Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1905 - Kurt Faber
Zusammentreffen mit Amundsen: Die Nordwestpassage ist durchquert

Wieder war es ein trüber Herbsttag mit unruhiger See und heulendem Nordostwind. Im Osten, über den Bergkuppen des wilden Landes, hatte schon während des ganzen Tages ein Wetter gebrütet, dessen schwarze Massen die sinkende Sonne zu verfolgen schienen und mit finster drohender Stetigkeit das Tageslicht verscheuchten. Fern im Westen aber, dort, wo jetzt der Bug unseres tapferen Fahrzeuges hindeutete, lag noch immer ein breiter Streifen von hellem Licht.
   Bei günstigen Wind- und Eisverhältnissen hatten wir bald wieder Bailly Island [östlich des Mackenzie-Deltas] erreicht, die wir diesmal ohne anzulegen passierten. Obwohl noch alles frei von Eis war, schienen auch die anderen Schiffe dem Frieden nicht zu trauen, denn von Eskimos, die an Bord kamen, um Fische zu verkaufen, erfuhren wir, dass das letzte Schiff bereits vor einer Woche nach Westen abgedampft sei. Es war also wenig Aussicht, dass wir diesseits von Point Barrow noch mit Schiffen zusammentreffen würden.
   Um so größer war das Erstaunen, als bald darauf Joe, der Kanakabootssteurer [aus Hawaii], seine Stimme aus dem Krähennest vernehmen ließ: »Sail O!«
   Der Alte fuhr förmlich zusammen bei dem Ruf. »What's that -was gibt's da oben?« sang er aus mit Stentorenstimme.
   »Segel gerade voraus, ein Strich vor Luvbug, Sir!« kam die Antwort von oben.
   Mit ungläubiger Miene ging der Kapitän in die Kajüte, um sein Fernglas zu holen.
   »Kannst Du ihn ausmachen?« schrie er hinauf, nachdem er längere Zeit das Glas auf das Segel gerichtet hatte, das, nunmehr auch vom erhöhten Achterdeck sichtbar, über dem westlichen Horizont aufgetaucht war.
   »No Sir!« antwortete der Kanake, »ich habe das Schiff noch nie zuvor gesehen. Scheint mir ein kleiner Kutter zu sein. Eben geht die Flagge hoch! Hol mich der Teufel: eine Dutchmanflagge! [Eher abschätzige Bezeichnung für Holländer, Deutsche und Skandinavier.] Verflucht will ich sein, wenn ich jemals …!«
   Nun war die Reihe zu reden an Mr. Johnson [erster Steuermann], der schon lange genug auf eine Gelegenheit zur Betätigung gewartet hatte.
   »Will der Kerl dort oben uns zum Narren halten oder ist er selber verrückt? Kutter! Gibt's ja gar nicht! Und gar Dutchmanflagge! Seit zwanzig Jahren fahre ich hier im Eismeer und habe noch nie etwas anderes gesehen als die Sterne und Streifen!«
   »Aber sagen Sie, Mr. Johnson«, unterbrach ihn der Kapitän, über den eine plötzliche Eingebung gekommen war, »wenn's gar der Dutchman wäre, der nächstens von der anderen Seite herkommen soll? Wie heißt er doch nur: Ja, richtig, Amundsen!«
   »Mag schon sein,« antwortete Mr. Johnson, »so wird er wohl heißen, Amundsen, Petersen, Jansen, Hansen – der Teufel mag die Namen auseinanderhalten! Die Kerle heißen ja alle gleich!«
   Obwohl das Fahrzeug alle Leinwand gesetzt hatte, liefen wir ihm schnell genug auf, sodass es bald auch vom Großdeck aus sichtbar war. In der Tat ein winziges Ding – nicht viel größer als einer der Fischkutter, wie man sie auf der Unterelbe sehen kann. Von der Gaffel wehte die rote Flagge mit dem schwarzen Kreuz, die Flagge Norwegens.
   Bald hatten wir das Fahrzeug eingeholt und fuhren dicht in Luv vorbei, sodass wir es genau besehen konnten. Der Eindruck war nicht sonderlich imponierend. Es war klein und plump, mit gelben, geflickten Segeln und schwarz geteerten Planken. An dem breiten Heck stand in großen Buchstaben zu lesen: Gjöa – Kristiania. Auf dem Achterdeck standen Männer in Fellkleidern von merkwürdig frackartigem Zuschnitt.
   »Hallo!« sang Kapitän Cook aus, als wir nahe genug herangekommen waren, »sind Sie Kapitän Amundsen?«
   »Yes!« antwortete drüben ein schlanker Mann mit blondem Spitzbart.
