Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1841 - Robert Michael Ballantyne
In der Zentrale des Pelzhandels
York Factory, Hudson's Bay

Ich weiß nicht, wie lange ich geschlafen hatte, als mich lange vor Tagesanbruch ein gewaltiger Stoß aufweckte; nachdem ich zu mir gekommen war, begriff ich langsam, was passiert war: Der Schoner saß mit ablaufendem Wasser fest. »Oh!«, sagte ich zu mir, und überhaupt nicht in der Lage, weiter zu denken, sank ich zurück auf mein Kissen, schlief wieder ein und wachte erst spät am helllichten Tage wieder auf.
   Der Morgen war wunderschön. Aber wir saßen immer noch fest, und nach den Worten des Kapitäns gab es wohl keine Möglichkeit, vor dem Nachmittag an Land zu gelangen. Unsere Geduld wurde aber nicht so lange auf die Probe gestellt, denn bald kam ein Boot von der Factory, um uns an Land zu bringen; ich nahm mit Vergnügen diese Gelegenheit wahr, und bald segelten wir vor einer frischen Brise den Hayes River hinauf. Wir kamen bis auf ein paar Meter an das Ufer heran, und auf den ersten Blick wirkte die Gegend sehr armselig; sie würde ich zwei Jahre später immer wieder durchqueren auf der Jagd nach den gefiederten Bewohnern der Sümpfe.
   Der Point of Marsh, den wir nach langer Reise als erstes Land ansteuerten, war sehr niedrig, nur den einen oder anderen Meter über dem Meer, hier und da mit dicken Weidenbüschen bestanden, aber ohne einen einzigen Baum. Langes, dünnes Gras bedeckte alles und bot so Enten und Gänsen in Frühling und Herbst Schutz. Mitten drin stand eine Art Leuchtturm, ein hohes, hässlich aussehendes Gerüst, das wie ein Seeungeheuer aus dem Meer stieg. Einen verlasseneren Fleck kann man sich kaum vorstellen.
   Die Ufer des Hayes River bestehen aus Lehm, und je weiter wir den Fluss aufwärts fuhren, desto mehr Grün bedeckte sie. Aber auch weiterhin war alles bretteben, so weit das Auge reichte. Der Fluss war hier ungefähr dreieinhalb Kilometer breit, voller Untiefen und Sandbänke, die ein Befahren durch Schiffe von mehr als fünfzig Tonnen sehr schwierig machen.
   Ein kleines Rindenkanu mit einem Indianer und seiner Frau glitt schnell an uns vorbei. Das waren die ersten Indianer und das erste dieser schlanken Gefährte, die mir zu Gesicht kamen. Später würde ich nähere Bekanntschaft mit ihnen machen, näher, als mir manchmal lieb sein würde.
   Nach kurzer Zeit hatten wir die hölzerne Anlegestelle erreicht, die, weil alles andere darum herum so flach war, recht beeindruckend aussah und ein gutes Stück ins Wasser hineinführte. Aber unser Boot fuhr daran vorbei und legte an einem schräg ins Wasser abfallenden Stück des Strandes an, wo einige Herren uns erwarteten.
   Meine Reise war zu Ende. Der Kiel des Bootes knirschte scharf auf dem Kies, im nächsten Moment berührte mein Fuß wieder feste Erde, und ich stand endlich an den Ufern der Neuen Welt, Fremder in einer fremden Welt.
   York Factory ist die Hauptniederlassung der nördlichen Gebiete, von der alle Handelswaren versandt und wo alle Pelze des Gebietes gesammelt und nach England verschifft werden. Also ist es eine bedeutende Einrichtung. Es gibt hier immer eine Besatzung von dreißig bis vierzig Mann, sommers wie winters. Es gibt vier oder fünf Buchhalter, einen Postmeister und einen Steuermann für die Küstenfahrzeuge. Das Ganze steht unter dem Befehl eines Chief Factors oder Chief Traders.
