Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1876 - Henryk Sienkiewicz
Auf der Bahn zwischen Ogden und Nevada
Steckengeblieben im Schnee in Tuano

Es zeigte sich, daß ich besser daran getan hätte, gleich in Ogden zu bleiben, denn kaum hatten wir uns eine Tagereise vorgeschoben nach der kleinen und elenden Station Tuano, als die Nachricht eintraf, der weitere Weg sei unpassierbar, denn der Schnee hätte ihn meilenweit einige Ellen hoch begraben.
   »Was tun?« fragten meine Gefährten.
   Kurzer Rat: Wir kehren nach Ogden zurück und fahren von dort nach Salt Lake City.
   Erfreut über dieses Projekt, gehen wir zur Kassa und fragen: »Wann geht der Zug nach Ogden ab?«
   »Von hier geht kein Zug ab. Nach Ogden geht nur der große Zug San Francisco-New York«, entgegnete der Beamte.
   »Und wann kommt denn der Zug von San Francisco?«
   »Wenn die Strecke wieder frei ist.«
   Wir ließen die Köpfe hängen. Man mußte bleiben und Gottes Erbarmen in Tuano warten. Es ist schwer, sich etwas Faderes vorzustellen als dieses Tuano. Es besteht aus fünf oder sechs Buden, aus rohen Brettern zusammengestoppelt und im Schnee stehend. Dort sitzen, wenn man vor sich das zaubervolle Kalifornien hat, glich dem Tod. Und niemand wußte uns zu sagen, wie lange wir hier Buße zu tun hätten. Vielleicht eine Woche, vielleicht zwei Tage, vielleicht auch zehn. Das war die Antwort.
   Wir hörten allerdings, daß auf der kalifornischen Seite sechs Lokomotiven abgegangen wären seien; vier von Ogden her hatten wir selbst Tuano passieren sehen. Alle fauchten, mit riesigen Schneepflügen bewaffnet, die Schneemassen auseinander zu schieben; aber es konnte auch der Fall eintreten, daß der Schnee von neuem verschüttete, was sie Lokomotiven gereinigt hatten.
   Aus Langeweile schossen wir am ersten Tag etwa vier Stunden aus Revolvern; gegen Abend liehen wir uns von den Bewohnern der Station Rifle-Gewehre und begaben uns auf die Jagd, da man uns erzählt hatte, daß in den nahe gelegenen Bergen Bären hausten. Von dieser Jagd kehrten wir spät in der Nacht zurück, ohne die Spur eines Bären gesehen zu haben, dafür aber völlig ermüdet und durchgefroren, denn oft waren wir bis zum Hals im Schnee versunken.
   Auf diese Weise verfloß ein ganzer Tag. Wir machten Bekanntschaften in unserem Sleeping-car, in dem eine höchst distinguierte Gesellschaft fuhr. Ist es doch schwer, nicht Bekanntschaft zu machen, wenn man mit jemandem in ein und demselben Waggon lebt, wohnt und schläft. Aber jene Bekanntschaften waren nicht sehr anziehend, denn die jüngste der »Ladies« konnte mehr oder weniger an die Vierzig zählen, die Backfische nicht mit eingerechnet.
   Die Amerikaner begannen sich häuslich einzurichten, als wir für ewig hier bleiben sollten. Tatsächlich war auch eine gar nicht kurze Quarantäne in Sicht. Ein Tag verfloß nach dem anderen, und an jedem Abend legten wir uns zu Bett mit dem Gedanken: Morgen erwachen wir wohl schon in Nevada ...
   Und wir erwachten ... in Tuano.
   Bald herrschte unter den Bewohnern unseres Waggons größte Vertrautheit. Wir gingen zu gleicher Zeit zum Diner, tranken abends den Tee im Waggon und dann sangen wir gewöhnlich bis elf Uhr den national-amerikanischen »Georgia-marsh«, worauf der Neger Charles die Betten bereitete, und wir schlafen gingen.
