Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1804-1805 - Patrick Gass
Die Lewis and Clark Expedition überwintert bei den Mandanen
Fort Mandan

Am 1. November fuhren wir um drei Uhr des Nachmittags den Fluß hinunter, um einen Ort, wo wir überwintern könnten, aufzusuchen. Nachdem wir ungefähr zwei Meilen zurückgelegt hatten, so kamen wir an eine mit Cottonwood-Bäumen [sie werden weiter unten beschrieben] bedeckte Niederung, wo wir ans Land stiegen, weil uns die Nacht überfallen hatte.
   Am 2. begab sich der Kapitän Lewis mit einigen Leuten, worunter auch ich mich befand, in das erste Dorf der Mandanen, dessen Einwohner uns eine kleine Quantität Getreide schenkten. Während dieser Zeit war der Kapitän Clark mit der übrigen Mannschaft noch ungefähr eine Viertelstunde weiter den Fluß hinuntergefahren und hatte einen Ort aufgefunden, der sich zur Anlegung eines Lagers und eines Forts vortrefflich schickte. Wir schlugen daher auch sogleich unsere Zelte daselbst auf und fingen an, Vorkehrungen zur Erbauung einer gewissen Anzahl von Hütten zu treffen.
   Am 3. hatten wir das schönste Wetter, und fuhren deshalb mit den Arbeiten zur Anlegung eines bequemen Wohnortes eifrigst fort. Sechs von unseren Leuten fuhren den Fluß hinunter, um zu jagen, wobei sie nicht wissen konnten, ob sie nicht vielleicht sechs bis acht Meilen würden reisen müssen, um eine an Wildbret reiche Gegend zu finden. - Bei Erbauung unserer Hütten wurde folgender Plan befolgt: Sie standen in gerader Linie in zwei Reihen einander gegenüber und bildeten an dem einen Ende einen Winkel, wohin zwei Magazine zu stehen kamen, um alle unsere Vorräte von Lebensmitteln und Munition darin aufzubewahren. Die Zwischenräume zwischen den Hütten wurden dicht mit Palisaden verschlossen. Eine jede Hütte enthielt vier große Stuben, die sieben Fuß hoch waren, und deren Wände sowohl auf allen Seiten, als oben an der Decke aus Tonerde bestanden, so daß eine jede derselben gewissermaßen einer recht dichten und warmen Scheune glich.
   Mit dieser Arbeit wurde nun täglich ununterbrochen fortgefahren. Gegen den 16. fing die Witterung an, sehr kalt zu werden, und der Missouri ging schon mit Grundeis. Wir schickten daher an diesem Tage einen Franzosen ab, um nachzuforschen, was aus unseren Jägern und der Piroge geworden sei. Am folgenden Tage kam er mit einem von den Jägern wieder zurück; die übrigen befanden sich mit der Piroge ungefähr 6 deutsche Meilen [45 km] weiter unterhalb. Der Franzose wurde sogleich mit Stricken, die die Jäger dringend benötigten, wieder abgeschickt, und am folgenden 19. hatten wir das Vergnügen, sie insgesamt nebst der mit dreißig Damhirschen, elf Elentieren und mehreren Büffeln beladenen Piroge wieder zurückkommen zu sehen. - Während der in diesen Tagen herrschenden Kälte blieben wir beständig in unseren Hütten, obgleich dieselben noch nicht völlig fertig waren. Vom 20. bis zum 27. hatten wir aber eine sehr milde, angenehme Witterung, und daher war auch am Abend dieses letzteren Tages der Bau der sämtlichen Hütten vollkommen vollendet. Die Dächer derselben bestanden aus Brettern von Cottonwood-Bäumen, einer in diesen Teilen von Amerika sehr häufig vorhandenen Baumart, die der italienischen Pappel ähnlich ist und ein ziemlich weiches Holz hat. Die größten unter ihnen sind ungefähr achtzehn Zoll im Durchmesser dick. Es war aber auch die höchste Zeit, daß wir fertig wurden, denn in der Nacht vom 27ten fiel ein sieben Zoll hoher Schnee, und die Witterung wurde äußerst rauh und stürmisch.
   Am 29., wo es zwar sehr kalt, aber doch wieder heller war, machten wir unsere Barke rhedelos, d.h. wir nahmen die Masten, das Tauwerk und alles andere zur Schiffahrt erforderliche Zubehör von derselben hinweg. Unglücklicherweise renkte sich aber bei dieser Arbeit einer von unseren Feldwebeln die Schulter aus.
