Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1879 - Ernst von Hesse-Wartegg
Das Tag- und Nachtleben in Dodge City
Kansas

Die Sonne, die tagsüber heiß über den Prärien gebrannt hatte, neigte sich zum Untergange, als wir die hohe Flaggenstange von Fort Dodge, einem großen Militärdepot am Arkansasfluß, in Sicht bekamen. Allmählich traten auch die einzelnen Gebäude des Forts und die Stadt am Horizont hervor, und hoben sich dunkel, beinahe schwarz von dem hellen rötlichen Abendhimmel ab.
   Der Himmel der Prärien ist wunderbar schön und klar, er wetteifert hierin mit dem vielgepriesenen Himmel Italiens; dieselbe blaue Färbung, dasselbe wolkenlose Gewölbe, das am Horizont zu fußen scheint, dieselbe Größe und Unendlichkeit. Aber noch viel großartiger gestaltet sich das Naturbild zur Zeit des Sonnenunterganges, wenn der goldene Feuerball sich hinter den Wolken der Felsengebirge herniedersenkt. Es scheint, als würde ein glühender Brand sich vom Himmel allmählich zur Erde neigen, und Tausende von Meilen des trockenen, nach Regen dürstenden Präriegrases in Flammen setzen. Der ganze Horizont im fernen Westen ist eine Flamme, die ganze Prärie ist ein Brand, der sich immer weiter und weiter von uns zu entfernen scheint. Wie vom Winde nach Westen vertrieben, setzt er immer entferntere Strecken in Flammen, die gewaltige Glut nimmt ab, und nur eine dunkle Röte am Horizont, mit schwachem Widerschein am östlichen Himmel, sagt uns, daß jener sich täglich wiederholende Präriebrand noch nicht erloschen ist. Kleine Flammenzungen schlängeln sich gen Himmel empor, kein Rauch ist wahrzunehmen, es ist ein Brand, gegen den der heilige Florianus selbst vergebens kämpfen würde; es ist das Lebewohl der scheidenden Sonne.
   Dodge City war erreicht.
   Das Militärfort zur Linken an den Ufern des Arkansas lag im Dunkeln, und nur der Knauf der hohen Flaggenstange wurde noch von dem Abendrot vergoldet. Über der Prärie lag tiefe Dämmerung ausgebreitet, und nur aus der Stadt im Norden glänzten unzählige Lichter herüber. Ja, die Fenster der gegen die Bahn gewendeten Häuserreihen waren hell erleuchtet, und dunkle Schatten wogten hinter ihnen auf und nieder. War es Fasching und schwang Terpsichore ihren Herrscherstab über der zügellosen Hauptstadt der Prärien? Wie unglaublich, hier, tausend Meilen in der Runde von jeder Zivilisation entfernt, solch fröhliches, heiteres Leben zu finden!
