Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1850 - Julius Froebel
Besuch beim Präsidenten der Vereinigten Staaten
Washington D. C.

"Lassen Sie uns diesen Abend zum Präsidenten [Taylor] gehen" sagte mir eines Nachmittags Herr Stephen Pearl Andrews, ein Mann, der damals für die Senatsverhandlungen Berichterstatter einer New Yorker Zeitung war. Es war der Tag der Woche, an welchem regelmäßig der Präsident der Vereinigen Staaten abends Gesellschaft empfängt. Der Zutritt steht jedem offen. Gegen zehn Uhr fuhren wir nach dem "Weißen Hause".
   Diese Empfangsabende sind zwar schon von europäischen Reisenden beschrieben worden, mögen aber doch nicht allen meinen Lesern bekannt sein, so daß ich einige Worte darüber sagen darf, den allgemeinen Eindruck zu schildern. Die Gesellschaft ist gewöhnlich sehr zahlreich, und an diesem Abend waren die dem Empfange gewidmeten Räume mit Männern und Frauen gänzlich gefüllt. Den Europäer, und selbst den Bürger einer spanisch-europäischen Republik, muß es überraschen, bei dem Eintritte in das Haus keine Wache, keinen Türsteher, ja keinen Diener irgendeiner Art zu sehen, und selbst im Innern keinen solchen, der durch irgendein äußeres Zeichen erkennbar wäre, zu begegnen. Die Menge der Männer und Frauen, welche gekommen sind, der höchsten Magistratsperson der Republik ihre Achtung zu erweisen, in dieser Person ihren eignen Beamteten anzuerkennen, und damit die Genugtuung des Gefühls ihrer eigenen Bürgerwürde zu haben, strömt ungehemmt in den Saal, in welchem die Eintretenden nicht etwa durch einen dazu bestimmten Beamteten, sondern durch irgendwelche beliebigen Personen, die dem Präsidenten schon bekannt oder auch nicht bekannt sind, vorgestellt werden. General Taylor, ein mittelgroßer Mann mit dem einfachen Gesicht eines Farmers, in welchem sich aber Entschlossenheit, praktische Intelligenz, Ehrlichkeit und eine gutmütige Heiterkeit ausdrücken, stand in der Nähe der Tür und reichte jedem mit den einfachsten konventionellen Höflichkeitsformen die Hand. "Herr Präsident, erlauben Sie mit, Ihnen Herrn N.N. vorzustellen." "Herr N.N., es freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen. "Herr Präsident, ich hoffe, Sie befinden sich wohl." Dies war der Austausch der gegenseitigen Höflichkeiten. Als die Reihe der Vorstellung an mich kam, und der Vorsteller eine Bemerkung hinzufügte, die an einen nicht mehr lebenden deutschen Mann erinnerte, dessen Schicksal in ganz Amerika die lebhafteste Sympathie erweckt hatte, drückte der Präsident seine Achtung für das Andenken desselben durch eine tiefe Verbeugung aus. Ich war kaum vorbeipassiert, als sich in dem Gedränge, von welchem der Präsident umgeben war, einige Heiterkeit äußerte. Eine junge Dame, die mit dem General einerlei Geschlechtsnamen führte, war ihm vorgestellt worden, und er hatte ihr, unter dem scherzhaften Vorwande, daß er Verwandtschaftsrechte besitze, einen Kuß gegeben. Man freute sich der guten Laune des alten Kriegers, und ich hörte aus dem Munde einer Dame des engeren Kreises, zu welchem ich gehörte, daß ein Held das Recht habe, schöne Frauen zu küssen. Etwas tiefer im Innern des Empfangssaales stand die Tochter des Präsidenten, die Gemahlin des Colonel Bliss, welche als Dame des Hauses die Gesellschaft empfing und der die Ankommenden ebenfalls vorgestellt wurden.
   Die ganze zahlreiche Gesellschaft bewegte sich auf die freiste Weise und in der ungezwungenen Unterhaltung durch die Säle, die das Bild einer öffentlichen Promenade darstellen. Da und dort nahmen später einzelne Gruppen die Sofas und Lehnstühle ein, offenbar mit dem nämlichen Gefühle des Hausrechts, mit welchem man von den Bequemlichkeiten eines Gasthauses Gebrauch macht, bis sich gegen Mitternacht die Gesellschaft zerstreute.

Fröbel, Julius
Aus Amerika
Band 1, Leipzig 1857

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