   Der Kapitän stierte eine Weile vor sich hin. Was, zum Teufel, sollte er jetzt sagen? Das altgewohnte Schema bei der Begegnung in jenen Gewässern, Hallo Kapitän, wie viele Walfische habt Ihr gefangen? konnte man doch unmöglich auf diesen Fall anwenden.
   »Wie lange schon unterwegs?«, brüllte er endlich durchs Sprachrohr.
   Keine Antwort.
   »Wie lange Sie schon unterwegs sind?«
   »Allright!« kam von drüben eine dünne, kaum hörbare Stimme.
   »Was ich noch fragen wollte, Kapitän Amundsen, brauchen Sie vielleicht frischen Proviant, einen Sack Kartoffeln oder dergleichen?«
   »Yes, allright!« war wieder die einzige verständliche Antwort und dazu noch eine lange Rede in unverständlichem Englisch mit stark skandinavischem Akzent.
   »Vielleicht verstehen sie nicht United States,« war Mr. Johnson ein. »Du da«, wandte er sich an mich, der ich gerade dabei war, die Achterbrassen aufzuschießen, »bist ja auch ein Dutchman und kannst Deine Zunge nach allen Richtungen drehen. Kannst mal hier den Dolmetscher machen!«
   »Aber von der Sprache verstehe ich nichts«, wagte ich schüchtern einzuwenden.
   »Was!?« zischte er mich an, »Du willst den Dienst verweigern?«
   Meine vermeintliche Halsstarrigkeit hatte ihn in größte Wut versetzt. Für ihn gab es nur eine Sorte Dutchman, ob sie nun Holländer, Deutsche, Skandinavier, Finnen oder sogar Polen waren. Wer weiß, wie die Sache ausgegangen wäre, wenn sich nicht der Mann am Ruder, ein kleiner Holländer namens Arnold, in Mittel gelegt hätte.
   »Ich kann diese Sprache sprechen, Herr,« sagte er mit phlegmatischer Höflichkeit, ich bin drei Jahre auf norwegischen Schiffen gefahren.«
   »Hätt'st das auch vorher sagen können.«
   So wurde denn Arnold zum Dolmetscher ernannt. Aber, sei es, dass der Wind die Verständigung mit dem weit in Lee liegenden Schiff unmöglich machte, sei es, dass Arnolds Norwegisch doch nicht mehr auf der Höhe war, Tatsache ist, dass die kleine Gjöa allmählich achteraus verschwand, ohne dass wir ein vernünftiges Wort von drüben gehört hätten. Langsam, wie ein Geist aus einer anderen Welt, war das seltsame Fahrzeug wieder weit hinter uns in den Nebeln des trüben Herbstages verschwunden.
   Wir aber standen eine Weile sprachlos. So war sie endlich doch gefunden, die langgesuchte nordwestliche Durchfahrt, und wir waren Zeuge geworden des historischen Ereignisses! Wir, die wir die großen Begebenheiten immer erst zu erfahren pflegten, wenn schon das Gras eines ganzen Jahres darüber gewachsen war, wir wussten nun auf einmal eine richtige Sensation, lange ehe der geschäftige Draht die Kunde in alle Winde verbreitete!
   
   [Fabers Schiff bereitet sich auf die dritte Überwinterung vor. Er meint, das Leben auf dem Schiff bei gekürzten Rationen nicht noch ein Jahr ertragen zu können und spricht mit dem Eskimo Roxy ab, gemeinsam mit dessen Familie zum nächst gelegenen Fort der Hudson's Bay Company am Mackenzie River und dann allein weiter in das besiedelte Kanada zu ziehen, eine Reise von 4.000 km. Die Vorräte schwinden schnell, weil sich ihnen andere Gruppen Einheimischer anschließen. Aus Not geht Faber an Bord der Gjöa, die nicht weit von den Walfängern im Eis liegt, um Lebensmittel zu erbetteln.]
   
   Unser nächstes Ziel war das nicht weit im Südosten von Kay Point gelegene Kap King Point. Mit begreiflicher Spannung schaute ich unserer Ankunft an jenem Ort entgegen, denn dort überwinterte ja die Expedition des Kapitäns Amundsen. Ich war gespannt, was der hohe Herr zu meinem Erscheinen sagen würde.
   Sonntägliche Stille herrschte ringsum, als ich das Verdeck der Gjöa betrat. Von der Gaffel flatterte lustig im Morgenwind die rote Flagge mit dem Kreuz, und leise und verloren kamen von irgendwo unten im Schiffsraum die Klänge einer Ziehharmonika: »Ja, wir lieben dieses Land.«
   Wie hier alles so hübsch sauber und ordentlich war! Wie das helle Braun und Weiß des neuen Anstrichs an den Decksaufbauten glänzte und wie das frisch polierte Messingwerk in der Sonne funkelte! Und wie sauber das frisch gescheuerte Deck, so dass es einem ordentlich leid tat, mit den schmutzigen Füßen darauf herumzutreten! Wie ordentlich alles auf seinem Platz stand! Alles wie aus der Schachtel! Wie anders war hier doch alles als auf einem schmutzigen, tranigen Walfänger! Ich fühlte mich gar nicht zu Hause.
