Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1904 - Liborius Gerstenberger
Über die Brooklyn Bridge

Manche Besucher New Yorks gehen zuerst über diese Brücke, um von da einen Blick auf die Riesenstadt zu werfen. Ich habe mir das Beste bis zuletzt aufgehoben. Nachdem ich die Einzelstraßen durchwandert und die Gebäude betrachtet, die Menschen gesehen und ihr Tun und Treiben und das Leben beobachtet hatte, wollte ich noch einmal vor meiner Abreise alles von einem erhabenen Standpunkt aus mit einem Blick zusammenfassen und dieses Gesamtbild mit seinen Einzelheiten meinen Augen unauslöschlich einprägen. Aber der eine Blick hat lange gedauert; wohl eine gute Stunde nahm er in Anspruch.
   Ich halte diese Brücke, die New York mit Brooklyn verbindet, für eines der imposantesten und genialsten Bauwerke der Welt. Mögen die Pyramiden gewaltiger, mag der Kölner Dom in seiner Vergeistigung der Steinmassen herrlicher sein, geistreicher scheint die East River Brücke; sie ist ein Bauwerk schwebend in der Luft, während erstere doch immer ihren Zusammenhang mit dem Erdreich nicht verbergen können.
   Soll ich, die Maße angebend, mit trockenen Zahlen aufwarten? Ich kann es nicht; habe mich auch gar nicht um die Länge und Höhe nach Metern gekümmert; sie sind in jedem Reiseführer zu lesen. Ich ließ das Bauwerk in seiner einfachen und doch überwältigenden Größe auf mich einwirken und stellte dann Vergleiche an mit den Dingen daneben und darunter, und so habe ich heute noch das Bild in mir, während ich die Zahlen erst aufsuchen und abschreiben müßte.
   Welch ein Gewimmel von Wagen und Menschen herrscht doch an dem Kopfende der Brücke der New Yorker Seite! Wie ein ausgeflogener Bienenschwarm hängt die zappelnde, summende Menge Tag und Nacht ununterbrochen dort, scheinbar dieselbe dunkle Masse, und doch, wie das Wasser im Brunnentrog, unmerklich sich stets erneuernd. Gewaltige Hallen schützen zugleich die im Obergeschoß in die Hochbahn Steigenden, und die unten, welche die elektrische Bahn benutzen, oder auch, gleich mir, den Versuch machen, zu Fuß hinüberzugehen. So schwer es auch ist, sich hier durch den Trubel der Wagen und Menschen hindurchzuwinden, so ungestört ist man, sobald man die Brücke betreten hat. Alles fährt mit Hochbahn, Straßenbahn, mit Chaisen und Cabs, mit Automobilen und Rädern und nur einige wenige Menschen gehen. Es ist eben auch ein schönes Stück Weges zurückzulegen. Ich glaube, ein halb Stündchen braucht man, um die ganze Brücke zu überschreiten.
   Wie oft hatte ich schon auf Bildern das leichte, spinnenwebartige Bauwerk gesehen! Mit welcher Bewunderung habe ich es vom Wasser oder einem der Stadtteile aus betrachtet! Schade, daß die Berge zu beiden Seiten fehlen, um sich einen Anhaltspunkt und Maßstab zu schaffen. So sieht man nur zwei gewaltige Türme ohne Spitzen, die an Höhe selbst die Himmelskratzer zu überragen schienen. Wie ein aufrecht stehender Mann seine Arme nach beiden Seiten etwas abwärts ausstreckt, um einen Gegenstand zu halten, so gehen von den Zinnen der Türme die mächtigen Drahtseile seitwärts, um die Fahrbahn der Brücke zu tragen. Wäre nicht diese, die aus der Ferne wie ein langer, schwach nach oben gebogener Balken aussieht, so könnte man die Brücke vergleichen mit einem Telegraphendraht, der mangelhaft angespannt zwischen zwei Telegraphenstangen in der Mitte herabhängt. Nur haben diese Drähte, wenn man sie in der Nähe betrachtet, die anständige Stärke eines Fichtenstammes. Hunderte von gedrehten Stahl-drahtseilen sind in ein Bündel zusammengefaßt und mit einem Schutzüberzug versehen. Gleich vier grauen Riesenschlangen kriechen diese mächtigen Seilbündel aus dem felsigen Boden der Halbinsel Manhattan, wo sie verankert sind, und streben zur Höhe des am Ufer des Meeresarms East River stehenden Turmpfeilers. Oben angelangt, wenden sie sich, durch die eigene Schwere und die daran hängende Last hinabgezogen, dem Meere zu. Doch als ob sie an der Fahrbahn, die sie selbst tragen, ein Hindernis gefunden hätten, windet sich der Schlangenleib wieder hinauf zur Höhe des anderen Pfeilers, der, in Brooklyn stehend, alle Gebäude überragt. Von dort abermals abwärts steigend, verschlüpfen die stählernen Ungetüme im Herzen der Riesenstadt Brooklyn im Erdboden.
