Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

Um 1900 - Pater Matthäus Rascher
Maskentanz der Baining
Gazelle Halbinsel, New Britain, Papau-Neuguinea

Nach kurzer Begrüßung des Häuptlings eilten wir dem Tanzplatz zu. Von allen Richtungen her mündeten breite, lichte Pfade dahin.
    Männer und Knaben trugen unter großem Lärmen kolossale Masken, die mit trockenen Blättern umhüllt waren. Andere folgten in der heitersten Stimmung mit gezierten Lanzen, Tanzstöcken und sonstigen Gegenständen, die nur bei diesen Feierlichkeiten Verwendung finden. Vom Abhang des Vasserom (ein hoher Berg) herüber ertönte Gesang mit den begleitenden dumpfen Tönen der Garamuttrommel. Der Tanzplatz war sehr breit und lang und von allem Gestrüpp rein gemacht. Ganz oben stand ein mächtiges, etwas 15 Meter hohes und 40 Meter langes Gerüst (ririveigi), aus Bambusstangen errichtet. Vor dem Gerüst und mit diesem verbunden zog sich ein 3 bis 4 Meter breiter Tisch, ebenfalls aus Bambus, hin. Ungeheure Massen von ungekochten und ungekochten Taros, Yams und Bananen, welche entweder aufgeschichtet oder in prachtvollen Riesenkörben und Netzen auf dem Tisch lagen, waren zur Schau ausgestellt. Jede Stange und jedes Querstück des Gerüstes war von unten bis oben zierlich mit Girlanden von Kokos, Bananen, Nüssen, Zuckerrohr u.s.w. geschmückt. Vor dem Tisch kauerten die festlich geschmückten Frauen und Kinder. Sie hatten sich alle den ganzen Körper mit Ocker bestrichen und ihren Perlenreichtum um den Hals und die Brust geschlungen. In der Mitte diesen bunten Haufens hatte das Orchester Platz genommen, welches nur aus Weibern bestand, von denen eine eine Holztrommel bearbeitete, einige andere das Ende eines dicken Bambuses auf die bloße Erde oder auf Steine stießen, eine andere schlug mit einem kurzen Tambourstock auf ein brettförmig zugehauenes Stück Gallipholz. Gerade als wir anlangten, begann der Reigen der Frauen. Ungefähr 10 bis 15 derselben sowie einige Mädchen trippelten langsam und stillschweigend im Kreise umher. Ihr Tanzkleid (niski), welche sie wie ein Unterrock bedeckt, ist aus den Blättern einer Art Pandanus (bere-harenga) hergestellt, die in ganz feine Fäden gesplittert und durch eine Schnur (siska) gezogen sind. Stellenweise sind die niski mit eigelber oder roter Farbe bemalt, was auf das Auge recht angenehm wirkt. An einem Henkel über den Vorderkopf trugen sie wunderschöne Netze(asangenaji), sechs bis sieben zuweilen auf einmal und in den verschiedensten Größen. Um die Netze, welche auf dem oberen Teil der Schultern ruhen, in ihrer ganzen Länge zu  zeigen, war ein Stück wildes Zuckerrohr in dieselben gesteckt. In den Netzen fanden sich verschiedene Dinge, wie Steine, Taros, Arecanüsse. Viele Tänzerinnen hatten über den asangenaji bunte Lendentücher festgemacht. Alle hielten Büschel Kasuarfedern oder Bukette wohlriechender Kräuter oder auch neue Messer in den Händen und bewegten sie während des Gehens. Jede Tänzerin, auch kleine Mädchen, trugen ein Kind auf den Schultern, das mit den Händen dessen Kopf umfasste. Das Zetergeschrei dieser kleinen „Reiter“ war zuweilen furchterregend.
