Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1862 - John Ross Browne
In der Silbermine
Virginia City, Nevada

Einige meiner Freunde, die an den Ophir-Minen beteiligt sind, fanden es angemessen, mich bei einem gelegentlichen Besuche zu einem Spaziergang durch ihre unterirdischen Gärten einzuladen. Dies war ein Kompliment, das sie einem Besucher aus fernen Weltgegenden schuldig zu sein glaubten. Sie räumten freilich ein, daß es einige Muskelanstrengung kosten würde, doch sei es am Ende lohnend genug. Gefahr sei nur wenig dabei vorhanden. Zur Vorbereitung versah man mich mit einem groben Anzug, der freilich durch häufige Berührung mit verschieden gefärbten Erzen etwas gelitten haben mochte, doch gut genug zum Schutz beim Hinabfahren war. In dem alten Bergmannsanzug sah ich so entstellt aus, daß ich nicht übel Lust verspürte, den Bettel wieder abzuwerfen, um mich nicht vor mir selbst zum Gespött zu machen. Doch bald ermannte ich mich und faßte die Kerze, die ich zwischen meinen Fingern so zu halten hatte, daß das Licht vom Innern der Hand aus zurückgeworfen wurde. So zur Fahrt gerüstet, mußten wir erst einen kleinen Hügel hinaufklimmen und dann in eine kleine Öffnung hinein, von wo wir einer nach dem anderen über Leitern hinabstiegen. Am Ende der ersten Leiter war ein kleiner Erdfleck, auf dem man stehen konnte, denn von hier aus mußte man wieder in eine andere Bodenöffnung hinabsteigen. Die ganze Länge dieser Leitern hinunter dehnte sich ein Schacht, in dem eine mächtige Maschine damit beschäftigt war, Wasser aus den Tiefen der Mine hinaufzupumpen. Die Öffnungen, durch die wir hinab mußten, waren so eng, daß mitunter die Leiter schwer zu finden war; doch ich klammerte mich fest an meine Leiter, ohne mich um die Maschine zu kümmern. Als wir in das letzte Bodenloch hinabstiegen, mußten wir durch eine Falltür und über andere Leitern immer tiefer steigen, so daß ich in der Tat nicht weiß, wie viele Leitern es wohl gewesen sein mögen. Nur so viel weiß ich, daß sie sehr steil anstehen und der Maschinerie, die das Wasser hinaufbefördert, schrecklich nahe liegen. Indem ich das Licht meiner Kerze nach den Seiten der unterirdischen Ausgrabungen, durch die wir hinabkletterten, fallen ließ, nahm ich Massen von Felsgestein und Erde wahr. Mein sachkundiger Begleiter hielt ständig die Kerze gegen das Tropfgestein und die Erdhaufen und rief dabei: »Sehen Sie dort, Hornblende, Feldspat - silberkornhaltig! Das Gestein ist hier scharf markiert, geht fünfundvierzig Grad tiefer. - Hier ist es sehr reich, sehen Sie? - Dort wieder.« So ging es in einem fort.
 Es war eine denkwürdige Fahrt. Als ich tief unten durch die Eingeweide mich hindurchwinden mußte, kamen einige mit Erz beladene Karren seitwärts heran. »Zur Seite, meine Herren!« rief eine Stimme, und ich war bemüht, mich an die Wand zu drücken. Wie kann man sich aber seitwärts halten, wo kaum eine Ziege vorbei kann? Der ganze Weg war etwa fünf Fuß breit, wovon drei für die Eisenbahn und den Karren dienten und der übrige Raum von schweren Balken ausgefüllt war. Ich suchte mich an die dunkle, feuchte Wand anzuschmiegen - es war nicht gerade angenehm. Die Karren brausten vorbei - meine Gliedmaßen blieben unversehrt -, das war Glück genug. Wahrlich ein angenehmer Platz zum Spazierengehen!