   Der Winter dauert lange, fast acht Monate, und der Sommer ist sehr kurz; deshalb muss der Transport aller Waren in das und aus dem Landesinneren so schnell durchgeführt werden wie möglich. Deshalb herrscht während des Sommers ein konstanter Fluss von ankommenden und abfahrenden Männern und Booten. Jede Gruppe wird von einem Chief Factor, Trader oder Clerk [die immer Briten sind] angeführt, und deshalb gibt es einen konstanten Fluss an neuen Gesichtern nach einem langen und öden Winter, während dessen man keinen Fremden gesehen hat. Das macht den Sommer zur angenehmsten Jahreszeit in York Factory. Auch die Ankunft des Schiffes aus England erfreut die Einwohner der Wildnis, denn es bringt Briefe aus der Heimat; die treffen nur zweimal im Jahr ein, nämlich einmal mit dem Schiff und dann noch im Dezember, wenn Post und Geschäftsunterlagen auf Schlitten, die von Menschen gezogen werden, durch das Landesinnere kommen.
   Das Fort (wie Niederlassungen im Indianerland, gleich welcher Größe, auch genannt werden) besteht aus einem Rechteck, etwa zweieinhalb Hektar groß, schätze ich, von einer Palisade umgeben; es liegt am Ufer des Hayes River und etwa acht Kilometer von dessen Mündung entfernt. Alle Gebäude bestehen aus Holz und erheben natürlich keinen Anspruch auf architektonische Schönheit. Aber wegen ihrer sauberen weißen Erscheinung und weil sie exakt gebaut sind, gefallen sie dem Auge. Am Eingangstor stehen vier Feldstücke aus Bronze, aber diese Kriegsgeräte werden nur dazu benutzt, den Schiffen beim Ein- und Auslaufen Salut zu schießen; sie mit einer vollen Ladung abzufeuern, wäre zu gefährlich, weil die Lafetten schon sehr wackelig sind.
   Wie ich schon bemerkt habe, ist die Gegend flach und sumpfig, und als Einzige überragen die Gebäude ein Ausguck, ein schwarz angestrichenes Holzgerüst, von dem aus man nach Schiffen Ausschau hält, und ein Flaggenmast, an dem an Sonntagen die schneeweiße Fahne mit dem Georgskreuz in der Brise weht.
   Mr. Grave, der damals Chief Factor war, begrüßte uns sehr freundlich und stellte uns einigen der Herren vor, die neben ihm an der Landestelle standen. Mr. Carles, auch Chief Factor, wurde von ihm zum Offiziersgebäude begleitet, während Wiseacre und ich als Lehrlinge für die Buchhaltung zum Haus der jungen Herren, oder wie es die jungen Herren nennen, dem Junggesellenhaus, gebracht wurden, wo wir uns häuslich einrichten sollten. Dahin begaben wir uns also und führten uns selbst ein. Dort versammelt waren der Buchhalter, fünf seiner Gehilfen, der Postmeister und ein oder zwei andere. Manche rauchten, manche redeten, und der Lärm, den sie veranstalteten, war recht bemerkenswert. Das Junggesellenhaus trägt seinen Namen zu Recht, denn darin würde jede Frau umkommen vor lauter Rauch, Krach und allgemeinem Durcheinander.
   Das bedeutendste Gebäude ist das Hauptlager, wo der Bedarf an Gütern für zwei Jahre für das gesamte Handelsgebiet aufbewahrt wird. Auf jeder Seite dieses Gebäude steht ein langes, niedriges, weiß gekalktes Haus mit grünen Kanten. Das eine dient als Quartier für Sommergäste, das andere ist die Sommerkantine. Im rechten Winkel dazu stehen vier ausladende Pelzlager; so ergeben sich die drei Seiten des zentralen Platzes. Dahinter befindet sich eine Reihe kleinerer Häuser für Arbeiter und Händler. Auf der rechten Seite gibt es noch das Wohnhaus des Leiters der Niederlassung, daneben das des Oberbuchhalters. Links gibt es ein Lebensmittellager und den Indianerladen. Ein paar kleinere Bauten wie das Tranhaus und das Holzlager stehen hier und da. Auf der rechten Seite ragt dann noch der hässliche Ausguck empor, der den Bewohnern einen ausgedehnten Blick über ihr wildes Reich erlaubt, und direkt daneben das Eishaus. Das wird im Frühjahr vollgepackt mit Eisblöcken, jeder einen Kubikmeter groß, die den ganzen kurzen Sommer auch bei der größten Hitze nicht wegschmelzen. So kann genug frisches Fleisch den Sommer über konserviert werden, bis der Winter wieder einsetzt. Die unterste Schicht in diesem Eishaus schmilzt niemals, ebenso wie die Erde in diesem Gebiet; nur die oberste Bodenschicht taut auf, darunter ist der Grund immer gefroren.
