Schnabel sammeln. Ab und an statten Bär und Wolf einen Besuch ab, um ihren Tribut einzuziehen, während Falke und Fuchs, mit halboffenen Sehern, stets darauf lauern, ihr Geschick und ihre Listen auszuüben.
   In diesen geschützten Vertiefungen ist es, wo sich der arktische Erzeugungsapparat beeilt, den Nachwuchs der Eiseinöden zu liefern, sobald die Sonne zu scheinen beginnt, der Schnee schmilzt und in eilenden Strömen abfließt. Wenn die See noch in der eisigen, schnürenden Umarmung des Winters gefangen liegt, dann schaukelt in diesen Talmulden die Wiege des arktischen Lebens.
   Befreit von der alles in Anspruch nehmenden Sorge der Nahrungsbeschaffung, hielten mich jetzt oft auf meinen Wanderungen über solche Strecken die Wunder der Natur in Banden. Lebensphasen, die mich früher nie interessiert hätten, erregten nun meine Aufmerksamkeit. Während die Täler und Schluchten im Sommer einen gartenartigen Charakter annehmen, weil sie in dieser Zeit vor Winden geschützt liegen, so sind sie in der Winterszeit samt ihrer Vegetation in unergründlichen Schneemassen begraben. Moschusochse und Karibu sind aber für ihre Ernährung von diesem Pflanzenwuchs abhängig und so ihrer Existenzmittel beraubt. Doch Mutter Natur verläßt ihre Kinder nicht. Dieselben Stürme, die den Menschen und zartere Tiere zwingen, vor ihren todbringenden Angriffen Schutz zu suchen, ermöglichen es den widerstandsfähigeren Moschusochsen und Karibus, Futter zu finden. Im Sommer klettern die Pflanzen, ähnlich dem Tierleben, an Ritzen, Hügeln und Berghängen empor, um mehr Luft, Licht und warme Sonnenstrahlen zu erhaschen. Aber der Kampf hier ist hart und nur sehr kräftige Pflanzen überstehen die Gewalt der Winde und der Kälte.
   Die Pflanze bekommt hier ein zähes Leben; sie wird knorrig und knotig und durch den langen Widerstand treibt sie ihre Wurzeln ellentief in den Boden, während die Blätter, ihre Atmungsorgane, nur wenige Zoll groß werden. Hier fegen die Winterstürme den Schnee fort und bieten dem Moschusochsen und Karibu das Futter. So gibt der Wind, der vernichtet, auch die Bedingungen zum Leben. Die ausgleichende Gerechtigkeit der Natur ist wahrhaft staunenswert.
   Im eng umgrenzten Kreise fanden wir uns selbst in einem neuen Paradiese primitivsten Lebens.
   Die Topographie von Nord Devon bildete jedoch eine scharfe Grenze für das Tierleben dieses Teils der Arktik. Nur ein schmaler Streifen der Küste um Kap Sparbo zeigt ein Tierleben auf dem Lande und erstreckt sich etwa 25 Meilen nach Osten und ungefähr 50 Meilen westwärts. Alle andern Strecken der Südküste des Jonessundes sind noch weit öder als die Gestade des Polarmeeres.
   Wenn auch unsere Vorratskammer mit Fleisch und Fett, zum Essen und Brennen, versorgt war, so fehlten uns noch immer Pelze und Häute, um neue Kleidung herzustellen, mit der wir zur grönländischen Küste zurückkehren sollten. Die Tiere, deren Pelze wir gebrauchten, waren reichlich vorhanden, aber sie waren zu gewandt, um sie auf jene Weise zu erbeuten, wie wir Walroß, Bär und Moschusochse erlegt hatten.
