Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1821 - Otto von Kotzebue
Über die Bounty und die Bewohner von Pitcairn

Ich habe die Insel Pitcairn auf meiner Reise nicht berührt, aber ich traf im Hafen Concepción in Chile mit einem amerikanischen Schiffskapitän zusammen, der sie kürzlich besucht hatte, und auf Tahiti fand ich eine der Begründerinnen der Bevölkerung dieser Insel, die gut genug Englisch sprach, um sich mit mir unterhalten zu können. Die Nachrichten, die ich von diesen beiden Personen eingezogen habe, werden meinen Lesern nicht unwillkommen sein, und diejenigen, die mit der Entstehung dieser interessanten Kolonie unbekannt sind, sehen es vielleicht gern, wenn ich ihre Geschichte von Anfang an kurz erzähle.
    Die englische Regierung wollten den so nutzbaren Brotfruchtbaum auf ihre westindischen Besitzungen verpflanzen und schickte deshalb im September des Jahres 1787 das Schiff Bounty unter Befehl des Leutnants Bligh, der bereits unter Kapitän Cook auf seinen Reisen als Steuermann gedient hatte, in die Südsee, um von den dortigen Inseln eine Ladung junger Bäume dieser Art nach Westindien zu bringen. Die Besatzung des Schiffes bestand in allem aus 46 Mann.
    Nach einer äußerst beschwerlichen Reise, bei der er 30 Tage lang vergeblich versucht hatte, das Kap Horn zu umschiffen, und sich endlich entschließen musste, um das Kap der Guten Hoffnung zu segeln, kam Bligh endlich im Oktober 1788 glücklich zu Tahiti an.
    Das Einnehmen der Ladung, wobei die liebenswürdigen Tahitier sehr behilflich waren, dauerte fünf Monate, vermutlich, weil es dem Leutnant Bligh und seiner Mannschaft zu gut in Tahiti gefiel. Während der ganzen Zeit lebte das Schiffsvolk in der größten Harmonie mit den Insulanern, und vorzüglich mit den Insulanerinnen. Hierin liegt wahrscheinlich auch ein Grund zu Blighs nachmaligem Schicksal.
    Am 4. April 1789 segelte er von Tahiti ab, landete an einer der Freundschaftsinseln, wo er die verdorbenen Pflanzen durch neue ersetzte, und richtete nun seinen Lauf am 27. desselben Monats, in der frohen Überzeugung, dass es ihm gelingen werde, den erhaltenen Auftrag auszuführen, nach Westindien, wohin sich der Segen verbreiten sollte, den die Natur ihren Lieblingskindern in der Pflanze gab, deren Überbringer er war.
    Aber im Buch des Schicksals stand es anders geschrieben. Die schonungslose Strenge, mit der Bligh seine Untergebenen behandelte, die Empörung ihres Ehrgefühls, indem er sogar seinen Steuermann Christan Fletcher einer körperlichen Züchtigung unterwarf, verbunden mit der Erinnerung an die auf Tahiti so angenehm verlebte Zeit, brachten eine Verschwörung zustande, an deren Spitze Christian stand, und deren Absicht dahin ging, sich des Schiffes zu bemeistern, den Befehlshaber mit seinen Anhängern auszusetzen, nach Tahiti zurückzukehren und dem Vaterlande auf immer entsagend, dort nur für Genuss und Freude zu leben.
    Es war den Verschwörern gelungen, ihren Plan so geheim zu halten, dass weder Bligh noch irgendjemand der treu gebliebenen Besatzung etwas davon ahnte. Der Aufgang der Sonne am Morgen des 28. April war das verabredete Signal zum Ausbruch des schändlichen Vorhabens. Der Steuermann Christian, der gerade die Wache kommandierte, trat mit zwei Unteroffizieren und einem Matrosen in die Kajüte des Leutnants Bligh, der ruhig schlief. Sie fielen über ihn her, banden ihm die Hände auf den Rücken und drohten ihn auf der Stelle zu ermorden, wenn er sich widersetze oder nur einen Laut von sich gäbe. Bligh zeigte sich unerschrocken, suchte sich zu wehren, und da er der Übermacht weichen musste, rief er laut um Hilfe; aber die Verschworenen hatten alle, die nicht in ihrem Komplott waren, in der nämlichen Zeit überfallen und gebunden, so dass der unglückliche Bligh sich also in sein Schicksal ergeben musste. Er wurde nun im bloßen Hemde und gebunden auf das Verdeck gebracht, wo er den treu gebliebenen Teil der Mannschaft, 18 an der Zahl, gleichfalls gebunden vorfand. Nun wurde das größte Boot auf das Meer gesetzt, während sich Bligh vergeblich bemühte, die Pflichtvergessenen durch Vorstellungen zum Gehorsam zurück zu bringen. Sie riefen ihm zu, er solle stille schweigen oder sie würden ihn totschlagen.