   Wie einfach ist die ganze Konstruktion, und gerade deshalb so genial! An den vier dicken Drahtseilbündeln hängen zahlreiche Stahldrahttaue herunter und tragen das Gerüst für die Fahrbahn. Wenn dieses, in schwachem Bogen zwischen die Pfeiler eingespannt, sich nicht ein wenig selbst tragen würde, es schiene undenkbar, daß die immerhin dünnen Taue eine so mächtige Eisenkonstruktion tragen könnten. Denn, was aus der Ferne wegen der ungeheuren Länge wie ein Eichenbalken aussieht, ist ein mächtiges zweistöckiges Eisengerüst, wie es unsere mächtigen Gitterbrücken für Eisenbahnen haben. Drei Fahrbahnen gehen rechts, drei links, je eine für die Eisenbahn, Straßenbahn und den Fuhrwerksverkehr und in der Mitte zwischen beiden Fahrbahnen, aber hoch oben, ist der breite, aus gehobelten Balken gezimmerte Weg für die Fußgänger, eher einem Stubenboden als seiner Straße gleichend.
   Ich mochte einige Minuten auf diesem für Fußgänger wirklich angenehmen Fußsteig gegangen sein, immer noch hoch über den Häusern der Stadt New York, als ich beim ersten Pfeiler anlangte. Durch zwei riesige Toreingänge, gotischen Fenstern ähnlich, gelangt man auf den mittleren Teil der Brücke, der frei über dem Wasser schwebt. Je drei Fahrbahnen nebeneinander führen durch jede Öffnung, in die man der Höhe nach bequem einen Landkirchturm stellen könnte. Der durch die beiden Öffnungen gebildete Mittelpfeiler gleicht selbst einem gewaltigen massiven Turme. Und rechts und links welch' ein Gewirr von Stahlseilen in allen Stärken! Ich gehe weiter, der sanft ansteigenden Fahrbahn entlang bis dahin, wo sie, am höchsten stehend, mit den tragenden Tauen zusammenläuft. Das ist der Mittelpunkt der Brücke. Hier will ich auf einer der zahlreich angebrachten Ruhebänke mich des Anblicks erfreuen.
   Ruhebänke! Diese Bezeichnung nimmt sich eigentümlich aus dem Lärmen und Tosen der in unabsehbarer Folge über die Brücke sausenden Eisenbahnwagen. Kaum sitze ich, fährt hinter meinem Rücken ein Zug der elektrischen Hochbahn mit drei Wagen vorüber. Ich springe auf und sehe von oben nur noch die Dächer der davoneilenden Wagen. Da kommt schon wieder auf der entgegengesetzten Seite ein Zug angesaust. Und nebendran fahren unaufhörlich die großen Wagen der elektrischen Straßenbahn. Nicht weniger als sechs Straßenlinien laufen über die Brücke, machen am Ende eine scharfe Kehr, wie in einer Rennbahn, um auf der anderen Seite wieder zurückzufahren. Und daneben verkehren noch die vielerlei anderen Fahrzeuge. Nun mache man sich einen Begriff von der "Ruhe", wenn manchmal zu gleicher Zeit sechs Fuhrwerke der verschiedensten Art sich begegnen. Und das geht nicht tropfenweise, sondern wie eine stetig fließende Wasserleitung. Man kann behaupten, daß die vielen menschenbeladenen Karren in einer endlosen Kette an einem vorüberfahren.
   Das ist auch kein Wunder, wenn man bedenkt, daß hier Millionenstädte durch diese Brücke verbunden sind. Sowohl New York wie Brooklyn haben gegen zwei Millionen Menschen. Aber während erstere Stadt auf der schmalen Landzunge sich nicht weiter ausdehnen kann, bietet Brooklyn für Baugrund noch weite Flächen. Darum ärgern sich auch die Brooklyner darüber, daß sie mit New York zu einer Stadt vereinigt worden sind. "Brooklyn wäre allein die größte Stadt der Welt geworden, nicht New York", so meinen die guten Lokalpatrioten.
