Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1928 - E.G. Freiherr v. Hünefeld
Der erste Flug nach Amerika
Ankunft in Kanada - Greenly Island

Im Schneesturm von Greenly Island erreichten wir den amerikanischen Kontinent. Durchfroren, ermattet und hungrig landete die "Bremen"-Crew, nachdem sie schon beinahe die Hoffnung aufgegeben hatte, jemals wieder mit menschlichen Wesen sprechen, in behaglichen Häusern sitzen und am knisternden Feuer sich wärmen zu können. Unser Eintreffen auf diesem kleinen Inselchen entbehrte nicht, wenn wir zurückdenken, einer gewissen Komik, die durchaus unfreiwillig war. Zunächst machte die Maschine eine tiefe Verbeugung. Diese Verbeugung kostete uns den Propeller, der restlos verbogen wurde. Die erste Eisschicht des Wasserbehälters, auf dem wir glaubten, glatt landen zu können, war schon brüchig geworden. Der Last der Maschine weichend, gab sie nach, und während Köhl schwer den Kopf auf das Steuerrad aufschlug, so daß ihm das Blut über das ganze Gesicht lief, Fitzmaurice mit einem gewaltigen Ruck davon kam, stand ich auf dem Kopf. Aber die Landung war nun einmal bewerkstelligt, der Ost-West-Flug geglückt. Wir begannen auszusteigen. Einen derartig hemmungslosen Sturm, wie er uns empfing, hat wohl keiner von uns je vorher erlebt. Dieser Sturm warf jeden Einzelnen von uns beinahe glatt wieder um, und innerhalb der ersten Sekunde nach der Landung nahm ich mein erstes Bad auf amerikanischem Boden, indem ich in ganzer Länge in das Eiswasser unseres Landungsplatzes fiel. Köhl, der in ein jubelndes Gelächter ausgebrochen war, saß im selben Moment, vom Sturm umgeworfen, ebenfalls im Eiswasser, während Fitzmaurice sich mit Mühe und Not an der Maschine halten konnte. Der Empfang seitens der Elemente war nicht gerade sehr herzlich. Um so freundlicher kamen uns die wenigen Bewohner dieses verlassenen Plätzchens entgegen. Der Leuchtturmwärter von Greenly Island, Mr. Templier, der mit seiner zahlreichen Familie hier seines schweren und im Winter besonders harten Amtes waltet, hat von dem ersten Augenblick unserer Landung ab eine derartig große Gastlichkeit und Herzensgüte bewiesen, daß wir auch heute nur noch mit dem Gefühl aufrichtigster Rührung daran zurückdenken können.
   Zunächst glaubten die Bewohner der Insel, wir wären von Quebec gekommen. Auf unsere Mitteilung, daß wir unmittelbar von Europa kämen, war die Verwunderung groß und Templier sagte das Wort, das uns alle drei unausgesprochen in diesem Augenblick im tiefsten Innern bewegte: Der gute Gott hat sie geführt und sicher gerettet.
   Eine seltsam angezogene Gesellschaft versammelte sich eine gute Stunde nach der Landung im kleinen Wohnzimmer des Leuchtturms. Köhl und Fitzmaurice hatten noch versucht, mit Hilfe einiger Bewohner der Insel die Maschine ans dem Becken, in dem sie festsaß, herauszuziehen. Der Sturm, die Kälte und die überstandenen Strapazen verhinderten ein planmäßiges Vorgehen, und so brach das Fahrgestell bei dem Versuch der Bergung in wenigen Augenblicken. Nunmehr kamen auch Köhl und Fitzmaurice ins Haus, in dem ich mich schon aufhielt, um nach dem erfrischenden Bade zu verhindern, daß mir sämtliche Kleider am Leibe anfroren. Außerdem hatte ich die letzten sieben Stunden des Fluges, um die Maschine zu erleichtern, zwischen den beiden Tanks gelegen, ein Platz, der für einen Mantel nicht Raum läßt. Pelzstiefel und Handschuhe hatte ich außerdem in Baldonnel vergessen. Finger und Füße waren so erstarrt, daß ich mich bei den ersten Bergungsarbeiten nicht helfend beteiligen konnte.