    Als das Boot an der Seite des Schiffes bereit lag, ließ man zuerst die gebundenen Offiziere und Matrosen, nachdem sie vorher ihrer Band entledigt worden waren, hinein steigen; dann sprach Christian zu Bligh: »Nun, Kapitän, ihre Offiziere und Mannschaft befinden sich bereits im Boot, es ist Zeit, dass Sie sich auch hinbegeben; der geringste Widerstand kostet ihr Leben.« Darauf wurde er losgebunden und stieg zu seinen treuen Unglücksgefährten hinab, unter den ihm nach geschrienen bitteren Vorwürfen über seine bisherige Tyrannei. Nachdem das Boot noch mit einigen Lebensmitteln versehen worden war und man den Unglücklichen auf ihre Bitte einen Kompass, einen Quadranten und an Waffen nur ein paar alte Säbel gegeben hatte, zogen die Verschwörer die Segel auf und überließen das Boot unter dem jauchzenden Geschrei »Verderben dem Kapitän Bligh! Hurra Tahiti!« seinem Schicksal.
    Die Erzählung dessen, wie es den unglücklich Ausgesetzten ferner ergangen, gehört eigentlich nicht hierher; indessen könnte es doch manchen Leser, dem es noch nicht bekannt, ist, angenehm sein, hier zu erfahren, wie es ihrer ungeheueren Anstrengung gelang, in einem offenen Boot, das nur 23 Fuß [etwa 7 m] lang, 6 Fuß 9 Zoll [2 m] breit und 2 Fuß 9 Zoll [84 cm] tief war, mit wenigen Lebensmitteln versehen, ohne Seekarte, den Wellen des großen Ozeans preisgegeben, sich dennoch zu retten.
    Als das Boot von dem Schiff verlassen wurde, befand es sich ungefähr 30 Meilen [55 km] von der Insel Tofoa [der nordwestlichsten der Freundschaftlichen Inseln, heute Tonga-Gruppe genannt] entfernt. Es wurde beschlossen, dort zu landen, um einen Vorrat an Lebensmitteln einzunehmen und sodann nach Tongatabu zu segeln, wo man den König der Freundschaftsinseln um die Erlaubnis bitten wollte, unter seinem Schutz das Boot in einen solchen Zustand zu versetzen, dass man es wagen könne, damit die Reise bis Ostindien zu machen.
    Man landete glücklich auf Tofoa und befestigte das Boot mit einer eisernen Kette ans Ufer; bald stürzte aber eine Menge feindlich gesinnter Wilder hervor, begrüßte die wehrlosen Ankömmlinge mit Steinwürfen und hätte sie bald überwunden gehabt, wenn der heldenmütige Unteroffizier Norton sich nicht für die Rettung seiner Gefährten aufgeopfert hätte. Er sprang an Land, machte die Kette, mit der Boot am Felsen befestigt war, schnell los und hatte nur so viel Zeit, die Worte »Flieht! Flieht!« auszurufen, als er von den Wilden erfasst und ermordet wurde.