    Gegen 10 Uhr ungefähr kamen plötzlich vier bis fünf von Kokosöl (kokor) triefende Gestalten zum Vorschein. In diesem Augenblick mündeten auch aus allen Himmelsrichtungen die Zuschauer und Gäste, Weiber und Kinder, die von weither gekommen waren, auf den Festplatz. Sie lagerten sich dorfweise. Die phantastisch aufgeputzten Tänzer kamen immer näher. Beim Gehen stützten sie sich auf Lanzen. Bald schritten sie gebückt daher, bald richteten sie sich, den Leib heftig einziehend, wieder auf, blieben dann wieder wie erschöpft stehen, keuchten und spreizten die Beine. An den Fußknöcheln trugen sie an eine Schnur gereihte Nussschalen (a chlam), die bei jedem Schritt, der mit aller Kraft ausgeführt wurde, ein Rascheln verursachten. Eine mit Kakadu- und Papageienfedern geschmückte Lanze ging jedem vom Gesäß durch die Beine. Der Lanzenschaft steckte zwischen den Beinen in einer Scheide aus Tapa, die an einem schmalen, bemalten Tapagürtel hing, der selbst wieder am Ende des Rückgrates durch die Haut gezogen war, um die Lanze von hinten festzuhalten. Sowohl mitten auf dem Gesäß als auch vorne am Schambecken ist ein Fächer aus Kasuarfedern angebracht. Auf dem vorderen Fächer befinden sich immer der ausgebalgte Kopf und Hals eines Kakadu (mareve). Stampfend und in raschem Tempo erreichten sie den Tanzplatz. Die Weiber, welche bis dahin ungestört dem Tanz huldigten, traten scheu zurück, doch gleich darauf erschienen neue Tänzerinnen und schlossen sich dem Reigen der Männer an. Letztere gingen wie die Frauen stillschweigend im Kreis herum. Das Orchester ging in die Oktave über, die Töne des Garamut folgten sich schneller, die Melodie, die sich immer in Moll bewegte, wurde, wenn möglich, noch wehmütiger. Bei jeden neuen Übergang des Tanzes machten die im Kreis herumgehenden Männer und Weiber jedesmal kehrt. Plötzlich ertönte vom Fuß des Abhanges herauf Geschrei. 70 bis 80 Männer schleppten im Galopp und unter Juchzen ein entblößtes Maskenbild herbei, richteten es unter großen Anstrengungen auf, indem sie mit Bambusstangen den Hinterteil (Oberteil) der Maske in die Höhe hoben, und legten den Vorderteil (unteren Teil) einem der Tänzer, die während dieser Szene stehen blieben, auf den Tanzstock, den man in der Eile auf dem Kopf befestigt hatte. Hierauf schritt der Tänzer mit dem Monstrum einige Schritte voraus, stampfte und raschelte, worauf er unter dem Gejohle der Menge die Maske zu Boden warf und, nachdem man ihm seine Lanze oder zwei neue Beile übergeben, den Reigen mit den übrigen wieder fortsetzte. Inzwischen fallen die Zuschauer über die Maske her, reißen und schneiden die Tapa herab, um sie mit nach Hause zu nehmen. Die erste Maske, die vorgeführt wurde, maß 35 Meter in der Länge. Die Zahl der auf die beschriebene Weise vorgeführten Masken schätze ich auf 60 bis 70.Sobald die Maske vom Kopf des Tänzers, der keuchend dasteht und stampft, abgeworfen ist, geht er noch einige Minuten im Kreis herum und stampft wie rasend im Zickzack davon. Etliche Männer folgen ihm im Sturmschritt. Sobald sie ihn erreicht haben, hält ihn einer fest, währen die übrigen ihn seines Schmuckes berauben. Glückt es einem, durch gewandte Seitensprünge und raschen Lauf den ihm nachsetzenden Leuten zu entgehen, so zollt ihm die ganze Zuhörerschaft Beifall und gibt ihrer Freude durch Schreien und Lachen zu erkennen. Hat sich ein Tänzer entfernt, so folgt ein anderer in demselben Aufzug, keuchend und stampfend, um dieselbe Prozedur durchzumachen. Wie ein Zwischenspiel nahm