   Wir machten Toilette und sprangen aus unserem Wagon, alle neugierig, das Leben hier kennen zu lernen. Wir waren auf einem offenen, weiten Platz, dessen nördliche Seite von hölzernen, niedrigen Häusern besetzt war. Ein größeres Gebäude zur Rechten trug die Bezeichnung Hotel, und wir eilten dahin, um das Souper einzunehmen, bevor wir mit unseren Wanderungen durch die Stadt begannen. Der Platz, über den wir schritten, war nichts als ein Stück Prärieboden, uneben und löchrig, und zahlreiche große Spitzhunde, den Präriewölfen sehr ähnlich, lagen uns im Wege, so daß wir uns in Acht nehmen mußten, auf keine der keifenden, wilden Bestien zu treten. Es war ein Stück Konstantinopel, aber auch das einzige Stück. - Das Hotel, ein lockeres Bretterhaus, durch dessen Fugen der Wind gewaltig blies, enthielt ein niedriges, weites Gemach, mit hölzernen Säulen gestützt; es war der Speisesaal. Ein Schwarm von Fliegen, deren es überhaupt in den Prärien in unglaublichen Massen gibt, nahm uns in Empfang und bemächtigte sich sofort unserer Nasen und Hände, als wären sie mit Zucker bestreut gewesen. Diese Fliegenplage bedingt auch jene sonderbar gestalteten, papierenen Zierrate, die in jedem Hause, das wir bis jetzt sahen, von der Decke herabhingen, die aber von niemandem beharrlicher gemieden werden, als gerade von jenen, für welche sie bestimmt sind: den Fliegen. - Das Souper war vollständig ungenießbar, und selbst die gebratenen Fliegenleiber, die wir mit hinunterschlucken mußten, konnten das Futter nicht würzen. Wie sollte man auch hier, mitten in den Plains, Ansprüche erheben? Die Säulen des Herkules waren schon hundert Meilen überschritten, und die Bewohner von Dodge City bekommen ja den größten Teil ihrer Lebensmittel und selbst das Gemüse per Bahn von östlichen Gegenden. Darum ist alles so schlecht und dabei unendlich teuer, teurer als in den Restaurants von Paris. Jedem von uns wurden ganz nach amerikanischer Sitte zwanzig bis dreißig winzige Schüsselchen mit verschiedenstem Zeug vorgesetzt, die aber alle zusammen unsere Teller nicht halb füllen konnten. Das, was wir aber für unseren Kaffee verlangten, Milch, war im ganzen Ort nicht zu bekommen, wir sahen auch noch für weitere hundert Meilen kein Tröpfchen davon, bis wir an den Fuß der Felsengebirge gekommen waren.
   Mit hungrigem Magen trollten wir also durch die Straßen, auf den breiten, hölzernen Trottoirs, die in jeder Präriestadt längs den Häusern der Stadt hinlaufen. Aber was für Häuser waren dies! Jedes davon ein Wirtshaus, gefüllt mit greulichen Gestalten; Billardsalon, Spielsäle oder Bordell! Türen und Fenster stehen angelweit offen, um die Vorübergehenden einzuladen, und aus allem dringt ein wüster Lärm, der Klang von Gläsern und Flaschen, das Geschrei und Gelächter loser Gesellen. Fuhrleute, Büffeljäger und Präriegesindel treiben sich durch die Straßen und auffallend gekleidete Frauenzimmer des gemeinsten Schlages laden sie durch allerlei handgreifliche Zeichen zum Besuche ein!
   Die Bevölkerung der Stadt variiert zwischen zweihundert und zweitausend Einwohnern. Man staune nicht schlecht über diese weit auseinanderliegenden Grenzen. Von längerem Bleiben der Einwohner ist hier keine Rede; die einen kommen, um ihr Geld auszugeben; ist es den Weg allen Fleisches gegangen, dann ziehen sie weiter. Andere kommen, um Geld zu verdienen, sei es auf was immer für eine Art. Haben sie einiges erworben, so ziehen sie weiter. Einige werden bei diesem wüsten Kampfe ums Dasein ums Leben gebracht und der Rest ist - Schweigen.
   Die Bedeutung von Dodge City als Handelsstadt liegt darin, daß sie der Hauptstapelplatz der großen, unbebauten Prärien ist, wo Vieh, Buffalohäute, Büffelknochen und -hörner, Proviant und so weiter zur Verladung auf die Eisenbahn gelangen. Da hier überdies Wagentrails nach dem Süden, dem Indianer-Territorium und Texas gehen, sieht man in den Kaufläden auch viele Ausrüstungsgegenstände für diese Präriemärsche: Sättel, Zaumzeug, Peitschen und Kleidungsstücke. Alle Läden sind bis spät in die Nacht hinein geöffnet, und dieses Nachtleben von Dodge City ist es eben, das für den Fremden von so eigentümlichen Interesse ist.
