Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1825 - B. von Sachsen-Weimar-Eisenach
Mehr Straßen als Häuser
Washington D.C.

Ich hatte mir keine große Idee von Washington gemacht; ich fand aber, was ich sah, unter meiner Erwartung. Das Kapitol steht auf einer Anhöhe, und soll in die Mitte der Stadt zu stehen kommen; bis jetzt ist es nur von unansehnlichen Häusern und Feldern umgeben, auf welchen gleichfalls kleine Häuser zerstreut stehen. Von demselben gehen mehrere Alleen aus. Wir fuhren in die Pennsylvania Avenue, und kamen endlich an Häuser, die so weit von einander gebaut sind, daß dieser Teil der Stadt einem neu angelegten Badeorte gleicht. Die Gegend ist übrigens recht schön, und man hat mehrere hübsche Aussichten auf den breiten Potomac. Wir fuhren am Hause des Präsidenten vorüber; es ist ein einfaches Gebäude von weißem Marmor in einem kleinen Garten.
   Das Haus in der Mitte ist das Haus des Präsidenten, und die vier anderen enthalten die Büros der Staatsverwaltung, die der auswärtigen Angelegenheiten, des Innern, der Justiz, des Kriegswesens und der Marine. Diese vier Häuser sind von Backsteinen gebaut. Ich stieg im Franklin House, dem besten hiesigen Wirtshaus, ab, wo Herr Huygens, der nahe bei Washington in Georgetown wohnt, Quartier für mich bestellt hatte.
   Der Plan, nach welchem Washington angelegt werden soll, ist kolossal und wird schwerlich ausgeführt werden. Nach demselben es könnte eine Bevölkerung von einer Million Menschen fassen, während es jetzt nur gegen 13.000 enthalten soll. Für die Hauptstadt eines so großen Landes liegt Washington viel zu nahe an der See. Dieser Nachteil ist im letzten Kriege fühlbar geworden; denn die Engländer nahmen die Stadt durch einen Streifzug hinweg. Man hat den guten Vorschlag getan, den Sitz des Gouvernements nach Wheeling, im westlichen Teil von Virginia am Ohio, zu verlegen, um es mehr ins Innere des Landes zu bringen. Man sagt aber, der Vorschlag sei verworfen worden, weil man den Engländern nicht die Freude lassen wollte, durch ihre Zerstörung der vorzüglichsten Gebäude der Hauptstadt zu dieser Verlegung beigetragen zu haben.
   Am folgenden Morgen erhielt ich ganz früh einen freundschaftlichen Besuch von dem französischen Gesandten, Baron Durand de Mareuil, den ich vor neunzehn Jahren in Dresden kennen gelernt, den ich später in Neapel als französischen Gesandten getroffen hatte, und dem ich zuletzt in derselben Eigenschaft in Brüssel begegnet war. Später erhielt ich einen Besuch vom General Macomb, Kommandanten des Ingenieur-Korps der Vereinigten Staaten, an dessen interessanter Unterhaltung ich viel Vergnügen fand. Mit ihm kam der Lieutenant Huygens zu mir, mit dem ich zu seinem Vater, der mich schon den ersten Abend besucht hatte, nach Georgetown fuhr. Diese kleine Stadt liegt amphitheatralisch am Potomac, dessen rechtes, mit Holz bewachsenes und teilweise bebautes Ufer sich sehr gut ausnimmt. Georgetown ist von Washington, oder vielmehr von dem Platz, auf welchem diese Stadt dereinst stehen soll, durch einen kleinen Fluß getrennt, Rockey Creek genannt, der sich hier in den Potomac ergießt. Eine ziemlich schlechte hölzerne Brücke macht die Verbindung zwischen beiden Plätzen. Ich fuhr mit dem Gesandten nach Washington zurück, um mehreren der ersten Autoritäten und des dipIomatischen Korps vorgestellt zu werden. Zuerst begaben wir uns ins Büro der auswärtigen Angelegenheiten zum Staatssekretär Clay, einem der berühmtesten amerikanischen Redner. Er ist ein langer hagerer Mann; ich fand ihn in Trauer um eine seiner Töchter, von welchen er das Unglück gehabt hat, drei in kurzen Zeiträumen zu verlieren. Hierauf gingen wir zum Präsidenten, der uns sehr gut empfing, und mich wie einen alten Bekannten behandelte. Das Haus des Präsidenten ist, wie schon bemerkt wurde, von weißem Marmor gebaut. Inwendig hat es eine große Halle mit Säulen. Wir wurden in einem gut möblierten, mit roter Seide tapezierten Zimmer empfangen. Es standen schöne Bronzen auf dem Kamin und den Konsolen, und ein lebensgroßes Portrait des Präsidenten Washington hing an der Wand. Vom Präsidenten hinweg gingen wir ins Büro des Kriegsdepartements zum Staatssekretär Barbour, den wir jedoch nicht antrafen, und dann ins Marine-Büro zum Staatssekretär Southard. Dieser Staatsbeamte hat den Ruf, einer der gelehrtesten Männer in den Vereinigten Staaten zu sein.