   Am 30. November war das Wetter wie am Tage vorher. - Wir erblickten des Morgens auf dem jenseitigen Ufer einen Indianer und schickten sogleich jemanden ab, um ihn herüber zu holen. Er erzählte uns, daß wenige Tage vorher acht seiner Landsleute auf der Jagd von einem starken Haufen Sioux-Indianern wären überfallen worden, die einen von ihnen umgebracht, zwei verwundet und alle ihre Pferde geraubt hätten. Der Kapitän Clark brach sogleich mit dreiundzwanzig Mann auf, um diese Indianer zu verfolgen; als er jedoch in das erste Dorf der Mandanen kam und die Einwohner aufforderte, ihn zu begleiten, so zeigten sich die indianischen Krieger seinem Vorschlage völlig abgeneigt. Sie schützten vor, daß es jetzt schon zu kalt wäre, und daß die Sioux jetzt schon wieder viel zu weit weg sein müßten, als daß sie noch eingeholt werden könnten; sie baten daher die Unsrigen auf das dringendste, die Unternehmung bis zum Frühling aufzuschieben. Der Kapitän Clark kam deshalb schon am nämlichen Abend mit seiner Mannschaft wieder in das Fort zurück. - Seit der Erbauung dieses letzteren war kein Tag vergangen, wo wir nicht Besuche von Indianern gehabt hätten. Wir legten demselben den Namen: Fort Mandan bei, und beobachteten seine Breite, die 47°21'32'' war.
   Am 1. Dezember 1804 benutzen wir die schöne Witterung, um das zur gänzlichen Vollendung unseres Forts noch erforderliche Holz zu fällen und herbeizuschaffen. - Wir bekamen Besuch von einem Handelsagenten der Nordwest-Kompanie, der uns erzählte, daß die Indianer ihn auf seiner Reise sehr beunruhigt hätten. Späterhin kam auch ein Indianer aus dem ersten Dorf der Mandanen zu uns, von welchem wir erfuhren, daß eine große Anzahl Landeseingeborene von der Nation der Hunde Indianer sich in der Nähe des Dorfes gelagert hätte.
   Am 2. war die Witterung sehr schön, und der Schnee schmolz äußerst schnell. Ein Haufen Hunde-Indianer kam in Begleitung einiger Mandanen in das Fort. Sie führten sich sämtlich sehr ordentlich auf, und schienen von sanfter, friedfertiger Gemütsart zu sein.
   Am 3., 4. und 5. war die Witterung sehr gelind, wir konnten daher unsre Arbeiten anhaltend betreiben; allein am 6. wurde es wieder so empfindlich kalt und es ging dabei ein so heftiger Wind, daß wir alle unsere Arbeiten vorerst einstellen mußten. In der Nacht gefror die Oberfläche des Flusses so stark, daß am Morgen das Eis auf demselben anderthalb Zoll dick war.
   Am 7. hatten wir helles, kaltes Wetter. Der oberste Häuptling aus dem ersten Dorf der Mandanen namens der Weiße Dicke kam zu uns, um uns zu benachrichtigen, daß sich Büffel in der Savanne sehen ließen. Sogleich begab sich Kapitän Lewis mit elf anderen Personen dahin. Sie fanden wirklich die Savanne mit Büffeln fast bedeckt, und die Indianer beschäftigt, sie zu Pferde zu verfolgen. Mit ihren Pfeilen schossen diese auch in kurzer Zeit zwischen dreißig und vierzig dieser Tiere, und wir deren elf. - Die Pferde der Indianer waren so gut zu dieser Jagd abgerichtet, daß sich dieselben nicht scheuten, ganz nahe an die Büffel heranzugehen; sobald aber das Tier verwundet war, und Miene machte, ebenfalls angreifen zu wollen, so kehrten sie schnell wieder um und ergriffen die Flucht.
   Am 8. machten wir die traurige Bemerkung, daß zwei von unseren Leuten auf der gestrigen Jagd die Füße erfroren hatten. Obgleich auch an diesem Tage die Kälte äußerst empfindlich war, so ging dennoch der Kapitän Clark mit einigen von der Mannschaft auf die Büffeljagd. Sie erlegten neun dieser Tiere und einen Damhirsch; allein einer von den Jägern erfror eine Hand, und ein anderer einen Fuß; auf alle aber brachte die strenge Kälte mehr oder weniger nachteilige Wirkungen hervor. Zwei von ihnen mußten zurückbleiben, um das geschossene Wildbret zu bewachen.
