Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1845 - Samuel Hancock
Ankunft in Oregon

Nachdem wir drei oder vier Tage am Deshutes River entlang über hügeliges Land gezogen waren, kamen wir an eine Stelle, wo die Ufer nicht zu hoch waren, um unser Vieh über den Fluß schwimmen zu lassen, denn das war unsere Marschrichtung. Dort kamen Indianer zu uns und sagten, wir seien weniger als zwei Tagesreisen vom Columbia River entfernt, was wir nur zu gerne hörten, wenn wir auch nicht sicher waren, ob es stimmte. Daraufhin sagte unser Führer, bis zu Wallers Missionsstation, einer Methodistenstation, wäre es nicht weiter als dreißig Meilen.
   An der Stelle, an der wir das Vieh hinüberschwimmen ließen, war die Strömung sehr stark, und wir hielten es für zu unsicher, unsere wasserdichten Wagenkästen in den Fluß zu lassen, um damit uns und unser Hab und Gut überzusetzen; so dachten wir uns etwas anderes aus und spannten ein langes dickes Seil von Ufer zu Ufer, an dem ein Wagenkasten an Rollen hing; mit einem weiteren Seil von jeder Seite konnten wir den Fluß überqueren, ohne naß zu werden. Aber bevor es soweit war, kam ein Mann in großer Eile angeritten und sagte unserem Führer, daß er sofort verschwinden müsse; es seien zwei junge Leute gestorben, und ihr Vater hätte einen Eid geschworen, daß der Führer noch vor Sonnenuntergang sterben werde; denn die schlechte Art und Weise, wie uns unser Führer von Fort Boise durch die Berge geleitet hätte, hätte den Tod seiner Söhne verursacht. Der Führer, dem klar war, wie wir über ihn dachten, und seine Frau verließen uns und gingen zu Indianern in der Nähe und erzählten ihnen, sie sollten sie auf jeden Fall über den Fluß bringen; einige von uns, die ihn sicher entkommen lassen wollten, folgten ihnen, um sich von ihrem Verschwinden zu überzeugen.
   Ein Indianer nahm des Ende eines Seils zwischen die Zähne und schwamm zum gegenüberliegenden Ufer, machte die Enden an beiden Ufern fest, knüpfte ein weiteres Seil mit einer laufenden Schlinge an das erste, führte es unter den Armen des Führers durch, eng genug, um seinen Kopf über Wasser zu halten, und brachte ihn sicher hinüber; seine Frau ebenso, die sich übrigens die ganze Zeit bei uns sehr tapfer geschlagen hatte. Die Indianer hatten Pferde am andern Ufer, auf die sie sich unverzüglich schwangen, ohne ihre Kleider zu wechseln; sie waren bald außer Sicht. Sie waren noch keine fünfzehn Minuten weg, als zwei Männer mit Gewehren kamen und wissen wollten, wo der Führer sei. Als man ihnen erklärt hatte, er sei in unsere Marschrichtung geritten, antwortete der ältere von beiden, es sei wohl recht so, denn seine Söhne seien nun begraben.
   Nach der Überquerung des Flusses bereiteten wir uns auf den Aufbruch in Richtung Wallers Mission vor, wo wir am folgenden Tage ankamen. Bei Mr. Waller gab es Weizen, Erbsen und Kartoffeln, die er den halbverhungerten Bauern verkaufte. Die waren zu hungrig, um ihr Essen mehr als halbfertig zu kochen, bevor sie aßen; und in der Folge waren am nächsten Morgen viele sehr krank, und mein bester Gefährte auf dieser Reise starb an den Folgen; alle anderen erholten sich wieder; für mich war der Verlust meines Freundes sehr schmerzlich.
   Bei der Missionsstation bleiben wir vier Tage; in dieser Zeit stellte sich Mr. Waller als interessanter Mann heraus, der viel aus seinem Leben zu erzählen hatte. Unter anderem berichtete er uns von einem Häuptling, der kürzlich gestorben und nicht weit von hier begraben war. Es sagte, bei einem Ausflug vor ein paar Tagen hätte es ihn zum Grab gezogen, weil so ungewöhnliche Dinge darauf und darum herum lagen; alle Besitztümer des toten Häuptlings waren da, auch einige Pferde, die man erschossen und ums Grab gruppiert hatte; und ein Indianerjunge, Sklave des Häuptlings, war am Grab des Häuptlings zurückgelassen worden, um zu sterben und mit seinem Herrn in eine andere Welt zu gehen; die Pferde und andere Dinge dienten seinem Wohlergehen in der Welt der Geister. Und die Indianer meinten, daß der Junge mit seinem Schicksal einverstanden war, weil er glaubte, daß er für seinen Herrn Trost und Stütze wäre.
