Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

Um 1808 - William Mariner
Über das Geld
Tonga

König Finow tat verschiedene Fragen über die Natur des Geldes. "Woraus ist es gemacht?" fragte er. "Ist es wie Eisen? Kann es wie Eisen zu verschiedenen nützlichen Instrumenten verarbeitet werden? Wenn dies nicht der Fall ist, warum bleiben die Menschen nicht bei der Methode, sich ihren gegenseitigen Bedarf durch Austausch zu verschaffen? Wo ist das Geld zu bekommen?" Wenn es von Menschen fabriziert werde, so meinte er, sei es ja wohl das Klügste, Jedermann verwende seine ganze Zeit hauptsächlich aufs Geldmachen, und sich eine Menge davon anzuhäufen, damit er hernach keine Plage weiter habe, sich alles das zu verschaffen, was er brauche. Auf diese letzte Bemerkung antwortete Mariner, das Material, woraus Geld gemacht werde, sei keineswegs häufig und leicht zu bekommen. Nur Häuptlinge und große Männer seien im Stande, sich mit einiger Leichtigkeit große Quantitäten Geld zu verschaffen, und das sei ihnen entweder dadurch möglich, daß sie große Pflanzungen oder Häuser, die sie gegen Bezahlung eines Zinses an Geld anderen überließen, geerbt, oder daß sie Ämter im Staat verwalteten, oder dem Staat Dienste leisteten, wofür man ihnen Geld gäbe, oder auch dadurch, daß sie in Zeiten, wo gewisse Dinge wohlfeil sind, diese Dinge für ganz kleine Geldsummen zusammenkauften, um in anderen Zeiten, wo sie teurer werden, dieselben für größere Summen wieder zu verkaufen. Was die niedere Volksklasse anlange, so müsse diese im Schweiße ihres Angesichts arbeiten, und als Lohn für diese harte Arbeit gebe man ihr kleine Quantitäten Geld, u.s.w. Der König sei die einzige Person, die Befugnis habe, Geld zu machen oder machen zu lassen, auch werde auf jedes Stück des Königs Zeichen gesetzt, damit es von falschem zu unterschieden sei. Schon das Material, woraus es gemacht werde, könne man sich nicht anders verschaffen, als für Geld, und wenn Jemand dem "Tabu" des Königs zuwider, heimlich sich unterstehe, jenes Material zu Geld zu verarbeiten, so werde er am Ende kaum so viel daraus gemacht haben, als er selbst dafür gegeben.
   Mariner ging dann über zu einer Auseinandersetzung der Vorteile, die ein solches Austauschmittel, wie das Geld sei, gewähre. Hier unterbrach ihn Filimoeatu, der zu Finow sagte, er verstehe nun, wie das sei! Geld sei weniger beschwerlich in den Geschäften als Ware, und es sei für die Menschen eine große Bequemlichkeit, ihre Waren für Geld hinzugeben, das sie dann zu jeder Zeit immer noch gegen Ware vertauschen können, die sie zu haben wünschen, wohingegen die Ware selbst, besonders, wenn sie in Mundvorräten bestehe, durch die Aufbewahrung sehr leicht verdorben werden könne, was mit dem Geld nicht der Fall sei. Obgleich das Geld an sich von keinem wahren Wert sei, so bilde man sich doch einen Wert dabei ein, wegen seiner Seltenheit und der Schwierigkeit es zu erlangen, wenn man nicht etwas Nützliches und Schätzbares dafür zu geben habe. Und da einmal Jedermann sich diesen Wert einbilde, und gar keine Bedenken trüge, Waren dafür hinzugeben, so sei der Wert desselben eigentlich gar kein eingebildeter mehr zu nennen, sondern für alle seine Besitzer habe es einen wirklichen, so lange alle seine Nachbarn stets bereit sind, ihm Waren dafür zu geben. Mariner fand, daß er selbst keine bessere Erklärung geben könne, und sagte daher dem verständigen Insulaner, seine Begriffe vom Gelde seien ganz die richtigen. Nach einer etwas langen Pause nahm Finow wieder das Wort und sagt, diese Erklärung tue ihm nicht ganz Genüge. Er halte es immer noch für ein närrisch Ding, daß die Menschen einen Wert aufs Geld legten, wenn sie es zu irgendeinem nützlichen physischen Gebrauch weder anwenden könnten noch wollten. "Wäre es" sagte er "von Eisen gemacht und könnte es in Messer, Äxte, Meißel verwandelt werden, dann würde man ein Recht haben, einen Wert darauf zu legen. Aber wie man es mit der Sache jetzt halte, sähe er keinen Nutzen darin: "Wenn ein Mann mehr Yams hat" fuhr er fort, "als er braucht, so laßt ihn seinen Überfluß hingeben für Schweinefleisch oder Gnatuh! Freilich sind die Münzen weit besser zur Hand und eine weit bequemere Sache, aber weil sie sich auf lange Zeiten erhalten und durchs Aufbewahren nicht verdorben werden, so werden die Menschen immer geneigt sein, sich viel davon zu sammeln und aufzuhäufen, anstatt die Bedürftigen zu geben, wie es einem Häuptling ziemt. So müssen die Menschen habgierig und selbstisch werden. Dahingegen, wenn Viktualien das Haupteigentum eines Menschen sind, wie sie es sein sollten, weil sie allein zugleich von größtem Nutzen und von der größten Notwendigkeit sind, so kann er keine Begierde haben, viel davon zu sammeln, weil sie verderben würden. Er wird also geneigt sein, sie schnell entweder gegen andere Waren zu vertauschen oder umsonst wegzugeben an Nachbarn und kleinere Häuptlinge und Gesinde." Er schloß mit den Worten: "Ich begreife nun sehr wohl, was die Ursache ist, daß die Papalagis so harte, geizige Menschen sind - dieses Geld macht sie so!"

Mariner, William
Nachrichten über die Freundschaftlichen oder die Tonga-Inseln
Weimar 1819

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