   Am 9. begab sich der Kapitän Lewis mit zwölf Mann, worunter auch ich mich befand, an den Ort, wo die zwei Leute das Wildbret bewachten. Die Büffel hatten sich in die Wälder geflüchtet, wurden aber dahin verfolgt und noch zehn von ihnen nebst einem Damhirsch geschossen. Nachdem hierauf das sämtliche Wildbret zerlegt worden war, so wurde es auf vier Pferde geladen und unter einer sicheren Bedeckung ins Fort geschickt. Der Kapitän Lewis blieb mit einigen Leuten und mir im Holze zurück, wo uns die Häute von den erlegten Büffeln sehr zustatten kamen, um uns die Nacht hindurch gegen die Kälte zu schützen.
   Am 10. nach eingenommenem Frühstück, das aus dem Knochenmark unserer Büffel bestand, begleiteten vier von uns den Kapitän Lewis in das Fort; die übrigen aber blieben zur Bewachung des Lagers zurück. Unterwegs begegneten wir einem von unseren Leuten, und erfuhren von ihm, daß man Jäger zu Pferde abgeschickt hätte, um noch mehr Vorräte von Wildbret zusammenzubringen. - Die Kälte war so heftig, daß der Weingeist, auf einen damit angestellten Versuch, innerhalb fünfzehn Minuten sich in dickes Eis verwandelte. Am Abend kamen zwei Jäger zu Pferde wieder zurück, ohne jedoch etwas geschossen zu haben. Fünf von ihnen brachten die Nacht außerhalb zu.
   Am 11. hatte die Kälte einen so hohen Grad erreicht, daß es nicht möglich war, auf die Jagd zu gehen. Die beiden Kapitäne ließen deshalb den in unserem Lager zurückgelassenen Überrest von Wildbret abholen und zugleich der dortigen Wache befehlen, zurück zu kommen. Die Leute kamen auch auf den Abend an, nachdem sie unterdessen noch vier Büffel geschossen und zwei derselben zerlegt hatten; durch die äußerst strenge Kälte waren sie jedoch verhindert worden, auch noch die zwei anderen zu zerlegen.
   Am 12. brachten wir der allzu starken Kälte wegen den ganzen Tag in unseren Hütten zu. Wir verfertigten drei kleine Schlitten, um den Transport unseres Wildbrets zu erleichtern.
   Da am 13. die Kälte ein wenig nachgelassen hatte, so gingen zwei Jäger auf Beute aus, und kamen mit zwei Damhirschen zurück.
   Am 14. schneite es, und die Kälte war ziemlich erträglich. Der Kapitän Clark ging deshalb mit vierzehn Soldaten auf die Jagd, und nahm auch die drei Schlitten mit sich. Fünf von diesen Leuten kamen auf den Abend wieder zurück; der Kapitän Clark und die neun andern Mann aber blieben im Freien über Nacht. Sie hatten den Tag über nicht mehr als zwei Damhirsche geschossen.
   Am 15. lag ziemlich tiefer Schnee. - Wir bekamen einen Besuch von einigen Landeseingeborenen, die unsern beiden Befehlshabern Wildbret zum Geschenk brachten. Am Nachmittag kam der Kapitän Clark mit seinen Leuten wieder zurück, ohne jedoch noch etwas weiter geschossen zu haben. - Die Büffel hatten insgesamt den Fluß verlassen.
   Am 16. hatten wir eine helle und kalte Witterung. Ich ging mit einigen Leuten ins erste und zweite Dorf der Mandanen, wo wir vollkommen gut aufgenommen wurden. Es kamen drei Mann in Diensten der Nordwest-Kompanie mit einem Brief an unsere Befehlshaber im Fort an. Der Zweck dieses Besuches sowohl als des Briefes bestand darin, daß man von der Absicht, warum wir in dieses Land gekommen wären, so wie auch von der Veränderung der Regierung unterrichtet zu werden wünschte.
   Am 17. war es wieder so sehr kalt, daß wir insgesamt im Fort zurückbleiben mußten. Auf den Abend wurde uns von einem Eingeborenen die Nachricht gebracht, daß sich die Büffel wieder an dem Fluß hätten sehen lassen.