   Die vier Büros sind völlig gleich gebaut, sehr einfach, mit hölzernen Treppen; sie haben im Inneren das Ansehen von Schulgebäuden. Man findet weder Schildwachen noch Türsteher; im Marine-Büro hielt sogar unten ein Obstweib ihre Waren feil. Der Präsident selbst hat gewöhnlich keine Schildwachten, und nur während der Nacht treten Seesoldaten bei ihm auf.
   Weiter besuchten wir den Baron Mareuil, und ich freute mich sehr, die Bekanntschaft mit seiner liebenswürdigen Frau zu erneuern. Sein Haus liegt ganz isoliert, wie ein Landhaus. Die Häuser stehen überhaupt so einzeln in Washington, daß, wenn man den Plan dieser Stadt ansieht, man mehr Straßen als Häuser findet. Zuletzt machten wir unseren Besuch beim russischen Gesandten, Baron Tuill, und beim englischen Gesandten Vaughan, trafen aber keinen von beiden an. Um 5 Uhr dinierte ich beim Baron Mareuil, welcher dem Namenstag des Königs von Frankreich zu Ehren ein diplomatisches Diner gab. Ich traf den größten Teil des diplomatischen Corps versammelt und fand, daß besonders die französische Legation sehr zahlreich war. Von der russichen Gesandtschaft traf ich Herrn von Wallenstein, den ich in Boston kennengelernt hatte, und der hier wegen seines verständigen Betragens und seines guten Charakters, besonders aber auch wegen seiner soliden lnstruktion und richtigen Ansicht der Dinge sehr geachtet und geliebt wird, Der Präsident soll ganz besonders viel auf ihn halten. Einen Baron Maltitz von derselben Gesandtschaft, der vor einigen Monaten eine Amerikanerin geheiratet hat, lernte ich gleichfalls kennen, so wie den brasilianischen Geschäftsträger, Chevalier Rebello. Ferner lernte ich den Staatssekretär der Finanzen, Herrn Rush, kennen, der mehrere Jahre Gesandter in England gewesen war, und traf mich auch mit Herrn Brent, dem Unterstaatsekretär der auswärtigen Angelegenheiten, zusammen. Ich hatte ihn schon in Philadelphia bei seinem Schwager, Herrn Walsh, kennengelernt. Von Damen waren nur Mme de Mareuil und Mme de St. André zugegen. Das Diner war wirklich prächtig.
   An den folgenden Tagen ging es mit Besuche-Machen und Besuche-Empfangen weiter. Die Zahl der Bekanntschaften mehrte sich, und es fehlte nicht an angenehmen und interessanten Gesellschaften. Zugleich wurde besehen, was Washington und die Umgegend Merkwürdiges hat.