   Noch war ich ganz in diesen Betrachtungen versunken, als auf einmal ein schlanker Mann mit blondem Spitzbart vor mir stand. Er schaute mich einigermaßen verwundert an.
   »Good morning, sir,« sagte er auf Englisch in jenem sonderbar singenden Tonfall, der den Skandinavier nicht verleugnen kann, »Sie wünschen?«
   »Ich möchte Kapitän Amundsen sprechen.«
   »Der bin ich selber,« antwortete der Herr mit dem blonden Spitzbart, »What can I do for you? Was kann ich für Sie tun?«
   In diesem Augenblick vergaß ich die ganze schöne Rede, die ich mir ausgedacht hatte.
   »Ich – ich möchte einen Sack Mehl kaufen!« platzte ich heraus. Kapitän Amundsen schaute mich verwundert an.
   »Wie? Was?« fragte er wieder, »einen Sack Mehl wollen Sie kaufen? Ja, eigentlich führen wir hier keine Spezereihandlung: Wenn ich etwas davon entbehren könnte, würde ich es gern umsonst abgeben, aber wir haben selbst kaum mehr genug, um uns in den nächsten Monaten durchzubringen, und einen fehlenden Sack Mehl kann man hierzulande für das schönste Geld nicht wiederbekommen. Wollen einmal sehen, was sich tun lässt.«
   Mit diesen Worten führte er mich den Weg die steile Treppe hinunter nach der Achterkajüte. Es war ein wohnlich ausgestatteter Aufenthaltsort, diese Kajüte der Gjöa. Für Schiffsbegriffe sogar vornehm und für Eismeerverhältnisse einfach luxuriös. Mit wahrer Andacht hingen meine Augen an den soliden Möbeln, dem Sofa, dem Schreibtisch und dem wohl gefüllten Bücherschrank; alles Dinge, die mir in den letzten drei Jahren nur noch zuweilen vorgeschwebt hatten wie ein Traum aus einer längst vergangenen Zeit. Bilder und Spiegel zierten die Wände. Aus dem Hintergrund schaute über zwei gekreuzten norwegischen Flaggen ein Bild von Fridtjof Nansen hervor, und darunter stand in großen Buchstaben zu lesen: »Alles für Norwegen.«
   An dem Tisch saß, in die Lektüre eines Buches vertieft, ein großer, kräftiger Mann, der mit seinem wallenden, rotblonden Vollbart einen bedeutend arktischeren Eindruck machte als Kapitän Amundsen. Diesen kannte ich noch von einem vorübergehenden Aufenthalt auf der Herschelinsel her. Es war Leutnant Hansen von der Dänischen Marine, der erste Offizier der Expedition. Bei unserem Eintritt sprang er auf und schaute abwechselnd bald Kapitän Amundsen, bald meine Wenigkeit mit verwunderten Blicken an.
   »Woher kommen Sie nun eigentlich, wenn man fragen darf?« sagte Kapitän Amundsen, während er mit einladender Handbewegung einen Stuhl anbot.
   »Von der Herschelinsel – «
   »So, so«, meinte er nachdenklich und wechselte einen bedeutungsvollen Blick mit seinem Ersten Offizier, »und wo geht nun die Reise hin?«
   »Nach Fort MacPherson vorerst, und von dort so weit wie möglich.«
   Wieder sahen sich die beiden mit vielsagenden Blicken an.
   Dann erzählte ich den ganzen Hergang der Sache, aber ich merkte wohl, dass man mir sehr wenig Glauben und noch weniger Vertrauen schenkte. Kapitän Amundsen fragte noch dies und das, aber am Ende war es doch die Geschichte: Zur Rückkehr zum Schiff wollte man mir gern behilflich sein, aber die Reise nach dem Fort – das sei Unsinn, reiner Unsinn!
   Damit war ich entlassen.
   Als ich mit solch traurigen Nachrichten und ohne das geringste Kaukau [Essen] zu Roxys Iglu zurückkehrte, da war natürlich große Enttäuschung, aber Roxy, der in seinem unerschütterlichen Optimismus alle Dinge immer von der angenehmen Seite betrachtete, meine, die Sache sei gar nicht so schlimm. Wenn wir nur ein paar Tage warten wollten, dann würde der fremde Kapitän schon ein Einsehen haben. Es kenne die Kablunas. Die machten es immer so!