   Während der heißen Monate des Jahres ist das Klima von York Factory sehr schlecht, aber während des Winters ist es wegen der starken Kälte gesund. Der Sommer ist sehr kurz, und die drei Jahreszeiten Frühling, Sommer und Herbst finden im Juni, Juli und August statt – ansonsten ist es Winter.
   Im Sommer ist manchmal die Hitze extrem, und Millionen von Fliegen, Moskitos etc. machen den Aufenthalt unerträglich. Zum Glück aber tötet die Kälte sie schnell wieder. Auf dem kleinen Fleck, den man höflicherweise einen Garten nennt, wächst kaum etwas, was Gemüse ähnlich ist. Eines Jahres, welch Wunder, wurden die Kartoffeln so groß wie Walnüsse, und manchmal bringt man Kohl und Rüben zum Wachsen. Die Wälder aber sind voll aller möglichen Beeren, von denen Cranberries und Swampberries als die besten gelten. Schwarze und rote Johannisbeeren wie auch Stachelbeeren gibt es reichlich, aber Erstere sind bitter, Letztere winzig. Die Swampberry ähnelt der Himbeere in der Form und ist von hellgelber Farbe; sie wächst auf niedrigen Büschen dicht über der Erde. Man kann sie sehr gut haltbar machen, und zusammen mit den Cranberries bäckt man daraus Törtchen für winterliche Mahlzeiten.
   Im September gibt es normalerweise ein paar Wochen mit ausgesprochen schönem Wetter, das Indianersommer genannt wird. Danach setzt sehr schnell der Winter mit Frost, Kälte und Schnee ein. Manchmal herrscht im Oktober eine Zeit lang noch warmes oder, besser gesagt, Tauwetter. Aber danach steigt das Thermometer selten bis zum Gefrierpunkt, im tiefsten Winter fällt es von -30 auf -40, ja bis auf -46 °C. Diese starke Kälte ist aber nicht so stark fühlbar, wie man denken könnte, denn während sie andauert, ist die Luft ruhig und unbewegt. Gäbe es auch nur den geringsten Lufthauch, könnte dem niemand sein Gesicht auch nur für einen Augenblick aussetzen. -40 °C bei ruhigem Wetter sind unbedingt angenehmer als -25 bei starkem Wind. Natürlich kann nur Alkohol in den Thermometern benutzt werden, denn Quecksilber würde bei dieser Kälte nahezu den halben WInter gefroren sein. Alkohol habe ich in York Factory nie gefrieren sehen, außer, wenn er sehr mit Wasser verdünnt war, und selbst dann war im Zentrum die Masse immer noch flüssig.
   Um die starke Kälte auszuhalten, kleiden sich die Leute nicht in Pelze, wie für gewöhnlich vermutet, sondern in geräuchertes Hirschleder. Das einzige Stück Fell an der Kleidung ist eine Kapuze. Die Häuser bestehen aus Holz mit doppelten Fenstern und Türen. Sie werden durch große gusseiserne Öfen beheizt, die mit Holz befeuert werden. Die Kälte ist jedoch so stark, dass die Öfen glühend heiß sind, aber ein Topf Wasser im selben Raum fast komplett durchgefroren ist. Die durchschnittliche Temperatur würde ich bei etwa -25 °C schätzen.
   Die Umgebung besteht aus Sumpf, aber da es nur kurze Zeit wärmer ist, dafür aber sehr lange kalt, verrotten Stoffe nur sehr langsam. Ein anderer Grund, dass das Klima im Sommer ungesund ist, ist der häufige Nebel, der vom Meer hereinkommt und das Land einhüllt, und oft und heftig auftretende Wetteränderungen.