   Mit den Herren Huygens, Vater und Sohn, fuhr ich nach dem Navy Yard, der dicht am Potomac liegt. Dieses Etablissement steht unter dem Befehl eines Kommodore. In diesem Navy Yard werden die Schiffe nur gebaut und ausgebessert; sie gehen alsdann den Potomac hinab in die Chesapeake Bay und in die Mündung derselben nach Norfolk, wo sie ausgerüstet werden. In diesem Augenblicke befanden sich nur zwei Fregatten im Yard, sogenannte 44er, aber für 64 Stück eingerichtet: der Congress, ein altes Schiff, das repariert ward, und der Potomac, ein ganz neues Schiff, das schon im Wasser gewesen, aber wieder herausgezogen und unter Dach gestellt war. Auf dem Platz, auf dem die Fregatte Brandywine gebaut war, welche den General Lafayette nach Frankreich zurückgebracht hat, wurde der Kiel zu einer neuen Fregatte gelegt, und zugleich der Grund zu einem Hause über dieses neue Schiff. Da der Boden feucht ist, so mußte dieses Gebäude auf Pfahlwerk erbaut werden. Dem Eingange des Navy Yard gegenüber steht eine Rostralsäule von weißem Marmor mit allegorischen Figuren. Sie ist von den Offizieren und Midshipmen der Marine der Vereinigten Staaten ihren beim Angriff auf Tripoli gefallenen Kameraden zum Andenken errichtet worden. Die Engländer haben bei ihrer Okkupation von Washington am 25. Juni 1814 an diesem Monument einer allegorischen Figur, Amerika, die Finger der einen Hand abgeschlagen, und der Muse der Geschichte ihren Griffel aus der Hand genommen. Daher eine Inschrift der Säule: Mutilated by the British. Am Fuße des Monuments stehen zwei bronzene spanische 24-Pfünder, welche von den Amerikanern in Tripoli erbeutet worden sind.
   In dem Navy Yard gibt es große Schmieden. Alles alte, von den Schiffen kommende Kupfer wird hier geschmolzen und mit einem Zusatz von Messing zu allen auf den Schiffen nötigen Utensilien gegossen; das nötige Kupfer wird geschlagen und gestreckt. Eine Dampfmaschine mit der Kraft von vierzehn Pferden setzt eine Sägemühle mit zwei großen und einigen kleineren zirkelförmigen Sägen in Bewegung. In dem kleinen Arsenal stehen die Gewehre, die Enterbeile und die Säbel.
   Über den Potomac geht eine lange hölzerne Brücke, auf gewöhnlichen Böcke gebaut. Ich maß sie und fand, daß sie fünfzehn Schritt breit und 1.900 meiner Schritt lang ist. Meine Schritte verhalten sich zu den gewöhnlichen wie vier zu fünf, folglich kann man annehmen, daß diese Brücke ungefähr 2.375 Schritte lang ist. Um von einem Ende bis zum andern zu gehen, brauchte ich neunzehn Minuten. Jeder Fußgänger zahlt sechs Cents, um die Brücke zu passieren. Diese Brücke setzt durch ihre Länge in Erstaunen, aber keineswegs durch ihre Ausführung, denn sie ist ziemlich plump und schlecht. Viele der Bohlen sind verfault, und sie verlangt viele Reparaturen. Übrigens hat sie zwei Trottoirs für die Fußgänger, das eine ist durch ein Geländer vom Fahrweg abgesondert. Während der Nacht wird sie mit Laternen erleuchtet. An zwei Stellen sind doppelte Zugbrücken angebracht, um Schiffe durchzulassen. Es war dunkel geworden, als ich von dieser Brücke nach Hause kam, und ich erstaunte über die geringe Lebhaftigkeit in den Straßen. Ich bemerkte fast keinen Menschen.

Luden, Heinrich (Hg.)
Reise Sr. Hoheit des Herzogs Bernhard von Sachsen-Weimar-Eisenach durch Nord-Amerika in den Jahren 1825-26
Weimar 1828

Abgedruckt in:
Keller, Ulrike (Hg.)
Reisende in den USA 1541 – 2001
Wien 2002

Reiseliteratur weltweit - Geschichten rund um den Globus. Erlebtes und Überliefertes aus allen Teilen der Welt. Entdecker – Forscher – Abenteurer. Augenzeugenberichte aus drei Jahrtausenden. Die Sammlung wird laufend erweitert – Lesen Sie mal wieder rein!