    Dieser traurige Vorfall nahm den Fliehenden allen Mut, nach Tongatabu oder einer anderen, von Wilden bewohnten Insel zu segeln. Alle wandten sich nun an Bligh mit der Bitte, sie nach einem Europäern gehörigen Hafen zu führen und gelobten ihm zur Ausführung dieses Vorhabens den unbedingten Gehorsam durch einen feierlichen Eid. Hierauf fasste Bligh den kühnen Beschluss, durch die Torresstraße nach der Insel Timor zu gehen, wo die Holländer Besitzungen haben. Die Entfernung bis dahin betrug gegen 4.000 See- oder 1.000 deutsche Meilen [7.400 km]. Deshalb musste bei der Verteilung der Lebensmittel die größte Ökonomie beobachtet werden. Die ganze Mannschaft unterwarf sich willig der Anordnung, dass jedem nur eine Unze [gut 30 Gramm] Zwieback und der achte Teil einer Bouteille Wasser gereicht wurde. Schon am anderen Tage erhob sich ein Sturm, der so viel Wasser ins Boot warf, dass immerwährend mit der größten Anstrengung geschöpft werden musste, um es nicht untergehen zu lassen. Bei einem nochmaligen Sturm, verbunden mit starkem Regen, war die geringe Zwiebacksprovision nass geworden und hatte sich in einen Brei verwandelt, der nun zur Nahrung dienen musste, und selbst diese war man genötigt, nachmals noch mehr einzuschränken, da die Fahrt länger dauerte, als man anfänglich gehofft hatte.
    So von Hunger, Durst, Anstrengung, Durchnässung, brennenden Sonnenstrahlen und aus allen diesen entstandenen Krankheiten aufs Äußerste erschöpft, hatten die Unglücklichen nach einer Fahrt von 32 Tagen die unbeschreibliche Freude, die Küste von Neu-Holland [Australien] zu erblicken und bald darauf in die Torrestraße hinein zu segeln. Sie landeten auf einer kleinen unbewohnten Insel nahe an der Küste und fanden hier allerlei wohlschmeckende Früchte, Austern und das schönste Wasser im Überfluss. Mit seligem Gefühl ruhten sie nach so langer Zeit, von gesunder Nahrung erquickt, die erste Nacht wieder auf festem Boden, aber beim Aufgang der Sonne zeigte sich ihnen eine neue Gefahr. Die Wilden hatten sich, mit Speeren bewaffnet, auf der Küste gesammelt und drohten mit einem Überfall, weshalb die Insel schleunigst verlassen werden musste.
    Beim Durchsegeln des Kanals war das Wetter schön und die See ruhig. Die Eingeborenen winkten mit grünen Zweigen vom Ufer, zur Landung einladend, aber Bligh traute deren Gesinnungen nicht. Mehrere unbewohnte Inseln dienten zu Ruheplätzen und zum Einnehmen von Früchten und frischem Wasser. Man fühlte sich neu belebt, und in der Hoffnung, das Ziel der Leiden, die Insel Timor, nun bald zu erreichen, herrschte die beste Laune.
    Aber es war noch weit bis dahin. Nachdem das Boot die Torresstraße verlassen hatte und sich wieder auf hohem Meer befand, trat nach und nach jedes Ungemach mit verdoppelter Kraft wieder ein. Die ganze Mannschaft war krank, einige bis zum Verscheiden. Fast alle hatten die Hoffnung aufgegeben, jemals einen sicheren Hafen zu erreichen, und flehten den Himmel nur an, durch baldigen Tod ihre Leiden zu enden. Bligh selbst, sehr unwohl, bemühte sich, auf alle Weise seinen Untergebenen Mut einzuflößen, und gab ihnen die Versicherung, dass sie nun bald landen würden.
    Er hielt Wort. Am 12. Juni morgens um 3 Uhr lag die Insel Timor mit ihrem hohen Gebirge in freundlicher Majestät vor ihnen. Wie ein elektrischer Schlag durchzuckte dieser Anblick die erschöpften Glieder der Kranken. Sie erhoben ihre Hände zum Himmel, und nie ist wohl ein Dankgebet inniger gewesen.
    Die holländische Niederlassung Kupang wurde nun in zwei Tagen erreicht und der dortige Gouverneur nahm die Geretteten menschenfreundlich auf. Bis auf einen, dessen Lebenskraft gänzlich erschöpft war, war die Gesundheit aller bald wieder hergestellt, und Bligh fand Gelegenheit, mit seinen Unglücksgefährten nach England zu fahren, wo sie im März 1790 anlangten.