   Allmählich gewöhne ich mich an den Lärm und kann ungestört von ihm einen Blick auf die Landschaft werfen. Die Sonne scheint so warm auf meinen Rücken, spiegelt sich in den Fluten des Meeres und überzieht alles mit einem so freundlichen, warmen Ton, daß man sich ordentlich behaglich in den Sonnenschein hineindrücken möchte. Ich schaue aufwärts und sehe rechts einen Teil der Stadt Brooklyn, einen riesigen Häuserblock. Nichts Schönes ist an ihm zu sehen. Die Straßen drüben so schlecht wie hüben in New York. Meist zweistöckige einfache Wohnhäuser; die vielen kleinen Türme der Kirchen verschwinden vor dem Hintergrund der Straßenzüge. Weit hinauf kann man den Meeresarm verfolgen, der die Insel Long Island, auf der Brooklyn liegt, von der Stadt Manhattan trennt. Mehrere kleine Inseln dazwischen tragen die Gebäude, in denen die praktischen Amerikaner ihre Irrsinnigen, Sträflinge, Zwänglinge u.s.w. unterbringen. Das Wasser ringsum ist die beste Gefängnismauer. Weit im Hintergrund verschwinden im Dunst die Brücken, die über die kleineren Wasserläufe, die Bahnen und Straßen führen, und in ihren eigenen Rauch und Qualm hüllen sich die Fabriken und Schiffsbauplätze und Gasanstalten, die an den Kanälen die beste und billigste Verkehrsstraße haben.
   Ganz vorn nimmt die neue große Brücke, die Schwester der geschilderten, unsere Aufmerksamkeit in Anspruch. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Brücke samt der Ruhebank, auf der ich sitze, verschwindet. Vielleicht stürzt sie einmal plötzlich zusammenbrechend ins Meer. Schon haben sich an den zahlreichen Drahtseilen mancherlei Defekte, die nur notdürftig gebessert werden konnten, bemerkbar gemacht. Zur Entlastung der alten Brücke haben sie eine neue gebaut, ganz ähnlich der alten in Form und Konstruktion. Ein ganzes Häuserviertel inmitten der Stadt ist niedergelegt worden, um nur die Auffahrt zur Brücke herzustellen. Noch ist sie nicht dem vollen Verkehr übergeben. Nur Fuhrwerke und Fußgänger benützen sie. Sie liegt auch zu weit ab vom eigentlichen Geschäftsviertel.
   Und noch weiter nach links und vor meinen Augen dehnt sich die eigentliche Stadt New York aus. In ihrer Mitte, da, wo sich die Zunge nach hinten wölbt, genau wie bei der menschlichen Zunge, schaut der Central Park herüber. Durch das angenehme Grün inmitten der vielen roten Backsteinbauten und weißen Himmelskratzer ziehen die hohen Bäume des ehemaligen wilden Waldes und nunmehr feinfrisierten Stadtparks sofort das Auge auf sich. Es folgt den Wellen des endlosen Häusermeeres, bis es sich mit ihm am Horizont im Dunst verliert. Weiter vorn überragen die beiden gotischen Türme der St. Patricks-kathedrale die vornehmen Gebäude und vereinzelte Himmelskratzer streben zur Höhe wie in einem Walde, wo im Niederholz nur hie und da ein Stamm als "Hegreis" vom letzten Holzhieb her stehen blieb. Unwillkürlich folge ich dem Broadway mit seinen Bauten gegen Manhattan. Ich wechsle dabei meinen Platz und setze mich auf die gegenüberliegende Bank.
   Welch ein Anblick! Unten auf dem Rand der Zungenspitze kleinere zwei- und dreistöckige rote Häuser! Dahinter an den ansteigenden Straßen höhere Gebäude und zwischendrin und ganz im Hintergrund die weißen und grauen Himmelskratzer in geschlossener Reihe, einen steinernen Wall bildend. Da sie von den davor liegenden Gebäuden zum Teil verdeckt werden, erscheinen die oberen Stockwerke wie eine Burg, die auf hohem Berge liegt, mit ihren flachen Dächern der Akropolis in Athen oder dem Kapitol in Rom vergleichbar. In der Tat, die moderne Akropolis der modernen Weltstadt! Hat griechische Kunst und Wissenschaft die alte Welt, hat die römische Militärmacht die germanischen Völker bezwungen, die amerikanische Geldmacht wird fühlbarer die ganze Welt beeinflussen als die beiden vorgenannten. Die Naturschätze des unermeßlich reichen Landes von Amerika fließen hier zusammen und werden von hier aus auf den modernen Straßen, Telegraph und Telefon, in die ganze Welt dirigiert.
