Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1862 - C. A. Eastman
Jugenderinnerungen eines Sioux-Indianers
Manitoba

Als ich beinahe fünfzehn Jahre alt war, schenkte mir mein Onkel ein Steinschloßgewehr. Der Besitz dieses Geheimnisvollen Eisens und des explodierenden Staubes oder der zerstoßenen Kohle, wie man das Pulver nannte, erfüllten mich mit neuen Gedanken, und alle von frühester Jugend an gehörten Kriegslieder kamen mir wieder in den Sinn. Mir schien mein ganzes Wesen verwandelt - aus dem Knaben war ein Mann geworden.
   »Nun bin ich endlich alt genug, um in den Krieg zu ziehen! Wie will ich meinen Onkel bitten, mich das nächste Mal mitzunehmen!« sprach ich zu mir selbst. »Bald wird's mir glücken an die Weißen zu kommen und das Blut meines Vaters und meiner Brüder zu rächen.«
   Seit einiger Zeit flehte ich den Segen des Großen Geheimnisses auf mein Tun und Vorhaben herab. Kaum verging ein Tag, an dem ich ihm nicht ein Stück meiner Jagdbeute zum Opfer darbrachte, damit es mir nicht zürnen möge, und die Meinen sahen tagsüber wenig von mir, suchte und fand ich doch nur in der Einsamkeit die Kraft und Stärke, die mir not tat. Ich irrte in der Wildnis umher und beschloß, meiner Stellung als Mann würdig zu sein; mein knabenhaftes Wesen verschwand und machte einer gewissen Würde und festen Haltung Platz.
   Der Gedanke an Liebe hinderte meinen Ehrgeiz keineswegs; ich träumte kühnlich, daß ich Ehre und Ansehen gewinnen und die Adlerfedern erringen werde; dann wollte ich vor ein schönes Mädchen hintreten und um sie werben.
   Eines Tages, während ich auf der täglichen Jagd von Hause abwesend war, besuchten zwei Fremde aus den Vereinigten Staaten unser Lager. Sie hatten sich kühn über die kanadische Grenze gewagt und trugen, obwohl Indianer, die Kleidung der Weißen. Es war recht gut, daß ich mit meinem Gewehr abwesend war.
   Mein Vater, begleitet von einem indianischen Führer, hatte uns endlich nach jahrelangem Suchen wiedergefunden. - Er war mit den Indianern, die seinerzeit am Aufstand oder den folgenden Schlachten teilgenommen hatten, gefangengenommen und nach Davenport in Iowa gebracht worden. Im Gefängnis wurde er von den ersten Missionaren Dr. Williamson und Riggs unterrichtet und bekehrt. Er war zum Tode verurteilt worden, da aber gegen ihn nichts Besonderes vorlag, wurde er mit anderen Indianern endlich vom Präsidenten Lincoln begnadigt.
   Als er entlassen war und auf die neu eingerichteten Indianerreservationen am Missouri zurückkehrte, sah er bald ein, daß das Leben auf einer Regierungsreservation dem geistigen und körperlichen Untergang gleich käme. So entschieden er und einige andere Indianer sich dafür, es mit der Lebensweise der Weißen zu versuchen und ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen. Sie verließen die Reservation gegen den Rat des Regierungskommissars, verzichteten auf jegliche Unterstützung seitens der Regierung und erwarben nach dem Allgemeinen Aufteilungsgesetz (General Allotment Act, 1887) der Vereinigten Staaten am Großen Siouxfluß Land. Nachdem mein Vater sich dort angesiedelt hatte, wollte er sein verlorenes Kind suchen, obwohl es damals eine gefährliche Sache war, die kanadische Grenze zu überschreiten. Aber seine Christenpflicht gebot ihm, so zu handeln; er sicherte sich einen guten Führer und fand endlich nach langer Zeit seinen Weg durch die Wildnis.
   Was mich anlangt, so erwartete ich bei meiner Heimkehr nichts Außergewöhnliches. Ich hatte, als ich mich, mit dem erlegten Wild über der Schulter, unserem Lager näherte, nicht die leiseste Vorahnung, daß ich aus meinem wilden Leben so plötzlich herausgerissen und in eine völlig unbekannte Welt versetzt werden sollte.