   Nun saßen wir also alle zusammen vor dem brennenden eisernen Ofen, hatte alle möglichen Kleidungsstücke der ganzen Familie Templier an und freuten uns, daß wir noch da waren. Das schnell fertig gemachte heiße Essen, das aus Kartoffeln mit Corned Beef gemischt bestand, schmeckte herrlich, dann aber kam schnell und rasch die große Müdigkeit. Die ersten Telegramme an die harrenden Familien wurden aufgesetzt. Zufälligerweise war ein Bote des zwei Meilen entfernten kleinen Ortes Long Point zugegen, der im Begriff war, mit seinem Hundeschlitten über die Belle-IsleStraße hinüber zu fahren.
   Long Point besitzt nämlich eine Telegraphenstation! Dieser Umstand wurde in unserem Leben auf Greenly Island von ausschlaggebender Bedeutung. Ohne diese Telegraphenstation wären wir gänzlich von der Kultur abgeschnitten gewesen und geblieben, und unzählige verstümmelte und unverstümmelte Telegramme sind in jenen zehn Tagen, die Greenly Island unser Aufenthaltsort war, über Long Point gegangen. Mr. Cornier, der liebenswürdige Postmeister dieses kleinen Ortes, dessen Familie mit ihm später darum wetteiferte, uns die letzten Tage vor unserem Weiterflug angenehm zu gestalten, hat uns später erzählt, daß er vor diesem Ansturm beinahe zusammengebrochen wäre. Wir haben das im vollsten Umfang verstehen können, da die ganzen telegraphischen Einrichtungen für einen Verkehr von 8 bis 10 Telegrammen im Monat, aber nicht für 100 bis 200 Telegramme täglich eingerichtet waren. Die Leistungen Herrn Corniers, hinter denen der gute und ehrliche Wille zur Hilfe stand, dürfen nicht gering eingeschätzt werden.
   Frau Templier, deren sechsköpfige Kinderschar uns neugierig, aber nicht aufdringlich betrachtete, hatte schnell Betten für uns zurechtgemacht. In einem breiten Bett kamen Köhl und ich unter, während Fitzmaurice für sich allein eine Ruhestätte erhielt. Schon beim Essen waren wir nahezu eingeschlafen, und nachmittags um 4 Uhr gingen wir in aller Form zur Ruhe. Das war ein Schlaf, wie wir ihn schöner und tiefer höchstens im Felde genossen haben.
   Um 3 Uhr nachts wachte Köhl zuerst auf. Die Petroleumlampe in unserem kleinen Zimmerchen war brennen geblieben, da sie gleichzeitig als Ofen diente. Köhl greift zu seinen Karten, die ihn selbst ins Bett begleitet haben, um die Stelle zu suchen, an der wir uns befinden. Darüber wachen wir anderen auf und das erste, was Fitzmaurice und ich tun, ist, uns die letzten beiden Zigaretten, die wir besitzen, anzustecken. Wer Nichtraucher ist, kann nicht die Gefühle verstehen, die Fitzmaurice und mich bei dieser beinahe heiligen Handlung beseelten. Ein Ozeanflug von 36 1/2 Stunden mag anstrengend sein, 36 1/2 Stunden Rauchverbot während des Fluges ist indessen nicht nur anstrengender, sondern eine Qual! Das können aber, wie gesagt, nur wirkliche und passionierte Raucher begreifen.
   Fitzmaurice, der zuerst den Leuchtturm entdeckt und für ein eingefrorenes Boot gehalten hat, versichert immer wieder, es wäre "ein gutes Boot, auf dem wir uns befänden, und es wäre ein schönes Boot". Als Namen dieses Bootes haben wir das Wort "Greenly Island" zwar verstanden, aber vor dem Einschlafen waren wir nicht mehr richtig in der Lage, festzustellen, wo dieses Greenly Island sich befände. Also wird gesucht. Wir finden, daß im St.-Lawrence-Strom, in dessen Golf wir uns zweifelsohne aufhalten, ein "Green Island" verzeichnet ist. Dieses Green Island liegt etwa 300 Meilen von Quebec entfernt. Außerdem geht dicht bei ihm eine Eisenbahnlinie vorbei. Wir werden demnach in etwa 2-3 Tagen in New York sein, denken wir. Köhl beginnt Aufzeichnungen über Erlebnisse des Fluges auf die Karte zu schreiben. Fitzmaurice und ich schlafen wieder ein.