   Es wurden deshalb am 18. sechs Mann abgeschickt, um die Büffel auszukundschaften; allein sie trafen nichts als Ziegen an. Um neun Uhr nahmen die Agenten der Nordwest-Kompanie Abschied von uns und traten ungeachtet der außerordentlich strengen Kälte ihre Rückreise wieder an.
   Vom 19. an wurde die Witterung wieder milde und sehr angenehm; wir machten uns daher an das Einrammeln der Palisaden, welche Arbeit auch an den folgenden Tagen beträchtlich vorrückte. Am 22. bekamen wie einen Besuch von einer Menge von Eingeborenen, die uns Getreide, Erbsen und Mokassins brachten, um sie gegen andere Waren auszutauschen. Wir gaben ihnen dafür alte Hemden, Knöpfe, Ahlen oder Schusterpfriemen, Messer und einige andere Artikel von dem nämlichen Werte. Am 24. waren alle Arbeiten an dem Fort völlig vollendet, und es wurde nunmehr unter die sämtliche Mannschaft Mehl, Äpfel, Pfeffer und andere Lebensmittel ausgeteilt, um das Weihnachtsfest würdig zu feiern.
   Am 25. wurde das heilige Fest durch zwei Schüsse mit Steinstücken und durch zweimaliges Abfeuern aller unserer Flinten feierlich angekündigt. Der Kapitän Clark ließ einem jeden von uns ein Glas Branntwein einschenken; hierauf pflanzten wir zum ersten Mal die Flagge der Vereinigten Staaten auf dem Fort Mandan auf, und zuletzt wurde noch ein Glas Branntwein zur Ehre dieser Flagge ausgeteilt. Unsere Leute brachten in der größten Geschwindigkeit eine von den Stuben vollends in Ordnung und fingen an zu tanzen. Um zehn Uhr wurde ein drittes Glas Branntwein ausgeteilt, und um ein Uhr kündigte ein Schuß mit einem Steinstück das Mittagessen an. Ein zweiter Schuß verkündigte gegen drei Uhr, daß der Tanz wieder seinen Anfang nehme, und dieser dauerte nunmehr mit der größten Fröhlichkeit bis abends um acht Uhr fort. Es wohnten demselben jedoch keine Frauenspersonen bei, außer nur drei Indianerinnen, welche die Weiber unseres Dolmetschers waren, und diese begnügten sich, bloße Zuschauerinnen abzugeben. Kein einziger Eingeborener ließ sich den Tag über im Fort sehen, denn die Kapitäne hatten ihnen dieses ausdrücklich anempfehlen lassen, und sie befolgten es pünktlich.
   Den Überrest des Monats brachten wir sehr ruhig in unseren Hütten zu; es verging kein Tag, wo wir nicht Besuche von Eingeborenen hatten.
   Am 1. Januar wurden zur Feier des Neujahrstages zwei Steinstücke losgebrannt, und hierauf unsere sämtlichen Flinten zweimal abgefeuert. Der Kapitän Lewis teilte an einen jeden von uns ein Glas guten alten Branntwein aus, und eine Weile nachher gab uns auch der Kapitän Clark noch ein zweites Glas.
   Gegen elf Uhr begaben sich unser Dolmetscher und die Hälfte der gesamten Mannschaft auf Einladung der Eingeborenen in das Dorf, um zu tanzen. Eine Stunde später folgten ihnen der Kapitän Clark und drei von uns dahin nach. - Die Witterung war hell und milde. Der Kapitän Lewis ließ am Nachmittag nochmals Branntwein austeilen, und gegen Abend kam der Kapitän Clark mit einem Teil der Leute wieder zurück; die übrigen brachten die Nacht bei den Eingeborenen zu.
   Am 2. fiel am Vormittag ein wenig Schnee. Unsere Leute, die im Dorf der Mandanen übernachtet hatten, kamen beizeiten wieder zurück. Ich ging mit dem Kapitän Lewis und einigen anderen Personen in das zweite Dorf der Indianer, wo wir uns einen großen Teil des Tages hindurch mit Tanzen belustigten. Auf den Abend kamen wir fast alle wieder zurück, und eine große Menge von Eingeborenen, sowohl Männer als Weiber und Kinder, begleitete uns in das Fort, wo sie mit der Aufnahme, die ihnen zuteil wurde, sehr zufrieden zu sein schienen. - An diesem Tage erfuhr ich auch die Art, wie die Indianer den Winter über die Pferde behandeln. Sie lassen sie nämlich den ganzen Tag im Freien herumlaufen, und sich mit dem nähren, was sie finden. Bei anbrechender Nacht holen sie dieselben wieder in ihre Hütten zurück, die sie mit ihren teilen, und wo sie ihnen Zweige von Cottonwood-Bäumen vorwerfen.