   Eine Reihe von Versuchen richtete sich deshalb jetzt gegen Fuchs, Hasen, Schneehuhn und Seehund. Dabei war es aber notwendig, besondere Methoden und Fangarten für jede Tiergattung anzuwenden. Der Hase war wohl am wichtigsten, nicht nur weil trefflich mundendes Fleisch eine erfreuliche Abwechslung in die beständig wiederkehrende Moschusochsenkost brachte, sondern weil für Strümpfe kein anderes Fell dem seinen gleichkommt. Bei unserer Moschusochsenpirsch hatten wir an verschiedenen Stellen kleine Rudel dieser Tiere aufgescheucht, aber vor Mitte Oktober war ihr Winterfell nicht hervorragend. Wir merkten uns ihren Standort und ihre Gewohnheiten und verschoben daher die Hasenjagd bis zu den Tagen kurz vor Niedergang der Sonne. Wir lernten diesen kleinen Aristokraten bewundern, denn er ist das schönste und zarteste Tier des hohen Nordens. Im Frühsommer sahen wir ihn auf den grünen Wiesen am Fuße der Vogelklippen äsen. Damals spielten die kleinen grauen Häschen mit ihren Müttern um kristallene Höhlen herum; jetzt waren die Jungen vollständig ausgewachsen und, wie die Alten, in tadelloses Weiß gekleidet. Wir konnten den Nachwuchs nur durch die größere Lebhaftigkeit und die unausgesetzte Neugier unterscheiden.
   In unmittelbarer Nachbarschaft unseres Lagers fanden wir sie zuerst in den Schluchten, wo der Schnee des letzten Winters erst kürzlich verschwunden war. Hier war das Gras jung und zart im Geschmack, wie es ihrer Neigung für Leckereien entsprach. Etwas später folgten sie dann den Moschusochsen zum Ufer der Lagunen oder auf die vom Winde rein gefegten Hügel. Noch später, als der Winterschnee die Weideplätze bedeckte und der schneidende Sturm der Polarnacht über die trostlosen Triften fegte, gruben sie, um zur Nahrung zu gelangen, lange Röhrengänge unter dem Schnee und wenn die Stürme allzu schwer waren, blieben sie in diesen Futtertunneln sitzen.
   Als ein Tier von seltener Intelligenz, versteht der Hase rasch einen Vorteil zu nutzen und daher fanden wir ihn, sobald wir mehr in den Winter hineinkamen, als beständigen Begleiter des Moschusochsen. Denn wo der Moschusochse den Schnee aufwühlte, fand dies kleine Geschöpf ausreichende, unverdeckte Nahrung für seinen Unterhalt.
   Mit einem so zarten Knochenbau wie der eines Vogels, und mit einer Haut so fein, wie Papier, ist er trotzdem imstande, dem harten arktischen Winter ebensogut zu widerstehen, wie der Bär mit seinem plumpen Körper. Bei geringstem Futterverbrauch wendet der Hase die größte Energie auf. Sein Fell ist so weiß, wie der arktische Schnee, so daß es sich von diesen nicht abhebt. In einem rötlichen Lichtschein erscheint es rötlich weiß; im Schatten des Eises oder in der Dunkelheit der Nacht nimmt es das abgetönte Blau der Arktik an. Die Natur hat das Fell des Hasen besonders gebleicht, um ihn gegen die eisige Kälte zu schützen, denn sein weißes Kleid bewahrt die Körperwärme besser, als dieses irgendein anders farbiges oder dunkles tun würde.
   Der Fuchs ist der einzige tatsächliche Feind des Hasen und der erfolgreiche Vorteil des Fuchses liegt in dessen überlegener Schlauheit. Das einzige Mittel des Hasen, dem Fuchs zu entkommen, ist die blitzschnelle Bewegung seiner Läufe. Sobald er Gefahr wittert, läuft er in Sprüngen davon, so daß ihn nur ein Vogel einzuholen vermag, und trotzdem verbraucht er dabei so wenig Muskelkraft, daß er diesen Lauf eine fast endlose Zeit auszuhalten vermag. Ist er einige hundert Schritte weit gelaufen, so setzt er sich und spitzt seine Löffel mit den dunkeln Spitzen, ein entzückendes Bild der alles meisternden Natur. Dagegen, wenn er schläft, rollt er sich zusammen und schiebt die Pfoten sorglich unter seinen Körper in die langen Pelzhaare und steckt dann seine stetig schnuppernde Schnauze, mit den geteilten Lippen in das weiche Fell auf seiner Brust, auf der sich von dem Atem, sobald der Sturm den Schnee vor sich her wirbelt, Eiskristalle bilden. Dann ist der Hase ein lebendiger, flaumiger Ball, der unsere Bewunderung heischt.