   Den Monat Juli kann man als Sommeranfang bezeichnen; der vorhergehende Monat ist ein Kampf zwischen Winter und Sommer, den man überhaupt nicht als Frühling bezeichnen kann. Im August nimmt die Hitze zu, aber mit Beginn des Monats September ist die Natur angenehmer, und das bleibt so bis Mitte Oktober. Dann ist es klar und schön, gerade kalt genug, um die Moskitos abzutöten und kräftige körperliche Anstrengung zu genießen. Um diese Zeit beginnen auch die jungen Enten nach Süden zu fliegen, was zu großer Geschäftigkeit in den Sümpfen führt. Eine bis zwei Wochen später beginnt der Winter mit gelegentlichem leichten Schneefall und starkem Frost bei Nacht. Schwärme von Schneeammern, den Verkündern von Kälte im Herbst und Wärme im Frühjahr, erscheinen, und bald hört man das Flügelschlagen der weißen Rebhühner in schneebedeckten Weiden. Im April taut es das erste Mal, und im Mai schmilzt der Schnee, das Eis bricht auf, und die ersten Schwärme von Wildvögeln erscheinen wieder.
   Die Gegend um das Fort ist ein einziger Sumpf, dicht bedeckt mit Weiden und hier und da mit niedrigen Nadelbäumen. Das einzige Bauholz in der Nachbarschaft wächst an den Ufern von Hayes River und Nelson River und stammt hauptsächlich von Fichten. Wegen des sumpfigen Grundes war es nötig, die Gebäude des Forts um mehr als einen Meter durch Holzplattformen anzuheben. Und der Platz zwischen den Gebäuden wird auch überquert von hölzernen Plattformen, die im Sommer die einzige Möglichkeit bilden, sich trockenen Fußes fortzubewegen.
   Im Frühjahr und Herbst gibt es Millionen von Enten, Gänsen und Regenpfeifern und im Sommer Milliarden von Moskitos. Es gibt viele fremde kleinere und größere Pflanzen, die für den Botaniker wie den Sportsmann ein weites Feld an Betätigungen bieten. Aber der Naturliebhaber und der an Blumen Interessierte findet wenig, was das Auge erfreut oder die Vorstellungskraft anregt, denn die Natur hat hier ihr bescheidendstes Kleid angelegt, und große Blüten gibt es nicht.
   An gefiederten Völkerscharen gibt es kleine und große Kanadagänse, Lachgänse, so genannt, weil ihr Schrei wie Lachen klingt, und Schneegänse. Letztere sind aber nicht sehr häufig. Es gibt große Mengen an wilden Enten: Spießenten, Pfeifenten, Prachttaucher, Säger, Brillenenten und Krickenten. Aber die besten, Kanevasenten, gibt es nicht. Im Frühjahr und Herbst klingt das ganze Land von den wilden Schreien und dem schrillen Gepfeife von ungeheuren Schwärmen von Regenpfeifern aller Art, mit langen Beinen, kurzen Beinen, schwarzen oder gelben Beinen, Strandläufern und Schnepfen, die bei ihren lärmenden Konzerten durch Myriaden von Fröschen unterstützt werden. Die Frösche sind in der Tat die besten Sänger an der Hudson's Bay. (Die vielen Arten von Fröschen, die Amerikas Sümpfe besiedeln, pfeifen oder flöten genau so wie Singvögel, sodass viele Leute, die sie zum ersten Mal hören, meinen, sie hörten gefiederten Sänger des Waldes. Unerfreulich ist nur, dass sie kaum jemals mit dem Singen aufhören.) Rohrdommeln gibt es auch. Und manchmal, wenn auch selten, findet ein Kranich seinen Weg an die Küste. In den Wäldern und an trockenen Stellen gibt es einige Kragenhühner und Waldrebhühner, viele Falken und Eulen aller Größen – von der riesigen weißen Eule, die fast zwei Meter Spannweite erreicht, bis zur kleinen grauen Eule, die nicht größer als eine Männerhand ist.
   Im Winter sind die Wälder und gefrorenen Sümpfe voll mit Schneehühnern, oder, wie die Trapper sie nennen, weißen Rebhühnern. Sie schmecken nicht besonders gut, finden sich aber trotzdem regelmäßig im Winter auf den Esstischen in York Factory. Es gibt auch viele Arten von kleinen Vögeln; die interessantesten sind die Schneeammern, die zu Anfang und Ende des Winters auf einen Besuch vorbei geflogen kommen.
