Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

Um 1830 - James O'Connell
Die Ruinen von Nan Madol
Pohnpei, Karolinen

Nun will ich von meinem größten Abenteuer auf dieser Reise erzählen; sie wird zur Belastungsprobe für meine Wahrheitsliebe, denn ich will von der Auffindung einer großen unbewohnten Insel berichten, auf der sich gewaltige Ruinen befinden, deren Bauweise so ganz und gar von der gegenwärtigen der Eingeborenen absticht; sie haben eine erstaunliche Ausdehnung. An der Ostseite dieses Inselschwarms [Pohnpei mit den benachbarten kleinen Inseln und Atollen] befindet sich eine große flache Insel, die bei Hochwasser in etwa 30 – 40 kleine Inseln durch das Wasser zerteilt wird, das steigt und über sie hinweg läuft. Wegen ihrer Oberfläche, die fast völlig eben ist, unterscheidet sie sich von den übrigen Inseln. Felsen gibt es nicht, auf welchen vielleicht die Natur sie hätte bilden können. In einzelnen Teilen wachsen Fruchtbäume, doch niemand berührt sie, denn kein Eingeborener kann dazu gebracht werden, sie anzufassen oder gar Früchte zu pflücken.
   Als ich diese Insel entdeckte, waren George und ein Nigurt [Sklave] bei mir; dieser hatte uns gerade darauf aufmerksam gemacht und versprach uns eine Überraschung. Es wurde eine Überraschung. In der Entfernung sehen diese Ruinen wie phantastische Naturgebilde aus; als wir uns ihnen näherten, waren wir beide denn doch erstaunt, deutlich Spuren menschlicher Tätigkeit zu entdecken. Es war gerade Hochwasser, so konnten wir mit unserm Kanu in einen engen Kanal eindringen, der so eng an manchen Stellen war, dass kein zweites Kanu hätte an uns vorüber fahren können, während er an anderen Stellen, wohl ob der Unebenheit des Geländes, sich zu weiten Becken verbreiterte. Bei der Einfahrt fuhren wir eine etliche Meter lange Strecke zwischen zwei Steinmauern entlang, die wir, ohne das Boot aus seiner Richtung zu bringen, zugleich mit den Paddeln hätten berühren können. Sie mochten wohl zehn Fuß hoch sein; einzelne Teile waren eingefallen, andere waren sehr gut erhalten. Über die Mauern schauten Kokospalmen, gelegentlich auch ein Brotfruchtbaum, der dann reichlichen, erfrischenden Schatten spendete. Überall herrschte tiefstes Schweigen, nirgendwo regte sich ein lebendes Wesen, höchstens einige Vögel. An der ersten passenden Stelle, wo die Mauern an einer Kanalecke zurücktraten, landeten wir; nur der arme Nigurt schien vor Angst nicht ein und aus zu können; ihn vermochte nichts zum Verlassen des Kanus zu bringen. Die Mauern schlossen rundliche Flächen ein; wir traten ein, fanden aber nur Bäume und Strauchwerk vor. Erinnerte nicht die Mauer deutlich genug daran, dass Menschen hier gewesen waren, man hätte meinen können, dass sie niemals hierher gekommen wären: Wir untersuchten das Mauerwerk; die Mauern bestanden aus verschieden großen Steinen, deren Größen zwischen 2 und 10 Fuß [0,6 bis 3 m] in der Länge und von 1- 8 Fuß [0,3 bis 2,40 m] in der Breite schwankten; die Zwischenräume und Risse waren sorgfältig mit kleineren Stücken ausgefüllt. Sie bestanden aus dem bläulichen Gestein, das sich auf der bewohnten Insel in reichlichen Mengen findet und, wie gesagt, schieferiger Struktur zu sein scheint; es war gespalten und den Zwecken angepasst, denen es dienen sollte. An vielen Stellen waren die Mauern derartig eingefallen, dass wir mit Leichtigkeit darüber hinwegsteigen konnten. Nach unserer Rückkehr zum Kanu überschütteten wir unsern Nigurt mit Fragen; die einzige Antwort war: »Animan [Geister]!« Er konnte uns nicht erzählen, wie diese Steinmauern entstanden waren, er wusste nichts über ihren Zweck, nichts über ihr Alter. Er begnügte sich damit, dass sie eben das Werk der Animan waren; er wollte keine Aufklärung haben, er wagte auch nicht sie näher zu untersuchen, denn er hielt sie für die Behausung der Totengeister.