   Da wir fast jeglichen Komforts des Lebens beraubt waren, so lernten wir mancherlei von den Tieren in unserer Umgebung. Von dem Hasen, mit seinem ausgesprochenen Hang zur Sauberkeit, lernten wir, wie wir ohne Seife und Handtuch und mit nur wenig Wasser Hände und Gesicht waschen konnten, denn wir hatten einige Beschwerde, unser Äußeres einigermaßen respektabel zu erhalten. Der Hase hat das gleiche Bestreben, aber er ist von der Natur mit einem Reinigungsapparat versehen. Nach seiner eigenen Wahl benutzt er die Vorderpfoten, aber auch die als Schneeschuhe dienenden Hinterpfoten dienen diesem Zwecke sehr gut, wozu noch kommt, daß der Hase mit einem kräftigen Pelz bekleidet ist, der die Eigenschaft eines nassen Schwammes hat und weder Seife noch Wasser erfordert. Genug, wir verwendeten die Hasenpfoten als Schwamm und hielten uns damit sauber, auch vertraten sie gleichzeitig die Stelle von Servietten. Wir sammelten daher einen Vorrat von Hasenpfoten, die Waschschüssel und Handtuch ersetzten und bewahrten so viele auf, um uns wenigstens sechs Monate sauber halten zu können.
   E-tuk-i-shook hatte besonderes Geschick, Hasen mit der Schleuder zu erbeuten und viele wurden ein Opfer seiner primitiven Jagdmethode, während Ah-we-Iah im Steinwurf nie ein Meister wurde, dagegen aber eine große Fertigkeit mit Bogen und Pfeil besaß. Gewöhnlich kehrte er von seiner täglichen Jagd wenigstens mit einem Hasen heim. Unsern Haupterfolg erzielten wir aber mit einer noch viel einfacheren Erfindung. Wir rechneten mit der Neugier des Hasen und erfanden eine Reihe von Schlingen, die wir quer über die regelmäßige Fährte aufstellten. Beim Spielen und Springen durch diese Schleifen zog das Tier die Schlinge zu und wurde so selbsttätig unser Opfer.
   Die Jagd auf das Schneehuhn war allein Ah-we-Iah möglich. Der Vogel war durchaus nicht scheu, denn er kam oft bis dicht vor unsere Höhle und kratzte im Schnee wie ein Küken. Als Ziel für die Schleuder war das Schneehuhn zu klein und nur Ah-we-lah konnte dies Federvieh mit dem Pfeil erlegen. Im ganzen wurden bei unserm Lager fünfzehn geschossen und alle wurden mein besonderer Leckerbissen. Dem Gebrauch der Eskimos gemäß, darf ein junger, unverheirateter Mann oder Mädchen kein Schneehuhn, oder "ahr-rish-shah", wie sie es nennen, essen. Dieser Genuß ist den älteren Leuten vorbehalten und ich versuchte nicht einen Augenblick, sie zur Entheiligung dieser Sitte zu überreden. Das brachte mir einen großen Vorteil, denn es trug nicht nur dazu bei, meine Würde als älterer Eskimo zu bestärken, sondern ich konnte auf diese Weise mit Genuß den ganzen Vogel verspeisen, statt nur einen Mund voll zu bekommen.