   Nachdem wir uns erholt hatten, gingen wir zu den Cascade Falls, um die Fahrt flußab vorzubereiten. Ich wollte eigentlich ganz gern wissen, wie es mit den Dalles [einer Stelle des Flusses] bestellt ist, besuchte sie aber nicht, weil die Entfernung von der Mission zu groß war. Ich erfuhr aber von Mr. Waller, daß das besondere an dieser Stelle ist, daß der Columbia River auf vier Meilen mit reißender Strömung durch eine enge Stelle mit felsigen Ufern fließt, um dann wieder seine ungeheure Breite anzunehmen, die er bis kurz vor den Cascade Falls beibehält, wo wir ihn überquerten. Dort ist er wieder schmal und von Ufer zu Ufer sind es nicht mehr als 100 Yards [knapp 100 m]. Die Stromschnellen unterhalb der Fälle haben ein Gefälle von vierzig oder fünfzig Fuß über zwei Meilen; an den Fällen stürzt das Wasser über ein Breite von hundertzwanzig Fuß fünfundzwanzig Fuß tief hinunter.
   Wir schickten unser Vieh über die Cascade Mountains in Richtung Willamette Valley, während wir und der Rest unserer Habe über den Fluß gingen und die Schnellen passierten, ein Lager aufschlugen und gleich mit dem Bau von Booten anfingen, die uns den großen und langersehnten Columbia hinabtragen sollten. Jeder von uns fühlte, daß er ein großes Werk vollbracht hatte und nur mit sehr viel Glück alle Gefahren der Reise überstanden hatte.
   Als alles fertig war, ging mit den von uns gebauten Wasser–fahrzeugen den Columbia River hinab. Auf dem Weg gab es an den Ufern viele Indianerdörfer zu sehen, auch kleinere Lager. Diese Indianer waren einigermaßen freundlich und brachten Fisch und Geflügel zum Handeln; das Handeln verstanden sie sehr gut, und sie bewiesen gleichzeitig auch ihr Geschick im Stehlen; das brachte sie uns ziemlich nahe, denn sie umdrängten uns sehr, eifrig bestrebt zu handeln und gleichzeitig alles zu stehlen, was sie konnten. Die Männer waren häufig splitternackt, andere trugen eine Decke, mit einer Nadel im Nacken zusammengesteckt; die Frauen trugen ein kurzes Gewand, das um die Taille festgemacht war und bis halb auf die Knie reichte. Diese Gewänder sind aus der Rinde von Zedern gemacht, die mit Stöcke geschlagen wird, bis sie weich ist; das ist ein ähnlichen Verfahren wie die Behandlung von Flachs; erst machen sie ein breites Band um die Taille, dann drehen sie daraus Fäden, die sie verdoppeln und mit ihren Fingern in kleine Stränge auflösen, die auf die richtige Länge geschnitten werden und mit einem Ende in den Gürtel gesteckt werden; das andere Ende hängt lose herab. Die Kinder beiderlei Geschlechts tragen gar nichts bis zum Alter von acht oder neun Jahren, bis die Mädchen sich in eines dieser einfachen Gewänder hüllen.
   Nach einer Reise von zwei oder drei Tagen erreichten wir Fort Vancouver, eine Handelsstation der Hudson Bay Company, wo wir eine Anzahl Engländer antrafen, die Verwalter und Angestellte der Niederlassung waren; dazu auch eine Anzahl Französischkanadier, Südseeinsulaner, und Indianer als Diener der Company, die zu sehr geringen Gehältern beschäftigt waren, vielleicht 5 Pfund pro Jahr, und die sich überwiegend mit Landwirtschaft beschäftigten, denn die Company hat große Farmen und viel Vieh unterschiedlichster Art. Diese Diener erzeugen eine große Menge an Weizen, das sie zu Mehl machen in einer eigenen Mühle, die wunderbar arbeitet und gutes Mehl liefert.
