Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1854 - Balduin Möllhausen
San Francisco

San Francisco, die Stadt, die durch ihren wunderbar schnellen Aufschwung in dem Zeitraum von wenigen Jahren die ganze Welt in Erstaunen gesetzt hat, ist jetzt der bedeutendste Ort an der Westküste des amerikanischen Kontinents, und gewiss ist die Zeit nicht allzu fern, in welcher sie eine der ersten Handelsstädte auf dem ganzen Erdball sein wird. Ihre glückliche Lage an der Mündung der Hauptflüsse Kaliforniens trägt dazu bei. dass von dort aus der Verkehr mit Leichtigkeit bis in's Innere des Landes getrieben werden kann: dazu kommt vor allen Dingen der ungeheure Hafen, in den die Schiffe so leicht gelangen können und wo sie Schutz vor jedem Sturme finden.
    Die Stadt selbst bietet ein förmliches Chaos der verschiedenartigsten Gebäude, Bretterhütten, Zelte und palastartige Waren- und Wohnhäuser bilden die regelmäßigen, aber noch ungepflasterten Strassen, und immer neue und großartigere Bauten werden unternommen , seit Steinbrüche und Ziegelöfen in der Nähe der Stadt eröffnet worden sind. In den Strassen ist ein fortwährendes Gewirr; Menschenknäuel, Repräsentanten aller Nationen enthaltend, wogen durcheinander; Wagen, Karren und Kutschen suchen einander auszuweichen, Produkte aus allen Enden der Welt werden hin und her geschafft. Alles, was dort eingeführt wird, findet seine Liebhaber; mit den unscheinbarsten Gegenständen werden Geschäfte getrieben, und für die unbedeutendsten wie für die kostbarsten Sachen sind dort Käufer und Gold in Fülle. Denn es gibt keine Spekulation, die zu groß für einen Kalifornier wäre; zu jedem Unternehmen ist er bereit , und gewiss zu manchem, welches in anderen Teilen der Welt für töricht, ja für unmöglich gehalten würde.
    Wenn man plötzlich nach einer Seereise, auf welcher man mit aller Ruhe seinen Gedanken nachhängen konnte, in die Strassen von San Francisco versetzt wird, so vermag man sich einer gewissen Befangenheit gar nicht zu erwehren. Es ist nicht allein das wilde Treiben, das schwindlig zu machen droht, sondern auch die Umgebung, die aus so vielen verschiedenartigen Elementen zusammengesetzt ist. Man befindet sich im Gedränge zwischen Amerikanern aller Gattungen und Europäern jeder Nation; man erblickt Kalifornier in ihren Serapes, Mexikaner mit ihren betressten Calcineros und Chilianer mit ihren Sombreros, man erkennt den Kanaken vom Hawaii, den Chinesen mit dem langen Zopf, und Goldgräber, deren Physiognomien unter der gebräunten Haut und dem verwirrten Bart kaum mehr herauszufinden sind, und alle diese Menschen stürzen und eilen durch einander, jeder seiner eigenen Geschäfte gedenkend und keiner sich um den anderen kümmernd. Man ist endlich froh, dem Getümmel zu entrinnen und in einem Gasthofe ein Unterkommen zu finden, wo man es versucht, durch gute nächtliche Ruhe sich für den folgenden Morgen zu einem Spaziergang durch die Strassen vorzubereiten.