   So oft wir auch jederzeit das Schneehuhn beobachteten, so blieb es uns doch immer ein rätselhaftes Ding. Unerwartet kommt es vom Himmel herab und steigt wieder auf zu einem unbekannten Ziele. Hin und wieder sahen wir die Schneehühner in großen Scharen, dann aber waren sie wieder auf Monate hinaus verschwunden. Im Sommer hat dieser Vogel graue und braune, mit weiß untermischte Federn. Er hält sich dicht beim Inlandeise auf und nimmt seinen Flug längs den schneebedeckten Küsten von Noonatak, außerhalb des Bereichs von Mensch und Fuchs. Ausgangs September sucht er die niedrigeren Plätze nahe dem Meeresspiegel auf.
   Gleich Hasen und Moschusochsen zieht sich das Schneehuhn nach windigen Stellen, an denen der Schnee fortgeweht ist. Hier findet es einiges Moos und verdorrte Pflanzen, die seine Bedürfnisse befriedigen. Sein Sommergefieder sieht auf den ersten Blick dem des Rebhuhns ähnlich, doch bei genauerer Betrachtung findet man, daß alle Federn unterhalb farbig getupft, sonst aber weiß sind. Im Winter bleiben nur die Schwanzfedern dunkel, während es im übrigen weiß wie der Hase ist. Die Beine sind oft mit so dickem Pelz besetzt, wie der Unterteil der Hinterläufe des Hasen. Das Fleisch ist zart und delikat von Geschmack. Das Schneehuhn ist die schönste der vier Vogelarten, die in der weißen Welt der Arktik bleiben, wenn alles während der Winternacht verödet.
   Wir suchten den Fuchs eifriger als das Schneehuhn; wir konnten ihn besser erlegen und brauchten zudem sein Fell sehr notwendig. E-tuk-i-shook und Ah-we-lah betrachteten Fuchsschinken als hohe Delikatesse, an der ich nur gezwungenerweise teilnahm, während ich Moschusochsensteaks vorzog. Wir hatten keine Stahlfallen und fast immer entkam der Fuchs auf Nimmerwiedersehen unsern roh hergestellten Fangapparaten. Nach dem Muster der Fuchseisen stellten wir solche aus Knochen her mit einem Moschusochsenhorn als Feder. Aber auch hiermit hatten wir nur teilweise Erfolg. Als letzten Ausweg errichteten wir kleine Gewölbe, eine Nachbildung unserer Proviantverstecke, mit steinernen Falltüren. In diesen gelang es uns, vierzehn Weiß- und zwei Blaufüchse zu fangen. Dann aber schienen sie unserer List gegenüber zu schlau geworden zu sein.
   Der Fuchs wird erst gegen Ende Oktober scheu, sobald sein Pelz Wert zu bekommen beginnt. Vorher folgte er uns stets auf die Moschusochsenjagd, denn er merkte sehr bald, daß es sein Vorteil sei, Nachlese auf dem Kampfplatz zu halten. Wir ließen ihm dort oft gute Bissen zurück, eine Gunst, die er hoch zu schätzen schien durch seine liebevolle Wachsamkeit über unser Lager. Obgleich der Fuchs ein viel listigerer Dieb ist, als der Bär, konnten wir seine Plünderungen eher ertragen, denn er ist nicht so erpicht auf Fett und sein Fressen hat seine Grenze. So wurden wir gut mit ihm bekannt.
   Bisher hatten wir uns noch nicht mit dem Seehundsfang befaßt. Während des Sommers, bei offenem Wasser, konnten wir, ohne Kajak, dem Tier nicht nahe genug kommen und als der Winter und die Nacht nahte, waren wir zu sehr mit der Jagd auf Landtiere beschäftigt, um die Luftlöcher im jungen Eise zu suchen. Sobald sich die See zuerst mit einer dünnen Schicht farblosen Eises überzieht, das sich später verdickt, kommen die Seehunde an die Oberfläche, machen ein Loch zum Atemholen und gehen wieder, auf etwa zehn Minuten, zu ihren Futtergründen am Meeresboden hinunter, tauchen dann wieder auf und machen ein neues Loch. Die Lage dieser Öffnungen ist gewöhnlich kreisförmig oder bildet eine Reihe zusammenhängender, länglicher Linien, die einen besonders bevorzugten Futterplatz des Seehunds markieren.