   Es war nun gerade sechs Monate her, daß wir den Teil der Welt verlassen hatten, der uns in jeder Hinsicht so lieb gewesen war, und an dem wir hängen, auch wenn wir uns entschlossen haben, uns hier anzusiedeln, und zum Aufbau eines blühenden und glücklichen Landes beizutragen, in das vielleicht eines Tages auch unsere Freunde kommen. Diese Stimmung schien über der ganzen Gruppe zu liegen und sie versöhnlich zu stimmen; jeder schien mit dem Land zufrieden zu sein, das alle Zeichen eines reichen und fruchtbaren Bodens aufwies. Geld ist eher knapp, aber was können wir nicht erreichen mit kräftigen Händen und kühnem Herz? Es gibt viele Felder der Betätigung und mit einer zweifellos glücklichen Zukunft vor uns dürfen wir nicht zögern, die Vorteile des Landes zu nutzen.
   Zu dieser Zeit hatten wir nicht nur Geldprobleme; es fehlte uns auch an Lebensnotwendigem, und wir wußten nicht, wie wir unsere Bedürfnisse erfüllen konnten, ohne uns oder vielmehr unseren Stolz zu verletzen; aber nach einer Beratung über unsere Situation entschieden wir, alle Empfindlichkeiten aufzugeben und die Händler unsere Bedürftigkeit wissen zu lassen. Einigen wollten sie Kredit für 100 Pfund Mehl geben, anderen wurde das verweigert; wer Mehl erhalten konnte, zog weiter nach Linton und Oregon City; letzteres ist eine kleine amerikanische Stadt am Willamette River und besteht aus sechs kleinen Häusern und einer Sägemühle, die andere Stadt wurde nicht für ganz so wichtig gehalten.
   Wer in Fort Vancouver keinen Proviant bekommen konnte, um die Reise fortzusetzen, mußte dort bleiben und für die Company arbeiten, bereit zu jeder Arbeit und zu jedem Preis, gezahlt in Lebensmitteln; die, die es nach Oregon City geschafft hatten, wurden mit reichlich Weizen und Erbsen versorgt von den ansässigen Landleuten, denen es ein Vergnügen war, uns mit allem zu versorgen, was wir brauchten und sie erübrigen konnten; sie waren schon ein Jahr dort, manche auch länger.
   Die Mühlen der Hudson Bay Company waren zu weit weg, als daß wir unseren Weizen dorthin hätten schaffen können zum Mahlen, so kochten wir ihn mit Erbsen, und das schmeckte uns viel besser, als der Leser sich vielleicht vorstellt. Und nach einer Weile bekamen wir Mehl, Sirup und andere Dinge von der Company, der wir Dachschindeln lieferten, je tausend Stück für drei Dollar.
   Um es höflich auszudrücken: unter den Händlern gab es eine gewisse Engherzigkeit, auf die die armen Emigranten trafen nach all den Schwierigkeiten, bis sie dies Land erreicht hatten.
   Aber sie waren fest entschlossen, zu bleiben, und sich mit Fleiß behaglich und angesehen anzusiedeln. Uns so schafften wir es, weitgehend unabhängig ohne viel Verkehr mit ihnen auszukommen. Bald bekamen wir Handmühlen, die unseren Weizen mahlten oder eher zerdrückten, und das ging sehr gut. Das Mehl war sehr grob, denn die Kleie war mit darin, aber manche hielten es noch fast zwei Jahre so.
   Das Tal des Willamette bietet den Auswanderern große Vorteile, die sie ohne Zögern nutzen; die Regierung bietet Familien, die diese wunderschönen Prärien besiedeln und bebauen wollen, eine Quadratmeile Land an und unverheirateten Männern die Hälfte. Das Tal ist etwa zweihundert Meilen lang und vierzig breit mit wenig ungeeignetem Land darin. Es gibt Holz und Wasser im Überfluß, und so waren alle bald bequem untergebracht; der Boden brachte die nötigen Feldfrüchte hervor, Wild konnte leicht und mehr als reichlich erlegt werden, und Leute mit Vieh vergrößerten laufend ihre Herden.

Hancock, Samuel
The Narrative of Samuel Hancock
New York 1927
Übersetzung: U. Keller

Abgedruckt in:
Keller, Ulrike
Reisende in den USA 1541 – 2001
Wien 2002

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