Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1909 - Wilhelm Müller
Das Steingeld
Yap, Karolinen

 

Das sonderbarste Geld, welches wohl je auf der Welt erfunden worden ist, dürfte ohne Zweifel das yapische Mühlsteingeld Fa sein, das aus Aragonit (Rai) geschlagen wird.
   Wie die Idee entstanden sein mag, gerade dieses Gestein zu einer derartig unhandlichen Form zu verarbeiten, ist gänzlich rätselhaft. Auch das Fa soll der [legendenhaften] Ganat-Reise von Tielop und Anuguman seine Einführung verdanken. Letzterer kehrte über Palau [Belau] zurück und schlug dort das erste Geld, zunächst in der Form eines Fisches, dann einer Mondsichel, dann einer undurchbohrten Scheibe, und schließlich in der heute durchgängig gebräuchlichen Form mit einem Loch in der Mitte. Ob hier Reminiszenzen an alte Geldarten oder etwa ein nachträglich hineingebrachtes mythologisches (Verwerfungs-) Motiv vorliegen, wage ich nicht zu entscheiden. Auch heute noch wird der Versuch gemacht, dem Geld eine andere Form zu geben.
   Der Aragonit kommt auf Yap nicht vor; um ihn sich zu verschaffen, müssen die Yapleute die Fahrt nach Palau machen. Früher sollen sie ihn auf der kleinen Insel Magaragar bei Peliliu geschlagen haben, weil sie sich fürchteten, nach der Hauptinsel zu kommen. So erzählte wenigstens der Palau-Dolmetscher Otto. Jetzt arbeiten sie in nächster Nähe von Koror im Malakal-Hafen und auf der kleinen Insel Railmig bei Airai. Schwierig genug ist die Arbeit. In ihrem eigenen Lande pflegen sie sich nicht so anzustrengen. Die Wände der engen Spalten, in denen der Aragonit ansteht, sind oft so steil, dass ein besonderes Gerüst gebaut werden muss, um überhaupt einen Arbeitsplatz zu gewinnen. Hat man mit vieler Mühe einen Block herausgearbeitet, so wird seine Oberfläche erhitzt, um abgesprengt werden zu können. Oft genug passiert es, dass ein fast fertiger Stein noch im letzten Augenblick zerspringt. Am gesuchtesten ist der am schwersten fertig zu stellende gebänderte Aragonit von bräunlicher, kandisartiger Färbung und der kleinkristallinische milch-weiße. Die großen 2, selbst 3 m hohen Geldsteine, welche man jetzt sehen kann, sind alle erst in den letzten Jahrzehnten auf europäischen Schiffen gekommen. Mit ihren eigenen Kanus haben die Yapleute nur solche von höchstens 8 Spannen herüber geschafft. Selbst die größten Hochseeboote konnten nur ein einziges Stück von dieser Größe tragen. Man verfiel daher auf das Mittel, die Steine auf großen Bambusflößen im Südwestwind einfach treiben zu lassen, segelte dann mit den schnelleren Booten einige Tage später nach und suchte sie wieder zu finden, um sie nach dem nicht mehr weit entfernten Yap zu schleppen. Häufig genug wird die Ladung dabei verloren gegangen sein.
   Das Fa-Geld ist nur angenähert kreisförmig, und die größeren Stücke sind manchmal sehr unregelmäßig geformt. Der Wert wird immer nach der Spannenzahl des größten Durchmessers berechnet. Viel mehr Gewicht als auf die Regelmäßigkeit des Umfangs wird auf den Querschnitt gelegt. Ein gut gearbeitetes Fa muss nach dem Rande hin allmählich an Dicke abnehmen. Die Oberfläche ist entweder glatt oder sie bildet eine Stufe, indem rund um das Mittelloch eine erhöhte Fläche stehengelassen ist.
   Gewöhnlich hat das Fa ein Loch in der Mitte; es gibt aber auch Stücke mit zwei Durchbohrungen. In dieses wird beim Transport ein Baum oder Bambus gesteckt. Der Durchmesser der Geldsteine ist außerordentlich variabel. Neben den erwähnten Riesen befinden sich noch ganz winzige Stückchen von ca. 4 cm Durchmesser, die auf Schnüre gezogen werden, im Besitz der Leute. Sie sind aber heute nahezu wertlos. Vielleicht können sie die Entstehung des Steingeldes erklären. Die Sitte, Muschelscheibchen als Wertgegenstände aufzureihen, wurde auf Aragonitscheibchen ausgedehnt, die allmählich, da das neue Material keine Grenzen setzte, zu der gegenwärtigen Form hypertrophierten. Es gibt gegenwärtig Tausende von Geldsteinen auf Yap. Die kleineren werden im Hause aufbewahrt, die größeren stehen an die Fundamente gelehnt oder flankieren die Dorfwege und die großen Plattformen vor den Klubhäusern. Manche sind freilich auch