   Bevor das junge Eis mit Schnee bedeckt ist, kann man diese Atemlöcher leicht erkennen an einem Ring weißer Eiskristalle, der sich verdichtet, sobald der Seehund Luft schöpft. Jetzt aber, wo der Winter das dunkle Eis mit einer weißen Decke gleichmäßig überzogen hatte, konnten wir die Luftlöcher der Seehunde, obgleich sie offen waren, nicht finden. Wir brauchten weder Fett noch Fleisch, benötigten aber dringend das Seehundsfell, denn wir brauchten diese dünne, aber zähe Haut für Stiefel und Schlittenleinen. Wie konnten wir nur den Seehund fangen?
   Von unserer unterirdischen Höhle aus beobachteten wir täglich das Umherstreifen der Bären. Sie streiften gewisse Strecken ab, auf denen wir gute Futtergründe für Seehunde kannten, aber sie schienen keinen Erfolg zu haben. Konnten wir nicht vielleicht von ihrer feinen Witterung profitieren und die Atemlöcher finden? Der Bär war unser größter Feind gewesen, aber unwissentlich bewies er sich auch als unser bester Freund.
   Wir gingen seiner Fährte nach und wurden auf dieser zu den Atemlöchern geführt, wo wir den Schnee von regelrechten Spuren umkreist fanden. Die meisten Atemlöcher waren verlassen, denn der Seehund hat eine ebenso scharfe Witterung wie der Bär, doch konnten wir noch ein paar "belebte" Löcher feststellen; wir bezeichneten diese mit Stöcken und nach einigen Tagen sorgfältigen Beobachtens und schwerer Arbeit harpunierten wir sechs Seehunde. Wir nahmen nur die Haut und den Speck und ließen die Kadaver den Bären als Jagdanteil, den sie später vertilgen mochten. Wir jagten nicht zusammen - wenigstens nicht wissentlich.
   Bei diesen Wanderungen über Jagdgründe hatten wir Gelegenheit, die hier hausenden Tiere sehr genau zu beobachten und damals war es, daß ich zu gewissen, sicheren Schlüssen über die vorherrschenden Gesetze der Farbe und Gewandung unserer Mitbewohner der polaren Einöden kam.
   Die Tiere der Arktik nehmen ihre Färbung an in Hinsicht auf ihren Wärmebedarf. Den wirksamsten Einfluß hat die weiße Farbe, weshalb die hellen Pelze nur ein geringes Entweichen der Wärme gestatten. Es ist augenscheinlich viel wichtiger, die. Körperwärme festzuhalten, als von den schwachen Strahlen der Sonne Wärme aufzusammeln. Im Winter ist ein weißer Pelz besonders notwendig und praktisch, wenn die Temperatur der Luft 150° F. unter der des Körpers ist. Im Sommer, wenn durch das Reflektieren der Schneefelder der unausgesetzte Sonnenschein noch erhöht wird, ist die Neigung vorhanden, Wärme zu absorbieren. Dann färbt die Natur die Felle dunkler, die nun entsprechend Wärme aufsaugen.
   Die relative Einwirkung des Lichts auf Hell und Dunkel kann leicht nachgewiesen werden, wenn man ein weißes und ein schwarzes Tuch an einem Abhange auf die Oberfläche des, Schnees im rechten Winkel zu den Sonnenstrahlen ausbreitet. Wenn man nach einigen Stunden die Tücher fortnimmt, so wird der Schnee unter dem schwarzen erheblich geschmolzen sein, während er sich unter dem weißen kaum verändert hat.
