Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1859 - Carl Schurz
Wahlkampf
Lexington, Minnesota

Ich sollte an einem Ort sprechen, der vom Komiteemitglied, welches mir meine Anweisungen gab, die »Stadt Lexington«, der Mittelpunkt eines großen Farmbezirks, genannt wurde. Auf der Karte war der Ort mit einem großen runden Punkt bezeichnet. Ein leichter Wagen und als Kutscher ein junger Mann, der »den Weg kannte«, wurden mir zur Verfügung gestellt. Ich mußte etwa um Sonnenaufgang aufbrechen, um mein Ziel zeitig für die Nachmittagsversammlung zu erreichen. Dort sollte ich Herrn Galusha Grow, den bekannten Abgeordneten von Pennsylvania, treffen. Das war alles, was mir das Komiteemitglied sagen konnte.
   Es war ein herrlicher Sonnenaufgang, und ich fand mich bald auf der offenen Prärie, über die der frische kräftigende Morgenwind hinwegfegte. Die Zwischenräume zwischen den Farmen wurden größer und größer, und menschliche Wohnsiedlungen immer seltener. Jetzt sah ich eine Anzahl Indianerkinder (Papooses) auf der Holzumzäunung einer einsamen Ansiedlung sitzen und nicht weit davon ein Indianerwigwam. Vor mir erstreckte sich die unermeßliche Ebene, scheinbar ohne Grenzen und ohne eine Spur menschlichen Lebens. Hier und da zog sich ein schmaler Streifen Gehölz am Rande eines Gewässers hin; die Straße war eine bloße Räderspur. Es war ein Vergnügen zu atmen, und ich genoß von Herzen die nervenstärkende Frische dieser westlichen Luft.
   Nachdem wir etwa zwei bis drei Stunden gefahren waren, fiel es mir ein, meinen Gefährten zu fragen, ob er schon in der »Stadt Lexington« gewesen sei und wann wir wohl unser Ziel erreichen könnten. Ich war erstaunt zu erfahren, daß er die »Stadt Lexington« so wenig kannte wie ich. Ihm war einfach gesagt worden, daß er »diesen Weg« in einer westlichen Richtung verfolgen sollte und daß wir dann im Laufe der Zeit hinkommen würden.
   Plötzlich erschien von der entgegengesetzten Richtung kommend ein kleines Gefährt. Zwei Männer saßen darin und der eine rief mich an: »Hallo Fremdling! Bitte halten Sie einen Augenblick!« Wir hielten. Ein großer Herr sprang aus dem Wagen und begrüßte mich mit den Worten: »Ich möchte wissen, ob Sie nicht Carl Schurz sind?« »Ja, das ist mein Name.« »Ich bin Frank Blair von St. Louis, Missouri«, sagte er. Sein Name war mir wohlbekannt als der eines der unerschrockendsten Antisklavereimänner jenes Sklavenstaats - als der Sohn von Francis P. Blair, welcher ein vertrauter Freund und Berater von Präsident Andrew Jackson gewesen war.
   »Ein Komiteemitglied hat mir gestern erzählt«, sagte er, »daß Sie in dieser Gegend seien, und als ich Sie in dem Buggy sah, habe ich Sie glücklich erraten. Sehr froh, Sie kennenzulernen. Lassen Sie sich hier auf dem Grase mit mir nieder, wir wollen zusammen etwas frühstücken. Ich habe eine Flasche Rotwein und belegte Butterbrote bei mir, genug für uns beide.«
   So setzten wir uns hin, und auf diese Weise machte ich die Bekanntschaft des berühmten Frank Blair, der später, nach Ausbruch der Bürgerkrieges, eine so glänzende Rolle in der Bewegung spielte, welche Missouri für die Union rettete. Diese Begegnung auf der Minnesota-Prärie war äußerst vergnüglich, wir lachten viel über die humoristische Seite dieser wilden Kampagne und freuten uns miteinander über die guten Aussichten unserer großen Sache.
   Ehe wir uns trennten, erkundigte ich mich bei Mr. Blairs Kutscher, ob er wisse, wo die »Stadt Lexington« läge. Er hatte nur davon gehört und er glaubte, daß wir darauf stoßen müßten, wenn wir »diesen Weg« in westlicher Richtung verfolgten. So rollte denn unser Wagen einige Stunden länger über »diesen Weg« dahin, bis wir an ein kleines Gehölz in einer Talsenkung kamen und uns plötzlich vor einer Gruppe von Blockhäuser befanden, von denen das größte eine Wirtshaus zu sein schien.