   Bevor die Ebbe unser Kanu an Grund setzte, kehrten wir nach Kitti [dem Südteil von Pohnpei] zurück; von dieser Insel hatten wir den Nigurt mitgenommen. Als wir dem Häuptling, erklärten, dass wir am folgenden Tage die Insel untersuchen wollten, sagte er uns, wir dürften dies nicht, denn sie wäre »majorhowi« [tabu]. Da ich aber im Range höher stand, konnte er mir den Besuch nicht verbieten. Er versuchte nun, mich zu ängstigen, und versicherte mir, dass die Animan mich nicht lebendig von der Insel herunterlassen würden, wenn ich in ihr Allerheiligstes eindringen würde. Nun, am andern Tage bahnten George und ich uns einen Weg durch die Eingeborenen, die uns zurückhalten wollten, und bestiegen das Kanu. Da fingen sie an zu heulen: »Ihr werdet sterben! Ihr wollt sehen alle Länder! Sterben!« Wir stießen ab; meine Stellung und ihre Furcht vor dem Ort, der majorhowi war, hinderten sie an der Verfolgung.
   Beim zweiten Besuch dieses verlassenen Venedig der Südsee wollten wir es eingehend erkunden. Ein Eingeborener, der uns mit seiner abergläubischen Angst gelangweilt hätte, war nicht da; Eile hatten wir ebenfalls nicht; wir machten daher das Kanu fest und warteten auf der Insel die nächste Ebbe ab. Mehrere Tage hindurch haben wir so die Besuche wiederholt; nachts kehrten wir nach Kitti heim. Kein Eingeborener wollte sein Leben für uns aufs Spiel setzen; eigentlich sollte man doch meinen, dass die Vertrautheit mit der Stätte ihre Ängste etwas beschwichtigt hätte, denn bei Niedrigwasser konnte man ganz bequem von Kitti aus nach den Spukstätten hinübergehen, die ja einen Teil dieser Insel bilden.
   Diese Erkundungen waren aufregend genug, um unser ganzes Denken in Anspruch zu nehmen. Während meines Aufenthalts auf den Karolinen hat mich nichts mehr interessiert und erregt. Es war doch schlechterdings unmöglich, dass diese gewaltigen Steinmauern ohne irgendwelche mechanischen Hilfskräfte an Ort und Stelle gebracht wurden, Hilfsmittel, die weit über die hinausgingen, die ich bei den Eingeborenen kennen gelernt habe; die Bauten bewiesen ein tüchtiges Können der Architekten; allerdings vermochte man aus ihrem zerfallenen Zustande nicht zu erkennen, zu welchem Zwecke diese Mauern errichtet worden waren. Die meisten waren rundlich und schlossen Flächen von ¼ bis 1 Meile [0,4 – 1,6 km] im Umfang ein; etliche waren elliptisch, andere ganz rund oder ähnelten Parallelogrammen; dabei wölbten sich die Mauern dem Boden sich anpassend nach außen. Nur selten fanden wir innerhalb der Mauern Wasser; sie scheinen eben die höchsten Teile der Insel zu bedecken; so macht das Ganze bei Hochwasser den Eindruck von vielen umwallten Inselchen. An der Ostseite spritzt der Gischt der Brecher, die auf das Riffe branden, das an die Insel stößt, über eine der Mauern. Vorüber fahrende Fahrzeuge müssten dies sehen können; wer davon nichts ahnt, dem mag dies nicht als etwas Besonderes erscheinen.