    Man sollte glauben, dass die große Lehre, die Bligh vom Schicksal empfangen hatte, ihn für die Zukunft vorsichtiger gemacht habe, aber er verleugnete seinen Charakter nie. Als Befehlshaber eines Linienschiffes veranlasste er durch seine Strenge wieder eine Verschwörung, und da er nachmals Gouverneur von Neusüdwales war, brach auch dort aus der nämlichen Ursache eine Empörung aus.
    Nach dieser Abschweifung kehren wir zur Geschichte der Kolonie auf der Pitcain-Insel zurück. Die Rebellen der Bounty wählten, nachdem ihr Verbrechen gelungen war, einstimmig Christian zum Kapitän und nahmen Kurs nach Tahiti. Auf dem Wege dahin kamen sie zu der kleinen, hohen und stark bevölkerten Insel Tubuai [Austral-Inseln], welche im Jahr 1777 von Cook gesichtet worden war, und fassten den Entschluss, sich dort niederzulassen. Als sie einen Hafen ausfindig gemacht hatten, wurde das Schiff mit vieler Mühe durch die Korallenriffe hinein gebracht. Die Eingeborenen empfingen die Ankömmlinge sehr freundlich und sahen nicht nur ruhig zu, als diese auf der Landspitze beim Hafen eine Festung zu bauen anfingen, sondern reichten selbst hilfreiche Hand dazu. Indessen dauerte diese Einigkeit nicht lange. Christian und seine Gefährten wurden im Vertrauen auf die Überlegenheit ihrer Waffen bald sehr übermütig und empörten die guten Insulaner vorzüglich durch das Rauben ihrer Frauen. Christians Mannschaft wurde plötzlich überfallen; er zog sich aber mit ihr auf eine Anhöhe zurück, von wo das Gewehrfeuer eine große Niederlage unter den Wilden hervorbrachte, während Christian nur einen Verwundeten und gar keinen Toten hatte. Dennoch fanden die Sieger es nicht ratsam, auf Tubuai zu bleiben. Sie schifften sich wieder ein und segelten nach Tahiti.
    Während dieser Überfahrt hatte sich eine tiefe Melancholie Christians bemeistert. Gewissensbisse und trübe Aussichten in die Zukunft folterten ihn. Er schloss sich in seiner Kajüte ein, kam nur selten zum Vorschein, und sprach nur wenige Worte.
    Als die Bounty bei Tahiti Anker geworfen hatte, kamen eine Menge Eingeborener an Bord, freuten sich, ihre Freunde wieder zu sehen, waren aber sehr erstaunt, den Kapitän und einen großen Teil der Mannschaft nicht vorzufinden. Christian erzählte ihnen, dass Kapitän Bligh sich mit dem fehlenden Teil der Mannschaft auf Tubuai niedergelassen habe, wo er König der Insel geworden sein, er aber mit dem übrigen Teil der Mannschaft sich hierher begeben hätte, wo sie unter ihren tahitischen Freunden ihr Leben zu beschließen wünschten.
    Das gutmütige Völkchen glaubte dem vollkommen und hatte eine herzliche Freude darüber, seine Freunde auf immer bei sich zu sehen. Christians geheime Absicht aber war, auf einer noch unbekannten und unbewohnten Insel eine Niederlassung zu gründen, da er leicht voraussehen konnte, dass Tahiti der erste Ort sein würde, wo die englische Regierung die Verbrecher suchen ließe, wenn sie Kenntnis von ihrer Tat erhielte. Er war mit vielen seiner Gefährten unzufrieden oder fand sie zur Ausführung seines Vorhabens nicht geeignet. Deshalb teilte er es nur acht Personen von seiner Mannschaft unter dem Siegel der Verschwiegenheit mit. So entstand eine zweite Verschwörung gegen die Mitschuldigen der ersten.
    Christian und sein neues Komplott benutzten die Gelegenheit, als alle, die nicht dazu gehörten, an Land waren, die Anker zu kappen und mit acht Tahitiern und zehn Frauen, die sie an sich gelockt hatten, schnell in See zu stechen.
