Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1876 - Henryk Sienkiewicz
Über wilde Gestalten und Stinktiere
Unterwegs mit der Eisenbahn zwischen Clinton und Omaha

Nach halbstündigem Aufenthalt setzt der Zug seinen Weg fort. Die Fahrt führt jetzt durch eine ganz waldfreie Landschaft und steigt immer an, denn wir nähern uns einem riesigen Plateau, das das ganze Innere der Union umfaßt und Steppen oder, wie man sie hierzulande nennt, Prärien bildet. Zu beiden Seiten der Bahn fliegen noch Farmen vorbei, aber schon weniger zahlreich als in Illinois.
   An manchen Stellen sehe ich beim Lichte des Mondes Felder mit Mais, dessen lange, schwarze, dürre und traurige Stengel noch seit dem Sommer in die Höhe ragen. In dem Maße, in dem wir uns dem Westen nähern, wird das Land immer öder. Iowa, obgleich schon nach allen Richtungen von Bahnen durchschnitten, bildet gewissermaßen den Vorflur dieser Riesenwüste, die den Raum vom Missouri bis zur Sierra Nevada einnimmt. Das Land ist überall eben, flach, nur selten in sanfte Einsenkungen und Anhöhen gewellt. Von Bäumen nirgends eine Spur. Das Auge verliert sich in der Ferne, da es keinen Gegenstand findet, an dem es ausruhen könnte. Die letzten Ausläufer der Zivilisation sieht man sogar der Gesellschaft an, die die Waggons einnimmt. Anstatt mit sorgfältig gekleideten, mehr oder weniger eleganten Gentlemen füllt sich der Zug mit wildbärtigen Gestalten in zerrissener Kleidung, mit schmutzigen Bündeln und Revolver im Gürtel. Die Konversation ist laut und stürmisch; recht of unterbrechen sie Flüche; Rauchwolken schweben an der Decke der Waggons. Die Türen werden laut zugeschlagen, von kräftigen Armen geöffnet und geschlossen; in den Gesprächen vernimmt man oft die Namen Sioux und Pawnees, und diese Namen bezeichnen Indianerstämme, die Nebraska und Dakota bewohnen.
   Ich hatte geglaubt, der Zug würde, je weiter nach Westen immer leerer; statt dessen bemerkte ich mit Staunen wahre Scharen von Wartenden auf jeder Station. In den Waggons war es schließlich so eng geworden, daß sich niemand vom Platz zu rühren vermochte. Europäisch betrachtet, war diese Gesellschaft die allerschlimmste. Immer dieselben bärtigen Gestalten mit Revolvern in der Hintertasche der Hose, aber immer wilderen Gesichts. Diese Mengen und überhaupt dieses ganze Leben schien mir etwas Ungewöhnliches; deshalb fragte ich, als ich neben mir einen Reisegenossen französisch sprechen hörte, diesen, was dies bedeute. Er antwortete mir, daß alle diese Leute nach Omaha und von dort über Sioux City in die Black Hills ziehen, wo man erst neulich ein Goldlager entdeckt hat. Es waren also Miners oder vielmehr Abenteurer aller Stände, welche der in den Bergen erwarteten fabelhaften Gewinne halber ihre bisherigen Beschäftigungen im Stich gelassen hatten. Der Franzose sagte mir, daß sich bereits viele solcher Partien in die Black Hills begeben hätten, und daß mit jedem Tage noch neue nachkämen. Es ist dabei sogar kein Mangel an Frauen mit Säuglingen, welche teils allein fahren, teils in Gesellschaft ihrer Männer. Auf den Nebenbahnen von lowa herrscht ähnliches Leben, ja sogar in allen benachbarten Staaten hörte man nur den Ruf: »Black Hills! Black Hills!«
   In den Waggons, welche nach Omaha und von dort über Sioux City zu den Black Hills strebten, fehlte es nicht an guten Jägern. Einige von ihnen saßen ruhig im Smoking-Waggon, rauchten Pfeife oder schlummerten. Sie waren mit Pelzkappen, Gürteln aus Büffelleder und Pelzröcken bekleidet. Neben ihnen spielte ein langhaariger Gambuzino Gitarre. Manchmal kam mit vor, ich träumte oder läse einen Roman. Plötzlich jedoch überzeugt mich einer meiner Sinne, in grausamster Weise gereizt, daß alles die allerwirklichste Wirklichkeit ist.
