Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

August 1877 - Louis Lewin
Die Niagarafälle

Etwa um 9 Uhr zogen wir in Niagara, einem großen Orte, ein.  Onkel sah den Ort, als er einige dreißig Häuser besaß, heute reiht sich bereits Gasthaus an Gasthaus, Villa an Villa - große Läden, elektrische Beleuchtung und andere Requisiten einer aufblühenden Stadt, wozu besonders noch Fuhrwerke, cabs, und carriages gehören. In großen Lettern verkündet einer Cataract Ice, ein schönes Haus trägt die Firma "Cataract Bank" - ich möchte nomen est omen kein Geld dahin geben - Parline u. Tutts liver pills leuchten von jedem Zaune, jeder Hauswand hernieder, und Barnum, der große Barnum, verkündet in riesigen überlebensgroßen Bildern seine Tätigkeit. In der Mitte dieser riesigen Bilder dessen, was er bietet, ist sein Portrait mit der Unterschrift: I am coming! Wait! Wir stiegen im Niagara House ab, weil Onkel in demselben, wie er meinte vor 40 Jahren gewohnt hatte. Alt und verkommen genug sieht freilich dieser Holzbau aus, um Onkel als Herberge gedient haben zu können. Wir erhielten ein Zimmer, das eben verlassen war, tranken schlechten Kaffee und machten uns auf den Weg zu den Fällen!
   Wir mieteten uns einen Wagen, weil ich Onkel nicht den großen Anstrengungen eines Marsches nach allen sehenswerten Orten Niagaras aussetzen wollte. Der Hotelkellner, der gebrochen deutsch sprach, setzte uns auseinander, daß nach Niagara nur Leute mit Geld kommen sollten und daß es diesen eben nicht darauf ankommen dürfe, wenn sie zum Vergnügen reisten, einen Wagen für eine Tour von 4-5 Stunden zu nehmen. Wir fuhren zuerst zu dem Whirlpool. Schon von hier hört man das Rauschen. Ein unternehmender Amerikaner hat von oben herab in die grausige Tiefe, weit über 100 Fuß, einen von allen Seiten mit Brettern verschlossenen, nur an einer Seite die glatte ausgemauerte Felswand zeigenden Holzschacht gebaut, in dem sich zwei durch Maschinenkraft getriebene Elevatoren bewegen. Dahinein stiegen wir. Ich habe darin angstvolle Minuten verbracht. Das Menschenleben hängt hier in Amerika mehr wie anderswo an einem Haare - zur Empfindung kommt es aber, wenn man nicht gar zu leichtsinnig ist, doch besonders erst in solchen Vorrichtungen. Wir kamen endlich nach einigen Minuten unten an. Der Eindruck, den dieser gewaltige kochende Kessel macht, ist nicht gut mit Worten wiederzugeben. Wie viele Menschen haben schon diese Wunderwirkung des Niagara an sich erfahren, und doch vermochte keiner sprachlich die erregte Empfindung auszudrücken. Das Gefälle des Niagara ist ein ganz außerordentliches. Mit großer Geschwindigkeit kommt er eben noch erregt von dem Absturz aus großer Höhe in dieses felsige Bett hinein und trifft hier allenthalben auf steinige Hindernisse für seinen weiteren Verlauf. Da schäumt und wirbelt er hoch auf; noch ist die erste Woge nicht über die Hindernisse, da rückt schon die zweite heran, eine dritte, eine vierte kommt, hoch auf spritzt der weiße Schaum, das anfangs leise Geräusch des Aufeinanderschlagens vervielfältigt sich tausend- und tausendfach, es braust, tost, lärmt, brüllt, so daß man kaum das eigene Wort vernimmt, und immer wieder und wieder prallt die Woge auf den Fels und Woge auf Woge, und so mag es schon tausende von Jahren andauern, und tausende von Jahren wird sich, bewundert von Myriaden von Menschen, das gleiche Schauspiel in der gleichen gigantischen Art zwischen diesen hohen, zerklüfteten, nur spärlich im Ganzen bewachsenen Felswänden wiederholen. Wie häßlich profanisieren doch die Menschen Eindrücke, die in ihrer Erhabenheit sich ihnen still ins Gemüt einprägen sollten, durch alberne Äußerlichkeiten. Sich am Niagara photographieren lassen ist eine Profanation, und ich bin der Meinung, daß derjenige, der dies tut, nicht die wahre Empfindung für diese einzige Naturszenerie besitzt.