    Nachdem sie mehrere Wochen auf See herumgeirrt waren, kamen sie zufällig zu der von Carteret im Jahr 1767 entdeckten Insel Pitcairn, die nur von geringem Umfang ist, hohen, felsigen, aber fruchtbaren Boden hat, und die sie unbewohnt fanden. Nachdem Christian und seine Gefährten sie näher untersucht hatten und die sehr üppige Vegetation sie vorzüglich gereizt hatte, beschlossen sie, sich hier auf immer niederzulassen, wo sie der übrigen Welt verborgen zu bleiben und dadurch eine wohlverdienten Strafe zu entgehen hofften.
    Alle Bemühung, einen Hafen zu entdecken, in den die Bounty einlaufen könnte, war vergebens. Es wurde also beschlossen, unter dem Winde an Land zu segeln, die Ladung zu bergen und alsdann das Schiff zu zerstören, damit es den in der Folge vielleicht vorbei Segelnden den Aufenthalt der Verbrecher nicht verrate.
    Dieser Beschluss wurde sogleich in Ausübung gebracht. Man suchte zwischen den Felsen einen Platz aus, wo die auf den Strand zu setzende Bounty nicht sogleich von den Wellen zertrümmert werden konnte, und nachdem sie festen Grund gefasst, wurde die Ladung mit der größten Tätigkeit an Land gebracht, das Schiff aber verbrannt.
    Am Anfang litt die kleine Kolonie Mangel an Lebensmitteln, da sich auf der Insel weder Brotfrucht- noch Kokosbäume fanden, weshalb sie sich mit Wurzeln und Fischen begnügen musste. Für die Zukunft war indessen reichlich gesorgt. Alle für Westindien gestimmt gewesenen Pflanzen waren unbeschädigt gelandet  und wurden sogleich gesetzt. Es nahm freilich Zeit weg, ehe die Brotfrucht- und Kokosbäume Früchte trugen; aber die süßen Bataten, Yams, Tarowurzel und dergleichen belohnten schon im folgenden Jahr die Mühe des Pflanzens sehr reichlich.
    Die Einigkeit unter den Kolonisten, deren allgemein anerkanntes Oberhaupt Christian war, schien auf immer begründet. Jedem war sein Stück Land angewiesen. Es entstanden niedliche Hütten und emsig angebaute Bataten-, Yams- und Tarofelder schmückten die Wildnis. Nach Verlauf von drei Jahren wurde Christian der Vater eines Sohnes, den er Friday Fletcher October Christian nannte, dessen Geburt ihn aber zum Witwer machte. Da er nun große Neigung zu einer zweiten Ehe fühlte, alle Frauen aber schon Männer hatten, so machte er einem Tahitier die seine abspenstig, worüber der so in Wut geriet, das er einen Zeitpunkt benutzte, zu dem Christian allein auf seiner Pflanzung arbeitete, ihn plötzlich überfiel und ermordete. Diese Tat wurde sogleich bekannt und empörte einen Engländer so, dass er seine Flinte ergriff und den Mörder nieder schoss.
    Hierdurch auf das Höchste gereizt, und lange schon von der quälendsten Eifersucht zur Rache entflammt, weil die Frauen den Engländern einen so entschiedenen Vorzug gaben, überfielen die Tahitier die letzteren in einer Nacht unversehens und ermordeten alle bis auf einen namens Adam, den sie auch für tot hielten, der aber nur schwer verwundet war, und dem es mit großer Anstrengung gelang, sich in den Wald zu schleppen und sich zu verbergen, so dass die Mörder ihn auch am Tage nicht fanden.
    Als die Frauen die grässliche Ermordung ihrer Geliebten sahen, gerieten sie in Verzweiflung und lechzten nach Rache, die sie auch gleich in der nächsten Nacht befriedigten, indem sie sämtliche Tahitier im Schlaf überfielen und erschlugen.