   Vom 3. bis zum 13. war es fast durchgängig sehr kalt, allein nichtsdestoweniger gingen unsere Jäger häufig auf die Jagd. Sie schossen einen jungen Büffel, drei Elentiere, vier Damhirsche und drei Wölfe. Einer von ihnen brachte auch einen schönen weißen Hasen mit zurück; diese Tiere sollen in diesen Gegenden sehr häufig gefunden werden. - Drei von unseren Jägern, die an dem Ufer des Flusses bis in eine ziemliche Weite hinausgegangen waren, hatten in zwei Tagen nichts getötet als einen Wolf, den sie sich aber genötigt sahen selbst zu essen. Sie versicherten, daß sein Fleisch einen ziemlich guten Geschmack habe, aber sehr hart sei. - Als an einem der kältesten Tage mehrere Eingeborene auf die Jagd gegangen waren und einer von ihnen sich außerstande befand, auf den Abend wieder nach Hause zurückzukehren, so bedeckten ihn seine Landsleute mit einer Büffelhaut, und ließen ihn in der Ebene liegen. Nach einiger Zeit kam der Indianer wieder zu sich, und schleppte sich in ein nahe gelegenes Hölzchen, wo er eine große Menge Baumzweige abbrach, um sich damit gegen den Schnee zu schützen. Am andern Morgen kam er mit halberfrorenen Füßen zu uns in das Fort; unsere Chirurgen unternahmen es aber, ihn wieder herzustellen.
   Am 13. gingen mehrere von unsern Leuten in Begleitung einiger Eingeborener längs dem Ufer des Flusses auf die Jagd. - Auf den Abend kehrte einer unserer Dolmetscher und ein anderer Franzose, der mit ihm bei den Assiniboinen gewesen war, um Pelzwerk einzuhandeln, zu uns in das Fort zurück. Sie hatten das Gesicht in einem solchen Grade erfroren, daß sich die ganze Haut davon abschälte, und ihr Wegweiser war durch die Kälte so schrecklich gelähmt worden, daß sie ihn bei den Assiniboinen hatten zurücklassen müssen. Die Nation wohnt bei den steinigen Gebirgen (Rocky Mountains).
   Am 14. machten sich noch sechs andere Jäger auf den Weg, um zu denen zu stoßen, die den Tag vorher mit den Eingeborenen ausgezogen waren. Einer von ihnen kam auf den Abend mit der Nachricht zurück, daß seine Kameraden einen Büffel, einen Wolf und zwei Stachelschweine geschossen hätten, und daß einer von den Jägern die Füße in einem solchen Grade erfroren habe, daß er zu Fuß unmöglich ins Fort zurückkommen könne.
   Am 15. und 16. war es sehr warm, und der Schnee schmolz schnell. Wir schickten Pferde fort, um den Mann abzuholen, den die Kälte unfähig gemacht hatte zu gehen; allein bei seiner Ankunft im Fort zeigte es sich, daß seine Füße keineswegs in so üblen Umständen waren, als wir es uns eingebildet hatten.
   Am 17. hatten wir einen heftigen Nordwind, und es fing an, wieder sehr kalt zu werden.
   Am 18., einem hellen und kalten Tage, kamen zwei von unsern Jägern zurück; sie hatten vier Damhirsche, vier Wölfe und ein Prarow geschossen. Auch langten zwei Mann, die zur Nordwest-Kompanie gehörten, im Fort an. Sie kamen aus dem Dorf der Dickbauch-Indianer, wo sie sich eine Zeitlang aufgehalten hatten. Von ihnen erfuhren wir, daß der Prarow, oder auch Brarow, der eine Art von Dachs ist, diesen seinen Namen von den Franzosen erhalten hat.
   Am 19. wurden Pferde fortgeschickt, um das von unsern Jägern geschossene Wildbret abzuholen; sie befanden sich in diesem Augenblick über sechs Meilen weit am Fluß abwärts.
