Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1750 - Gottlieb Mittelberger
Philadelphia und Pennsylvanien

Philadelphia ist die Hauptstadt in Pennsylvanien, worinnen alle Commercien getrieben werden, und ist dieselbe schon sehr groß, schön und nach der Linie gebaut, mit breiten Straßen und vielen Quergassen angelegt. Alle Häuser sind mit Mauern oder Backsteine bis in die 4. Stöck hoch aufgeführt, auch mit Schindeln von Zedernholz gedeckt. Man hat um dieselbe schon fast einen Tag zu gehen, und werden alle Jahre in dieser Stadt gegen 300 Häuser neu aufgerichtet. Man glaubt, sie werde mit der Zeit eine der größten Städte in der Welt abgeben. Ihre Hauptsprache und Landrecht ist Englisch. Sie bekommt keine Mauer noch Wälle, weil man es für unnötig hält. Zu beiden Seiten hat sie zwei schiffreiche Wasser, gegen Morgen die schon gemeldete Delaware, und gegen Mitternacht den Fluß Schulkül [Schuylkill], welche beide unter der Stadt in die Revier fallen. Es werden daselbst am Wasser viele große und kleine Kauffahrtei-Schiffe gebaut. Die Handlung dieser Stadt und des Landes nach andern Ländern und Kolonien vermehrt sich jährlich merklich und besteht mehrenteils in Früchten, Mehl, Welschkorn, Tabak, Honig, vielerlei Wildhäuten, mancherlei kostbarem Pelzwerk, Flachs und sonderheitlich sehr vielem Flachs- oder Leinsamen, auch fein geschnittenem Holz, Pferden, allerhand zahmem und wildem Vieh. Dagegen bringen die von ferne kommenden Schiffe allerhand Güter ein, als: allerlei Weine, spanischen, portugiesischen, deutschen, wovon die Maß des besten einen Reichstaler, und des geringsten einen Gulden kostet. Ferner Gewürz, Zucker, Tee, Kaffee, Reis, Rum, das ist ein Branntwein aus Zucker gebrannt, Mallafis; fein porcellanene Gefäße, holländisch und englische Tücher, Leder, Leinwand, Zeuge, Seidenwaren, Damast, Sammet und dergleichen. Es ist in Pennsylvanien wirklich schon alles zu haben, was in Europa zu bekommen, weil alle Jahre so viele Kauffahrtei-Schiffe daselbst anfahren.

Die Güter in Pennsylvanien, in specie um Philadelphia herum, sind derzeit schon sehr teuer, und man muß den Morgen Felds, so noch Waldung und nur eine Tagreise von der Stadt entfernt ist, für 30,40 bis 50 fl. bezahlen; und wenn man einen Platz zur Wohnung haben will, welcher bereits schon in wohnbarem und wohlgebauten Stande sich findet, nämlich da man Haus, Scheunen und gute Stallung gebaut antrifft, wo auch schon gut Wißwachs, Baumgärten, Äcker und noch Holz genug ist, so muß man noch zweimal soviel dafür bezahlen als für ein umgebautes Feld; es kommt ein Stück dem Morgen nach schon gegen hundert Gulden. Das weiter entfernte Land, so noch nicht angelegt, und alles wild oder waldig ist, haben die reichen Engländer schon sehr weit und breit von den Indianern aufgekauft, welches sie hernach wiederum an die Europäer, die hineinkommen, teuer verkaufen. Es bekommen unsere deutschen Leute, die dahin ziehen, nicht so viel Platz umsonst, daß sie nur ein Häuslein darauf setzen können. Das Land wird dazu noch alle Jahr teurer, sonderheitlich weil die Engländer sehen, daß alle Jahr so gar viele Leute in dieses Land ziehen und Güter oder Plantagen haben wollen.
   In Süd-Carolina, welches 200 bis 250 Stunden von Pennsylvania entfernt ist, kann man noch den Morgen, welches aber alles Wald ist, für 18 oder 20 Kreuzer bekommen. Daselbst hat man zu seinem nächsten Nachbarn, ein, zwei, drei oder mehr Stunden Wegs, und in eine Stadt, wie auch in die Kirchen, zwei, drei, vier bis acht Tage zu reisen. In dieser Landschaft aber wächst alles Getreide sehr wohl. Carolina ist viel wärmer als Pennsylvanien, denn hier wächst eine Menge Reis, viele Baumwolle und Baumöl. Auf den Bäumen wachsen solche Nüsse, welche eine Faust dick; wenn dieselben im Spätjahr abfallen und hernach aufgemacht werden, so liegt in derselben ein fester Ball, welcher mit Gewalt muß auseinandergezogen und gekämmt werden; nach dieser Arbeit wird die Wolle gewaschen und gebleicht, bis sie schneeweiß geworden. Jedermann trägt daselbst Kleider von Baumwolle.
   In Pennsylvanien sind alle Häuser massiv und mit Quadersteinen aufgeführt und sind gemeiniglich auf allen Seiten, wo ein Haus frei steht, mit großen englischen Tafelfenstern versehen. Man sieht nicht bald einen Ofen in den Zimmern, sondern an deren Statt hat man in allen Häusern französische Kamine, jedermann sitzt vor dieselben hin, trinkt dabei sein gutes englisches Bier und dergleichen oder raucht eine Pfeife Tabak. Wenn diese Kamine gut gemacht sind, spürt man nichts vom Rauch.
   An allen Häusern sind auf beiden Seiten zwei Sitzbänke, ungefähr vier Schuh gerade vor den Haustüren hinaus gemacht, welche vorne zwei Säulen haben und oben über wie ein Gartenhäuslein zugedeckt sind. Dergleichen Vorbänke sind nicht nur auf dem Lande, sondern auch in der ganzen Stadt Philadelphia vor den Häusern. Es sitzt alle Abend bei schönem Wetter jemand vor denselben oder geht spazieren. Man kann wegen den gleichen Gebäuden und Straßen in dieser Stadt eine halbe Stunde weit hindurchsehen. In derselben befinden sich, wie im Anfang gemeldet, sieben Hauptkirchen, aber nur an einer ist ein Turm gebaut, welcher aber sehr hoch und schön aufgeführt ist. In dieser ganzen Stadt sind nicht mehr als zwei kleine Glocken, und wenn man mit denselben zusammen läutet, so geht man in alle Kirchen. Der Stadt- und gesamte Kirchenrat aber haben in dem letzten Jahr meines Daseins die Anstalt gemacht, daß drei Glocken in unterschiedlicher Größe aus Alt-England von London dahin gebracht werden sollten. Auf dem Lande ist bei keiner Kirche ein Turm gebaut noch mit einer Glocke oder Uhr versehen, daher hört man das ganze Jahr hindurch weder läuten noch schlagen; es ist deswegen sonderlich bei Nachtzeit den neu angekommenen Leuten sehr langweilig, bis sie solches gewohnt sind. Hingegen bedient sich darinnen bald jedermann, die Bauersleute wie Privatpersonen, der silbernen Sackuhren, und solche sind bei den englischen Frauenzimmern ein gemeines Tragen geworden.

Mittelberger, Gottlieb
Reise nach Pennsylvanien
Frankfurt/Leipzig 1756

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