    Am Morgen, so bald es hell wurde, eilten die blutbefleckten Megären wieder zu den Leichen ihrer geliebten Engländer und fanden, dass Adam unter ihnen fehlte, wodurch sie auf die Vermutung kamen, dass er sich gerettet und verborgen haben könne, obgleich auch in seiner Hütte noch Blut am Boden lag. Sie durchstrichen nun den Wald nach allen Richtungen, um ihn zu suchen, bis sie ihn endlich in seinem jämmerlichen Zustand fanden. Sie verbanden seine Wunden, trugen ihn in eine Hütte, und durch ihre vereinte Pflege und Anwendung heilender Kräutersäfte gelang es bald, den jungen, kraftvollen Mann herzustellen. Die Liebe aller konzentrierte sich nun auf den durch sie Geretteten. Er wurde ihr gemeinschaftlicher Gatte und ihr Oberhaupt, dem sie willig Gehorsam leisteten und, nach seinem Zeugnis, einander nie durch Eifersucht das Leben verbittert haben.
    Bis zum Jahre 1803, also 14 Jahre, blieb Adam mit seiner Nachkommenschaft der übrigen Welt verborgen. Da landete aber der englische Schiffskapitän Folger, von Kanton nach Chile segelnd, an der Pitcairn-Insel, wo er sehr erstaunt war, ein Völkchen  zu finden, dass ihn in englischer Sprache begrüßte, große Bekanntschaft mit europäischen Sitten verriet, und dessen Farbe und Gesichtszüge sogar auf Abstammung von Europäern deuteten. Adam selbst löste ihm das Rätsel. Folger stattete der englischen Regierung über diese Entdeckung Bericht, wobei er aber die Lage der Insel so falsch angab, dass man sie für eine neue entdeckte hielt, bis die englische Fregatte Breton im Jahr 1814 auf ihrer Fahrt von den Marquesas-Inseln nach der Küste von Chile gleichfalls auf die Pitcairn-Insel stieß, welche nach ihres Entdeckers, Carteret, Angabe für unbewohnt gehalten wurde. Indessen wurde die Besatzung der Fregatte bald durch den Anblick niedlicher Hütten und kultivierter Felder überrascht. Auch versammelten sich Menschen am Ufer, die durch freundliche Zeichen zum Landen einluden. Einige stießen sogar mit viel Gewandtheit ihre kleinen Kähne durch die Brandung in die See und ruderten dem Schiff entgegen.
    Man war eben im Begriff, sie in der Sprache der Südseeinsulaner anzureden, als sie sich in reinem Englisch nach dem Namen des Schiffes und des Befehlshabers erkundigten. Der Kapitän antwortete selbst, setzte die Unterhaltung fort, die immer interessanter wurde, und lud die Insulaner ein, an Bord zu kommen, was sie auch gleich mit der größten Unbefangenheit taten, und selbst dann, als sie von der Mannschaft umringt und mit Fragen bestürmt wurden, nichts von der Scheu verrieten, welche den meisten Südseeinsulanern eigen ist.
    Der junge Mann, der zuerst das Schiff betrat, grüßte den Kapitän mit vielem Anstand, wünschte ihm einen guten Morgen und fragte dann, ob er in England einen Mann namens William Bligh kenne. Dadurch ging plötzlich über die rätselhaften Pitcairn-Insulaner ein Licht auf, und sie wurden dagegen gefragt, ob jemand auf der Insel sei, der Christian hieße. »Nein, der ist tot, aber sein Sohn befindet sich auf dem Boot, das soeben ankommt«, war die Antwort, die den Ursprung der Kolonie außer allen Zweifel setzte.
    Man erfuhr nun ferner, dass die ganze Bevölkerung der Insel aus 48 Menschen bestehe, dass die Männer nicht vor dem zwanzigsten Jahr heiraten und nur eine Frau haben dürften, dass Adam sie in der christlichen Religion unterrichtet habe, dass ihre gewöhnliche Sprache die englische sei, sie aber auch Tahitisch verstünden und dass sie den König von England als ihren Herrn anerkennen würden. Auf die Frage, ob sie nicht Lust hätten, auf der Fregatte mit nach England zu gehen, erwiderten sie: »Nein, wir sind verheiratet und haben Kinder.«
    Der Anblick des Schiffes und der Mannschaft war ihnen nicht neu. Sie erzählten, dass Kapitän Folger auf ihrer Insel gewesen sei. Aber ein kleiner schwarzer Pudel, den sie plötzlich erblickten, jagte sie in Furcht. »Das ist ganz gewiss ein Hund«, riefen sie, »wir haben zwar noch keinen gesehen, wir wissen aber, dass er beißt.« Indessen überzeugten sie sich bald von der Gutmütigkeit des Tieres und spielten mit ihm.