   Am 20. begab ich mich mit noch einem Mann in das Dorf der Mandanen, die uns sehr freundlich behandelten und uns auch einluden, an den für sie zubereiteten Speisen Anteil zu nehmen. Nachdem wir gegessen hatten, so stellten sie eine mit Fleischspeisen hoch angefüllte Schüssel vor einen Büffelkopf und boten sie ihm mit den Worten an: "Esse dieses." Ihr Aberglauben geht nämlich so weit, daß sie glauben, wenn sie den Kopf eines toten Büffels gut behandeln, so würden sie auf der Jagd viele lebendige Büffel antreffen, und folglich niemals Mangel an Fleisch leiden.
   Am 21. kamen unsere Jäger nebst drei mit Wildbret schwer beladenen Pferden in das Fort zurück.
   Da es am 22. und 23. gelindes Wetter war, so fingen wir an, das Eis um unsre kleinen Fahrzeuge herum zu zerbrechen, um dieselben an Land ziehen zu können. Auch an den beiden folgenden Tagen, obwohl es wieder viel kälter war, wurde mit dieser Arbeit fortgefahren; sie ging aber sehr langsam vonstatten und war äußerst mühsam.
   Am 26. gingen wir insgesamt aus, um Holz zu fällen, aus dem wir Kohlen brennen wollten. Unter unseren Leuten befand sich ein Grobschmied, der mit allen zur Betreibung seines Handwerks erforderlichen Werkzeugen versehen war. Er verfertigte deshalb Streitäxte und Holzäxte, die wir an die Eingeborenen gegen Getreide vertauschten, denn von diesem hatten wir natürlicherweise im Verhältnis zu unserer Menge nur eine sehr geringe Quantität mitnehmen können.
   An den drei folgenden Tagen war das Wetter weit milder und anmutiger als bisher noch jemals. Wir versuchten ein anderes Mittel, um unsere kleinen Fahrzeuge vom Eis zu befreien, nämlich durch heiße Steine, die wir rings um dieselben herumlegten; allein dieses Mittel glückte nicht, weil die Steine zu weich waren und durch die Hitze des Feuers zerplatzten. Am 4. Tage entdeckte ich zwar zufälligerweise eine andere Art von Steinen, aber auch diese konnten der Gewalt des Feuers nicht widerstehen, und unsere Fahrzeuge mußten daher vorerst im Eise stecken bleiben.
   Am 31. Januar fing es wieder an, kälter zu werden, und es wehte den ganzen Tag über ein äußerst scharfer Wind. Dessen ungeachtet gingen fünf von unseren Leuten mit zwei Pferden auf die Jagd.
   Am 1. Februar kamen elf von unsern Jägern wieder in das Fort zurück, aber ohne Wildbret. Einer von unseren Soldaten schoß ganz in der Nähe der Hütte einen jungen Damhirsch, und den andern Tag in völlig gleicher Entfernung einen zweiten. Die Kälte dauerte am 2. und 3. fort.
   Am 4. wurde es etwas gelinder. - Der Kapitän Clark ging mit achtzehn Mann, worunter auch ich mich befand, den Fluß hinunter auf die Jagd. Wir legten jedoch vier starke Meilen zurück, ohne nur das geringste Wildbret anzutreffen.
   Am 5. gelangten wir zu einigen indianischen Lagern, in deren Nähe wie drei Damhirsche schossen. Am folgenden Tage kamen wir an mehreren solchen Lagern vorbei, und schossen auch noch einige Damhirsche. Am 7. blieben wir in einer Niederung am Ufer des Flusses stille liegen, aber am andern Morgen setzten wir unsere Jagd wieder fort. An diesem Tage waren wir sehr glücklich, denn wir schossen zehn Elentiere und achtzehn Damhirsche.
   Am 9. erbauten wir eine kleine Umzäunung, um unser Wildbret vor den Zähnen der Wölfe zu sichern, die in dieser Gegend äußerst zahlreich vorhanden sind, und die Nacht brachten wir, wie die vorhergegangenen, in der Ebene zu. Am folgenden Morgen traten wir den Rückweg in das Fort an, und schossen unterwegs noch mehrere Elentiere und Damhirsche. - Am 13. kamen wir in dem Fort an, wo man uns mit der Nachricht entgegenkam, daß eine von den Weibern unseres Dolmetschers während unserer Abwesenheit in die Wochen gekommen sei.