   Der Hauptteil dieser Ruinen verdient eine eingehendere Beschreibung. Die äußere Mauer hat einen Umfang von etwa einer Meile [1,6 km]. Die davon eingeschlossene Fläche ist hier nicht, wie bei den meisten anderen Bauwerken, leer, sondern im Abstande von etwa 20 Fuß [6 m] von der Außenmauer erhebt sich eine zweite, die der ersten genau parallel verläuft; im gleichen Abstand dazu verläuft eine andere und so im ganzen fünf bis sechs Mauern. Die letzte Mauer, in der Mitte des Bauwerks, ist genau quadratisch, der umschlossene Raum etwa 40 Fuß [12 m] lang und breit. Die Außenmauer war an einer Ecke ungefähr 25-30 Fuß [7,6 – 9 m] hoch. Auf den anderen drei Seiten, die mehr dem Einfluss von Ebbe und Flut ausgesetzt und daher unterwaschen sind, ist die Mauer an mehreren Stellen eingestürzt; die Binnenmauern sind jedoch sämtlich gut erhalten. Die unversehrte Seite der Außenmauer hat scheinbar die Hauptfront gebildet, denn Pfeiler, welche wohl einst einen Teil des Tores bildeten, lagen quer im Kanal. Der Eingang war etwa 4 Fuß [1,20 m] hoch. Nach unserm Eintritt fanden wir keine Öffnung in der nächsten Mauer; als wir uns aber durch das Gestrüpp hindurchgearbeitet hatten, fanden wir einen Zugang, der an der Ecke, rechts vom ersten Eingang gelegen ist.
   Wir gingen hindurch und fanden in der nächsten Mauer eine Öffnung an der linken Seite; so drangen wir weiter nach der innersten Mauer vor, Eingänge abwechselnd an der rechten oder linken Seite der Mauern durchschreitend. Als wir die Innenmauer  hinter uns hatten, fiel zufällig ein Baumast zu Boden und legte eine Grabkammer frei, in die wir hinab stiegen. Mein erster Gedanke war, dass diese Stätte ein Friedhof war; begründet wurde diese Ansicht aber nur durch die Auffindung eines Skelettes, das unten in der Kammer lag und dessen Teile über dem Boden verstreut lagen. Ratten hatten dies wohl getan. Ein Paddel oder eine Keule habe ich nicht gefunden. Als ich davon später in Nett [im Nordteil der Insel] erzählte, sagte man mir, dass ein Häuptling von Kitti dort begraben worden wäre. In Kitti selbst hatten die Eingeborenen entweder nichts davon gewusst oder mir keine Auskunft geben wollen. Die Balken und Rasenstücke, welche die Decke der Grabkammer verdeckten, mussten dort erst hingelegt worden sein, nachdem die Leiche, die ich da fand, zur Ruhe bestattet worden war. Die Tatsache, dass die Grabkammer für Bestattungen verwendet wurde, selbst gelegentlich dieses Einzelfalls, dessen sich die Lebenden erinnerten, scheint einen ungefähren Anhaltspunkt dafür zu geben, für welche Zwecke diese Stätte errichtet worden war. Trotzdem vermochte ich keine anderen Auskünfte zu erhalten, als dass die Ruinen von den Animan erbaut worden wären. In einem der Kanäle lag ein großer quadratischer Stein, von dem der uns am ersten Tage begleitende Nigurt erzählte, dass ein Geist ihn verloren hätte, als er den Stein hierher bringen wollte! Die begrabene Persönlichkeit war ein hoch angesehener Edyomet [Häuptling, Priester] gewesen. Nun, es müssen schon ganz besondere Beweggründe vorhanden gewesen sein, die die Eingeborenen am Besuch der Stätte hinderten; vielleicht hatte es der Verstorbene so gewünscht.