    Jetzt wurden sie in die Kajüte geführt und dort mit einem Frühstück bewirtet, wobei sie sich sehr bescheiden betrugen und im Gespräch viel natürlichen Verstand blicken ließen. Vor dem Essen beteten sie und ließen sich's dann sehr wohl schmecken.
    Mit vieler Mühe landete der Kapitän auf der Insel. Ein anmutiger Weg zwischen gepflanzten Gruppen von Kokos- und Brotfruchtbäumen führte ihn zu einem kleinen, sehr hübsch gelegenen Dörfchen, dessen niedliche Häuser zwar klein, aber bequem eingerichtet und zum Erstaunen reinlich waren.
    Eine von Adams Töchtern, ein reizendes Mädchen in leichtem Gewande, empfing die Gäste auf einer Anhöhe und führte sie zu ihrem Vater, einem Greis von sechzig Jahren, der aber noch ein sehr rüstiges Ansehen hatte.
    Das Gespräch kam natürlich bald auf Christians Verschwörung, und Adam behauptete, keinen Teil daran gehabt, selbst bis zum Ausbruch nichts davon gewusst zu haben; aber mit Abscheu sprach er von der Art, wie Bligh sowohl seine Offiziere als auch die Matrosen behandelt habe.
    Der Kapitän machte Adam den Vorschlag, ihn nach England zu bringen. Das wurde bald bekannt. Fast die ganze Kolonie versammelte sich und alle baten mit Tränen, ihnen den guten Vater Adam zu lassen. Eine Szene, welche selbst die Engländer rührte.
    Die Pitcairn-Insulaner sehen alle wohl aus, haben schöne Zähne und schwarzes Haar. Der Wuchs der Männer ist schlank und ihre Größe 5 Fuß 10 Zoll [1,80 m]. Die Kleidung beider Geschlechter besteht aus einem Mantel wie der chilenische Poncho, und auf den Köpfen tragen sie Hüte aus Schilf, mit Federn geschmückt. Sie haben noch eine Menge alter Kleider vom Schiff Bounty, aber sie tragen sie nicht, und beweisen darin mehr Geschmack als ihre mütterlichen Vorfahren, die Tahitier. Die Insel gewährt einen äußerst anmutigen Anblick und soll überall fruchtbar sein. Im inneren Teil findet man verwilderte Schweine.
    Sieben Jahre später als die Breton berührte das amerikanische Handelsschiff Adler, dessen Kapitän ich in Concepción sprach, die Pitcairn-Insel. Dieser fand die Bevölkerung schon bis gegen 100 Menschen angewachsen. Er war entzückt über die Ordnung, die er bei ihnen gefunden hatte. Adam herrschte als väterlicher König, schlichtete alle Streitigkeiten, und niemand wagte es, gegen seine Entscheidung auch nur eine Einwendung zu machen. Jeder Familie war ein eigenes Stück Land zum Anbau angewiesen. Die Felder lagen abgemessen nebeneinander, waren mit Fleiß bearbeitet und am häufigsten mit süßen Bataten und Yamswurzeln bestellt. Sonntags versammelte sich die Kolonie vor Adams Wohnung, wo er ihnen aus der Bibel vorlas und sie zur Eintracht und guten Aufführung ermahnte. Jeden Abend, nach dem Untergang der Sonne, wenn in diesem schönen Klima eine wohltätige Kühle die Einwohner nach der Tageshitze erquickt, schloss die Jugend einen Halbkreis um den geliebten Vater Adam, der ihr Geschichten aus seinem Vaterland erzählte und sich bemühte, ihre Moralität zu befestigen. Auch machte er sie mit anderen Ländern und Völkern bekannt, sprach von Kunst und Erfindungen, von Gebräuchen, Lebensweise und Sitten in Europa.  