   
   Im Juni 1843 kam ich zum zweiten Mal in York Factory an und begab mich zum Haus der Junggesellen, wo ich nach Mr. Graves Anweisung Quartier nehmen sollte. Als ich mich der Tür dieses mir so vertrauten Hauses näherte, hörte ich aus den verwitterten Mauern einen noch nie gehörten gewaltigen Lärm; also sprang ich auf die Pfosten vor dem Fenster, um hineinzugucken, bevor ich mich selbst hineinbegab.
   Was ich sah, war ausgesprochen lachhaft. Auf einem Stuhl hinter einer Zimmertür stand mein Freund Crusty mit einem großen Eimer voller Wasser in den Armen, den er vorsichtig nach oben auf die Tür balancierte, um ihn dann um- und auf die zwei Jungs herunterzukippen, die darunter standen und miteinander rauften. Sie ahnten nicht, dass gleich ein Wasserfall auf ihre anderweitig beschäftigten Köpfe stürzen würde; an einer gegenüberliegenden Tür stand der Doktor; er grinste von Ohr zu Ohr bei dem Gedanken, dass er gleich mithilfe einer großen Spritze einen dicken Wasserstrahl auf Crustys Gesicht richten würde. Und nahe am Ofen saß der Steuermann und guckte so unbeteiligt, wie er nur konnte.
   Dieser Streich sollte gerade seinen Höhepunkt erreichen, als ich hineinsah. Die Kampfhähne kamen der Tür immer näher, hinter der Crusty sich bereithielt. Der Eimer wurde höher und höher gehoben, mit der Spritze wurde Ziel genommen, als sich plötzlich die Eingangstür öffnete und Mr. Grave hereinkam. Wenn Mr. Grave ein Zauberer gewesen wäre, hätte die Änderung, die nun eintrat, auch nicht deutlicher sein können. Der Doktor stopfte die Spritze in die Tasche, aus der eine Menge Wasser herauslief und an seinen Rockschößen heruntertropfte, durchquerte langsam den Raum und betrachtete eingehend und mit gravitätischem Ernst die Schneide eines Amputationsmessers, das auf einem Tisch lag. Die zwei Raufbolde sprangen in einem Satz in ihr Zimmer und versteckten ihre roten Gesichter hinter der Tür. Merkwürdige erstickte Geräusche zeigten an, dass der Steuermann darum kämpfte, sein Lachen zu unterdrücken. Und Crusty, der ausgerutscht war bei dem Versuch, schnell von seinem Stuhl zu klettern, lag in einem Ozean von Wasser, das er im Fallen über sich selber ausgegossen hatte.
   Mr. Grave ging einfach nur hinüber in Mr. Wilsons Raum, um ein paar Fragen zu stellen, und ging dann wieder, als ob er nichts bemerkt hätte. Aber ein eigentümlicher Zug um den Mund und ein freundliches Zwinkern in den Augenwinkel zeigten, dass er ganz gut wusste, dass seine jungen Leute auf Schabernack aus waren, auch wenn er keinen Ton sagte.
   Zu diesen Kameraden ging ich hinein, und während sie in ihre Büros verschwanden, beschäftigte ich mich damit, die Räumlichkeiten in Augenschein zu nehmen, in denen ich den kommenden Winter zubringen würde.
   Das Haus aus Holz war nur ein Stockwerk hoch. Seinen größten Teil nahm die große Diele ein, von der mehrere Türen zu den Schlafzimmern der Verwaltungsangestellten führten. Es gibt wohl kaum Häuser, in denen weniger Wert auf Ausschmückung oder Luxus gelegt wird. Die Wände waren einmal weiß gewesen, hatten aber wegen der Ausdünstungen des großen Ofens mittlerweile ein schmutziges Gelb angenommen. Kein Teppich bedeckte den Boden, aber trotzdem sah der mit seinen gelblichen Dielenbrettern freundlich aus. Das Betrachten der zahllosen Astlöcher war mir manches Mal ein träumerisches Vergnügen, wenn ich nichts Besseres zu tun hatte.