   Es war noch in lowa, aber schon an dessen Westgrenze und nachts. Wir hatten die Gegend der Skunks erreicht, und ob der Zug eins von diesen Tierchen überfahren hat, oder ob sich deren nur eine Menge in der Nähe befand, genug, ein so schrecklicher Geruch erfüllte den Waggon, daß das Atmen zur Unmöglichkeit wurde. Wir verhüllten die Nasen mit Tüchern, fühlten aber diesen scheußlichen Duft sogar noch im Munde. Ich wollte ein Fenster öffnen: noch ärger. Ich suchte diese Unannehmlichkeit zumindest durch den Anblick der Tiere wett zu machen, aber durchs Fenster des Waggons sah ich nur die Steppe, mit Heidekraut bewachsen und übergossen vom Licht des Mondes , sonst keine lebende Seele. Der Franzose sagte mir, daß es auf der nächsten Station sicherlich lebende Skunks oder wenigstens ihre Felle geben würde, daß ich sie also sehen würde. So kamen wir auf das Gespräch über diese Tiere. Der Skunk oder vielmehr das bei uns wenig hübsch benannte amerikanische Stinktier, ist ein ziemlich großes Raubtier aus der Gattung der Marder von etwa einem Fuß Länge. Es nährt sich von Vögeln, Eiern, vernichtet eine Menge Ratten, Hamster, Erdeichhörnchen und Präriehunde, weshalb es sogar nützlich ist, denn diese Tiere richten auf den Feldern ungeheuren Schaden an. Einige Gattungen und insbesondere der so genannte schwarze Skunk liefern ziemlich teure und schöne Felle, die auch in Warschau gut bekannt sind. Aber die Skunks aus Iowa sind gefleckt, weiß und schwarz, am Rücken weiß getupft, und am Bauch und an der Brust ganz weiß.
   Wegen dieser Scheckigkeit taugen die Felle zu gar nichts, niemand jagt sie also, und deshalb vermehren sie sich ganz nach Belieben. Unter den Tieren haben sie keine drohenden Feinde, ja im Gegenteil haben sie selber sogar gegen die furchtbarsten eine ausgezeichnete Waffe in ihrem greulichen Gestank und in der Leichtigkeit, mit der sie bei jeder stärkeren Bewegung die Luft verpesten. Der Franzose, dem alle Indianersitten wohl bekannt waren, da er längere Zeit unter den Roten gelebt hatte, versicherte mir, daß die Indianer sie mit großem Appetit äßen. Anfangs wollte ich das nicht glauben, jetzt jedoch habe ich mich überzeugt, daß Indianer wie auch Chinesen alles essen, was nur weich genug ist, um gekaut zu werden.
   Nach halbstündiger Fahrt hatten wir endlich die verpestete Gegend der Skunks hinter uns. Durch die Fenster des Waggons strömte reine, kühle Steppenluft. Aber auch die Nacht begann schon zu verblassen. Am östlichen Horizont tauchte ein weißer Streifen der Vordämmerung auf. Er war noch nicht glänzend, noch golden, noch rosenfarbig, aber er schien schon den Prärien und dem Himmel zuzurufen: »Fiat Lux!« Ich trat auf die Plattform. Der lange traurige Eisenbahndamm, der in der Ferne mit einer Reihe von kreuzförmigen Telegrafenstangen verschwindet, taucht immer mehr aus dem Schatten auf. Aber hier begrüßten die Dämmerung weder Stimmen zwitschernder Vögel noch das Säuseln im Morgentau glitzernder Blätter. Die Gegend ist tot, taub, öde, ohne Bäume und Wasser. Nur der fieberhafte Atem der Lokomotive, die den Raum mit Groll und Zorn zu verschlingen schien, unterbrach die Stille.
   Lange noch beobachtete ich diesen Damm, den ich, aus dem Waggon vorgebeugt, bis an den Rand des Horizonts mit dem Blick verfolgen konnte. Es gibt nichts Traurigeres als solch einen Weg in der Steppe. Jede Telegrafenstange hat hier einen Querarm für die Porzellanhütchen, was, wie erwähnte, den Stangen die Gestalt von Kreuzen verleiht. Du siehst also, wenn du vor dich hinschaust, nichts als die graue endlose Ebene, überwuchert von Heidekraut, an machen Stellen mit Schnee gefleckt, und Kreuze und Kreuze so weit das Auge reicht, ganze Reihen, traurig, friedhofartig – und nichts mehr als diese Kreuze, die der Pfad zu sein scheinen, der in das Land des Todes führt, oder Denksteine auf den Gräbern von Wanderern.
   Und sie sind auch Grabsteine, stehen sie doch auf den Grabhügeln der Urkinder dieses Landes. Wo nur ein solches Kreuz auftaucht, dort gehen Volksstämme, Wälder, Bisons, dort geht die Jungfräulichkeit der Erde zugrunde, und die gestrige große Stille verwandelt sich in den Lärm Handelnder, Kaufender, Betrügender und Betrogener. Über den Gräbern der Indianer trägt der gelehrte Professor Völkerrecht vor; in der Lagerhöhle des Fuchses schlägt ein Advokat seine Kanzlei auf, dort, wo ein Wolf gehaust, hütet ein Geistlicher seine Schäflein - Trara! Jene menschliche Jagd nach allem, was Glück scheint, jene Jagd, so erfolgreich wie die Jagd des Hundes nach seinem eigenen Schwanz.
   Doch bevor ich alle diese schopenhauerschen und hartmannschen Gedanken mit durch den Kopf gegangen waren, kam der Tag herauf. Das Licht in den Waggons wurde immer rosiger und endlich ganz blaß. Die Räuberphysiognomien der Abenteurer schienen bleich und ermüdet; der Zug hielt in Ketchum, einer kleinen Station an der Grenze von Iowa, unweit von Omaha.

Sienkiewicz, Henryk
Briefe aus Amerika
Oldenburg und Leipzig 1903

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