   Am Tage war das Programm gleichfalls festgesetzt. Morgens: Revolverschießen; Damenpreis: eine Orange. Es gelang mir, ihn gleich am nächsten Tag zu erringen. Nach dem Schießen Spaziergang um die Waggons und Damenturnier, das im Gehen auf den Schienen bestand. Die Dame, die sich am längsten auf der Schiene hält und das größte Stück Weges zurücklegt, bekommt einen Gentlemenpreis: eine Orange.
   Man mußte unsere Ladies sehen, wie sie ihre Kleidchen rafften, um die Wette gingen und alle paar Schritte auf dem Boden landeten.
   Endlich am vierten Tag verbreitete jemand die Kunde, daß wir in der Nacht abfahren würden. Aus Freude darüber improvisierten wir ein Picknick, das sehr feierlich beim Bäcker abgehalten wurde; dann legten wir uns voll der schönsten Hoffnungs schlafen und erwachten am nächsten Morgen ... in Tuano.
   Jetzt sank uns schon der Mut, denn uns drohte noch eine andere Gefahr. In Tuano gingen die Lebensmittelvorräte zu Ende. Es gab noch genug Zwieback, Zucker, Kaffee, Tee und kalifornische Äpfel, aber das Fleisch ging schon zur Neige, und aus Ogden konnte keines kommen, denn auch von dort war der Weg verschneit.
   Zum Glück kam an diesem Tag eine telegrafische, also sichere Nachricht, daß die Pflug-Lokomotiven endlich den Schnee auseinandergesprengt hätten und in einer Weile in Tuano anlangen würden.
   Nie werde ich den Moment vergessen, als sie kamen. Es war schon Abend, sehr finsterer Abend, nur der Abglanz des Schnees durchbrach die Dunkelheit. Plötzlich vernahmen wir aus der Ferne die Lokomotiven, und gleich darauf unterschieden wir sie im Dunkel auftauchen. Ein ganzer Zug war es, der nur aus Lokomotiven bestand. Die erste, bewaffnet mit einem riesigen Pflug, ganz mit Schnee überschüttet, trug die deutlichen Spuren der schweren Arbeit. Sie näherten sich läutend, brausend, Funkengarben aus den Schloten sprühend und Dampfwolken auspustend. Dies Getöse, dies Läuten, dies Brausen des Dampfes und dieser Widerhall des Pfeifens reifen einen wunderbar majestätischen Eindruck hervor. Es schien, als würden die schwarzen Ungeheuer auf diese Weise ihren Triumph feiern, als wären dies Stimmen der Freude nach einem schwerem Kampf und Sieg; es schien, als seien die Lokomotiven ermüdet und schaumübergossen, noch rasend nach dem Kampf, aber berauscht von ihrer eigenen Kraft und freudetrunken. Du möchtest meinen, daß sie leben und empfinden, und jene Laute des Triumphes vermehrten noch die Täuschung. Irgendeine unbeschreibliche Macht ging von diesem schwarzen Reigen von Maschinen und Schloten aus, die sich an uns vorüberzogen in der Art einer Reihe riesiger, gleichsam vom Brunstplatz kommender Tiere. Dann verschwand die Erscheinung und zerschmolz langsam in der Finsternis wie eine nächtliche ungeheure Vision.
   Nur der Lärm, das Dröhnen und Läuten schlugen noch lange an unser Ohr aus der dunklen Fern, dann erzitterten unsere Waggons, dann schlugen sie aneinander und setzten sich langsam in Bewegung.
   Binnen kurzem waren wir in Nevada.

Henryk Sienkiewicz
Briefe aus Amerika
Oldenburg und Leipzig 1903

Reiseliteratur weltweit - Geschichten rund um den Globus. Erlebtes und Überliefertes aus allen Teilen der Welt. Entdecker – Forscher – Abenteurer. Augenzeugenberichte aus drei Jahrtausenden. Die Sammlung wird laufend erweitert – Lesen Sie mal wieder rein!