   Am 14. reisten am frühesten Morgen vier Mann mit den Pferden und Schlitten ab, um das Wildbret zu holen. Sie hatten ungefähr fünf deutsche Meilen zurückgelegt, als eine Partei Indianer (sie wußten nicht, von welcher Nation) auf sie losstürzte und ihnen ihre Pferde wegnahm, ohne sie selbst jedoch auch nur im geringsten zu mißhandeln. Beim Fortreiten ließen sie auch eines von den Pferden wieder los. Gegen Abend kamen unsere Leute wieder zurück und berichteten uns den unangenehmen Vorfall. Der Kapitän Lewis forderte hierauf zwanzig Männer Freiwillige auf, die sogleich zusammenkamen, und zu denen auch ich mich meldete. Nachdem wir die nötigsten Anstalten in der Geschwindigkeit getroffen hatten, so brachen wir gegen Mitternacht in Begleitung mehrerer Indianer auf. Nach einem Marsche von sechs starken Meilen brachten wir die Nacht in einigen verlassenen Hütten zu.
   Am 16. setzten wir am frühesten Morgen und bei einem hohen Grad von Kälte unsere Nachforschungen weiter fort. Als wir ungefähr zweieinhalb deutsche Meilen zurückgelegt hatten, so erblickten wir einen Rauch, der aus einigen alten indianischen Lagern aufstieg, in welchen wir auf unserem letzten Jagdzug mit dem Kapitän Clark einen Teil des erlegten Wildes aufbewahrt hatten; und wir gingen daher mit aller Vorsicht auf dieselben los. Als wir aber an Ort und Stelle kamen, so waren die Indianer schon wieder abgezogen. Sie hatten unser Wildbret verdorben, die Hütten in Brand gesteckt, und sich alsdann in mehrere Gegenden des Landes zerstreut. - Die Indianer, die uns begleitet hatten, und einer von unseren Leuten, der die Füße erfroren hatte, kehrten am andern Morgen in das Fort zurück. Wir übrigen brachten den 17. und 18. mit Jagen zu und schossen eine große Menge Wildbret, das wir an einem sicheren Orte, dessen wir uns schon einmal zu diesem Zweck bedient hatten, aufbewahrten.
   Am 19. beluden wir unsere Schlitten mit allem erlegten Wild; an den größeren spannten sich fünfzehn Mann, und der kleinere wurde von einem Pferd gezogen. Auf diese Art kamen wir am andern Tage sehr abgemattet und erschöpft in das Fort zurück.
   Am 21. fing es an, ein klein wenig zu regnen; dies war der erste Regen, den wir seit dem Anfang des Novembers gehabt hatten. Am Abend hellte sich das Wetter wieder auf, und der folgende Tag war äußerst schön und milde, so daß wir ihn dazu benutzten, das Eis um unsere Fahrzeuge herum aufzuhauen, und es glückte uns endlich auch wirklich, eine von den Pirogen ganz frei zu machen.
   Am 23. waren wir, bei anhaltend schönem Wetter, insgesamt damit beschäftigt, unsere beiden andern kleinen Fahrzeuge ebenfalls von dem Eise, das sie fest hielt, zu befreien, und waren auch so glücklich, um ein Uhr des Mittags dies völlig zustande zu bringen. An den drei folgenden Tagen wurden alle unsere Kräfte aufgeboten, um die Fahrzeuge mit Tauen auf das Ufer zu ziehen, und am 27. wurden die Pirogen in den Stand gesetzt, die Reise weiter fortzusetzen.
   Am 28. erhielten sechzehn Mann, worunter auch ich mich befand, den Befehl, an dem Flusse hinunter gehen, und Bauholz zu fällen. In einer Entfernung von einer starken Meile vom Fort hauten wir so viele Bäume um, als wir brauchten, um vier Kanus daraus zu verfertigen. - Während unserer Abwesenheit kam ein schneller Bote aus dem Dorfe der Ricaris mit der Meldung an, daß die Sioux uns sowohl als den Mandanen und den Dickbauch-Indianern den Krieg angekündigt hätten. Das sie sich auch auf ihrem Durchzuge durch das Dorf der Ricaris des am 14.begangenen Diebstahls gerühmt und dabei bestimmt geäußert hatten, daß sie im Frühjahr wieder kommen und uns insgesamt ermorden wollten, so erfuhren wir hierdurch, daß es die Sioux gewesen waren, die unsern Leuten die Pferde geraubt hatten.