   Neben der Tür lag ein Mann halb ausgestreckt auf einer Holzbank, an einem Stock schnitzend. Ich fragte ihn, ob wir auf dem rechten Weg nach der »Stadt Lexington« seien und wir groß die Entfernung wohl wäre. »Nun«, sagte er mit sehr verächtlichem Ausdruck, »dies ist die Stadt Lexington. Seid Ihr einer von den Männern, die heute Nachmittag hier etwas vortragen wollen? «
   Ich gestand zu, daß ich einer der Betreffenden sei, und in demselben Augenblick fuhr noch ein anderes Gefährt vor, aus welchem ein Reisender ausstieg, in dem ich nach einem Bilde, das ich gesehen hatte, Herrn Galusha Grow von Pennsylvania, den zukünftigen Vorsitzenden des Bundesrepräsentantenhauses, wiedererkannte. Ich fand ihn ihm einen äußerst jovialen Herrn im besten Mannesalter, der geneigt war, alles von der heiteren und humoristischen Seite zu betrachten. Seine Irrfahrt nach der »Stadt Lexington" war nicht weniger mühevoll gewesen als die meine, und wir lachten herzlich über unsere Entdeckungsreise.
   Die »Stadt« bestand aus einem Wirtshaus, einem kleinen Dorfladen, einer Schmiede, einem Schulhaus und vielleicht ein oder zwei Hütten, alle im Blockhausstil aufgeführt. Der Wirt, jener Mann, den ich auf der Bank gefunden hatte, versicherte uns, daß schon viele Häusergevierte mit Bauplätzen ausgelegt seien, die man billig kaufen könne, und daß dies ganz gewiß ein großes Geschäftszentrum werden müßte.
   Wir baten um ein Zimmer, wo wir uns ein wenig erfrischen könnten. Er deutete auf die Pumpe und gab uns ein mäßig reines Handtuch. Was das Essen betraf, so sagte der Wirt, daß er augenblicklich ein wenig knapp an Vorräten sei, er wolle uns aber das Beste eben, was er habe. »Das Beste« bestand aus etwas ranzigem gesalzenen Schweinefleisch, gekochten Zwiebeln, sehr saurem Brot und einer grünen Flüssigkeit von unbeschreiblichem Geschmack, Kaffee genannt.
   Ich hatte nie eine besondere Vorliebe für ranziges Schweinefleisch und gekochte Zwiebeln gehabt und Mr. Grow auch nicht. So schwelgten wir denn in saurem Brot und entsetzlichem Kaffee - eine Kost, welche eine sehr deprimierende Wirkung auf uns gehabt hätte, wenn wir uns nicht vorgenommen hätten, gute Miene zum bösen Spiel zu machen.
   Was die Versammlung betraf, in der wir sprechen sollten, so erfuhren wir, daß sie um halb drei Uhr im Schulhaus abgehalten würde. Wir sahen uns das Schulhaus an und fanden darin einige hölzerne Bänke, welche mit dem Raum, der für Stehplätze übrig blieb, ungefähr vierzig bis fünfzig Personen aufnehmen konnte. Es kam ein Mitglied des Bezirkskomitees zu uns und erklärte entschuldigend, daß die Versammlung bei der ziemlich spärlichen Bevölkerung des Bezirks nicht sehr groß sein würde, aber, da die Bodenbeschaffenheit von besonderer Güte sei, erwarteten sie demnächst einen großen Zuwachs. Bald darauf kamen mehrere Farmwagen angefahren mit Männern, Frauen und Kindern, auch einige junge Bürger zu Pferde. Sehr schnell hatte sich das Schulzimmer gefüllt, die Männer standen meistens in dem freien Raum und die Frauen, viele von ihnen mit kleinen Kindern auf dem Schoß, saßen auf den Bänken.
   Mr. Grow und ich betrachteten uns die Situation mit großer Belustigung. Nichtsdestoweniger beschlossen wir, unsere allerbesten Reden zu halten, gerade als ob wir Tausende vor uns sähen, und der Gelegenheit zu Ehren noch einige besonders schwungvolle Redewendungen anzubringen. Und das taten wir denn auch. Wir erörterten die Sklavereifrage mit allem möglichen Ernst und Feuer. Allmählich wurde unser Publikum ganz begeistert. Die Männer stampften und schrien, einige von den Jungen pfiffen und die Babies heulten.
   Als die Versammlung sich vertagt hatte, erfolgte viel kräftiges Händeschütteln, und es bedurfte nicht geringer Kriegslist, die vielen dringenden Einladungen, im Wirtshaus »einen zu trinken«, zu vermeiden, und dabei doch nicht Anstoß zu erregen. Endlich fuhren die ehrlichen Farmer mit ihren Frauen und Kindern wieder von dannen und die »Stadt Lexington« versank wieder in ihr früheres Schweigen.