   Aus einem großen Tanzlokal in der Nähe der Bahnstation drang scheußlicher Lärm zu uns herüber. Vor den weitgeöffneten Türen drängten sich zweifelhafte Gestalten umher; sonnverbrannte Kerle mit wüstem Haar und Bart, entblößter Brust und ledernen Anzügen. Dicke Stiefel oder mexikanische Gamaschen reichten bis über die Knie, ein Gürtel mit Pistolenhalfter umschlang ihren Leib. Sie blickten uns mißtrauisch an, als wir zwischen ihnen durch in den Qualm des Tanzsaales traten. An der Wand gegenüber befand sich der Schanktisch, mit geleerten und halbgefüllten Whiskeygläsern bedeckt. An der rechten Wand saßen auf einem Tisch drei Spielleute, mit Baß, Violine und Trommel, deren dissonierende Musikproduktionen den Tanzenden einen Takt anschlugen, der zwischen Walzer und Czardas schwankte. Der Tambour, ein feines Bürschchen mit intelligentem Gesicht, war einst Gardeoffozier gewesen, wie uns der Wirt erzählte. »Das ist das Los der Schönen auf der Erde!« In den Ecken des Saales ging es gar lebhaft her. Um einige Tische herum saßen einige Dutzend Männer, ins Kartenspiel vertieft. Auf den Tischen lagen Häuflein von hohen Banknoten und Silbermünzen sowie verschiedenfarbige, große Spielmarken, von 25 Cents bis zu 25 Dollars wert. Die Karten waren spanisch, aber man konnte die sonderbaren Figuren darauf, einer dicken Schmutzkruste wegen, nur mit Mühe erkennen. Das spanische Mont und Pharo mit kaum glaublichen hohen Einsätzen waren an der Tagesordnung. Auch die Zuseher, deren es um jeden Tisch herum viele gab, setzten hie und da auf eine Karte, und es war interessant, die fieberhafte Aufregung mit anzusehen, die sie alle gefangen hielt. Sie alle waren stumm, und nur zeitweilig glitt ein leiser, halbunterdrückter, aber desto mehr von Herzen kommender Fluch über ihre Lippen.
   In der Mitte des Tanzsaales, dessen Bretterdielen zahlreiche Lücke zeigten, drehten sich einige Paare im Kreise nach dem sonderbaren Takt der Musik. Große Kerle in spanischem Kostüm, mit breitrandigen Hüten, spanischen Jacken und hohen Jagdstiefeln, plump wie Nilpferde, hielten mit muskulösem Arm ihre kurzgeschürzten Tänzerinnen umfangen. Diese Priesterinnen Terpsichores, leicht gewandet und zumeist in schreiende Farben gekleidet, nahmen sich in den Armen der Fuhrleute wie Elfen aus, doch welch' Gesindel in Wirklichkeit!
   Wie wir später erfuhren, hat sich das Leben in Dodge City in den letzten Jahren erheblich verbessert: die Stadt hat jetzt ihren Mayor [Bürgermeister] und Gemeinderat, und eine gut organisierte Polizei soll die Ordnung aufrecht erhalten. Jedenfalls wird das zügellose Leben, dessen Zeugen wir noch gewesen waren, durch die fortschreitende Zivilisation und den Zuzug von ordnungsliebenden Kaufleuten binnen kurzem verschwunden sein.

Hesse-Wartegg, Ernst von
Nordamerika, seine Städte und Naturwunder, sein Land und seine Leute
Leipzig 1880

Abgedruckt in:
Keller, Ulrike (Hg.)
Reisende in den USA 1541 – 2001
Wien 2002

Reiseliteratur weltweit - Geschichten rund um den Globus. Erlebtes und Überliefertes aus allen Teilen der Welt. Entdecker – Forscher – Abenteurer. Augenzeugenberichte aus drei Jahrtausenden. Die Sammlung wird laufend erweitert – Lesen Sie mal wieder rein!