vergraben, und es kommt vor, dass die frisch aus Palau eingeführten gar nicht erst ans Land geschafft werden, sondern in der Nähe des Ufers im Wasser liegen bleiben. Größere Geldsteine stehen manchmal ganz woanders, als ihr Besitzer wohnt; wenn sie vom Vorbesitzer übernommen werden, lässt man sie einfach stehen. Das ist auch kein Wunder; denn um einen solchen Steinriesen aufzurichten, bedarf es vieler Arbeitskräfte und eines besonderen Gerüstes aus kräftigen Bambusstämmen, das ihn von hinten stützt. Es heißt, ein bestimmter Stein, der auf der Fahrt von Palau über Bord gefallen sei, habe für den Besitzer dadurch keineswegs an Kaufkraft verloren, obwohl seine Lage nur durch die Überlieferung bekannt und eine Hebung unmöglich sei.
   Kubary [Ethnologe im Dienst des Handeshauses Godeffroy] fuhr im Jahre 1882 mit 62 Yapleuten nach Palau und fand dort 400 Steinbrecher vor.
   Diese Expeditionen pflegten in der Art vor sich zu gehen, dass eine Anzahl junger Leute sich zusammentat und mit Erlaubnis des Häuptlings gemeinsam Steine brach. In Yap wurde das Geld im Ganzen von der Dorfgemeinde gekauft und vom Häuptling, der die größeren Stücke und zwei Fünftel der kleineren für sich behielt, verteilt. Heute geht jeder einzeln oder schickt seinen Hörigen für sich. Durch den dauernden Zuwachs und die bessere Transportmöglichkeit ist der Wert des Fa allmählich gesunken. Ungefähr kann man die Spanne mit 3 Mark berechnen. Dabei haben aber Farbe und Bearbeitung einen Einfluss auf den Preis.
   Kapitän O'Keefe [ein amerikanischer Händler] brachte auch Aragonit aus Guam herüber.
   Auch auf Yap selbst ist zeitweilig der Versuch gemacht worden, Steingeld zu schlagen, doch mit wenig Erfolg. Die beiden Steinbrüche liegen auf der Insel Map. Der Augenschein lehrt, dass es sich nicht um Aragonit, sondern um Quarz handelt.
   Um über die Zeit einen ungefähren Anhaltspunkt zu gewinnen, ließ ich mir die Häuptlinge herzählen. Danach muss die Entdeckung zirka 200 Jahre zurückliegen. Noch unter demselben Häuptling hörte die Benutzung der Steinbrüche wieder auf, »weil die feindliche Kriegspartei einen schädlichen Zauber ausgeführt hatte, der den Stein verdarb.«
   In einem unterscheidet sich das Yapgeld wesentlich von dem unsrigen. Seine Kaufkraft wird beeinflusst durch die soziale Stellung des Käufers und des Besitzers der Ware. Wenn man einem Höherstehenden oder einem alten Mann oder einer Frau etwas abkaufen will, so muss man mehr bezahlen als in anderen Fällen.
   Mir selbst sind solche Fälle passiert. Als ich von einer Frau einen Handkorb herstellen Iieß, für den ich 50 Pfennig bezahlte, meinte der Oberpriester, ob ich nicht lieber eine Mark geben wollte, sie sei doch eine Frau. Einem Zauberer wollte ich einen angetriebenen Walfischschädel abkaufen, der für ihn gar keinen Wert hatte und den er durchaus fortzugeben bereit war. Als ich aber 2 Mark dafür bot, erklärte er in vollster Entrüstung, das sei keine Bezahlung für einen alten Mann.
   Man wird sich nun fragen, wozu ein Naturvolk, eigentlich ein so kompliziertes Geldsystem braucht. Der Gelegenheiten, Geld auszugeben, gibt es viele. Der Haus- und Kanubauer kauft die Baumstämme von ihrem Besitzer. Er macht seine Arbeit durchaus nicht unentgeltlich, sondern erhält ein ganz beträchtliches Honorar. Der Tatauierer [Tätowierer], der Schmuckverfertiger, der Arzt, der Zauberer, der Priester – alle wollen sie bezahlt sein, und die holde Weiblichkeit in den Klubhäusern ist auch nicht für umsonst da. Um Geld für diese ausgeben zu können, müssen die männlichen Insassen es erst verdienen und auf den Fang der fliegenden Fische gehen. Dazu brauchen sie ein Kanu, das wiederum bezahlt werden muss. So ist auch im Yaplande Geld, Geld und abermals Geld die treibende Kraft.

 

Müller, Wilhelm
Yap, 1. Halbband
In: Ergebnisse der deutschen Südsee-Expedition 1908-1910
Herausgegeben von Dr. G. Thilenius
Hamburg 1917

Reiseliteratur weltweit - Geschichten rund um den Globus. Erlebtes und Überliefertes aus allen Teilen der Welt. Entdecker – Forscher – Abenteurer. Augenzeugenberichte aus drei Jahrtausenden. Die Sammlung wird laufend erweitert – Lesen Sie mal wieder rein!