   Und er war so gut wie sein Wort. Zähneknirschend musste ich zusehen, wie man sich für ein paar Tage häuslich niederließ und die Weiterreise vorderhand auf die lange Bank geschoben wurde. Warum sollte man auch so schnell weiterreisen? Es gab doch genügend Kaukau an diesem Platze! An Fischen war Überfluss vorhanden, und die Sümpfe und Moräste etwas weiter im Inneren waren sogar ein ganzes Entenparadies. Wenn man die hohe Uferbank hinaufkletterte, dann konnte man eine weite, wellige Ebene überschauen, die förmlich übersät war mit großen und kleinen Wassertümpeln, in denen es sich zahllose Wildenten und andere Wasservögel wohl sein ließen. Dort oben auf dem Hügel am Rande der Uferbank, wo man einen wunderbaren Ausblick über das weite Meer genoss, lag unter dem Schatten eines mächtigen Holzkreuzes ein Grab. Ein einsames, stilles, stimmungsvolles Grab. Mit weißen Kieselsteinen war der Name in den Sand geschrieben und ein Strauß verwelkter Vergissmeinnicht lag darauf. »Wijk« lautete der Name. Es war das jüngste Mitglied der Expedition, das sie vor wenigen Wochen dort begraben hatten.
   Endlich – auch eine Eskimosaumseligkeit hat einmal ein Ende! – rüsteten wir uns zur Weiterreise nach Osten, um unser Boot zu erreichen, das in der Mackenziemündung vergraben war und mit dem wir die Reise flussaufwärts fortsetzen wollten. Wir waren alle in ziemlich gedrückter Stimmung, als wir unsere Siebensachen zusammensuchten, denn wir gedachten der bösen Zeiten, die uns noch bevorstanden. Aber als wir eben vor dem Fortgehen noch eine starke Tasse Tee tranken, erschien mit einem Mal das breite, gutmütige Gesicht des Ersten Offiziers der Gjöa in der Zelttür.
   »Der Kapitän wünscht Sie zu sprechen«, sagte er.
   Nichts Gutes ahnend ging ich hinüber, denn ich glaubte nicht anders, als dass Roxy irgendwas angestellt hatte, für das ich nun eine Strafpredigt zu hören bekäme. Aber statt des erwarteten Unwetters wurde mir eine große und angenehme Überraschung zuteil. An der Steuerbordseite des Verdecks war ein stattlicher Haufen von Konservenbüchsen in bunten, verlockenden Etikettierungen aufgetürmt, und der kleine Mani, der zur Expedition gehörige Eskimojunge, war dabei, nach Kapitän Amundsens persönlicher Anweisung noch immer neue Konservenbüchsen aus der offenen Luke herauszuschaffen.
   Kapitän Amundsen empfing mich diesmal sehr freundlich. Er lächelte ein wenig, al sich die ausgebreiteten Schätze mit neidischen Blicken betrachtete.
   »Hier können Sie auswählen und mitnehmen, so viel Sie wollen«, sagte er mit einer umfassenden Handbewegung auf all die ausgebreiteten Reichtümer. Sprachlos vor Erstaunen schaute ich auf die vielen schönen Dinge, die nun alle mir gehören sollten. Büchsen mit konserviertem norwegischen Lachs, Hummern, Fischfrikadellen, Pemmikan und Pressgemüse. Schade, dass man nur einen Teil davon mitnehmen konnte. Wir taten indes unser Möglichstes im Verstauen der Schätze auf dem ohnehin schon ziemlich überladenen Schlitten, und als gar nichts mehr darauf wollte, nahm die Wahini [Roxys Frau] noch ein paar Büchsen Fischfrikadellen in der Kapuze mit. Dann verabschiedeten wir uns von unserem freigiebigen Gönner.
   Nur einmal seither habe ich Roald Amundsen wieder gesehen, und das war in der Münchner Tonhalle, als er vor einem erlesenen Publikum über seine Südpolreise berichtete. Damals habe ich mir einmal ums andere die Augen gerieben, weil ich ihnen nicht trauen wollte: dieser glatt rasierte Herr in elegantem Frack und weißer Binde, war das wirklich der derselbe Mann in der Pelzjacke, mit dem blonden Bart und den rauen, teergeschwärzten Händen, den Du dort oben gesehen hast? Wie sich die Zeiten ändern!

Faber, Kurt
Unter Eskimos und Walfischfängern
7. Auflage, Stuttgart um 1917

Abgedruckt in:
Keller, Ulrike (Hg.)
Reisende im Nordmeer seit dem Jahr 530
Wien 2009

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