 In der Tat kann ich mir nicht mehr zurückrufen, an wie viele gefährliche Stellen wir kamen. Wir durchforschten das fünfte, das sechste Stockwerk und mehrere andere - die im allgemeinen dasselbe Aussehen hatten. In einem Schachte waren die Arbeiter eben damit beschäftigt, lose Erde und Gestein hinunterzustoßen, das durch einen Tunnel hinausgeführt wird. In diesem Schacht mußten wir mittels einer sehr langen Leiter hinaufklettern, eine gute Übung für Körper und Geist, denn das Erz stürzte während unseres Hinaufsteigens mehr oder minder herunter, und ich konnte mich der Besorgnis nicht erwehren, daß eine große Masse mir auf den Kopf fallen und mich in die Tiefe zurückreißen würde. Unfälle dieser Art kommen häufig genug vor, denn vor nicht langer Zeit noch wurden zwei Minenarbeiter beim Hinaufsteigen von einem Hund getroffen und in Atome zerschellt. Sie stiegen nämlich in einer Kufe hinauf und waren in einer Höhe von 175 Fuß vom Boden, als ein Hund, der um die Mündung des Schachtes hüpfte, hinunterfiel und sie mit der Kufe hinabschleuderte. An einem andern Orte genossen wir den Anblick der furchtbaren Verwüstungen, welche das Einsinken des Mexicanschachtes herbeigeführt hatte. Welche Zerstörung! Riesenbalken in Splitter zerrissen - Felsen und Erdmassen chaotisch zusammengeschleudert! Selbst dort, wo wir standen, waren die massiven Balken, die den Tunnel stützten, durch die furchtbare Wucht der fortwährend niederdrückenden Massen ineinander geschachtelt. Es kam mir vor, als wenn sich der Boden noch immer senke. Balken von achtzehn Zoll im Quadrat scheinen einer so gewaltigen Wucht nicht gewachsen, und so bin ich überzeugt, daß dieser ganze Tunnel früher oder später einsinken muß. Allein es geht den Grubenarbeitern wie den Seeleuten, sie werden gleichgültig gegen die Gefahr. Als der Mexicanschacht einsank, war die Lufterschütterung im Ophir so groß, daß mehrere Arbeiter zu Boden geschmettert wurden. In der Verwirrung rannte ein Arbeiter wie wahnsinnig durch die einstürzenden Massen Erde und Balken, und so wunderbar es auch klingt, er kam mit leichten Hautverletzungen und Quetschungen davon, obwohl er durch hundert Fuß der Massen sich durchgearbeitet haben muß. Der Ort wurde mir gezeigt, und ich muß hinzufügen, wäre mein Gewährsmann nicht ein Mann der Wissenschaft gewesen, der Mathematik versteht, ich hätte die Geschichte bezweifeln müssen; Balken, Felsen und Erdhaufen liegen nunmehr zu einer großen Masse hier zusammengedrückt. Heute wäre kaum zu begreifen, wie nur eine Ratte noch hindurch könnte, doch jener Arbeiter ist davongekommen und bohrt nach wie vor für sein liebes Brot fort.
   Nachdem ich mir nun alle Wunder der Ophir-Mine angesehen hatte, gab man mir freundlichst anheim, selbst zu bestimmen, in welcher Art ich wieder an die Oberfläche kommen wolle.
Ich hatte zu wählen, ob ich wieder mittels der Leiter hinaufsteigen oder mittels der Dampfmaschine die geneigte Ebene hinaufgezogen werden wolle, wenn ich es nicht vorzöge, in einer Kufe mittels der Winde hinaufgewunden zu werden! Das Vergnügen mit der Leiter kannte ich schon zur Genüge, zur schiefen Ebene hatte ich keine sonderliche Neigung, denn der Gedanke lag mir zu nahe, daß es mit der Maschinerie nicht allzu gut bestellt sei, da ein Seil reißen und mich in die Tiefe schleudern könnte; so entschied ich mich denn für die Handwinde. Einer Kufe bedurfte ich nicht, denn ich ließ mich hinaufziehen, indem ich einen Fuß in eine Schlinge des Seils stellte, wobei ich freilich etwas gegen die Seiten des Schachtes anprallte, endlich aber durch eine Falltür glücklich wieder oben anlangte.

Browne,  John Ross
Reisen und Abenteuer im Apachenlande
Jena 1871

Reiseliteratur weltweit - Geschichten rund um den Globus. Erlebtes und Überliefertes aus allen Teilen der Welt. Entdecker – Forscher – Abenteurer. Augenzeugenberichte aus drei Jahrtausenden. Die Sammlung wird laufend erweitert – Lesen Sie mal wieder rein!