sich der Maskentanz aus. Es kamen etwa zwanzig mit der sonderbar befestigten Lanze. Etwa die Hälfte trug ein kurzes sarigi auf dem Kopf, das sie mit zwei Schnüren, die oben am Stock befestigt waren, auf daß er gerade stand, hielten. Das Gesicht war mit einem Stück Tapa, welches am Tanzstock befestigt war, eingehüllt, andere hielten auf dem Kopf mittels sehr langer Bambusse, welche in sarigi-Form ausliefen, sichelartige, mit stilvollen Mustern verzierte Tapagebilde. Vor dem Platz, wo die Tänzer im Kreis herumgingen, hielten sie an, stampften wie Wütende, während das Orchester mit Gesang begleitete. Plötzlich ließen sie dann die sarigi und ngoaremchi fallen, welche von den Zuschauern schleunigst davongetragen wurden. Hierauf löste man ihnen die Lanze vom Leibe und gab ihnen zwei einfache Lanzen in die Hände, auf die sie sich beim Gehen stützten. Der Schweiß rann ihnen nur so vom Leibe. Einige Knaben standen in gewissem Abstand voneinander außerhalb des Reigens und kauten Zuckerrohr. Reicht ihnen einer der Tänzer die Brust oder den Rücken hin, so spucken sie das Gekäue auf ihn, um ihn zu erfrischen. Von Zeit zu Zeit bückte sich wieder einer, stampfte, zog den Leib ein, daß man ihn mit zwei Händen umspannen und alle Rippen zählen konnte, und richtete sich dann wieder auf. Der Marsch aller Tänzer war sehr schleppend. Der ganze Körper zitterte vor Mattigkeit, das Gesicht war eingefallen, das Herz schlug heftig. Einer fiel dabei in Ohnmacht und mußte davongetragen werden. Um ihn wieder zum Leben zu bringen, hielt man ihm einen Bambus mit Wasser an den Mund und goß ihm so viel hinein, daß er aufwachte.
    Den Schluß des Tanzes bildete der Aufmarsch des Häuptlings. Es war schon vier Uhr vorbei. Männer, Frauen und Kinder gingen ihm bis zu seiner Toilettenhütte entgegen. Eine Anzahl Männer und Kinder trugen eine Riesenmaske vor ihm her, darauf folgte die Ehrenbegleitung, der Häuptling folgte zuletzt, in jeder Hand eine Nakanailanze tragend. Die herrlich geschmückte Lanze, welche er am Gesäß befestigt hatte, wurde von zwei Leuten mittels Bambusgabeln ehrfurchtsvoll hochgehalten. Der Zug bewegte sich stillschweigend Hügel auf und ab die Anhöhe hinauf. Hin und wieder beugte sich der Häuptling tief auf die Erde, zog den Bauch ein, stampfte und schritt wieder ernst weiter. Oben angekommen, setzte man ihm ein sareigi auf den Kopf, band es unten am Kinn fest und nahm ihm die zwei Lanzen ab. Hierauf befestigte man die kolossale hareiga (Maske) auf dem sareigi. Wohl 20 Mann standen hinter ihm, um das schwerfällige Ding mit Bmbus zu unterstützen, damit es den Träger nicht erdrücke. Hierauf stampfte er einige Minuten, dann überreichte ihm einer zwölf getrocknete und mit Luft gefüllte Schweinsblasen, die er eine nach der anderen mit aller Gewalt auf die platte Seite des Beiles schlagen sollte, daß sie recht knallten. Bei der neunten verließ ihn jedoch die Kraft, so daß einer seiner Trabanten ihm den Liebesdienst tun mußte. Während der ganzen Szene hatten sich viele Gäste genähert und betrachteten mit einer Art Andacht die Herkulesarbeit des Häuptlings. Seine Maske blieb unversehrt, sie wurde an einen Baum gelehnt, auch wurde er seines Tanzschmuckes nicht beraubt, sondern übergab denselben seinen Leuten zum Aufbewahren. Hierauf ging er an das Gerüst und teilte die aufgeschichteten Taros, Bananen, Kokosnüsse u.s.w. an die anwesenden Gäste aus.

Parkinson, R.
Dreißig Jahre in der Südsee
Stuttgart 1907

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