   Eine große rechteckige eiserne Kiste auf vier krummen Füßen mit einem Schornstein, der nach oben durch das Dach führte, stand genau in der Mitte des Raumes. Das war der Ofen, aber die leere Holzkiste in einer Ecke zeigte, dass seine Dienste im Moment nicht benötigt wurden. Und das wurden sie wirklich nicht; der ganze Raum war angefüllt mit Moskitos und Bremsen, die Tag und Nacht vor sich hinsummten. Als Mobiliar schmückten den Raum zwei kleine Tische aus rohem Holz ohne Tischtücher, fünf hölzerne Stühle, ganz, und ein zerbrochener – dieser, klein und handlich, wurde ab und zu von den jungen Leuten als Geschoss gebraucht, wenn sie sich mal wieder stritten. Mehrere Gewehre und Angelruten standen in den Ecken, aber sie waren staubbedeckt, und man sah ihnen an, dass sie zu dieser Jahreszeit nicht in Gebrauch waren. Die Tische waren mit allen möglichen Dingen bedeckt, und aus der Tatsache, dass eine Anzahl von Pfeifen auf übelduftenden Tabakhäufchen lagen, schloss ich, dass meine neuen Gefährten große Raucher waren. Ein oder zwei Bücher, ein paar zerbrochene Rappiere, eine zerbeulte Maske und verschiedene ärztliche Instrumente, unter denen ein großer Mörser mit Stößel besonders auffielen, komplettierten die Sammlung.
   Die Schlafzimmer waren nicht nur interessant zu betrachten, sondern auch sehr bezeichnend für ihre Bewohner und deren Tätigkeiten. Das erste, das ich betrat, war sehr klein – gerade groß genug für ein Bett, einen Tisch und eine Kiste und ohne viel Platz für seinen Bewohner, sich darin zu bewegen. Aber es war klar, dass hier sich jemand mit ganz bestimmten Tätigkeiten aufhielt, denn der Tisch war übersät mit Sägen, Feilen, Stücken von Elfenbein und Holz, und in einer Ecke hielt ein Schraubstock den Kopf eines Kranich in seinen eisernen Fängen. Dazwischen lagen eine Anzahl Kontobücher aus dem Indianerhandel und ein Tintenfass; daraus schloss ich, dass dies das Schlafzimmer meines Freundes Wilson, des Postmeisters, war.
   Quadrantenbehälter und Seekiste im nächsten Raum zeigten, dass hier der Steuermann wohnte, auch ohne dass Ölzeug und Südwester mir das bestätigten, die an einem Nagel an der Wand hingen.
   Das Zimmer des Arztes war angefüllt mit Schreck erregenden Instrumenten, die an Operationen, Amputationen, blutende Wunden und Schmerzen gemahnten. Das des Oberbuchhalters dagegen war gekennzeichnet durch eine methodische Aufgeräumtheit, und seines Gehilfen durch ein großes, chaotisches Durcheinander.
   Kein Zimmer hatte einen Teppich, keins einen Stuhl – Koffer oder Kisten dienten stattdessen als Sitzgelegenheit – und keines der Betten wurde durch einen Vorhang verschönert. Trotz ihrer Kargheit wirkten sie aber doch wohnlich, denn eine Anzahl Mäntel, lederne Regencapes, Fellmützen, wollene Schärpen, Gewehre, Schrotgürtel, Schneeschuhe und Pulverhörner bedeckten die Wände. Die Decken dieser Zimmer waren sehr niedrig, ich konnte sie mit meinen Fingern erreichen, wenn ich auf Zehenspitzen stand. Die Fenster waren etwa einen Meter hoch und achtzig Zentimeter breit, sodass alles eigentlich sehr gemütlich wirkte.
   Das waren die Umstände, unter denen ich lebte, und so waren die Kameraden, mit denen ich in York Factory mein Leben teilte.
   
Ballantyne, Robert  Michael
Hudson's Bay, or everyday life in the wilds of North America during six years' residence in the territories of the Hudson's Bay Company
Edinburgh 1902, Nachdruck 1972
Übersetzung: U. Keller

Abgedruckt in:
Keller, Ulrike (Hg.)
Reisende im Nordmeer seit dem Jahr 530
Wien 2009

Reiseliteratur weltweit - Geschichten rund um den Globus. Erlebtes und Überliefertes aus allen Teilen der Welt. Entdecker – Forscher – Abenteurer. Augenzeugenberichte aus drei Jahrtausenden. Die Sammlung wird laufend erweitert – Lesen Sie mal wieder rein!