   Das schrille Heulen einer Sirene reißt mich jäh aus meinen Träumen. Ein großer Dampfer passiert unter mir die Brücke mit über 1.000 fröhlichen Passagieren, die zu den Vergnügungsstätten nach Dreamland fahren. Es ist ein Dampfer vom Typ des "General Slocum", der in diesem Jahr verbrannte und unterging und 1.000 Menschenleben mit in die Tiefe zog. Was sind 1.000 Menschen dem Ungeheuer, das ja nur von Menschenleibern lebt! Menschenfleisch ist in Amerika das billigste Fleisch. Und dann fällt mein Auge auf die vielen kleinen Lastdampfer, die Kohlen und Backsteine schleppen und Fähren ziehen, auf denen ganze Güterzüge stehen. Und wie sie sich auf ihren Wegen kreuzen und oft erst so nah voreinander ausweichen! An den Fähren und Personenbooten aber fällt uns eine über dem Schiff hervorragende riesige Doppelpumpe auf, wie bei einer Feuerspritze. Es ist ein Teil der Schiffsmaschine, den die Amerikaner der Platzersparnisse wegen nach oben ins Freie verlegen. Diese bei uns ungewohnte Art der Schiffsanlage gibt den Dampfbooten im Hafen von New York ein ganz spezifisches Gepräge. Unten aber kommen die großen Überseeschiffe an, deren Kamine, in allerlei Farben gestrichen, dem Seekundigen den Namen der Schiffsgesellschaft anzeigen. Wie die gespreizten Finger einer Hand, so laufen von der Spitze der Landzunge in die See die Dämme und Laderampen, zwischen denen die Schiffe in die Piers einfahren.
   Dort naht sich in weißem Leinwandschmuck ein Segelschiff. Stolz gleitet der Dreimaster durch die Fluten. Weit ragen seine spitzen Masten in die Höhe; sie müssen unbedingt gleich an der Brücke anstoßen. Rasch eile ich eine Strecke hinunter, um zu sehen, wie das Schiff unter der Brücke durchfährt – ach, wie weit waren die Spitzen der hohen Masten noch von der Brücke entfernt! Man kann gut zwischen den Bahnschwellen durchschauen, hinunter auf das Wasser. Zu meinem Erstaunen bemerke ich, daß die Schwellen nicht eingebettet sind, sondern frei auf den Längsträgern angeschraubt liegen. Auf ihnen sind dann die Schienen befestigt. Während von dieser schwindelnden Höhe hinab das Schiff zu sehen ist, schauen die Schiffer herauf und sehen von unten zwischen den Schwellen hindurch ihren schnelleren, aber kostspieligeren Konkurrenten, die Eisenbahn. Wie klein ist das Schifflein! Wie eine Maus durch ein Scheunentor schlüpft es eilig unter der Riesenbrücke hindurch.
   "Ich muß mir doch die Brücke auch einmal von unten ansehen!" Zwei Treppen führen mich in eine Straße, die ziemlich steil zum Wasser hinunterführt. Matrosenkneipen, armselige Häuser und schlechtes, holpriges Pflaster beweisen, daß hier nicht Leute wohnen, die bei den Kommunalwahlen Einfluß ausüben können. Größere Häuser enthalten Lager und Geschäftsräume. Ich gehe die Uferstraße entlang und komme auf die Brücke zu. Ja, was ist denn das? Ganze Straßenzüge führen unter der Auffahrt der Brücke hindurch. Drei- und vierstöckige Häuser stehen da und lassen einen gar nicht daran denken, daß weit da oben ein Brücke ist, und daß hunderttausende von Menschen täglich über uns hin- und herbefördert werden. Ein Blick belehrt mich, welch ungeheures Eisen- und Stahlmaterial verwendet wurde, um nur die Auffahrt zur Brücke von der Stadt zum ersten Turmpfeiler herzustellen. Das stahlreichste Land der Welt kann sich eine solche Brücke leisten.
   Ich nehme Abschied vom East River.
   
Gerstenberger, Liborius
Vom Steinberg zum Felsengebirg. Ein Ausflug in die Neue Welt im Jahre der Weltausstellung von St. Louis 1904
Würzburg 1905

Reiseliteratur weltweit - Geschichten rund um den Globus. Erlebtes und Überliefertes aus allen Teilen der Welt. Entdecker – Forscher – Abenteurer. Augenzeugenberichte aus drei Jahrtausenden. Die Sammlung wird laufend erweitert – Lesen Sie mal wieder rein!