   Als ich in Sicht kam, wurde mein Vater, der geduldig meines Onkels Erzählungen über mein Leben und meine Erziehung angehört hatte, sehr unruhig und aufgeregt. Er sehnte sich danach, das Kind zu umarmen, das, wie er gerade gehört hatte, vor Sehnsucht glühte, den Tod seines Vaters zu rächen. Der liebende Vater konnte nicht des Knaben Ankunft im Zelt erwarten, er sprang auf und eilte ihm entgegen. Mein Onkel schloß sich ihm, um seiner Sicherheit willen, auf diesem Gange an.
   Mein Gesicht glühte vor Erregung, die durch den mir ungewohnten Anblick eines Mannes in der Tracht der Langmesser verursacht wurde.
   »Was bedeutet das, Onkel?« rief ich.
   »Das ist dein Vater, mein Junge, den wir als Toten betrauerten; er kommt zu dir.«
   Mein Vater fügte hinzu: »Wie froh bin ich, daß mein Sohn stark und tapfer ist. Deine Brüder haben die Lebensweise der Weißen angenommen, nun komme ich zu dir! Ich möchte auch dich diese Art lehren und hoffe, daß du ein guter Mann wirst!« Er hatte mir Kleidungsstücke der Weißen mitgebracht; wie ungern nahm ich die! Waren sie doch von einem Volk, das ich so bitterlich haßte, angefertigt. Der Gedanke jedoch, daß sie meinen Vater und meine Brüder nicht getötet hatten, versöhnte mich einigermaßen, und so legte ich die Kleider an.
   Wenige Tage später reisten wir in die Vereinigten Staaten ab. Ich kam mir vor wie ein Toter, der in ein Geisterland reist; mußten doch alle meine alten Gedanken fortan neuen Vorstellungen weichen! Wie anders würde jetzt mein Leben werden!
   Immerhin war ich doch neugierig, etwas von den sonderbaren Erfindungen der Weißen zu sehen und kennenzulernen. Als wir Fort Totten erreicht hatten, schaute ich mit lebhaftem Interesse um mich.
   Mein Vater hatte mir mitzuteilen vergessen, daß die Schienen des Feuerschiffs, das über die Berge läuft, bei Jamestown lägen und daß es selbst jeden Augenblick kommen könne. Als ich die Ponys tränkte, klang von jenseits des Hügels ein eigentümlich pfeifender Ton zu mir herüber. Die Tiere warfen die Köpfe zurück, horchten und jagten dann wild schnaufend über die weite Prärie. Mittlerweile hatte auch ich Angst bekommen; ich warf mich auf ein Pony und raste in vollem Galopp davon. Es war ein herrlicher, klarer Tag, und ich konnte mir nicht vorstellen, was solch unirdischen, mächtigen Lärm verursachte, schien es ja doch, als solle die Erde in zwei Hälften bersten!
   Gerade hatte ich einen Hügel erreicht, da kam der Zug an. »O! Das ist ja das Feuerschiff, das über die Berge läuft! Von dem weiß ich ja schon lange!« sprach ich zu mir selbst und trieb dann ruhig die Ponys wieder zurück.
   Mein Vater pflegte allmorgendlich ein Lied zu singen und in der Bibel zu lesen. Schon mehrere Male war ich mit meinem Gewehr in der Morgenfrühe auf und davon gegangen, als er eines Tages auf mich zukam, mich bat, noch ein wenig zu warten und ihm zuzuhören.
   Ich horchte sehr erstaunt auf. Das Lied enthielt das Wort Jesus, dessen Bedeutung ich nicht verstand. Mein Vater erzählte mir, daß Jesus Gottes Sohn sei, der auf die Erde gekommen sei, um die Sünder zu retten und selig zu machen; um seinetwillen habe er mich gesucht und zu sich geholt. Diese Unterredung machte auf mich einen sehr tiefen Eindruck.
   Im Spätherbst erreichten wir die Ansiedlung Flandreau in Süddakota, wo mein Vater mit einigen anderen Indianern unter den Weißen wohnte. Damit war mein Leben als Wilder beendet und die Leiden und Freuden der Schulzeit nahmen ihren Anfang.

C. A. Eastman
Ohijesa - Jugenderinnerungen eines Sioux-Indianers
Hamburg 1913, 4. Auflage

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