   Da wir vom Komitee angewiesen waren, dort zu übernachten, um uns von unserer Reiseanstrengung auszuruhen, dachten Mr. Grow und ich schon mit Grauen an das uns bevorstehende Abendessen. Wir fragten den Wirt, ob wir nicht einige gekochte Eier haben könnten. Es gab keine Eier im Hause; man hielt auch keine Hühner. Oder vielleicht Kartoffeln? Auch die gab es nicht. Dann hatten wir eine brillante Idee. In der Nähe des Wirtshauses hatten wir einen hübschen kleinen See bemerkt. Dürften wir darin nicht einige Fische fangen? Der Wirt meinte, das dürften wir wohl.
   Er hatte ein Boot, ein sogenanntes Dug-out (ausgehöhlter Baumstamm) und Angeln, die allerdings nicht mehr sehr gut, aber doch brauchbar waren. Wir waren sogleich zu dem Versuch bereit, und das Glück war uns hold. In einer halben Stunde hatten wir fast einen Eimer voll Kaulköpfe gefangen. Triumphierend überreichten wir sie dem Wirt mit dem Ersuchen, unseren Fang zum Abendessen zubereiten zu lassen. Aber, o weh! Das war unausführbar. Man sagte uns, unser Abendessen stehe schon auf dem Tisch, und es sei niemand da, der uns ein anderes kochen könne. Der Wirt versprach aber feierlichst, daß wir die Fische am nächsten Morgen zum Frühstück haben sollten. Was blieb uns übrig, als uns in unser Schicksal zu fügen. Auf dem Eßtisch fanden wir ranziges Schweinefleisch, gekochte Zwiebeln, saures Brot und eine grünliche Flüssigkeit, diesmal Tee genannt. Die Aussicht auf eine herrliche Fischmahlzeit am nächsten Morgen tröstete uns aber und gab uns neuen Mut.
   Es kam die Schlafenszeit. Das Schlafgemach für Gäste befand sich auf dem Bodenraum unter dem Dach, wohin wir über eine knarrende leiterartige Treppe kletterten. Im Zimmer standen fünf oder sechs Betten, die alle bis auf eines schon besetzt waren. Dieses eine bestimmte der Wirt für Mr. Grow und mich. Unsere Umgebung war keineswegs einladend, aber wir fügten uns lachend in das Unabänderliche, löschten unser Talglicht und schliefen den Schlaf der Gerechten. Bei Tagesanbruch verließen unsere sechs bis sieben Stubenkameraden stillschweigend ihre Betten und gingen hinunter. Sie waren wahrscheinlich Einwohner der »Stadt« oder der Umgegend, die im Wirtshaus logierten.
   Als die anderen fortgegangen waren, standen wir auch auf, und da sich kein Waschgerät in unserem Schlafzimmer befand, mußten wir an der Pumpe im Hofraum Toilette machen, wo wir nur ein Handtuch fanden, welches, da schon eine Anzahl unserer Vorgänger es benutzt hatten, einen wenig einladenden Anblick bot. Wir trockneten daher Gesicht und Hände mit unseren Taschentüchern und mußten uns damit zufrieden geben.
   Und nun zu unserem lukullischen Fischfrühstück! Aber ach! Der Fisch war in ranzigem Schweinefett gebraten und reichlich mit gekochten Zwiebeln garniert; außerdem gab es nichts als saures Brot und eine grüne Flüssigkeit, die dieses Mal wieder Kaffee genannt wurde. Das war ein harter Schlag, für den wir uns nur mit der Hoffnung auf besseres Glück an einem anderen Ort trösten konnten.
   Wir beschleunigten unsere Abfahrt mit fieberhafter Hast. Mr. Grow und ich mußten zusammen nach unserem nächsten Bestimmungsort reisen, dessen Namen ich vergessen habe. Da unsere Kutscher den Weg nicht kannten, zeigte uns der Wirt eine Wagenspur, die wir verfolgen sollten, bis wir die Scheune des »alten Evans« erreichten, und wenn wir dann rechts einbögen, würden wir sicher hinkommen. Wir kamen auch wirklich hin, sehr müde und hungrig nach einer holprigen Fahrt von mehreren Stunden. Wenn ich in späteren Jahren mit Mr. Grow zusammentraf, verfehlten wir nie, uns des lustigen Kampagnetags in der »Stadt Lexington« zu erinnern.
   
Schurz, Carl
Als Amerika noch jung war - Lebenserinnerungen aus den Jahren 1852-1869
Ebenhausen 1941

Abgedruckt in:
Keller, Ulrike (Hg.)
Reisende in den USA 1541 – 2001
Wien 2002

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