   Die Natur macht von diesem physikalischen Gesetze Anwendung, um das harte Los ihrer gegen das Wetter in der Eiswelt ankämpfenden Geschöpfe zu erleichtern. Die Gesetze der Schutzfarbe, die sich bei der Zuchtwahl ergeben, sind hier nicht anwendbar, wegen der vitalsten, wichtigsten Forderung des Wärmeaufsparens. Wenn wir jetzt, mit der Wärmekonservierung als Schlüssel, das Problem der Farbengebung untersuchen, so sind die Erwägungen sehr einfach. Die Lummenabart Serwah ist im Sommer schwarz wie die Raben, im Winter aber weiß. Das Schneehuhn ist im Winter hell, wie eine weiße Perle, doch im Sommer sind seine Federn braun getupft. Der Hase ist während des Sommers hellgrau, im Winter jedoch so weiß wie der Schnee, unter dem er Schutz und Nahrung findet.
   Der Weißfuchs ist im Sommer grau und der Blaufuchs wird, sobald die Sonne höher steigt, dunkler, während der Haaransatz mit der zunehmenden Kälte sich heller färbt. Das Karibu ist, wenn es auf den Moosflächen grast, dunkelbraun, doch sobald der Winterschnee kommt, beinahe weiß. Der Polarbär, der so weiß ist, wie die Natur ein Tier, das sich ausschließlich von Fett nährt, schaffen kann, sonnt sich in der Mitternachtssonne in seinem fast goldfarbenen Kleide. Der Moschusochse wandelt sein dunkles Unterfell in hellere Töne und der Rabe hat im Winter ein weißes Untergefieder. Die Ratte ist im Sommer grau, bleicht aber zur Winterzeit in ein helles Blaugrau. So vereinigt sich das Gesetz der Anpassung mit dem der Wärmeerhaltung.
   Als wir so die Vorbereitungen für den nahenden Winter trafen und nach Tieren mit geeigneten Pelzen suchten, ließen die Witterungsverhältnisse unsere Aufgabe immer schwieriger werden. Die Stürme, veranlaßt durch die niedergehende Sonne, ließen die See in mächtigen Wogen gehen und fegten eisige Wolken über das Land. Mit dem Verschwinden der Sonne drückt die Natur der Welt der Arktik den Stempel der Schwermut auf. Der Sonnenschein, der den Frohsinn weckt, ist vom Himmel fortgelöscht und der Beginn der winterlichen Finsternis kündigt sich durch den Kampf der Elemente an. Alle feindlichen Mächte der Natur erscheinen jetzt losgelassen, um ihre kriegerischen Gewalten auszutoben.
   Für kurze Augenblicke war das Wetter ruhig und wir zogen in dieser unheimlichen, nicht Gutes bedeutenden Stille hinaus in die Schluchten auf den Fang von Kleinwild. Diese Grabesruhe paßte ganz in die Stimmung unserer Welteinsamkeit. Als die See unter den eisernen Banden der Kälte erstarrte und alles Leben Schutz suchte unter dem vom Sturm gepeitschten Schnee des Landes, wurde der Orkan immer wilder und tobte in furchtbarem Ansturm über die tote, frostige Erde. Das Rasen der Elemente ließ die Felsen, unter denen wir schliefen, erzittern. Dann kam wieder auf einmal eine seltsame Ruhepause. Alles war tot, die Sonne schien nicht mehr, die Tiere der Einöde waren versturnrnt, jetzt waren wir ganz allein, - allein in einer ungeheuren, weißen Welt des Todes.

Cook, Frederick A.
Meine Eroberung des Nordpols
Hamburg/Berlin 1912

Reiseliteratur weltweit - Geschichten rund um den Globus. Erlebtes und Überliefertes aus allen Teilen der Welt. Entdecker – Forscher – Abenteurer. Augenzeugenberichte aus drei Jahrtausenden. Die Sammlung wird laufend erweitert – Lesen Sie mal wieder rein!