Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1862 - Charles Alexander Eastman
Jugenderinnerungen eines Sioux-Indianers:
Die Eisenbahn

Die indianischen Weisen sahen die Rache auf dem Schlachtfeld als hohe Tugend an, und den Tod eines Verwandten oder lieben Freundes zu rächen galt als große Heldentat. Mein Onkel hatte demgemäß keine Mühe gescheut, Rachegedanken gegen die Weißen in mir zu nähren, und es mir zur heiligen Pflicht gemacht, den Tod meines Vaters und meiner älteren Brüder zu ahnden. Wie brannte ich vor Begier, wie sehnte ich den Tag herbei, an dem ich seine Lehren zur Tat werden lassen konnte! Unterdes betrieb er selbst unaufhörlich das Kriegshandwerk und kehrte jeden Sommer mit Skalps heim. Meine Gefühle gegenüber den Langmessern kann man sich hiernach ungefähr vorstellen.
   Ich hatte von diesem Volk aber auch wunderbare Dinge gehört. Verachteten wir es zwar einerseits, so schien es uns doch andererseits auch geheimnisvoll, eine Rasse, deren Macht ans Übernatürliche grenzte. Man erzählte, daß die Weißen ein Feuerschiff gemacht hätten, und konnte nicht begreifen, wie ihnen die Vereinigung zweier sich widerstrebender Elemente gelungen sei.
   Ich dachte, das Wasser würde das Feuer auslöschen, und das Feuer würde, wenn es ein wenig Macht hätte, das Schiff verzehren. Es schien mir eine ganz widersinnige Sache; als ich aber hörte, daß die Langmesser ein Feuerschiff, das über die Berge läuft (Lokomotive), gebaut hätten, da wurde es mir zuviel. So etwas konnte ich nicht mehr glauben.
   »Wer das Ungeheuer in Bewegung gesehen hatte, erzählte, daß es von Berg zu Berg geflogen sei. Sie glaubten, es säße ein Donnervogel drin, hörten sie doch, wenn die Kreatur vorwärtsraste, öfters seinen Kriegsruf«, so erklärte mein Lehrer.
   Mehrere Krieger hatten nämlich aus der Entfernung die ersten Züge der Nord-Pazifikbahn beobachtet und hatten dadurch von den Wundern der Weißen einen übertriebenen Eindruck gewonnen. Sie hatten einen Zug über eine Brücke, die eine tiefe Schlucht überspannte, kommen sehen, und es schien ihnen, als spränge er von einem Ufer zum andern. Ich muß bekennen, daß diese Geschichte auf meine Kampfeslust und Tapferkeit sehr niederdrückend wirkte.
   Zwei oder drei junge Leute sprachen ebenfalls über diese furchtbare Erfindung.
   »Wie dem auch sei«, sagte der eine, »ich verstehe, daß dieses Feuerschiff, das über die Berge läuft, nur auf dem eigens dafür hergerichteten Pfad vorwärts kommen kann.«
   Obwohl sich ein Knabe in die Unterhaltung Erwachsener nie einmischen darf, wagte ich in diesem kritischen Falle denn doch die Frage: »Dann kann es uns also nicht in ein unwegsames Land verfolgen?«
   »Nein, das kann es nicht«, war die Erwiderung, die ich mit großer Erleichterung vernahm.

C. A. Eastman
Ohijesa - Jugenderinnerungen eines Sioux-Indianers
4. Auflage, Hamburg 1913

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