   Unangenehm war noch die Auffahrt im Elevator. Glücklich kamen wir aber oben an und fuhren nun nach Goat Island, sahen uns dort die Rapids an und von oben den Absturz des Wassers in die Tiefe. Der Eindruck ist ein ebenso mächtiger wie der vorhin Beschilderte. Da wo die Wassermassen über den Gesteinsrand stürzen, erglänzen sie wunderbar schön hellgrün, bald ist alles ein weißer Gischt, und das Tosen in der Tiefe gibt über den Verbleib Kunde. Es war ein wunderschöner Tag, die Sonne beschien diese Naturszenerie und ließ in unmittelbarer Nähe voneinander, da wo in der Tiefe zwei der mächtigen Wasserstrahlen sich in feinste Wassernebel auflösten, zwei Regenbogen erscheinen. Mit uns genossen viele Menschen den Anblick. Es erschien uns als eine kleine Völkerwanderung. Onkel kletterte natürlich innerhalb der Einfriedung, von der aus die Ansicht genossen wird, über Stock und Stein. Auf dem alsdann besichtigten Luna Island, wo man den Niagara in kleinen Wirbeln und Fällen in seiner mächtigen Breite verfolgen kann, pflückte ich ein paar rote Blätter, indem ich an Dich dachte. Noch mehrere andere solcher Aussichtspunkte sahen wir und fuhren dann über die New Suspension Bridge für einen Dollar Wegezoll nach der canadischen Seite hinüber. Hier sahen wir von dem Dache eines Hotels den viel mächtigeren canadischen Fall und auch den amerikanischen. Die Großartigkeit des Eindrucks ließ uns schweigen, aber unauslöschlich prägt sich derselbe dem Gedächtnisse ein. Um unterhalb des Falles gehen zu können, wurden wir in einen Anzug aus Segeltuch gekleidet - Beinkleid, Rock oder Mantel, Halstuch u. Kappe u. Gummischuhe. Wie komisch wir aussahen, kannst Du Dir denken. So mußten wir zudem noch eine befahrene Straße bis zu dem Treppenbau gehen, der ca. 150' in die Tiefe führt. Kaum aus dem Treppenhaus herausgekommen, drang schon ein feiner Wassernebel auf uns ein. Ungleich dem amerikanischen Fall, unterhalb dem eine Holzbrücke gelegt ist, findet sich hier nur Steingeröll, anfangs noch drei Armbreiten breit, allmählich sich aber so verengend, daß knapp beide Füße Platz haben. Der Führer ging voran, dann folgte Onkel und dann ich. Wir bildeten eine Kette. Unter dem ersten und zweiten Fall waren wir schon durch, wir waren vollkommen naß, und der Führer wollte noch weiter. Da überkam mich, als wir uns umdrehen wollten, den Rücken gegen die Felswand gelegt, um die Wassermassen von oben herabstürzen zu sehen, ein solcher Schwindel und solche Angst, daß ich laut schrie, der Führer solle umkehren. Vor allem war es die Verantwortlichkeit in Bezug auf Onkels Nichtgefährdung. Ein noch so leichtes Ausgleiten auf diesem nassen Gestein mit den gummibeschuhten Füßen mußte den Fallenden augenblicklich zerschmettern lassen. Onkel amüsierte sich über meine Angst; nichtsdestoweniger veranlaßte ich den Führer vorbeizuklimmen, und schrittweis gingen wir zurück. Ich war froh, wieder breiteren Boden unter den Füßen zu haben. In Schweiß gebadet kamen wir oben an. Zurück über die Hängebrücke, ein ebenso leicht wie kühn über den Strom geschwungenes Bauwerk, durch hübsche Laubwaldung mit zahlreichen Sumachsträuchern gelangten wir wieder in unser Hotel, stärkten uns, schrieben an Euch und fuhren abends 8 Uhr - Onkel war am Nachmittag allein ausgegangen und hatte Billette besorgt - nach Montreal.

Lewin, Louis
Durch die USA und Canada im Jahre 1887 - Ein Tagebuch
Herausgegeben von Bo Holmstedt und Karlheinz Lohs
Berlin 1990

Reiseliteratur weltweit - Geschichten rund um den Globus. Erlebtes und Überliefertes aus allen Teilen der Welt. Entdecker – Forscher – Abenteurer. Augenzeugenberichte aus drei Jahrtausenden. Die Sammlung wird laufend erweitert – Lesen Sie mal wieder rein!