   So kommt der nächste Morgen.
   Dieser brachte eine Überraschung, die der Enttäuschung nicht ganz unähnlich war. Während Fitzmaurice und ich noch in Gesprächen beim Frühstück sitzen, ist Köhl zur Maschine geeilt, um bei Tageslicht zu sehen, wie groß die durch die Landung entstandenen Beschädigungen sind. Nach kurzer Zeit kehrt er zurück und macht folgende sensationelle Mitteilung:
   "Wißt ihr eigentlich, wo wir sind, Kinder? Wir sind nicht in Green Island, sondern in Greenly Island! Im selben Augenblick liegt die Landkarte auf dem Tisch. Köhls Finger zeigt den Punkt unseres augenblicklichen Aufenthaltes. Das sieht allerdings anders aus, als wir es uns in der Nacht hatten träumen lassen! Eisenbahnlinie? Nur ein Phantast konnte glauben, daß sich in der Nähe von Greenly Island Eisenbahnlinien befinden. Also wird die nächste Verbindung für uns der Hundeschlitten bleiben.
   Gute Feldherren müssen Kriegspläne schmieden. Wir vereinbaren, daß Köhl, den das Herz doch immer wieder zu der zerbrochenen Maschine treibt, die nächsten Stunden die Fürsorge für unseren Vogel übernehmen und versuchen soll, ihn mit Hilfe der interessiert herumstehenden Inselbewohner aufzubocken. Fitzmaurice und ich werden während dieser Zeit im Hundeschlitten nach Long Point hinüberfahren, daselbst das Terrain rekognoszieren, etwaige weitere Hilfe beordern, und vor allen Dingen Telegramme aufgeben, die schleunigste Hilfe herbeirufen. Vor allen Dingen muß die Junkers Corporation of America wissen, was wir an Ersatzteilen brauchen, damit die Reparaturen der Maschine, die in diesem Moment das Wichtigste scheinen, möglichst schnell vorgenommen werden können. So wird an Fräulein Hertha Junkers in New York die Bitte um Beschaffung eines neuen Propellers und eines möglichst vollständig neuen Fahrgestells gedrahtet.
   Köhl hat noch einige Pfund irischen Geldes in der Tasche. Fitzmaurice und ich hatten keinen Pfennig mitgenommen, da wir im Falle des Mißlingens des Fluges Geld in den Wellen des Ozeans für überflüssig hielten. Also muß auch an den Norddeutschen Lloyd in New York neben der Ankunftsmeldung die Bitte um Geld telegraphiert werden. Wenn Greenly Island auch außerhalb der "Kultur" liegt, Geld ist überall vonnöten, und Kabel und Telegramme müssen bezahlt werden. Die Fahrt über das Eis bietet für Fitzmaurice und mich neue Sensationen. Keiner von uns beiden ist bisher jemals im Hundeschlitten gefahren, und das schnelle Dahingleiten auf diesen schmalen und nicht sehr komfortablen Gefährten mit den laut bellenden Hunden davor bietet neuartige Reize. Wenn man auch bei den ersten Unebenheiten des Schnees und Eises zunächst einmal unsanft mit der Erde in Berührung kommt, was schadet das gegenüber dem Gefühl, unbekannte Dinge erleben zu dürfen.
   In Long Point werden wir beide herzlichst begrüßt und ganz besonders warm von der Familie Cornier aufgenommen. Die nötigsten Telegramme, Meldungen an die irische und deutsche Regierung von der glücklichen Ankunft, Mitteilungen an den Senat der Patenstadt des Aeroplanes, werden abgesandt. Ganz besonders wird aber an die Regierung Kanadas telegraphiert, um ihr unsere Landung zu notifizieren. Was diese Regierung dann in unglaublich kurzer Zeit an Fürsorge für uns getan hat, läßt sich kaum in Worte fassen.