    Schon mit dem Frühesten beginnt in den Strassen von San Francisco ein reges Leben, denn die Zeit ist dort zu kostbar, als dass auch nur ein geringer Teil derselben unbenutzt gelassen würde. Die ersten Arbeiter, die sich blicken lassen, sind gewöhnlich die Stiefelputzer, die in allen Strassen, besonders aber an den Ecken, neben ihren bequemen Stühlen stehen, auf deren Lehne die neuesten Zeitungsnummern hängen. Sie brauchen nicht lange auf Arbeit zu warten, denn der eine oder der andere der Vorübergehenden fühlt doch mitunter das Bedürfnis, seinen Stiefeln etwas Schwärze zukommen zu lassen und setzt sich in solchem Falle, ohne Worte zu verlieren, auf den Stuhl, legt die Füße auf einen vor demselben angebrachten Block und liest so lange in der ihm dargereichten Zeitung, bis er die Worte vernimmt: »Fertig. Herr«, worauf er dann 1/4 Dollar zahlt, - die geringste Münze, die man zur Zeit meiner Anwesenheit in Kalifornien zu kennen schien - und sich entfernt, einem Anderen seinen Platz überlassend. So hat denn der Stiefelputzer während des größten Teils des Tages seine Arbeit und seinen Verdienst, indem der augenblicklich leere Stuhl gar zu oft Ursache ist, dass ein Vorübergehender die günstige Gelegenheit, die sich ihm so bald nicht wieder darbietet, benutzt, nach vielleicht sehr langer Zeit zum ersten Male wieder seine Stiefeln gebürstet zu sehen. Die Leute, die auf den Märkten Einkäufe zu besorgen haben, verwenden dazu ebenfalls gewöhnlich die Morgenstunden, und wohl ist es für den, der von keinen Geschäften abgehalten wird, ein Genuss , die Markthäuser zu besuchen, um sich zu überzeugen, welche prachtvollen Früchte und Gartengewächse Kalifornien jetzt schon liefert, und wie das saftigste und fetteste Fleisch, das wohl in der Welt zu finden ist, dort massenhaft zum Kauf angeboten wird. Auf den Fischmärkten könnte man stundenlang vor den verschiedenen Fässern und Tischen stehen und das Merkwürdigste an Essbarem, was der Ozean und die Flüsse Kaliforniens bieten, bewundern. Neue Formen, neue Arten aus dem Reiche der Fische fesseln die Aufmerksamkeit; zentnerschwere Schildkröten, riesenhafte Hummer, beide durch träge Bewegung Leben verratend, locken die Käufer an. Erreicht man dann den Wildmarkt, so glaubt man in ein zoologisches Museum zu treten, so mannigfaltig sind die Gruppen, in welchen die jagdbaren Tiere des Landes dort untereinander liegen. Da sieht man den Elkhirsch mit riesenhaftem Geweih und die schön gezeichnete Gabelantilope; dort hängt an einem starken Fleischerhaken der wilde Gebirgsbär mit geöffnetem blutigem Rachen, aber trüben gebrochenen Augen, und um ihn herum zahlreiche Hasen, Kaninchen und Eichhörnchen. Das Vogelwild liegt in großen Haufen durcheinander oder hängt in langen Reihen über den Tischen, so dass es einem Naturalienliebhaber nicht schwer wird, sich ein ganzes Kabinett mit den prächtigsten und seltensten Vögeln anzufüllen, besonders da nur der Fleischwert und nicht die Art jedes Vogels bezahlt wird, dieser freilich aber auch nach kalifornischen Preisen. Von den Märkten aus, auf welchen man einigen chinesischen Köchen begegnet ist, benutzt man diese als Wegweiser, um in das Stadtviertel der Kinder des himmlischen Reiches zu gelangen und diese eigentümliche Menschenrasse, ihr Treiben und Wirken, so wie ihre Häuslichkeit genau kennen zu lernen. Auch in den Hauptstrassen findet man einige Läden, die reichen und vornehmen Chinesen angehören, doch haben Läden sowohl wie Bewohner schon sehr viel von ihrem nationalen Charakter verloren, und man eilt deshalb nach den Strassen, die von niedrigen Häusern gebildet werden, und wo auf großen Brettern in Zeichen, die für die meisten Menschen unverständlich sind, die Namen der Verkäufer und der feilgehaltenen Waren angeschrieben stehen. Viele haben zugleich eine Übersetzung in englischer und spanischer Sprache neben ihren Schildern angebracht, doch ist man der Verlegenheit dadurch immer noch nicht ganz enthoben, indem man beim besten Willen nicht im Stande ist, die merkwürdig buchstabierten Namen auszusprechen.