    Kann man gleich bei Adam nicht viele Kenntnisse voraussetzen, so ist es doch gewiss, dass er seine Kolonie auf eine Stufe der Bildung gebracht hat, von der sie leicht zur völligen Zivilisation gelangen kann. Seine aufmerksamen Zuhörer behalten alles genau und sind zum Erstaunen mit den Sitten und Gebräuchen kultivierter Völker bekannt.
    Schimpfworte hat Adams streng verpönt. Als einige Insulaner das Schiff besuchten und einen Matrosen schimpfen hörten, fragten sie voll Erstaunen den Kapitän, ob es denn in seiner Heimat erlaubt sei, sich solcher Ausdrücke zu bedienen. Vater Adam habe sie gelehrt, wie schlecht es sei, seinen Nebenmenschen auch nur durch Worte zu kränken.
    Der Kapitän versicherte, den Charakter und das Betragen dieses liebenswürdigen Völkchens nicht genug loben zu können, und schrieb es der Lehre und dem Beispiel ihres Patriarchen zu. Dieser gute alte Mann war indessen sehr in Sorge wegen der Zukunft. »Ich kann«, sagte er, »nicht mehr lange leben. Wer soll mein begonnenes Werk fortsetzten? Meine Kinder stehen noch nicht so fest, dass sie nicht in Irrtümer zurück fallen können. Ein guter, gesitteter Mann von einer zivilisierten Nation muss sie leiten.«
    Auf Tahiti fand ich, wie bereits erwähnt, eine von Adams Frauen, die vor nicht langer Zeit mit einem europäischen Schiff dahin gekommen war und von der ich manches erfahren habe, was hier unter die übrigen Nachrichten eingeschaltet worden ist. Sie sprach ziemlich fertig Englisch, nur in einem fremden Dialekt. Die Sehnsucht nach dem Vaterland, die überall so mächtig wirkt, hatte diese alte Frau bewogen, in dasselbe zurückzukehren. Anfänglich war wohl ihre Absicht gewesen, ihr Leben dort zu beschließen, das hatte sich aber schon geändert. Sie versicherte, die Menschen wären hier weit schlechter als in ihrem kleinen Paradies, wohin sie sich sehr zurück sehnte. Ihren Adam pries sie sehr hoch und behauptete, dass kein Mensch auf der Welt würdig sei, ihm gleich gestellt zu werden. Von dem Mord, den die Tahitier an den Engländern begangen, sprach sie noch mit einiger Wut und prahlte mit der Rache, die sie genommen.
    Adam hatte ihr den Auftrag gegeben, die Missionare auf Tahiti um einen Nachfolger für sie zu ersuchen, da er schon sehr alt und schwächlich sei. Auch hatte er den Plan, einige Familien nach Tahiti zu versetzen, da die Bevölkerung seiner Insel im Verhältnis des urbaren Landes bald zu groß zu werden schien. Den Nachfolger Adams wird die tahitische Mission nicht ermangeln dahin zu schicken, da sie dadurch die Pitcairn-Insel unter ihre Botmäßigkeit bekommt. Möge Adams väterliche Regierung keiner Despotie Platz machen und seine praktische Weisheitslehre nicht in leeren Gebetsformeln untergehen! [Es gab mehrere Emigrationsaktionen, die aber infolge eigentlich harmloser Krankheiten in der neuen Heimat unglücklich endeten; immer kam zumindest ein Teil der Emigranten auf die Insel zurück; Adam starb im Jahr 1824. Die Sieben-Tage-Adventisten betreuen heute die Insel.]
    Die englische Regierung schickte im Jahr 1791 die Fregatte Pandora unter dem Befehl des Kapitän Edwards in die Südsee, um die Empörer gegen Bligh aufzusuchen. Er fand diejenigen, die in Tahiti zurück geblieben waren, und brachte sie nach England, wo sie, der Strenge der Gesetze verfallen, zum Tode verurteilt und nur wenige begnadigt wurden.

Kotzebue, Otto von
Neue Reise um die Welt in den Jahren 1823,24,25 und 26
Weimar 1830

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