   Inzwischen treffen aber auch die ersten Telegramme als Antworten auf die bekannt gewordenen Nachrichten unserer glücklichen Landung ein. Eines der Glückwunsch-Telegramme, die wir in Empfang nehmen, ist vom Präsidenten der Vereinigten Staaten unterzeichnet und in die wärmsten Worte der Begrüßung gefaßt.
   Doch zurück zu der ersten Exkursion nach Long Point! In Long Point erfahren Fitzmaurice und ich, daß Hebebäume und zwei Kräne zur Verfügung ständen, die evtl. dazu helfen könnten, die Maschine leichter aus ihrer unbequemen Lage zu befreien. Also werden diese Gegenstände angefordert und dann gehen wir beide unter Führung des jungen Cornier, eines Mannes, der seine Freundlichkeit dadurch krönte, daß er aus seinem eigenen geringen Zigarettenvorrat der "Bremen"-Crew Tabak und Zigaretten zur Verfügung stellte, obwohl diese Dinge im Winter schwer zu haben sind, in die kleine, während der Wintermonate leer stehende Kirche des Ortes. Es sollte nur eine Besichtigung sein, die von den auf ihr Gotteshaus stolzen Bewohnern des Örtchens vorgeschlagen war, aber unwillkürlich knien wir beide nieder und in getrennter Sprache, getrennten Konfessionen angehörend, aber eins im Glauben an Gott und erfüllt von Dank für die Hilfe, die er der "Bremen" und ihrer Besatzung zuteil worden ließ, sprechen wir ein kurzes, aber inniges Gebet.
   Köhl hatte inzwischen eine Anzahl Hilfskräfte geworben, die sich für die Reparaturarbeiten der "Bremen" zur Verfügung gestellt hatten. So konnte auch dieses wichtige Werk bald begonnen werden, und dieser Tag geht mit den notwendigen Vorbereitungen, mit dem Lesen und Schreiben von Telegrammen, zu Ende. Der 15. April ist ein Sonntag. Abgesehen davon, Köhls vierzigster Geburtstag. Eine seltsame Gratulationscour morgens in dem kleinen Schlafzimmer. Wir halten uns länger beim Plaudern und Anziehen auf, und ganz unwillkürlich kommen wir auf den Krieg zu sprechen, den wir ja an verschiedenen Fronten mitgemacht haben. Später hat Köhl oft in seinen Reden bei der Tour durch die amerikanischen Städte daran erinnert, wie wir an diesem seltsamen Sonntagmorgen uns gegenseitig die Narben unserer Wunden zeigten, die wir im Kriege erhalten hatten.
   Gute Feinde können gute Freunde und Kameraden werden, wenn die Schlacht zu Ende ist. Die "Bremen"-Crew darf wohl den Anspruch darauf erheben, den praktischen Beweis für die Richtigkeit dieses Wortes erbracht und gezeigt zu haben, daß nach dem Friedensschluß alte Soldaten Seite an Seite für gemeinsame Ziele eng verbunden fechten können.
   Eine besondere Geburtstagsfreude erwartet uns beim Frühstück. Der Canadian Trans-Continental Airways aus Quebec teilt mit, daß ein mit Schneekufen versehenes Flugzeug nach Greenly Island auf dem Wege sei und nachmittags eintreffen würde. Während wir beim Mittagessen sitzen, ertönt Propellergeräusch. Die Bewohner des Leuchtturms mit ihren Gästen stürzen auf das Eis. Ein Flugzeug kreist über der kleinen Insel und landet sicher auf dem gefrorenen Strom.

Hermann Köhl, Hermann; Fitzmaurice, James C.; Hünefeld, E.G. Freiherr von
Unser Ozeanflug - Lebenserinnerungen - Der erste Ost-Westflug über den Atlantik der "Bremen"
Berlin 1928

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