    Ehe man sich etwas an chinesische Physiognomien gewöhnt hat, glaubt man fast immer einem und demselben Sohne des himmlischen Reiches zu begegnen, so ähnlich sieht Einer dem Anderen; da erblickt man dieselbe Größe und Gesichtsfarbe, dieselbe kurze Nase, vorstehenden Unterkiefer, aufgeworfene Lippen und geschlitzte Augen, kurz denselben Ausdruck in den nichtssagenden hässlichen Zügen, die selbst durch das Alter nicht auffallend verändert werden, und in welchen man erst durch längere Übung einen Unterschied zu entdecken vermag. Die Gegenstände nun endlich aufzählen zu wollen, die in einem chinesischen Laden ausgeboten werden, wäre zu viel, um so mehr, als die Kunstfertigkeit dieser Rasse im Sticken, Schnitzen und Auftragen prächtiger Farben überall hinlänglich bekannt ist und sich großen Ruf erworben hat. Es bleibt mir nur zu bemerken, dass in San Francisco allein bei den Chinesen etwas von dem geforderten Preise abgedungen wird, während bei anderen Geschäftsleuten der Käufer, wenn er einen geforderten Preis für zu hoch hält, weiter nicht handelt, wohl wissend, dass es vergebliche Mühe sein würde, und schon ein anderer Käufer sich finden wird; übrigens werden die Preise schon immer durch die Konkurrenz einigermaßen in den Schranken der Vernunft gehalten. Die Chinesen dagegen sind mit dem geringsten Verdienste zufrieden, und da sie nur sehr niedrig in der Achtung der Kalifornier stehen und deshalb keinen Schutz gegen eine harte Bedrückung finden, so ist es ihnen nur vergönnt dort Geschäfte zu treiben und Gold zu graben. wo die Weißen nicht mehr ihre Rechnung finden und den Boden schon ausgebeutet haben. Teilweise arbeiten diese armen Leute für geringen Tagelohn bei ihren Unterdrückern, und bei dem Mangel an Waschfrauen ist deren Arbeit gänzlich in die Hände der Chinesen übergegangen, welche sie pünktlich, billig und stets zur Zufriedenheit Aller ausführen. Dass die Chinesen bei ihrer Charakterlosigkeit in vieler Beziehung die Verachtung, die ihnen zuteil wird, verdienen, kann nicht geleugnet werden, doch leider erfährt diese Klasse der kalifornischen Bevölkerung die meisten Unbilden gerade von solchen Individuen, die auf der tiefsten Stufe des Verbrechens stehen und das Eldorado des Westens in so großer Anzahl überfluten, weil sie dort bei den noch jungen Gesetzen leichter ihren verbrecherischen Leidenschaften ungestraft freien Lauf lassen können.