   Brauner Trepang [Seegurken], der auf allen Inseln gefunden wird, als Handelsartikel hier aber noch keine Rolle spielt, ist bei den Inseln der Ruinen besonders reichlich. Bei Ebbe finden sich ungeheuere Mengen davon auf den Riffen. Das wird später hoffentlich häufigere Besuche im Gefolge haben, schon der wirtschaftlichen Vorteile wegen; da nun Wissenschaft und Wirtschaft Hand in Hand gehen, wird man dann wohl auch interessantere Einzelheiten über diese Stätte der Welt mitteilen können. Leute, welche die Altertümer des Ostens näher kennen, werden sie besuchen und dann vielleicht im Stande sein, bei der Ähnlichkeit der Ruinen mit anderen Bauwerken älterer Völker etwas über die wahrscheinliche Herkunft dieses Völkchens auszusagen. Da mir derartige Kenntnisse nicht zu Gebote stehen, die Eingeborenen mich auch nicht unterstützten, sondern eigensinnig allen Fragen aus dem Wege gingen, die einige Aufklärung hätten bringen können, so vermag ich nicht einmal eine Theorie aufzustellen. Die Erzählung, dass Animan sie erbaut haben, dass Animan darin wohnen, dass sie majorhowi für jedermann sind, scheint sich von einer Generation auf die andere vererbt zu haben. Unbedingt sind es Bauwerke eines Volkes, das den heutigen Bewohnern der Insel überlegen war; ja, ich möchte behaupten, es war ein ganz anderes sogar. Es bleiben jedoch immer nur Behauptungen, die durch nichts gestützt werden können. Die Grabkammer gibt allein einen Anhalt dafür, dass dieses Labyrinth für Bestattungen hergerichtet wurde und deshalb diese gewaltigen Steinbauwerke aufgeführt wurden; andererseits ist es nicht sicher, ob nicht diese Grabkammer nur für diesen Edyomet erbaut wurde. Da man nur sein Skelett fand, erscheint dies sogar recht wahrscheinlich. Ferner unterscheidet sich die Bauweise auf der Insel mit den Ruinen derartig von den Steinmauern der heutigen Bewohner, dass die ersten unbedingt von einem ganz anderen Volk herrühren müssen. Auf den Inseln werden zu Steinmauern, zu Fundamenten usw., die sehr sauber aufgerichtet werden, Steine aller Größen und Art verwendet; in den Ruinen scheinen die Steine für die Plätze, die sie einnehmen, besonders gebrochen, ja sogar behauen zu sein. Sie sind widerstandsfähig und halten auch an Ort und Stelle aus, wenn nicht die Fundamente unterwaschen werden würden. Das Fundament wird unter Wasser errichtet; mit dem Bau der Mauern beginnt man in Höhe des Erdbodens. Ich schaute mich, zumal an den Eingängen, nach Hieroglyphen um, doch habe ich nichts Derartiges gefunden.
   Nach vierzehn Tagen kam unser Zweimännerkomitee, also George und ich, zu dem Ergebnis, dass die Ruinen irgendeiner alten Stadt oder Siedlung angehörten, über deren Entstehung oder der Ursache ihres Verlassens wir nichts auszusagen vermochten; die Kanäle und Einlasse müssen Landwege gewesen sein, die dann vom Wasser eingenommen wurden, da ja die Bauwerke auf einem Riffe erbaut wurden. Wir erkannten auch, dass die verhältnismäßig große Höhe der eingeschlossenen Landflächen durch den Fundamentschutz der Mauern bedingt wird. Wo die Mauern einfallen, bricht das Wasser durch und dringt in die Umfassungen ein. Endlich gestanden wir es den Animan gern zu, dass sie doch bessere Baumeister gewesen sind als die Leute, die heute die Insel bewohnen. Ehe wir die Ruinen verließen, taufte ich sie nach ihrem Erforscher »O'Connell Archipel«.

Hambruch, Paul
Ponape, 1. Teilband
In: Ergebnisse der Südsee-Expedition 1908-1910
Herausgegeben von Dr. G. Thilenius
Hamburg 1932

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