   Am 1. März blieb das Kommando, zu dem ich gehörte, an dem Orte liegen, wo wir die Bäume gefällt hatten; wir richteten uns ein, so gut wir konnten, und hielten uns so lange daselbst auf, bis wir den Bau von sechs Kanus völlig vollendet hatten. Dies war jedoch erst der Fall am 20., und an diesem, so wie am folgenden Tage brachten wir die Kanus an den Fluß, von welchem wir ungefähr eine halbe Stunde Wegs entfernt waren. Ich blieb mit zwei Mann noch am Ufer zurück, um sie vollends zu fertigzustellen, und am 26. ließen wir sie ins Wasser. Da der Fluß angeschwollen war, so befand sich Wasser genug zwischen dem Eise und dem Ufer, und wir brachten daher drei derselben wohlbehalten zu dem Fort. Da aber das Eis brach, ehe noch die drei andern dahin kommen konnten, so wurde das Fahrwasser so sehr mit Eisstücken verstopft, daß wir uns genötigt sahen, die drei andern Kanus über die Hälfte des Weges zu Lande fortzutragen.
   Am 27. wurde eines von den Kanus beladen, um zu sehen, was für eine Last es zu tragen fähig wäre; wir fanden dieselbe jedoch weit unter unserer Erwartung, und der Kapitän Lewis entschloß sich deshalb, auch noch eine große Piroge hinzuzufügen. Da unsere Barke in den nächsten Tagen nach St. Louis zurückgeschickt werden sollte, so wurden am 1. April alle unsere Fahrzeuge ins Wasser gelassen. - An diesem Tage regnete es sehr stark, und dies war der erste beträchtliche Regen seit sechs Monaten. - An den beiden folgenden Tagen wurde Kisten verfertigt, um darin die Häute von den verschiedenen Tieren zu packen, die wir auf unserer Reise durch diese Länder nach und nach geschossen, oder die wir von den Indianern bekommen hatten. Am 4. nahm das Einpacken seinen Anfang. Die Häute waren teils noch ganz und unzerschnitten, teils waren sie von den Eingeborenen in Kleidungsstücke verwandelt, wie zum Beispiel viele Büffelhäute. Wir legten auch mehrere sehr große Hörner von wilden Böcken in die Kisten, und ehe wir die letzteren in die Barke brachten, wurde auf jede derselben die Adresse an den Präsidenten der Vereinigten Staaten geschrieben, für welchen diese ganze Sendung bestimmt war.
   Am 5., einem hellen Tage, an welchem aber ein empfindlich kalter Nordwestwind wehte, zogen wir aus unseren bisherigen Wohnungen im Fort förmlich aus und brachten alle unsere Waren, Lebensmittel, Munition und Gerätschaften an Bord unserer kleinen Fahrzeuge. Von diesem Augenblick an hielten wir uns in jeder Stunde bereit, die Anker zu lichten.
   Wenn dieses Tagebuch das Glück haben sollte, erhalten und vielleicht gar des Druckes gewürdigt zu werden, so werden manche Leser verlangen, da wir uns so lange bei den Indianern aufgehalten und so viele Nachrichten von ihnen über die benachbarten Völkerstämme haben einziehen können, auch mancherlei Interessantes von den Sitten und Gebräuchen des weiblichen Geschlechtes an den Ufern des Missouri darin zu finden. Vielleicht wünschen sie sogar, daß wir sie, ehe wir unsere Reise weiter fortsetzen, auch von unseren Liebesabenteuern unterhalten möchten, wie wir es mit unseren Jagd-Begebenheiten getan haben. Diesem Verlangen könnten wir in der Tat sehr befriedigend entsprechen, und ihnen eine Menge lustige Anekdötchen auftischen; allein dieses Tagebuch hat bloß allein einen nützlichen Zweck, und ich bin daher nicht berechtigt, solche Nebendinge einzuschalten. Im allgemeinen muß ich jedoch noch die Bemerkung hinzufügen, daß die Keuschheit und Enthaltsamkeit keineswegs unter die Tugenden dieser Völker gerechnet werden können. In mehreren an den Ufern des Missouri gelegenen Dörfern findet man, so gut wie in den größten Städten der zivilisierten Nationen, förmliche H...häuser.

Lewis, M; Clark, W.
Tagebuch einer Entdeckungsreise durch Nordamerika, übersetzt nach dem Tagebuch von Patrick Gass
Weimar 1814

Abgedruckt in:
Keller, Ulrike (Hg.)
Reisende in den USA 1541 – 2001
Wien 2002

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