    Wohl jeder, der San Francisco besucht hat, erwähnt der Spielhäuser und der gesetzlosen Bande von Spielern, die dort ihr Wesen treibt. Auch ich habe diese Spielhäuser besucht und stundenlang vor den Goldhaufen gestanden, die fortwährend ihre Besitzer wechselten, um endlich in die Hände der privilegierten Diebe, wie man jeden professionierten Spieler nennen kann, überzugehen. Am Abend mit mehreren Kameraden langsam durch die Strassen wandernd, hin und wieder in hell erleuchteten Restaurationen einsprechend, gelangte ich an ein großes Gebäude, durch dessen offene Türen ich in geräumigen Sälen eine gedrängte Menschenmasse erblickte, die bei den Klängen eines wohlbesetzten Orchesters, welches die sentimentalsten Symphonien spielte, mit ernsten Dingen beschäftigt schien. Ich trat ein, und nach einiger Mühe gelang es mir so weit durchzudringen, dass ich lange Reihen von grünen Tischen wahrnehmen konnte, an welchen jedes nur denkbare Hazard in größtem Maßstabe gespielt wurde. Ich wendete meine Aufmerksamkeit natürlich den verschiedenen Bankhaltern zu, die für eine ungeheure Summe, welche sie als Miete für das Local bezahlten, das Recht hatten, ungestraft Andere um ihr Geld zu betrügen. Die Gemeinheit war in den Physiognomien dieser Leute ausgeprägt, die ruhig Karten und Würfel auf geschickte Weise unter dem Schutze der vor ihnen auf dem Tische liegenden Revolverpistolen handhabten; auch eine Dame erblickte ich, die fast ganz versteckt unter massiven wertvollen Schmucksachen, mit geübter Hand ihren Goldhaufen vergrößerte und hin und wieder Blicke des Einverständnisses mit einigen Männern in ihrer Nähe wechselte, die augenscheinlich ihre Genossen waren. Mit Abscheu wendete ich mich hiervon ab und beobachtete eine Zeit lang die unglücklichen Menschen, die von ihren Leidenschaften unaufhaltsam getrieben, ihre kaum erworbenen Schätze, mit welchen sie sich eine mehr als behagliche Existenz hätten gründen können, in die Spielhölle getragen hatten, um ihren ganzen Erwerb an dem grünen Tische zu verlieren. »Zwanzig Unzen!« »Hundert Unzen!« »Zweihundert Unzen!« hörte ich nach allen Richtungen rufen, als ich mich langsam der Türe näherte; bei derselben angekommen, wurde ich fast übergelaufen von einem Menschen, der ohne Hut, mit beiden Händen in den Haaren auf die Strafe stürzte; mit Bedauern blickte ich ihm nach, als er im Dunkel verschwand und wanderte dem chinesischen Stadtviertel zu, um auch dort die Spielhäuser kennen zu lernen. Ich hatte nicht nötig, Erkundigungen über diese einzuziehen, denn schon von weitem drangen die Töne eines eigentümlichen Konzerts zu mir und ließen mich nicht im Zweifel über die Richtung, die ich einzuschlagen hatte, um die Spielhöllen, eine nach der anderen, in Augenschein zu nehmen. Ich trat in die erste ein und war fast überrascht von der Unansehnlichkeit, ich möchte sagen Ärmlichkeit des Gemaches, und doch lagen auf dem Tische, der ringsum mit einer Leiste eingefasst war, große Geldsummen. Ernst und vertieft standen die kleinen Gestalten umher, die in ihren weiten Jacken und kurzen Beinkleidern, den genähten Strümpfen, den kolossalen, dabei aber fein gestickten Schuhen und den langen Zöpfen nichts weniger als anmutig aussahen; die kleinen Augen funkelten, und misstrauisch verfolgten sie den Verlauf des Spieles. Dieses selbst war mir unverständlich; ich sah nur, dass mitten auf dem Tische ein Haufen Zahlpfennige lag, die mit einem Gefäß bedeckt waren, dass einer der Spieler mit der Hand unter dasselbe fasste und eine Anzahl der Marken hervorschob, die er mit einem langen, spitzen Stäbchen zu zählen begann. Nach Zählung derselben wurde Geld in Umlauf gesetzt, und das Spiel begann von Neuem, so dass es mir fast schien, als handle es sich bei der ganzen Sache nur um »Paar oder Unpaar«. Lange hielt ich es in diesen Spielhallen nicht aus, denn das ohrenzerreissende Konzert der Musikanten , die mit langen Bogen zweisaitige Violinen und Cellos bearbeiteten, dazu mit kleinen Hämmern auf Trommeln und hölzerne Becken schlugen und den markerschütternden Lärm der Gongs und ihre eigenen kreischenden Stimmen hören ließen, trieb mich aus dieser Gesellschaft fort nach dem Schauspielhause, wo ich mich bis nach Mitternacht an Gesang, Musik und Tanz ergötzte, wozu Frankreich mit seine besten Kräfte geliefert hatte.
    
Möllhausen, Balduin
Tagebuch einer Reise vom Mississippi nach den Küsten der Südsee
Leipzig 1858

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